6. November 2009 von Holger
Nein, man sollte sich nicht lustig machen über diejenigen, die sich seit Jahren aus der Linken verabschieden und sie doch immer und immer wieder kritisieren, indem sie Anspruch und Wirklichkeit der (linken) Weltverbesserung einander kontrastieren. Ich habe mir sagen lassen, dass auch die Rechte rechts von CDU/CSU dieses Phänomen kennt.
Jesus ging bis zuletzt in die Synagoge. Gepredigt hat er seinem sozialen Zusammenhang – den Juden -, ein paar Kollaborateuren und psychisch schon angeschossenen Römern.
Wir alle brauchen Ansprache, Gesellschaft.
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3. November 2009 von Holger
Sie haben etwas Rührendes an sich: Ältere Leute, die sich der Supermarktangestellten gegenüber so verhalten, wie einem Tante-Emma-Einzelhändler.
Bei Beschwerden („Ich bin die längste Zeit ihr Kunde gewesen!“), Nachfragen („Wann bekommen sie denn die Käsestangen wieder?“) oder wenn sie ein Beratungsgespräch wünschen („Wie schmeckt denn das hier?“) unterstellen die Leute, hier hätte der Mensch im blauen Kittel ein bisschen Geld in die Hand genommen, einen Laden aus dem Boden gestampft und verkaufe nun aus schierer Lust am Umgang mit Menschen die guten Käsestangen. Natürlich wissen sie im Grunde, dass dem nicht so ist und nach einem Wutanfall über das Fehlen der Käsestangen kann man dann noch ein „Sie können ja auch nichts dafür“ hören. In der nächsten ähnlichen Situation ist dieses Wissen dann aber wieder verschüttet.
Ähnliches kann auch jüngeren Leuten noch passieren: beim Werbeanruf aus einem Call-Center. Ganz bestimmt hat jeder schon einmal einen solchen Call-Center-Mitarbeiter angeschnauzt, obwohl der dem von ihm vertretenen Unternehmen genau so fern steht, wie der Supermarkt-Regaleinräumer.
In beiden Fällen wird die Marktwirtschaft behandelt, als ginge es in ihr wirklich um Güter und Bedürfnisbefriedigung. Man kann einfach nicht glauben, dass die Rede im Verwandten- und Freundeskreis, es ginge nur noch ums Geld, keine Übertreibung ist. Auch deshalb, weil man es nicht glauben kann, kommt diese Rede immer wieder auf – sie klingt immer wieder neu verrückt.
Doch die jungen und mittelalten Realisten sind in der Überzahl, diejenigen, die wissen was läuft, diejenigen, die sowohl beim Betrügen, als auch beim Betrogen-Werden mit den Augen zwinkern.
Wie damals beim MDR-Escher: Der „deckt auf“, bei Kohlenlieferungen werde oft mit der Menge geschummelt. Sein Rechercheteam demonstriert dies an Hand eines Hauses irgendwo im Sendegebiet und klingelt zu diesem Behufe auch bei einem Mann an der Tür, der die Hilfe des Herrn Escher gar nicht gesucht hat. Sein Statement: Natürlich, das stimme schon, auch er werde bei jeder Kohlenlieferung beschissen, aber er sei früher selbst mal Kohlenfahrer gewesen, da wisse er, was läuft.
„Daß jedem bekannt sei, was über ihn ergeht…, scheint von der Besinnung darüber zu befreien, was es ist. Das Phänomen wird zur hinzunehmenden, gleichsam unabänderlichen Gegebenheit, deren hartnäckige Existenz allein schon ihr Recht beweise.“ (Adorno, Einleitung in die Musiksoziologie)
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31. Oktober 2009 von Holger
Putzig die atheistischen Rationalisten, die glühenden Auges behaupten: „Niemals darf man die Errungenschaften der Aufklärung verraten!“ Woher beziehen sie ihr „niemals“ und ihr „darf“?
Beide sind immer schon von Gott. Wären unsere Religionskritiker fern von ihm, würden sie sagen: „Mag sein, dass einmal die Aufklärung, samt rationaler Wissenschaft dran gegeben werden muss, doch wir können nicht sagen, ob und wenn ja wann dies sein wird.“ Doch macht ihr Werturteil, das sich gar nicht tarnen will als wissenschaftliche Folgerung oder auch nur als deskriptive Äußerung, klar, dass Unableitbares im Spiele ist. Empirisch nicht Ableitbares aber, dem man nicht volle Kontingenz zugesteht, kann nur von Gott sein.
