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Archive for Dezember 2009

singen „Tokio Hotel“. Wir müssen hier nicht noch einmal von der gewohnten Unklarheit, ja Unlogik der Bezüge in Tokio-Hotel-Texten reden – auch in diesem Lied wird wieder einmal der Tonfall der Krise, bzw. der einer emo-kritischen Antwort auf sie, getroffen. Und das ist nicht despektierlich gemeint. Eine ungemein zu Herzen gehende Melodie und die radikale Performance von Bill Kaulitz tun ein Übriges, um uns zur Erfahrung des „ganz Anderen“ zu überreden:

Wir werden euch nie mehr gehören
Wir werden nie mehr auf euch schwören
Wir schlucken keine Lügen mehr
Nie mehr

Eure Wahrheit wollen wir nicht
Eure Masken
Unser Gesicht
Unsere Augen brauchen Licht
Viel mehr Licht

Lass die Hunde los – Ich warn dich
Lass die Hunde los – Folg uns nicht
Lass die Hunde los
Wir wissen den Weg
Ham Träume die ihr nicht versteht
Lasst los
Bevor was passiert
Unter euch ersticken wir
Lass die Hunde los
Lass die Hunde los
Lass die Hunde los

Lass uns frei
Lass uns frei

Wir riechen Blut
Und lieben wild
Wir beißen jeden
Der uns quält
Der Mond ist
Unser Spiegelbild
Heute Nacht

Lass die Hunde los – Ich warn dich
Lass die Hunde los – Folg uns nicht

Jagt uns Folgt uns
In den Vollmond
Jagt uns Folgt uns
In den Vollmond
Folgt uns Jagt uns
In den Abgrund

Lass uns frei

Die Tupfer aus Blut, wild und quält, Gefangenschaft, Freiheit, Nacht und Licht – all das rundet sich zu linksradikaler Emo-Ästhetik: Unangepasstheitheit als Wert an sich; nur wir und die Natur sind übrig geblieben (alles andere ist schon vor die Hunde gegangen, verrottet und verkommen); wir Stadtindianer haben unser eigenes Gesetz; wir fürchten nichts mehr, als das langweilige (gebundene) Leben; euch gehört die Macht, uns die Nacht.

Gerade weil ich so gut die Verzweiflungswallungen kenne, die man erleidet, wenn niemand mehr die eigene Sehnsucht nach dem aufregenden, echten, radikalen Leben teilt, möchte ich daran erinnern, dass die Träume vom „ganz Anderen“ regelmäßig in zuvor unvorstellbaren Massakern mündeten. Wir hören im Lied selbst, was Subversion der Ordnung meint: Folgt uns / Jagt uns / In den Abgrund…

In diesem Sinne wünsche ich ein ruhig fließendes, geordnetes 2010, in dem wir alle uns nach Kräften bemühen, irgend einem bestehenden Mißstand abzuhelfen; so viel Harmonie wie möglich, so viel Streit wie nötig; Verständnis füreinander und die Liebe zur Eigenart des Anderen. Damit Krise und Panik nicht auch noch unsere Seelen fressen.

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Gustav Mahler – I

Von allen Seiten müssen die Klänge strömen, überall muss Fülle sein, äußert Mahler einmal sinngemäß zu Natalie Bauer-Lechner. Das Zusammenklingen des Unverträglichen hat Mahler in seiner Kindheit häufig erlebt und in ihm oft die militärischen Fanfaren, die später in seinen Symphonien so oft auftauchen und sich mühsam regende Melodien in Grund und Boden schmettern. Gegen die Zwangsordnung des Blechs verschwören sich die Mini-Melodien – doch auch sie sind längst verseucht von Gewalt: Das, was aller Wahrscheinlichkeit nach Entengeschnatter ist, wird zum Brüllen des Monsters kurz vorm Zusammenbruch. Dazwischen: nur wenige Takte. Hören Sie die 5. Symphonie.
Die doppelten, ja drei- und vierfachen Böden (dazu schön: Adornos Mahler-Buch) müssen heute nicht mehr bekannt gemacht werden – alle Hörer gehen längst von ihrer Existenz aus. Anders noch als zu Adornos Zeiten, gibt es kaum noch Hörer erster Ordnung, also Hörer, die Fortissimo-Geschmetter im Blech als heldisch und ruhige Moll-Melodien der Streicher als traurig empfinden. Jedes Hören ist heute immer schon angesteckt vom Verdacht eines Dahinter, dem eigenen Hören wird durch Hörgewohnheiten misstraut – Hören zweiter Ordnung.
In Zeiten, in denen der Angriff auf das World-Trade-Center im Bewusstsein „kritischer Öffentlichkeit“ alles, nur kein islamistischer Anschlag gewesen sein darf, ist sicher nicht Mahler der notwendige Lehrer, sondern Bruckner. An ihm könnte man wieder das Hören erster Ordnung lernen (= Hören von Musik, in der selbst das Reflektieren über Hörgewohnheiten keine Rolle spielt) und dennoch halbwegs auf der Höhe der Zeit bleiben. Hier und heute, wo HipHopper minutenlang nach Liebe greinen können, um kurz darauf wieder in Vergewaltigungsfantasien zu schwelgen, sind Spiegelspiele schal geworden. Vor lauter Postmoderne sind die Guten böse geworden und viele Böse wenigstens sympathisch. Aber ist das richtig so?

