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Archive for Februar 2010

Selbstrefdemenz

Neulich im Altenheim. Eine einigermaßen verzweifelte ältere Frau: „Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich hab was vergessen, aber ich erinnere mich nicht mehr, was?!“

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„Respekt!“ fordern Revolutionäre und Straßenkulturelle und wissen doch gar nicht mehr, was das bedeutet. Einst Zurücktreten vor Größe und Leistung des anderen, heute Hiphop-Floskel im Mund von prügelfreudigen Krawallbrüdern.

Selbst die Karl-May-Schinken mit Lex Barker, Pierre Brice und Stewart Granger würden sie heute wohl ganz anders sehen, als meine Generation, näher an der Zeit ihrer Entstehung. Die „Guten“ verkörpern eben nicht nur Kraft und Durchsetzungsvermögen, sondern Edelmut. Sie sollen nicht wegen ihrer starken Faust gewinnen, sondern weil sie die Freiheit verteidigen.

Im Konzertsaal quatschen sie in einer Tour, unsere Respektbesessenen, die sich sonst mit jedem prügeln wollen, der sie einmal versehentlich gestreift hat. Sie haben die Musiker schließlich für diesen Abend gemietet. In wenigen Jahren hat die Lautstärke der Störgeräusche im Konzert heftig zugenommen, ohne dass es irgendjemanden zu stören scheint.

Wo alles menschengemacht sein muss, verliert sich der Sinn für die stille Würde eines Geschehens. Wiesen und Wälder sind ausschließlich für uns da, deshalb dürfen wir auch immer und überall lärmen, Dreck machen, umwidmen und umwälzen. Kein Gedanke daran, dass es Höheres geben könnte, als die gegenwärtigen Nutzungsverhältnisse.

Dem respektlosen Streetfighter kann man mit Bruckner nicht kommen. Was er hat, hat er sich selbst aufgebaut: Meistens ist das eine Hartz-IV-Karriere, ein beachtliches Standing im Koma-Saufen, Zugang zu Anabolika, ein paar muskulöse Suffkumpels und ein ungewolltes Kind mit irgendeinem Mädel aus der Nachbarschaft, das er nicht mag, weil er so immer im Zusammensein mit seinen Kumpels gestört wird. Das klingt menschenverachtend? Es ist nicht halb so zynisch wie sich der postmoderne Rächer-Rapper selbst gibt.
Respektlosigkeit, vermutlich einst hervorgerufen durch die berechtigte Skepsis vor Heldentumsphraseologie, Personenkult, Massenverführung, ist heute Credo aller Modernen – da nichts so groß ist wie ich, muss mir alles zur Verfügung stehen. Anbetung, bedingungslose Hingabe an weniges, wurde durch Gier nach allem ersetzt. Unterschiede darf es jenseits von Geldbeträgen nicht mehr geben. Wo nur das Beste allen immer zur Verfügung stehen soll, wird alles Mittelmaß.

Eine frühere Freundin, ganz und gar keine Bürgerliche, gar Rechte, sondern antifaschistisch gesonnen und durchaus weit links stehend, meinte beim Auftritt solcher Zeitgeistwürstchen: „Nicht alles ist für alle da.“

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Leider kann man im Google-Zeitalter kaum noch heiteres Zitate-Raten veranstalten. Dennoch – wer hat folgendes gesagt:

…feiern große Teile der antifa-Szene die Bombardierung von Dresden am 13. Februar 1945. Parole: Do it again, Bomber Harris! Warum dieser menschenverachtende Zynismus? … Das Foto oben am blog (‚Header‘) zeigt übrigens Dresden um 1900. Sieht wirklich aus wie Florenz, oder?

In einem weiteren Text führt der für seine Sensibilität und skrupulösen Formulierungen nicht nur in der anti-imperialistischen Linken bekannte Menschenfreund aus:

Aber ich werde mich auch nicht an den Gegenaktionen der hirnverbrannten Antifas beteiligen. Sie ergötzen sich an den deutschen Opfern und rufen “Do it again, Bomber Harris!” Das ist die perverse Freude am Massenmord.