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27. Oktober 2009 von Holger
Ich bin nicht bereit, an anderen die Arbeitskritik so zu exekutieren, wie die Arbeitsagentur den Arbeitszwang an mir.
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25. Oktober 2009 von Holger
Adornos Warnungen vor dem Entwerfen von Modellen tragfähiger Gesellschaften (als „Auspinseln“ von Utopien lächerlich gemacht), Horkheimers als philosophischer Königsweg verkaufte Marotte, nur zu sagen, „was falsch ist, aber […] nicht [zu] definieren, was richtig ist“, beider Weigerung, auch nur den Versuch zu machen, Kunst, Leiden, Mensch, Glück begrifflich konsistent zu erfassen – das ist in philosophischer Sprache die Kaputt-Ästhetik radikaler Jugendgruppen von rechts und links, die Lust am Aufruhr. Mit Verantwortung kann man beiden nicht kommen, sie haben ja nur darauf hingewiesen, dass es falsch laufe. Jeder – durch geschulte Therapeuten verhinderbare – Selbstmord wird so zum Fanal der Anklage gegen den mächtigen Verblendungszusammenhang.
Ich halte es mit Edmund Burke: „Indem sie [die neuen Gesetzgeber der Französischen Revolution - Holger] sich an solche Führer [Satyrenschreiber - Holger] halten, betrachten sie alle Dinge bloß von der gehässigen und fehlerhaften Seite, und unter den Farben der lächerlichsten Uebertreibung. Es ist unumstößlich wahr, ob es gleich äußerst paradox klingt, daß im Ganzen die, welche ihr beständiges Geschäft daraus machen, Fehler aufzusuchen und zu schildern, untauglich sind, Reformen auszuführen; nicht allein darum, weil die Modelle des Schönen und des Guten in ihren Köpfen seltner sind, sondern auch, weil die Gewohnheit sie zuletzt dahin bringt, in der Anschauung derselben kein Vergnügen mehr zu finden. Indem sie zu sehr die Laster hassen, fangen sie an, zu wenig die Menschen zu lieben. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sie nicht sonderlich aufgelegt, und nicht vorzüglich geschickt sind, ihnen zu dienen. Hieraus entsteht die Neigung, alles in Stücke zu zerreißen…“
(Burke, 78)
Burke, Edmund: Betrachtungen über die französische Revolution. – Auszug in: Langendorf, Jean-Jacques: Pamphletisten und Theoretiker der Gegenrevolution (1789 – 1799), Matthes & Seitz, München, 1989
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22. Oktober 2009 von Holger
Menschenrassen seien eine soziale Konstruktion, wird gesagt. Doch es gibt Forscher, die glauben, dass bestimmte Genverteilungen zwischen Menschengruppen in einer Weise differieren, dass sie von Rassen sprechen können. Amerikanische Genetiker und Mediziner forschen seit einiger Zeit so an einer rasseadäquaten Medikation. Siehe dazu etwa den Artikel von Hubertus Breuer in der Zeit (27. September 2002) „Andere Rasse, andere Pille“. Es gibt zudem Studien, die nachweisen, dass Frauen afroamerikanischer Herkunft häufig aggressiveren Brustkrebs (gemessen an den Überlebensraten) entwickeln. Mit dem schlechteren Sozialstatus hänge dies allerdings nicht zusammen (vgl. FAZ 02.09.09).
Wer ist jetzt der Menschenfreund – der abstrakte Antirassist, der mit seinem Gleichheitsfimmel Menschen u.U. eine ihnen besser bekommende Arznei versagt (was nicht passt, wird passend gemacht) oder eben o.g. Genetiker, der Leid vermindern hilft? (Ähnlich: Die unterschiedlichen Medikamentenbedürfnisse von Frauen und Männern. Hier hat der etablierte Feminismus glücklicherweise sich nicht mit Konstruktionsgequake abspeisen lassen, sondern das Bewusstsein für den körperlichen Unterschied produktiv genutzt. Ginge es nach der Gender-Linken, würden alle das gleiche fressen. Nämlich das, was Frauen nehmen. So, wie die rasseübergreifende Medikation die von Weißen ist – in den „weißen“ Ländern schließlich findet die Pharmaforschung statt.)