Also, hören wir Bruckner. Vielleicht die 5. Symphonie? Falls noch etwas vom Weihnachtsgeld übrig ist: Legen Sie sich die Interpretation des german Wunderkind Christian Thielemann zu.
In allen Steigerungen und Entladungen präsentiert er uns nicht nur das Ergebnis wuchtigen Musizierens, sondern macht die Wucht selbst hörbar. Bruckner hätte das bestimmt gut gefallen.

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Erbarmungslosigkeit der antiautoritären Linken: Man solle sagen, was man meint, klar fordern, was man will. Schließlich sei man hier unter sich, unter Leuten, die ihre Regeln selbst gemacht hätten. Wer das nicht beachtet, ist Sexist oder irrational oder Schlimmeres.
Unbarmherzig plenieren sie sich voran. Keine Zwischentöne, kein Zögern, keine gewachsenen Formen, keine höflichen Notlügen, kein Verzeihen, kein Charme, keine Ahnung dessen, dass es Bedürfnisse gibt, die sich kaum aussprechen lassen, kein Gedanke daran, dass es kultivierend, das Leben erleichternd ist, wenn man etwas auch wortlos erspürt (bspw. jemandem einen Wunsch von den Augen abliest). Keine Anerkenntnis dessen, dass es verschiedene emotionale Vermittlungsstufen verschiedener Menschen gibt, dass nicht alle alles bis ins letzte Detail einsehen können, dass es Vorbehalte geben kann, die nicht beseitigt werden sollten.
Man muss permanent ausdrücken können „wie es einem damit geht“. Wer das nicht kann, wer beim Fingieren der rauhen Ehrlichkeit nicht mittun kann oder mag, wer das harte Gespräch abwehrt, nach dem angeblich alles wieder in Ordnung gebracht ist und sich lieber im Halbdunkel einrichtet, in der Hoffnung, vielleicht werde die Zeit wenn auch nicht alle, so doch die schlimmsten Wunden heilen, der ist definitiv nicht „drin“ in der radikaldemokratisch-emanzipatorischen Linken. Doch die forcierte Reflexion ihres Personals ist pseudo. Sie dient zur gutmenschlichen Absicherung, zur Aufrechterhaltung der Unverbindlichkeit, ist letztlich Fühlfaulheit. Wenn alles immer als beliebig intensiv bearbeitbar vorausgesetzt wird, kann sich kein Gespür bspw. für die Dramatik von Verletzungen einstellen, die u.U. etwas anderes erfordern würden, als ein „noch mal darüber reden“ oder „im Plenum diskutieren“. Abläufe gilt es herrschaftsfrei und selbstbestimmt zu bearbeiten und niemals, sich in die Sache zu versenken, was durchaus mit Ungerechtigkeiten, Missachtung von Nebenaspekten, überzogenen Gefühlen (deren Aufkommen selbst wieder erspürt werden könnte) verbunden sein kann.
Alternativ-Linke stellen auf unehrliche Weise alles zur Disposition, sie pseudoverhandeln bei jeder ihrer Zusammenkünfte alles wieder neu – Reflex ihrer Nicht-Anerkennung jedes Gegebenen. Sie fingieren offene Situationen, gerade wenn alle sehr genau wissen, was in der jeweiligen wirklichen angebracht ist zu tun.