Im Jahr 1995 schrieb eben derselbe Journalist in einer linksradikalen Tageszeitung:

Sollen die Schrecken des Krieges bei der Bewertung der damaligen Zeit im Vordergrund stehen? Nein. Die Schande der Alliierten war nicht ihre Kriegführung, sondern, daß sie zu spät damit begonnen haben. (…) Das Geschwätz von den ‚alliierten Kriegsverbrechen‘ müssen wir offensiv angreifen.

Und in einem Buch der damaligen Zeit, das Kolumnen dieses Journalisten versammelte, lesen wir:

Wem zum 13. Februar und zum 8. Mai statt des naheliegenden ‚Nie wieder Deutschland‘ nur ein ‚Nie wieder Krieg‘ einfällt, in dem sich auch der Haß auf die Armeen der Anti-Hitler-Koalition gut aufgehoben sieht, stand 1965 rechts von Konrad Adenauer und steht 1995 rechts von Roman Herzog.
Eine neue Linke kann sich nur im Bruch mit diesen Traditionen konstituieren.

(23)

Na, haben sie ihn erkannt? Den Charmeur und Arbeiterführer, größten Antideutschen aller Zeiten, später dann verdienten Finanzanalytiker des Volkes und seit kurzem Anführer der neuen Volksfront gegen Heuschrecken?

Es geht mir hier nicht darum, ob Jürgen Elsässer im einen oder anderen Fall recht hatte oder hat. Es geht darum, dass die Form des lunatic fringe sich über die Zeiten rettet. Diese Form ist: Tabubruch, Verletzung, Stärke aus halluzinierter Einsamkeit, Rechthaberei, Egozentrik, Drang zur Überwältigung, Hass auf Ausgeglichenheit, Verachtung der Mitte.

Seine früheren Genossen, die Antideutschen, haben auch heute, in Zeiten moslemisch-antideutsch-antisemitischer Migranten keine Lust, sich zu fragen, wie es kommen konnte, dass ein Mann so zwischen den Extremen taumelt. Der lunatic fringe muss zusammen halten, der Betrieb soll weitergehen. Was einschließt, dass man zuweilen an die gegnerischen Verrückten ein paar Leute verliert.

Jemand, der sich ein paar Jahre in radikalen Milieus getummelt hat, weiß, dass dort niemals irgend etwas zugeben wird. Niemals hat man selbst sich geirrt, niemals. Immer haben sich die Umstände geändert, weswegen es nur konsequent sei, gestern so, heute so zu denken.
Sicherlich: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ (Biermann). Wer wüsste das besser, als der Autor dieses Blogs. Doch die Änderung ist schäbig, mindestens wertlos, wenn ihr Vorhandensein nicht zugegeben wird, wenn nicht die eigenen Denk- und Fühlschwächen bloßgelegt werden, wenn nicht versucht wird, aus vergangenem Versagen zu lernen. Bekanntlich macht nur der Dumme immer wieder dieselben Fehler, der Kluge macht immer neue. An Elsässers Schicksal hätte man lernen können wie unlebbar Fundamentalopposition gegen ein Kollektiv ist, welche intellektuellen und emotionalen Zumutungen, welche menschlichen Zerrüttungen damit verbunden sind. Wer immer sich als Mensch erhalten will, muss das radikale Besserwissertum der politischen Extreme verabschieden und darf nicht länger beim „smashen“ von was auch immer mittun.

Eine Seitenabsicht dieses Blogs ist, ein solches Umdenken und Herauswinden aus dem Wahnsinn anti-bürgerlicher Radikalität transparent zu machen.

