Wenn nichts mehr sein soll, außer der je eigenen Individualität, hat auch diese keine Substanz mehr. Niemand macht sich selbst allein – das Material jeglicher Selbstbildung ist vorgegeben, man hat es in Teilen hinzunehmen, in Teilen sich selbst anzueignen, durchzubilden, doch niemals zu erfinden oder zu ignorieren (Goethe lesen!).
In eine Landschaft wird man hinein geboren, ebenso wie in ein biologisches Geschlecht und in eine Kultur- oder auch Abstammungsgemeinschaft – das Volk. Das kann im Einzelfall schiefgehen und man kann dieses Schiefgehen trotzig annehmen oder an ihm leiden – aber eben durch die Notwendigkeit einer Stellungnahme zu diesem abweichenden Verlauf macht sich die Normalform der Vollmensch-Werdung geltend. Man kann das Gefühl haben, eigentlich ans Mittelmeer zu gehören, eigentlich ein anderes Geschlecht zu besitzen, man kann an seinem Volk leiden oder durch Betonung anderer Unterscheidungen (Klasse, gemeinsame Interessen) sich über dessen Schranken hinwegsetzen. Doch der heutige “emanzipatorische” Umgang mit Vorgegebenem besteht darin, in der Manier von Kleinkindern sich die Augen zuzuhalten und sich daran zu freuen, dass das, was man nicht sieht, verschwunden ist.
Halten wir fest: Wir werden in etwas uns Vorgegebenes hinein geboren. Dieses Etwas hat man nicht um seine Hilfe gebeten, doch es gewährt sie trotzdem, indem es davon ausgeht, dass allen von uns am Leben in bestimmter Form (also nicht am bloßen Vegetieren) liegt. Für diese Ordnungsleistung kann es seinerseits Anerkennung fordern.
Radikale Demokratie, Emanzipation, Befreiung von gesellschaftlicher Herrschaft brechen sich an Böckenförde. Werden diese Furien losgelassen, wird es nichts mehr geben, was auch nur minimale Ordnung noch garantieren könnte. Sie werden nicht rasten, bis sie jede gefühlsmäßige Verbundenheit in einem Kollektiv, jedes Bewusstsein von kultureller Gemeinsamkeit, aus dem sich das unbedingt Hinzunehmende speist, zersetzt haben.
Man kann nicht gegen das Vorgegebene, sondern nur mit ihm etwas veranstalten. Bei Strafe des Untergangs. Und der beträfe dann nicht nur die “repressiven Konstrukte” Volk und Nation, sondern keineswegs zuletzt das heißgeliebte Individuum.
“Halten wir fest: Wir werden in etwas uns Vorgegebenes hinein geboren.”
Ich war gestern auf einer Art Erasmus-Party. Alle dort, Chinesen, Italiener, Kasachen, Deutsche, konnten alle Lieder mitsingen: 70er, 80er, 90er. Wenn Dirty Dancing Musik kam, verhielten sich alle im Rahmen ihres Könnens ein wenig so wie die Protagonisten des Films. Das Buffet bestand aus Snacks aus aller Herren Länder; ich habe alles gekostet, so richtig fremd war mir nichts. Klamotten der Leute auf der Party waren auch ähnlich. Kl. Unterschiede vielleicht noch im Flirtverhalten. Insofern gibt es natürlich noch einige Unterschiede im Habitus der Völker. Aber, wenn die Entwicklungen fortlaufen, werden sie weiter abgeschliffen werden. Heute werden die Leute zusätzlich noch ins Internet hineingeboren und wachsen im bald schon bevölkerungsreichsten Land der Erde: Facebook, auf. Das Ideal der Weltgemeinschaft, bloß durch Warenförmigkeit und die damit verbundenen Macken entstellt.
Dass die Leute heute so zahlreich, selbstverständlich und modesicher Nation und Volk in Frage stellen, liegt offenbar daran, dass diese Identitäten objektiv brüchig geworden sind. Sie sind nicht mehr entscheidend, um das Beste aus seinem Leben herauszuholen.
Einschränkung: auf dieser Erasmus-artigen Party waren Jungakademiker, die natürlich eher noch als andere Menschen zur globalen Hyperklasse gehören. Aber das Proletariat lebt auch weltweit in den gleichen Formen; aus den weltweit gleichen Handys kommt die weltweit die gleiche Musik. Insofern sind Mandy, Ronny, Justin, deren Schicksal dir zurecht wichtig ist, wie ihre Namen auch Kosmopoliten, wenngleich ohne dabei weit gekommen zu sein.
Wahrscheinlich würdest du mir in der Beschreibung zustimmen, bloß den Ton anders setzen. Ich denke eher, dass in der Weltgesellschaft, wennglich ihr Niveau niedrig und wie die Haltlosigkeit darin stark, viele Chancen stecken. Abgesehen davon, dass ich mit dir übereinstimme, dass man das, was an nationalem Charakter in einem steckt, nicht brüsk verdrängen kann, so finde ich doch, dass historisch die Überwindung des nationalen Charakters eher gut als schlecht ist.