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Wenn am 30. Dezember ein obskures Leipziger Bündnis für das Recht auf Silvesterrandale demonstrieren wird, wenn die doch sehr spezifischen Belange von Besuchern „alternativer Outdoor-Partys“ und „Fußballfans“ den Kampf gegen „Sonderbehandlung“ (sic!) erfordern, wenn „Barrikaden“ und „kokelnde Mülltonnen“ wie jedes Jahr als Königsweg zum „selbst bestimmten Leben“ verkauft werden (wenn auch wohl nur von ein paar „betrunkene(n) Jugendliche und feiernde(n) Anwohner/innen“) – dann wissen wir: Die zukünftige Elite der Bundesrepublik trainiert wieder einmal ihre Durchsetzungsfähigkeit.
Und wieder einmal fragen wir uns: Wie hart wollen die noch werden?

Linksradikale, überhaupt Angehörige politiknaher, doch staatsferner Subkulturen, sind fast immer Jugendliche, die sich wehren können und wollen. Auch wenn sie sich in ihrer Phantasie vornehmlich gegen Polizisten, Ausgrenzung, „Repression“, die Agenten struktureller Gewalt und Nazis verteidigen, können sie eine entsprechende physische und psychische Disposition aber durchaus auch gegen Dealer, körperliche Gewalt im Alltag, Zurückgesetzt-Werden durch Vorgesetzte benutzen. Diese Jugendlichen haben sich meist für eine – wenn auch noch so kurze – Lebensspanne in Konfrontation zu den Gesetzen entschieden.
Die Stärke der Radikalen erstreckt sich sogar noch auf ihr Innenleben: Natürlich können sie entspannt für die Freigabe aller Drogen sein – sie wissen ja: sie selbst haben sich im Griff im Gegensatz zum Unterschichten-Pöbel, zum deutschen rassistischen Saufmob, der eben einfach zu dumm für den Umgang mit Gefährlichem ist.
Natürlich können sie alle gegen Überwachungskameras sein – sie wissen ja: Sie können sich selber verteidigen (bzw. wegrennen).
Natürlich können sie gegen Arbeit, Bullen und Staat sein – sie wissen ja, wie man jeweilige Kräfteverhältnisse für sich nutzt, wie man das Amt austrickst, die Rechtslage durch einen befreundeten Szeneanwalt checken lässt.

Andere Leute, Alte, Kranke, Schwache, Hässliche, Unbeliebte, Schüchterne, Überangepasste brauchen die Polizei, die sie vor denen schützt, die das Recht des Stärkeren durchsetzen wollen. Jene potenziellen Opfer werden von Linken mit Reden über die schlimmere strukturelle Gewalt des Kapitals vertröstet. Diese Linken reden wie starke Raucher, die, angesprochen auf die Gefährlichkeit ihres Lasters, antworten, man könne ja auch im Straßenverkehr umkommen – als ob man nicht zusätzlich zum Rauchen auch noch am Straßenverkehr teilnehmen würde! Die Kärglichkeit des Lohns ist kein Trost, wenn man ihn von einem Straßendieb abgenommen kriegt. Und noch mit dem klarsten Bewusstsein von der Falschheit des Lohnsystems lässt sich kein Brötchen kaufen. Wer heute die Demokratie sturmreif schießen will, zieht das harte, rauhe Abenteuerleben von Übermenschen einer Mittelmäßigkeit vor, die wenigstens die Chance bietet, auch Schlechtweggekommenen ihr Recht werden zu lassen, kurz: der ist – ob links oder rechts – Bandit.

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„Ein Reisender, der hier in Leipzig ankömmt, wird unter dem äussersten Thore von einem Visitator gefragt, ob er etwas accisbares bey sich führe; dieses giebt er denn, um Verdrüßlichkeiten zu vermeiden, an, und öffnet seine Koffres; will er aber lezteres nicht, so läßt er sie versiegeln, und erlegt eine gewisse Einlage, die ihm unter dem Thore, wo er wieder hinausreist, zurückgegeben wird. Kommt er aber mit der Post, so hat er mit der Accise unter den äussersten Thoren gar nichts zu thun; denn seine Koffres werden erst im Posthause eröffnet. Ferner fragt ihn der Thorschreiber nach seinem Namen, seinem Stande, woher er kommt, und wo er logiren werde; dies beantwortet er. Es hat sich schon mancher Reisende über diese Fragen beschwert und lustig gemacht, allein sie geschehen wirklich auch mit zu seinem Vortheile; denn die Namen der hier ankommenden Fremden werden täglich in eine Liste gebracht, welche in den hiesigen Familien und öffentlichen Häusern bekannt gemacht wird, und es trift denn oft, daß Fremde von Bekannten, die sie hier nicht vermuthen, aufgesucht werden.“ (118 f.)

