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Archive for Januar 2010

Enttäuscht

Jemand, dem gegenüber man sich schlecht verhalten hat, enttäuscht einen durch sein Verhalten. Hat man das moralische Recht zu dieser Enttäuschung oder kann von demjenigen die Forderung aufgerechnet werden? Muss man also erst selbst vorbildlich werden, ehe man anderes Fehlverhalten überhaupt thematisiert? Ich bin gegen die Aufrechnung, denn Enttäuschung ist ja nicht Ausfluss des Anspruchs eines Menschen gegen einen anderen, der Enttäuschende hätte schließlich nichts tun müssen. Außerdem ist man enttäuscht vom Ungenügen des Gegenübers, gemessen an dessen Maßstäben. (So wie ein Schwächling von den Kampfkünsten seines viel stärkeren Bruders enttäuscht sein kann, wenn dieser gegen einen noch stärkeren Gegner verliert.) Kurz: M.E. darf jeder, auch der verkommenste Egoist, von anderen enttäuscht sein. Nur er darf sich auf seine Schwäche berufen, nicht die anderen, auch nicht, um sie zu beklagen.

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Die nicht menschliche Natur, so ist heute oft zu hören, schlage jetzt, nach langer Zeit der Quälerei durch die Menschheit, zurück.
Doch Natur ist nicht handelndes Subjekt, sie hat keinen Willen, sie kann weder erdulden, noch schlagen – die Emphase der Formulierung deutet nicht auf Einfühlung in die Natur, sondern will von den guten Absichten des Naturbegeisterten zeugen.
Der Mensch, so die Fortschrittler aller Fraktionen, steht im Mittelpunkt – er sei Maß aller Dinge (Protagoras); so wird die Natur Knecht und Vorratslager in einem und alles darf das höchste Geschöpf mit gutem Recht für seine Zwecke einspannen.

Heute liegen die Dinge komplizierter. Natur und Mensch sind von der Industriegesellschaft zusammengezwungen worden.

  1. In vieler Hinsicht muss heute Natur gegen die aktuellen Bedürfnisse des Menschen verteidigt werden, will man nicht direkt dem menschlichen Weiterleben schaden. Der Mensch benötigt etwas nicht voll von ihm Gemachtes, um sein Leben als seine Umwelt sich aneignendes Wesen fortzuführen.
  2. Die aktuelle Gestalt nicht menschlicher Natur ist heute auch auf den Menschen angewiesen – vieles von dem, was ohne aktuellen Eingriff des Menschen wächst, wäre ohne dessen historische Anregung nicht da, viele Tierrassen und Pflanzensorten existierten ohne Züchtung nicht.
  3. Der Mensch selber ist in bestimmter Hinsicht Natur, nämlich insofern er Leib ist (9).

Diese drei Punkte zeigen, dass radikale Umweltschützerei, die von selbst Gewordenem gegen menschliche Umgestaltung immer recht gibt, ebenso verfehlt ist, wie die Identifizierung von Glück mit „verrücktester Künstlichkeit und Grenzenlosigkeit“ durch Vertreter sog. Ideologiekritik (s.a. – besonders abschreckend – Nachtmann).

Wir werden ums Abwägen und Aushandeln nicht herum kommen, um den Streit, was „gutes Leben“ bedeutet. Alle sollen Sympathien und Antipathien einbringen dürfen; der Autor dieses Blogs würde wohl in Naturemphase machen. Jedes Beispiel ist zulässig: Der Sonnenuntergang am Meer, die verschneite, einsame Winterlandschaft und auch die alte deutsche Eiche.
Auf der Gegenseite: Ein paar kühle Carlsberg in einem Straßencafé von Tel Aviv, auch die Gaydisco, aber gerne doch.
Und auch dieses zauberhafte Exemplar „verrücktester“ Künstlichkeit soll bei der Verunsicherung der Apostel von Tradition und Ursprünglichkeit nicht fehlen:


Böhme, Gernot: Leibsein als Aufgabe – Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht, Graue Edition, Kusterdingen, 2003

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„Turn- und Sportabteilung der NSDAP“ – Vorläufer der SA – nannte sich eine Schlägertruppe, die jeden potenziellen Störer aus den frühen Veranstaltungen Hitlers hinauswarf, nachdem sie ihn äußerst gewalttätig behandelt hatte (vgl. Nolte 447 f.).