Der heutige Lesebefehl: Henryk M. Broder will Präsident des Zentralrates der Juden werden.
Ich drücke die Daumen.
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19. Oktober 2009 von Holger
Als ich sozialisiert wurde, hörte man die Musik gern und oft, die man gut fand und mied die, die man verabscheute oder bei der das Herz still blieb. Heute ist das anders. „Kult“ ist vom bedauerlichen Einzelfall fast zur Regel geworden. Man besucht Parties, auf denen „schlechte Musik“ gespielt wird, wie alle Beteiligten wissen. Mit meist recht schönen 80er-Jahre-Hits lassen sich enorm viele „bad-taste-parties“ bestreiten. Die Schlechtigkeit liegt allerdings bei den Besuchern solcher Veranstaltungen. Auch der letzte Depp erhascht etwas vom Duft der großen weiten Postmoderne, wenn er Kultur konsumiert, „die so schlecht ist, dass sie schon wieder gut ist“, wie die immer und immer wieder gehörte Dumpfnasen-Beschreibung dafür lautet. Mit Verlaub – das lässt sich über jede Goebbels-Rede sagen.
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16. Oktober 2009 von Holger
Die Bundestagswahlen 2009 bescherten uns eine „Tigerenten-Koalition“. Diese Wortschöpfung stammt von der früher sympathischen Maybritt Illner und soll hier als ein Mini-Indiz für die Linke Republik Deutschland angeführt werden. Die Tigerente ist eine Kinderbuchfigur des grundgütigen Janosch, die es mittlerweile auch als Holzspielzeug gibt. Doch begegnet sie uns v.a. als Button an den Rucksäcken linksalternativer Mädchen bis weit in deren Pubertät hinein. Sie ist dort Symbol für Harmlosigkeit, verschmitzte Putzigkeit und ein kindliches Gemüt, das sich gerade so etwas wie Ironie erobert und dennoch auf der Machbarkeit von „Anarchie“ beharrt – gleich neben der Tigerente prangt das schwarze „A“.
Wieso Tigerente? Sie ist gelb-schwarz gestreift, trägt also – entenuntypisch – die Farben des Tigers. Und das ist der Punkt – denn die neue Regierung aus CDU/CSU/FDP hätte man durchaus „Tiger-Koalition“ nennen können. Sie wissen schon: Kraft, Jagd, Schnelligkeit, Ausdauer, Zupacken, Durchsetzungsvermögen. Doch nein – die linke Republik schätzt das Infantile, die zur Schau getragene Niedlichkeit, das Spielerische; niemand will hier irgend etwas wollen.
Der Tiger ist ein eher weniger geeignetes Symbol für den herrschaftsfreien Diskurs – der Tiger ist Nietzsche („Fürchtet den Zurückgezogenen! Zum Springen bereitet sich der Tiger!“) und damit – NS.
Maybritt Illners Gefühl hat nicht getrogen. Die geistige Verfasstheit dieses Landes ist mit roten Söckchen, dem Kifferparadies Jamaika und Janoschs Tigerente zureichend beschrieben.
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14. Oktober 2009 von Holger
- Der Tod gehört nun mal zum Leben dazu, man muss sich mit ihm beschäftigen.
- Bungee-Jumping ist ein ganz besonderer Kick, gerade in der Gefahr meldet sich das Hochgefühl des Lebens – muss man mal mitgemacht haben…
- Im Krieg wächst der Mensch über sich hinaus, er entwickelt ungeheure Kräfte, die ihm ermöglichen, sogar intensiver zu leben, als im Frieden.
- Ich nehme überhaupt keine Antibiotika mehr, das verschlimmert nur alles; der Körper muss selber mit seinen Krankheiten fertig werden.
Was verbindet all diese Sätze miteinander?
Man sagt sie auf, wenn man zufrieden ist.
Kuschlig weich sitzt man in einem geheizten Zimmer, hat gerade gut gegessen und erfreut sich seiner Gesundheit. Jetzt ist die Zeit für Grenzerfahrungs-Dummschwätzerei. Das erfrischt und belebt das zivile Weichei.
Hat jemand weitere Beispiele?
