Mag sein, dass das so ist, wird mir zugegeben, doch: Es sollte nicht sein. Es sollten alle ihre je eigene Individualität unbeeindruckt entfalten können. So reden diejenigen, die fließend englisch sprechen, englische Witze reißen, englische Liedtexte zitieren, englische Filmtitel aufsagen, nahezu ausschließlich englische Wissenschaftsliteratur lesen und die einigermaßen putzig finden, was der Sarrazin nur immer mit seinem Goethe hat. Sie reden so, weil sie wollen, dass alle so werden wie sie, weil sie das Fremde nicht ertragen. Der Kosmopolitismus – einst Ausdruck humaner, aufgeschlossener Weltläufigkeit – ist zum nagenden Ressentiment des Besser-Weggekommenen gegenüber dem “Abschaum” geworden. Der sitzt da rum in seinen Neubaugebieten, kommt mental nicht aus der Knete, ackert in Prekärjobs und hat nichts im Schädel außer Deutschland, Fußball und feiern. Wenn Sarrazin über diese Gruppe von Menschen schreibt, will er, dass sie es in Zukunft besser haben, wenn die Linke “Kühe, Schweine, Ostdeutschland!” ruft, denkt sie ans Ausradieren.
Mein Herz ist einstweilen bei Kevin, Mandy, Ronny, Justin und dem ganzen ostdeutschen Dreckspöbel. Sie wären auch gern so cool, wie es ihnen die Kulturindustrie schmackhaft macht, indes: Sie können nicht. Nichts wünschen sie sich sehnlicher, als eine spießige, intakte Kleinfamilie, deren gesellschaftsweite Möglichkeit vom Denken derjenigen, die sie haben, in Grund und Boden geschossen wurde.
Die, die die “Zwangsinstitution Familie” einst so wuchtig bekämpften und in queering, Antifa, gender studies, Psychoanalyse machten, ließen sich bereitwillig vom Leben zeichnen: Mann, Frau, Hund, 1 Kind, Gründerzeitwohnung mit Parkett, MEGA an repräsentativer Stelle, Uni-Forschungsprojekt. Doch in einem sind sie sich treu geblieben: Sie beschimpfen (wenn auch heute in wissenschaftlich klingenden Begriffen) nach wie vor diejenigen, von deren Steuergeldern ihre ganzen zauberhafte Lehrstühle für psychoanalytische Antisemitismuskritik, queer politics und was weiß ich noch, finanziert werden.
Die starken Kinder der starken Antinationalen mit dem weichen Herz (wenn es nicht gerade gegen “deutsche Täter” geht) werden mit großer Wahrscheinlichkeit auf Goethe, den deutschen Idealismus und selbst den finsteren Nietzsche stoßen – das gehört schließlich in die Einrichtung ihrer zukünftigen Einkommenssphäre. Der, dem sie bedeuten: “Deutsch mich nicht voll!”, lässt sich noch seine Nazi-Symbole in amerikanische Comicfiguren hinein tätowieren. Die deutsch sein wollenden, doch nicht könnenden Verlierer der linken Republik: Welch ein wunderbar weites Feld für unsere linken Psychoanalytiker – die Aasgeier der Postmoderne.
[...] Kommentare « Volk II – Eigenes [...]
“und die einigermaßen putzig finden, was der Sarrazin nur immer mit seinem Goethe hat.”
Aber Horkheimer, Adorno & Co hatten es doch auch mit Goethe, oder ?
Englische Wissenschaftsliteratur scheint mir kein übles Mittel, sich die Freude an der Lektüre fremdsprachiger Texte ein für allemal abzugewöhnen. Nebenbei gesagt: Seitdem es in Amerika eine “kritische Intelligenz” gibt, ist sie in ihrer Ranküne gegen den Mehrheitstypus ihres Landes eher noch maßloser gewesen, als ihr europäisches Pendant. In den 20er Jahren haben amerikanische Intellektuelle und Künstler in Scharen ihr Land verlassen, um sich in London, Paris, Florenz oder auch in München niederzulassen.
Dazu: The Revolt of the Highbrows
http://xroads.virginia.edu/~hyper/allen/ch9.html
Viel Spaß beim Lesen !
Sicherlich. Man behandelt die Frankfurter schon mit – instrumenteller Vernunft. Wenn ein Statement mal partout nicht in den Kram passt, redet man vom “Zeitkern”. Übrig geblieben ist eine Attitüde (keine Haltung), eine Art, zu formulieren, traurig in die Welt zu gucken und seine Umgebung auf Modernität – oder das, was man dafür hält – zu trimmen. Man mag durchaus nur das Wüten gegen den “Jargon der Eigentlichkeit” und keineswegs die Polemik gegen Jazz.