Zitate von Jürgen Elsässers Blog

und

Elsässer, Jürgen: Wenn das der Führer hätten erleben dürfen: 29 Glückwünsche zum deutschen Sieg über die Alliierten, konkret Texte 7, Hamburg, 1995

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großartig, dass auch Ihr jetzt den Adorno lest. Aber bitte nicht übertreiben! Die Begeisterung für´s Reflexivum war Markenzeichen der Antideutschen (R.I.P.). Weshalb sollten gestandene ostdeutsche Rechtsextremisten auf so etwas sich einlassen?

Bild aus dem Blog der „Blauen Narzisse“

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Links- und Rechtsradikale rekrutieren ihre Anhängerschaft nach wie vor aus rebellischer Jugendkultur. Wer das Schweinesystem aus diesen oder jenen Gründen ablehnt und vom HERRN nicht das Gemüt der couch potato mitbekam, wird sich – heute: kurz vor, früher: in der Pubertät – in irgendeiner survival-Klamotten-Gruppe stolzdeutscher oder antinationaler Gutmenschen wiederfinden. Eine Zeitlang beschäftigt man sich mit Prügeleien und dem Verfassen wuchtig klingender Texte. Irgendwann wird man älter, die Radikalität nachgerückter jüngerer Menschen um einen herum ist nicht mehr die eigene. Zeit, abzuspringen. Angst, dass man zurück gehalten wird, braucht man nicht zu haben. Alle beteiligten jungen Menschen, die heute Feuer und Flamme entweder für die nationale Revolution oder den „Communism“ sind, wissen insgeheim, dass sie den ganzen Zinnober ein paar Jährchen mitmachen werden und dann entweder die abgebrochene Handwerker-Karriere wieder aufnehmen (rechts) oder in irgend einem staatlich finanzierten Antirassismus-Dingens bzw. noch besser an der Universität landen werden, wo sie dann Begriffe neu besetzen oder Transgender-Politiken untersuchen (links).
So wird Generation für Generation durch die Dummheit geschleust. Man hat dann später was zu erzählen; (Ur-)Opa berichtete gern vom Schützengraben, der moderne (Anti)nationalist wird sich noch Jahrzehnte später über die Bullen der „Scheiss Demokratie“ erregen können.

Ein Modell, wie eine gute Gesellschaft zu bauen ist, ja auch nur das Bedürfnis, alle Menschen in einen tragfähigen, humanen Zusammenhang zu integrieren, in dem niemand überfordert wird und alle am Guten (das heißt: dem Erhalt des menschlichen Lebens auf einer lebenswerten Erde) arbeiten und teilhaben, besitzen beide nicht. Ihnen geht es nicht um die Menschen, ihnen geht es um Jugend, Klamotten, Symbole, Action und das Revolutionspathos von spezieller Musik. Alles, was vernünftige Menschen herzlich unwichtig finden. Die jugendlichen Extremisten wollen eine Welt – aus sich selbst. Endlich die Ausländer dahin verfrachten, wo sie hingehören, ins Ausland (rechts); endlich konservative – also deutsche = nationale = rechtsradikale – Miesepeter zurückschlagen, dahin wo sie hingehören, nämlich in die Mehrwertmühle, damit sie dort all die schönen Dinge produzieren, die die Damen und Herren KommunistInnen zu verteilen wünschen (links).

In beiden Lagern gibt es kaum – Alte; Krankheit und Tod finden quasi nicht statt. Der Aufstand der Söhne gegen die Väter mit seinem ganzen Tabula-rasa-Pathos und der am Horizont aufgehenden Sonne des Neuen war – liest man Arnolt Bronnen richtig – immer schon ein faschistischer. Der Jugendkult gestählter Körper, aufgerüstet mit dem guten Gewissen, gegen die Ignoranz der Massen zu kämpfen und nichts mehr kennen zu wollen als die eigene kleine, verschworene Gemeinschaft, all das trägt den Vernichtungswillen gegen alle anderen in sich. Wird rechts dieser Wille brutal und offen geäußert, muss er sich links hinter den angeblich noch so zahlreichen alten Nazis verstecken. (Und weil der Hass aufs Alter eben nie aufhören wird, wird auch in 20 Jahren irgendeine emanzipatorische Linke vom „Nazi-Opa“ faseln.)
Ein solcher Zusammenhang von Menschen, nenne er sich nun „Antifa“ oder „Nationaler Widerstand“ samt seinen ambitionierten Zielen, ausdifferenzierten Umgangsformen und kulturellen Schöpfungen ist aktiv unwahr, verlogen bis ins Mark.

