Vor einem Jahr habe ich allen ein ruhig fließendes, ein “geordnetes” neues Jahr gewünscht. Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging – mir waren schon ruhigere Jahre beschieden. Nun ja, das Leben ist kein Wunschkonzert, der da oben wird schon wissen, was er macht und wahrscheinlich ist sein liebstes Erziehungsinstrument für die irdischen Verrückten das Handeln nach der Devise: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.
Ich habe dieses Jahr so viele tote Menschen gesehen, wie mein ganzes vorangegangenes Leben nicht – an jedem Bett habe ich gebetet; doch ich bin ein zu schlechter (d.h.: moderner) Katholik, als dass mir in terms of Demenz, Depression, Lähmung, Blindheit und Tod der semantische Komplex “Erleichterung – es schaffen – Erlösung” sofort präsent wäre.
Wo bleibt das Positive?
Erklettert man sich die Höhe der Paradoxie, dass die Hoffnung selbst noch Teil des Hoffnungsverhinderungsprogramms ist, schwindet mit wachsendem Bewusstsein für die Notwendigkeit der kleinen Schritte die Resignation. Das richtige Leben scheint genau das Durchwursteln zu sein, dass es in der Theorie des Gesellschaftskritikers auf keinen Fall sein soll.
Hier mein nun wirklich bescheidener Wunsch für 2011:
Bitte keine “ungeschminkten” Wahrheiten, “schonungslosen” Reportagen und “schockierenden” Bilder mehr (die immer als weh tuend, aber notwendig angekündigt werden – immer!), keine “vernichtende Kritik”.
Mehr Höflichkeit, die – nach Gómez Dávila – ein Hindernis für den Fortschritt ist. Mehr Maske und verständnisvolles Wegsehen, um die Temperatur gemäßigt zu halten. Natürlich wird umfassende Harmonie nicht möglich sein – als Kriterium für die Güte eines Streits möge gelten, wie klar die Kontrahenten ihre zugrundeliegende Unterscheidung präsentieren können, mit welcher Ehrlichkeit sie sich also der Beobachtung aussetzen.
Den universitären und frei schaffenden Handlungsreisenden in Sachen Revolution möge nicht wenig Sand ins kritische Getriebe geraten. Wenn die schöne Maschine dann steht und sie in die Lage kommen, einmal tief durchzuatmen, werden sie mitbekommen, wie borniert sie die Wirklichkeit angeschaut haben, dass diese so borniert zurück schaut.
Die Kritiker haben nichts zu verlieren als ihren Stumpfsinn. Sie haben eine Welt zu verbessern.
Kritiker aller Länder, macht mit!
[...] Hunde sind nicht gezähmt, sie haben sich nur zu Rudeln gefunden – eine mühsam geordnete Subversion. Da und dort aber [...]