Heute finden sich in sog. „Sportgruppen“ die eher körperlich und weniger geistig begabten Antifaschisten der linken Republik zusammen. „Sport“ zeigt an, dass hier Schluss ist mit dem menschenfreundlichen Labertaschengewäsch bunt-demokratischer Bürgerinitiativen, dass hier zugelangt wird, dass Schnelligkeit und Härte gefragt sind, kurz: dass es hier auf´s Maul gibt.
Die Verniedlichung – hier: von Gewalt als „Sport“ – dehnt sich auch auf die Charakterisierung der Gegenseite aus: die totalitären Antipoden veranstalten ihren Aufmarsch erst nach einer Nazi-Mobi oder aber es wird eine Nazi-Sponti mit Nazi-Lauti (= Mobilisierung, Spontandemonstration, Lautsprecherwagen) durchgeführt.
Warum auch nicht – Team Red gegen Team Brown, von Zeit zu Zeit moderiert von Team Green (= Polizei) – es geht ja nur um Sport hier.

Nolte, Ernst: Der Faschismus in seiner Epoche, Piper, München und Zürich, 1984

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Materialisten optieren gern für „erworben“ – einmal gewordenes ist somit nicht schon immer da gewesen, also lässt es sich prinzipiell (bei Vorliegen bestimmter Umstände: konkret) immer machen. Doch für postmoderne Kontingenz wollen sie damit nicht optieren: „Wir Kommunisten kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte.“ (18) (Hier bleibt unbehandelt, welche Religiosität, ja Mystizismus in diesem Satz steckt.) Aber vieles ist eben schon gemacht und wird als Natur- oder Gottesgeschenk zur Anlage mitgegeben. In der Geschichte mag das Gesetz zu dessen Entstehung wohnen – erkennen müssen wir es noch lange nicht. Von nichts kommt nichts – natürlich bedarf es einer oder mehrerer Anlagen, die sich – mindestens potenziell – entwickeln können. Z.B.: Dass Muskeln beim Training nicht sofort reißen, sondern über lange Zeiträume kontinuierlich wachsen, muss in ihrem untrainiertesten Zustand angelegt sein, also von Anbeginn des Menschen. Anderenfalls hätte der Mensch nie Muskeln erworben, bzw. könnte er durch Muskelbenutzung aus seinen Muskeln auch Zitronen wachsen lassen. Kein Gesetz der Geschichte und keine „materialistische Kritik“ wird die Grundeinrichtung der Welt übersteigen können. Und das ist auch gut so.

Marx, Karl: Deutsche Ideologie, MEW 3

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Ganz in Ruhe

Junge Leute haben zunehmend weniger Naturempfinden – sie sehen Landschaften nicht, finden in ihrer Umgebung kaum noch Bemerkenswertes. Sie können es auch nicht lernen – denn immer schreiben sie konzentriert SMS, tauschen permanent Nachrichten mit anderen Menschen (!) aus, müssen somit von jeder Landschaft wegsehen (= absehen = abstrahieren) und können so von ihr nichts empfangen: – Kehrseite jenes heute so gut angesehenen – für humanistisch gehaltenen – Interesses am Menschen und des Belächelns und Geringschätzens von Naturfreunden und einsamen Eigenbrötlern. Atmosphärische Wahrnehmung stirbt aus.
Damit einher geht permanenter Mini-Lärm. Die allgemeine Geschäftigkeit (die, wie schon einmal erwähnt, Rezeption zugunsten von Aktion unterdrückt) führt u.a. dazu, dass Menschen heute eine sehr veränderte Vorstellung davon haben, was „Stille“ ist, im Vergleich zu einem Menschen, der in der Zeit vor Einführung des Personalcomputers primär sozialisiert wurde.
Rascheln, Knistern, an der Uhr herum fingern, mit den Füßen scharren, schnelles Tippen auf Laptop-Tastaturen – all das geht bereits, wenn dabei nicht gesprochen wird, als Stille durch. Nicht lange wird es dauern, bis Flüstern, Murmeln und Summen als Stille gilt. Mir fällt es immer schwerer, Konzerte zu besuchen, weil ich weiß, dass die Zuhörer konstant Lärm machen werden.
Das Ziel: Nichts außer originär menschlichen Äußerungen darf auf der Erde noch zu vernehmen sein. Nichts soll uns mehr verstören, ja auch nur anregen können – unser Horizont sei unsere Art.