J. G. Schulz: Beschreibung der Stadt Leipzig (1784), in: Lesebuchausschuss des Leipziger Lehrervereins (Hrsg.): Leipzig in Geschichten und Bildern, Verlag der Dürr´schen Buchhandlung, Leipzig, 1928. Dort zit. nach Beier und Dobritzsch, Tausend Jahre deutscher Vergangenheit, Leipzig 1911

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Und sonst noch? Dass Gendergetrouble nicht immer eine peinigend dumme Angelegenheit sein muss, zeigen dieser Tage iranische Männer. Die Freiheit ist ihnen wichtiger, als traditionelle Ehrvorstellungen und persönliche Vorrechte. „Patriarchale Geschlechterrollenmodelle“ werden sie nicht gerade aufweichen wollen und auch die „Emanzipation von Zwangsheterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit“ ist höchstwahrscheinlich nicht ihre Sache. Es geht ihnen um die einfache Freiheit – they startin´ with the man in the mirror. Ja, so kann´s gehen!

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Bei allem Lob der Mittelmäßigkeit sollte man sich wohl doch vor dem „Mittelextrem“ hüten, einem sturen, herzlosen Beharren unsicherer Konservativer auf dem, was sie für Normalität halten. Es könnte ja sein, dass sich von Zeit zu Zeit Probleme stellen, die sich nur unkonventionell lösen lassen. Aus der Tatsache, dass das Konventionslose heute schwer in Mode ist, folgt ja nicht, dass man sich immer auf die Seite der Regeln zu stellen hätte.
Zwangsuniformierung ohne inhaltliche Not, rein aus Prinzipienreiterei, ist das Gegenteil von Abwägen, Wichten im Sinne von „jedem den ihm gebührenden Platz in der Hierarchie anweisen“. Uniformen suggerieren, die Hierarchien machten keinem irgendwelche Schwierigkeiten mehr – wo es doch darauf ankäme, eben dieses Platzproblem in der menschenfreundlichsten Weise zu lösen.

Zur Linkliste: Henryk M. Broders Sparring-Arena wird wieder gelöscht. Grund: Es findet kaum Sparring statt. Broder präsentiert uns Deutungen des Nahostkonflikts, produziert durch Knallos, die nun wirklich jenseits von Gut und Böse sind. Ähnliches Zeug lässt sich jeden Tag auf Arbeit, in der Kneipe oder im besetzten Haus anhören – dazu braucht man nicht noch das Internet.

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Wenn Linksradikale aus irgendwelchen Gründen keine Linksradikalen mehr sein wollen, ihr Kerngeschäft, die Verschwörungstheorie, aber nicht so einfach aufgeben mögen, werden sie „Klimaskeptiker“, wie Lorenz Jäger in der heutigen FAZ zeigt. Die läppische Revolutionsemphase, die ewige Besserwisserei, die Verächtlichmachung des Gegners als zurückgeblieben, der Kult des Anbruchs einer „neuen Zeit“ – alles ist noch da. Nur der „kapitalistische“ Anstrich ist neu. Die letzten Sätze im Jäger-Artikel mahnen eine notwendige Debatte darüber an, was konservativ ist und darüber, wie entsetzlich genau rechte und linke Revolution zusammen passen. Ich möchte prophezeien: Diese Debatte kommt in absehbarer Zeit nicht in Gang.

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Ach ja, liebe Studenten,

wenn man euch glauben will, seid ihr also „hier“ und „laut“, weil man euch „die Bildung klaut“. Ach was?! Ist es nicht eher so, dass ihr auf Bildung so überhaupt keine Lust mehr habt, weshalb eine eurer famosen Forderungen auch war, die Anforderungen des Studiums zu reduzieren und insbesondere das schlimme Auswendiglernen abzuschaffen? Was nun – mehr oder weniger Bildung? Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, dass ihr eure Streikaufrufe nicht formulieren könntet, wenn ihr nicht gezwungen (!) worden wärt, 26 Buchstaben samt deren Kombinierungsregeln und ein paar Ziffern dazu, auswendig zu lernen? Habt ihr nicht? Dachte ich mir´s doch – ihr müsst ja in Cafeterien, ASten und auf Bibliotheksgängen die Zeit mit „Gesellschaftskritik“, Facebook und Antirassismus totschlagen, da bleibt für so was wie Nachdenken natürlich keine Zeit.

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