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10. Oktober 2009 von Holger
Der eine mag dies nicht, der andere das nicht. Ich mag keinen Rosenkohl, die anderen haben etwas gegen Deutschland. Nun ja. Ich muss Rosenkohl nicht essen, die anderen dürfen gegen Deutschland demonstrieren oder auswandern. Und das ist auch gut so. Denn das ist Demokratie. Ja, ihr ahnt es, die böse bürgerliche – die einzige, die es gibt.
Unter dem so kontingenten, wie verzagt klingenden Motto „Still not lovin´ Germany“ haben heute etwa 1000 Leute gegen Deutschland, die Wiedervereinigungsfeiern und sonst noch einiges demonstriert. Die Demonstranten leben in einem Paralleluniversum, das so hermetisch ist, wie das der DDR-Führung am Vorabend des 40. Jahrestages des einzigen Arbeiter-und-Bauern-Staates auf deutschem Boden. An DDR erinnert dann noch einmal eine kreischende Frauenstimme aus dem Lautsprecherwagen, die dazu auffordert, „Aufstellung zu nehmen“, ein männlicher Compagnon animiert dazu, sich die schönsten Winkelemente auszusuchen. Geplante Spontaneität, wie damals – passend. In eben diesem Paralleluniversum ist der Satz vom Widerspruch außer Kraft gesetzt:
-
Ein paar Leute wedeln mit Pappbananen, während in einem Redebeitrag widerwillig die bürgerlichen Freiheiten der BRD zugegeben werden.
- Mangelnder Liberalismus der aktuellen BRD wird beklagt, die Kameraüberwachung öffentlicher Plätze angeprangert. Natürlich ist der angemahnte „Communism“ der Demonstranten die bestmögliche Verwirklichung des Liberalismus´, schon klar.
- Ein Redner der INEX weiß: Bürgerliche Freiheiten seien hier an die „kapitalistische Verwertungslogik“ gebunden. Ach was?! Und ich dachte immer, Verwertung gibts nur im Konzentrationslager und die bürgerlichen Freiheiten seien im Kommunismus verwirklicht…
- Derselbe Analytiker hat noch einen Kracher auf der Pfanne: In der jetzigen Gesellschaft gehöre „derjenige, der nicht arbeiten kann oder will, nicht zur Gesellschaft“. Nicht? Nur zum Verständnis: Wer nicht arbeiten kann oder will hat keine bürgerlichen Rechte, darf nicht wählen gehen? Er ist nicht ins Steuersystem – per Transferzahlung – eingebunden? Er darf nicht auf dem Marktplatz seine Meinung sagen? Er darf ungestraft Menschen totschlagen?
- Antinationale Gruppen tragen im Demonstrationszug die Fahnen Israels, der Sowjetunion, Großbritanniens und der USA. Selbstverständlich sind all das keine Nationen – hinzu kommt, dass in diesen Gebilden die Verwertungslogik bekanntlich längst besiegt ist.
Und so vollendet gaga ist der ganze Aufzug. Die Forderung nach Kommunismus mag man in deutsch nicht stellen, denn heute geht es gegen Deutschland. Weil es an englischen Sprachkenntnissen mangelt, verwendet man das Demomotto wieder: „Still lovin´ Communism“ heisst es auf einem Transparent. „Still“ – auch nach GULag und so…
Tja, alles haben sie falsch gemacht, unsere 89er Demonstranten: Den Kommunismus haben sie nicht hingekriegt, die Emanzipation von Logiken, Zwängen und Begriffen verfehlt und von einem Antisexismusplenum der Bürgerrechtler ist auch nichts bekannt geworden – nur die poplige Verwertungslogik ist heraus gekommen, die dafür sorgt, das Punks mit bunten Haaren nicht als „westlicher Abschaum“ im Stasiknast verschwinden, sondern heute gegen die Freiheit demonstrieren dürfen. Scheiße aber auch.
Ich für meinen Teil möchte den Tausenden Demonstranten danken, die damals so viel klüger waren als ich, die keine Aufrufe gegen „republikfeindliche Krawalle“ geschrieben haben und die ihr Leben kein zweites Mal der spießigen Regie realsozialistischer Zwangscharaktere überantworten wollten, diesmal unter den Bannern von „Dialog“ und „Reform“.
Und auch ich ziehe meine Lehren aus der Geschichte:
Still not lovin´ radical left.
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