Frage:
Der Stand der Theoriebildung in der sog. “emanzipatorischen” Linken scheint mir folgender zu sein: Die in ihrer Unverstehbarkeit unerträgliche Gesellschaft muss vor dem Abrutschen in die Barbarei bewahrt werden – und zwar dadurch, dass man die Handlungen derjenigen verteidigt, von deren “Werten” es sich zu “emanzipieren” gilt.
Können Sie mir das logisch erklären oder braucht man dazu Kritische Theorie?
Antwort:
Logisch auf keinen Fall. Das Problem ist auch nicht dialektisch zu lösen, aber noch sinnlos genug. Weiteres finden Sie evtl. beim “Sender Jerewan”.
Im Militärjargon klingt die Sache schon logischer als in der Kritischen Theorie: man muss mangels Kräften und angesichts der Stärke des Feinds die hintere Verteidigungslinie stärken (so hat es letztens ein syrischer Kommunist ausgedrückt, der gegenüber deutschen Kommunisten den bürgerlichen Rechtsstaat verteidigte). Setzt natürlich voraus, dass man Demokratie/bürgerlicheGesellschaft/Rechtsstaat/Tauschgesellschaft nicht gar so sehr verteufelt und mit Faschismus und NS in eins setzt (wozu die Kritische Theorie gelegentlich neigt), sondern als Ausgangspunkt begreift. Soweit so logisch. Das Problem der besagten Linken ist vielleicht eher, dass sie überhaupt keine Ahnung mehr haben, wo es, wenn man mal zu ende verteidigt hat, hin gehen könnte. Marx hatte seine grobe Richtung noch klar: Vergesellschaftung der Produktion. Aber diesbezüglich ahnen die heute ganz Radikalen, dass das nicht ganz zufällig in den Kommunismus, wie wir ihn kennen, d.h. zu mehr Staat geführt hat. Das “Nein, Nein, Nein! Das war nicht der Kommunismus” klingt eher abwehrend als überzeugt. Man redet von “Wertvergesellschaftung”, “Tauschgesellschaft” (ich glaube, die hat bei den Adepten der Kritischen Theorie einen ähnlichen Status wie die Schwarze Materie in der Astrophysik) und “Bilderverbot”, singt “Kommunismus schalalala”, und ist doch ganz froh, dass man ihn angesichts der verzweifelten Weltlage nicht erkämpfen muss. Man kann sich radikal geben, aber in der Praxis nichts falsch machen müssen. Klingt alles vielleicht nicht so logisch, aber, sofern man sich noch einen letzten Rest Adoleszenz bewahrt hat, irgendwie verständlich.
Sorry, dass ich hier gerade ständig dein Forum zuquatsche. Aber bei solchen Themen bin ich natürlich dabei (-;
Ich freue mich über “Leben in der Sülze”. Natürlich hast Du recht – doch Du schilderst die Sicht der Beteiligten, bzw. wie diese Beteiligten auf Vorwürfe, ihr logisch problematisches Tun betreffend, reagieren könnten. In der Sache wird aber doch gerade darauf beharrt, dass sich die Dinge so klar, wie Du sie schilderst, eben nicht auflösen lassen. Gerade die Kritische Theorie hat Wert darauf gelegt, dass die “hintere Verteidigungslinie” in Wirklichkeit der viel schlimmere Feind ist. Aus ihr mag zwar nicht geschossen werden, doch den Kämpfern für die “lichten Höhen der Menschheit” werden bunte, unwiderstehliche Giftpillen ausgeteilt. Damit ändert sich der Frontverlauf – das einzige, was noch zu tun ist, ist als Einzelner aus allen Rohren zu schießen und die Welt als vollendet irrsinnige anzuerkennen. Aber das ist fatal.