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Weder wird „die Jugend“ konservativer, noch ist sie homogen links. Die sog. „emanzipatorische“ Linksparteijugend ist das Paradebeispiel. Sie will: Exzess und einen guten Arbeitsplatz; Punkrock und BMW; Koksen, Nutten, Bambule und mehr Polizei „gegen rechts“. Sie will – alles:- wo es jeweils hinpasst. Sie ist ganz sozial „gegen Hartz IV“ und verachtet dessen Bezieher – Mandy und Rico vom Lande, die mit 17 „aus Doofheit“ ein Kind gemacht haben – von Herzen.
Die Kämpfer für den Fortschritt wollen alles für alle umsonst und meinen doch immer nur den Absturz bei Freisekt und tollen DJ´s, niemals Zeit und Muße für den beschaulichen Spaziergang, die gründliche Lektüre, das angestrengte Nachdenken.

Krisensturz in gut verdaubaren Dosen, Fin-de-Siecle-Simulation, Konsum ist Freiheit, Freiheit Konsum. Tanzen gegen Nazis, Ficken gegen Rechts, Koksen gegen Deutschland.
Und am Ende soll sie ein „Grundeinkommen“ auffangen, das von den verhassten deutschen Pünktlichkeitsspießern erarbeitet wurde.
Wer das erbärmlich und schäbig findet, ist für sie intolerant, zurückgeblieben, reaktionär oder schlicht – zu alt. Aber gerne doch.

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Das Christentum ist für schwache, nicht für starke Geister, soweit hat Nietzsche recht. Für Leute, die aufgehoben sein wollen ohne Verdienst, für Leute, die sich am Glück freuen, noch einmal vom Einbruch des Todes verschont worden zu sein, ist das ihnen Zustoßende etwas zu Großes, als dass man sich mit einer kurzen Verbeugung vor dem Zufall davon stehlen dürfte.

Das tiefe Bedürfnis, Dank zu sagen, muss religiös tätig werden, wenn kein persönlicher menschlicher Retter auszumachen ist und man nicht so abergläubisch ist, an Zufall zu glauben – allein schon, damit die Echtheit des Erlebnisses besiegelt wird und auch, damit wir uns des neu geschenkten Lebens würdig erweisen.

Einer, der die Kritik der Religion zur Voraussetzung aller Kritik erklärt, Karl Marx nämlich, hat den Finger drauf:

Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.

(378)

Im Gegensatz zum Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft finde ich es jedoch erstrebenswert, den geistlosen Zuständen gerade noch zugehörigen Geist zu stärken.

Ganz links, wo man den Marx gern zitiert, um sich von Parteiweicheiern und anderen bürgerlichen „Mitmachern“ abzugrenzen, ist man stark – man ist über so etwas wie Religion hinaus und das mit gutem Recht, gehört man doch zu den Siegern dieser Gesellschaft. Nur Sieger können sich alle naselang um die Verbesserung der Welt sorgen und angebliche Rechte der Schwachen vertreten; die Schwachen müssen sich um sich selbst kümmern und dafür oben um gute Bedingungen anklopfen.

Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: MEW 1

Nachtrag: Sollten Sie eine Dreiviertelstunde Zeit haben, dann hören Sie doch bitte, was der Philosoph Robert Spaemann zum Thema zu sagen hat – gegen Ende gibt´s noch ein „Argument zugunsten der Vernünftigkeit der Annahme der Existenz Gottes“.

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