“Wahrscheinlich würdest du mir in der Beschreibung zustimmen, bloß den Ton anders setzen.”
So ist es. Und zwar einen traurigen. Natürlich hast Du in der Beschreibung recht.
Zustimmung auch darin, dass Volk und Nation heute nicht funktional für die Lebensoptimierung sind – legt man die Maßstäbe des neoliberalen Individualismus´ an (der – um hier gleich vorzubauen – nicht nur von Übel ist). Ich möchte den Blick darauf lenken, was verloren geht, wenn man auf beide verzichten will – denke allerdings auch, dass man es nicht kann. M.E. liegt es nahe, sich zu fragen, was bleibt, wenn man von der Geschichte seiner Vorfahren und deren Fortschreibung aktiv absieht, wenn alle so handeln, als würden sie alles aus sich heraus spinnen. Nicht polemisch: Es sähe wohl so ähnlich aus wie der “emanzipatorische”, nicht-traditionalistische Linkspartei-Nachwuchs. Und das sind ja persönlich oft recht sympathische Leute. Nur eben so merkwürdig – flach.
Was heißt “objektiv (??) brüchig”. Bedeutet das nicht, dem Sog des Fortschritts irgendeine normative Komponente zuzugestehen? Wäre der weltweite Siegeszug des Islam “objektiv” ein Argument für ihn? Was ich meine: Befreit uns das Konstatieren der Entwicklung von Parteinahme? Aber hierher sind wir schon von anderen thematischen Startpunkten aus gelandet.
Wenn man Ernst Jüngers Reisetagebücher liest, fällt einem u.a. auf, wie fremdartig das Essen in abgelegenen Weltgegenden war. Das ist heute wohl vorbei. Niemand muss sich heute mehr auf Fremdes einlassen. Irgendein McDonalds wird auch am Arsch der Welt rumstehen. Und nun hören wir beide sie schon wieder jaulen, die Schakale der “emanzipatorischen Kritik”: Kritik der McDonaldisierung = falsches Gesellschaftsverständnis = Fortschrittsverteufelung = Anti-Amerikanismus = Nazi.
Nebenbei: Du schreibst in der Konstatierung von “Unterschieden”: “noch”.
Nun ja, “Chancen”. Natürlich gibt es immer irgendwelche “Chancen”, für Mandy, Justin und Ronny ein paar weniger und für die Jungakademiker auf der Kosmopolit-Party ein paar mehr. Ich will die gar nicht leugnen. Und ich habe ja auch selber geschrieben, dass die ostdeutschen Unterschicht-Youngster wenig mehr wollen, als cool, amerikanisch, up to date sein. Dass sie es nicht können, versuchen sie mit ein paar nationalistischen Phrasen wettzumachen, vorgetragen im Stil der anglisierten Antifa. Nicht einmal ihr Deutschtum ist – deutsch.
Keine Überraschung, dass ich also auch die abschließende Wertung anders setze: Die Überwindung des nationalen Charakters ist sehr viel schlechter, als gut.
[...] Kommentare « Volk III – Geworfen [...]
“die Schakale der “emanzipatorischen Kritik”: Kritik der McDonaldisierung = falsches Gesellschaftsverständnis = Fortschrittsverteufelung = Anti-Amerikanismus = Nazi”
Mir als in den Endsiebziger Jahren politisch sozialisiertem Westdeutschen fällt es schwer zu begreifen, wie solches Räsonnement für links gelten kann. In Hamburg vor 30 Jahren wurden pünktlich zum Semesterbeginn alle vorhandenen amerikanischen Einrichtungen vandalisiert: Banken, Büros von Flug- und Reisegesellschaften, aber eben auch McDonald`s-Filialen. Das galt DAMALS als links.
Ja, da sieht heute manches anders aus. Nicht, dass es die traditionalistischen Milieus nicht mehr geben würde. Doch wer heute auf sich hält – also Jungle World, statt Junge Welt liest, d.h., jung, schön, gebildet und radikal ist, statt alt, verbiestert, hässlich und Hartzer – hat eine Kritik des Anti-Amerikanismus auf Tasche. Damit war einmal etwas Richtiges gemeint. Man wollte die problematische Gesellschaft in den Blick nehmen, nicht eine Ausprägung davon, man wollte an die Wurzel des Übels und nicht vermeintliche Bösewichter bekämpfen. Ich habe mit dieser Strömung durchaus sympathisiert. Nur: Die psychische Disposition hat sich nicht geändert. Die Lust zum Randalieren ist geblieben, wird aber jetzt “emanzipatorisch” gegen “Drecksdeutsche” ausgelebt, man bevorzugt einen devianten Lebensstil, damals wie heute und man ist im Bunde mit dem Überzeitlich-Guten, während “rechts” Menschenverachtung, Dummheit und Stillosigkeit nisten. Kurzum: Das Wesentliche hat sich nicht geändert. Geblieben ist die – Antifa: Gutmenschengewalt gegen die Bösen. Von Zeit zu Zeit muss allerdings die Stellenbesetzung der “Fa” ausgewechselt werden.