Nur mit dem Volk also, nicht gegen es? Aber zeigt nicht die Geschichte, wie mit dem Nationalgefühl auch dessen Übersteigerung ihren Anfang nahm und Millionen Tote in zwei Weltkriegen produzierte?
In Westeuropa am Anfang des 21. Jahrhunderts – an dem durchaus noch Kriege geführt werden – derart zu argumentieren, zeugt von geradezu putziger Realitätsverleugnung.
Tut doch nicht so, als ob es heute – noch einmal: in der westlichen Massendemokratie am Beginn des 21. Jahrhunderts! – um den Heldentod ginge! Als ob irgend jemand auch nur verstehen würde, was gemeint ist, wenn einer die Zumutung stellte, sich für etwas, was man nicht selbst gemacht hat, zu opfern! Das mag islamistisch verhetzten Studenten plausibel sein, aber doch nicht der konsumhedonistischen Unterschicht im Westen! Nahezu das einzige, was beim Thema “Volk und Nation” heute noch gefordert werden kann: die Beschimpfung der Soldaten in Afghanistan zu unterlassen.
Während der Fußball-WM wollten zwei jüngere Verkäuferinnen bei “Penny” nicht nur an sich selbst, sondern auch an mir probeweise die schwarz-rot-goldene Gesichtsbemalung anwenden. Nach meiner Ablehnung hielten sie mich für schüchtern, die eine fügte hinzu: “Ah O.K., anderer Style…”. (Style, nicht Stil!) Sie kommen gar nicht darauf, dass meine Reaktion irgendetwas mit Politik zu tun gehabt haben könnte. Sieht so “Volksgemeinschaftsideologie” aus?
Deutsch-Sein, wird man mir einwenden, sei aber so harmlos nicht, es ginge doch nicht nur um die Pflege irgend einer kulturellen Tradition oder um den nationalen Anstrich irgendeiner Feier, sondern sei immer mit Ausgrenzung der nicht-Deutschen verbunden, mit der klaren Abschottung derjenigen, die als allein zugehörig markiert werden. Meine Antwort: Dieses Schicksal teilt das “Deutsche” mit jedem Begriff – nämlich eine Differenz zu sein. Wer nicht wenigstens links ist, wird in linksradikalen Plena wohl nicht sitzen, in linksradikalen Blättern nicht publizieren dürfen. Hart geht´s zu. Man wird sich schon ändern müssen, um eine neue Identität annehmen zu können. Und die Kriterien für diese Änderung? Nehmen wir die hier:
“…deutsch wird, wer sich uns Deutschen so sehr anähnelt, dass binnen ein, zwei Generationen in Sprache, Mentalität, Identität, historischer Identifizierung, Rechtsempfinden und Zustimmung zur politischen Ordnung kein gravierender Unterschied zu den autochthonen Deutschen mehr besteht.”
Diesen grundvernünftigen Satz, dessen Quelle ich nicht ohne Not angeben möchte, weil sonst die Abwehrreflexe den letzten Rest Überlegung ersetzen, sollte man doch unterschreiben können.
Unproblematische Identitätswechsel gibt es nicht. Eben sowenig wie eine Freiheit, die nichts kostet. Freiheit ohne Ordnung ist der Tod, die Freiheit der Lebenden findet als gestaltete und geschützte statt. Als solche ist sie an ihren Schutzherrn gebunden. Wer alles selbst wählen möchte, hat gar keine Kriterien mehr, die ein Wollen überhaupt noch bestimmen können. Er kann nur noch die leere Form, die Totalität:- die Willkür wollen. Damit hat er das Heft des Handelns schon aus der Hand gegeben.
Wer aber vom Volk nicht reden will, sollte auch vom guten Leben schweigen.
Warum verwenden Sie eigentlich soviel Zeit und Geisteskraft darauf, gegen Behauptungen anzuschreiben, die kein vernünftiger Mensch vertreten würde ?
Oder sind Sie vielleicht insgeheim doch der Meinung, daß bei der “loony left” noch etwas zu retten sei ?
Nebenbei: Sie bezeichnen den Standpunkt, von dem aus sie Ihre ehemaligen Gesinnungsfreunde kritisieren, als “linksliberal”. Ich wiederum neige der Ansicht zu, daß die heute vorherrschende Form der extremen Linken nur eine rabiate Form des gängigen deutschen Linksliberalismus ist (und das gerade darin ihr Problem liegt).
Ich wünschte, ich könnte Ihre zweite Frage einfach verneinen. Schon möglich, dass das immer noch eine Rolle spielt. Doch meine Selbsttherapie zielt schon auf anderes.
Wer einmal dort drin steckte, weiß, wie sehr die Linke Heimat werden kann. Und wieviel Energie derjenige aufwenden muss, der wirklich von ihr loskommen will, d.h.: sich nicht nur verabschieden in eine andere gesellschaftliche Form (einschließlich anderer Einkommensklasse) desselben Inhalts.
Bzgl. des letzten Punkts. Ich tendiere da, der Mainstream-Auffassung zu folgen: Nicht der Linksliberalismus hat sich radikalisiert, sondern die “Werte” des linken Radikalismus sind in die Mitte der Gesellschaft gesickert. Dort findet man sehr oft dieselben Vorstellungen von Bankern, Party, Umgangsweisen, Geschlechtern, Volksverbundenheit, ökonomischen Zusammenhängen wie ganz links. Immer natürlich abzüglich der Steineschmeißerei.