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Anfang der 90er Jahre, als der Osten noch wild und für Wessis Ziel von Abenteuerurlauben war, hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis. Äußerlich erkennbar schwer links (damals waren bunte Haare noch durchaus etwas Seltenes) kraxelte ich auf einem Schuttcontainer herum, der mitten in der Innenstadt am Rande einer Baustelle stand. In ihm: Bücher. Mehrere Buchhandlungen befinden sich in der Nähe. Ganz offensichtlich sind die Bücher meines Containers zum Wegwerfen bestimmt; natürlich ist viel in diesen Zeiten unverkäufliches DDR-Zeug dabei, das man (immer noch) mögen kann oder eben nicht (mehr). Ich krame und finde schöne, wenn auch angegammelte Stücke, die ich in meinen Rucksack stopfe. Es nieselt leicht.
Auftritt: Wessi-Reisegruppe. Dem Augenschein nach ökologisch engagierte Studienräte, ZEIT-Abonnenten. Einige fotografieren mich. Kaum können sie sich auf die Rede ihres Stadtführers konzentrieren – mein Treiben ist spannender. Nachdem sie mir einige Zeit zugesehen haben, tritt ein, was ich befürchtet hatte: Das dümmste aller Heine-Zitate – „…dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ – wird in offenkundig solidarischer Absicht zu mir, dem linksradikalen Geistretter, hoch gerufen. Doch hier wird nichts verbrannt, es nieselt lediglich und die Bücher sind vom Schimmel bedroht. Ich überlege kurz, ob ich aus Protest auf die Bücher unter mir pissen sollte, entscheide mich dann aber doch für Ignoranz.

Wie gut wäre es gewesen, wenn in einer Haupt- und Staatsaktion couragierter Verteidiger der Weimarer Republik Hitlers „Mein Kampf“ verbrannt worden wäre, welche segensreichen Wirkungen hätte die öffentliche Vernichtung der „Mao-Bibel“ durch einen Zusammenschluss konservativer Hochschulgruppen entfalten können. Ich jedenfalls habe guten Gewissens einige Anfang der 90er Jahre an der Uni kostenlos verteilte ifo-Drucke, Selbstoptimierungsratgeber und auch die eine oder andere Einführung in die Marktwirtschaft in meinen Ofen geschoben. Nichts, aber auch gar nichts ist gegen das Bedürfnis einzuwenden, offenkundigen Mist beseitigt zu sehen, damit der Geist umso freier sich entfalten kann. Und kein Gegenargument ist, dass sich die Vorstellung davon, was Mist ist, im Laufe eines Lebens wandelt. Nicht Heinrich Heine, sondern Karl Popper hat zum Thema das Gültige gesagt: „Lasst Theorien sterben, nicht Menschen!“.

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nun auch in diesem Blog. Sie ahnten es ja bereits.

Lassen Sie sich nicht einlullen von der bemühten Harmlosigkeit des Motivs.

„Die Unternehmungen des soldatischen Mannes sahen wir darauf hinzielen, drei Wahrnehmungen immer wieder zu erreichen: den ‚entleerten Platz‘, den ‚blutigen Brei‘ und den ‚black out‘ mit Überflutung des Bewußtseins.“ (268).

„Die drei Wahrnehmungsidentitäten haben Farben.
Die ‚blutige Masse‘ = Rot
der ‚entleerte Platz‘ = Weiß
black out/Verschmelzung = Schwarz“
(…)

Schwarz: die verbotene Liebe unter Männern (…)
Weiß: das Anti-Vermischte, der Glanz der Kälte (…)
Rot: das weibliche Fleisch liegt in seinem Blut (…)“
(279)

Herrlich, was man mit Psychoanalyse alles machen kann.

Theweleit, Klaus: Männerphantasien (Bd. 2: Männerkörper Zur Psychoanalyse des weißen Terrors), dtv, München, 1995

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