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Archive for Mai 2010

Atheist

Ich bin Atheist, sagen die, die Angst haben vor der Textverbindlichkeit einer Religion und der regelmäßigen Strenge von Ritualen. Sie haben kein Problem damit, Horoskope zu lesen, sich esoterischen Wunderheilern an den Hals zu werfen und sich vor Freitag, dem 13. bzw. schwarzen Katzen zu fürchten. Bei all dem wird nämlich Orientierung geboten, ohne sein Leben ändern zu müssen. Angst haben kann man immer, leistungslos.

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Immer wieder erstaunt mich der merkwürdige Umstand, dass diejenigen, die in ihrer radikal linken Durchgangsphase am heftigsten Hierarchien, „Mackerverhalten“, „repressive Strukturen“, „sexistische Vorfälle“ und was weiß ich noch, geißelten, später unbedingt in höchste Entscheiderpositionen, die die Republik zu vergeben hat, einrücken müssen. Es kann nur an der Lust zur Menschenmanipulation, zur Umerziehung liegen. Nie können diese Leute etwas unbefragt hin nehmen, immer müssen sie alles nach ihrer neuesten Marotte modeln. Wobei nur eins fest steht: Dass die Masse – also all die, die ihnen nicht sofort, sondern erst nach kulturindustrieller Bearbeitung folgen – die sie wahlweise Prekariat, Pöbel oder deutscher Mob nennen, in jedem Fall unrecht hat.
Der Lebenslauf der Umerzieher ist so peinlich wie die Existenz der „Titanic“-Spaßmacher, die mit der jahrelangen Produktion der immer gleichen Tabuverletzungen Rentenansprüche erwerben.
Ihr Umerziehungsimpuls speist sich aus dem offensiv vor sich her getragenen „Leiden an der Gesellschaft“. Damit ihnen das jemand abnimmt zitieren sie bevorzugt den traurigen Theodor W. Adorno – denn sie selbst wissen vor lauter Wohlsein und sozialstaatlicher bzw. elterlicher Absicherung gar nicht wohin mit ihrer Pumperlg’sundheit. Unsere einst schwarz gewandeten Jünglinge und Riotgirlies kommen heute vor Lachen nicht in den Schlaf, wenn sie an die denken, die diesen ganzen Adorno-Trash ernst nehmen und denen das Gaskammerflimmern wirklich auf die Seele schlägt.

Dem klügsten Mann des deutschen Fernsehens, Harald Schmidt, ist ähnliches aufgefallen:

Neulich habe ich wieder ein super Foto gesehen von Beckett in kurzen Höschen in Casablanca am Strand. Die armen Irren, die sich all das Negative reinziehen und dran glauben, die tun mir leid. Der geistige Mittelstand.

In einem anderen Punkt aber vermag ich ihm nicht zuzustimmen:

Sie sind hoffentlich kein Kulturpessimist?
Null! Als wir noch Gedichte konnten, war Opa in Russland.

Schon, schon. Nur: Es ist noch ein Unterschied, ob man einfach so nicht mehr Gedichte kann, oder ob man auf eine Lebensform auch noch stolz ist, in der man keine Gedichte mehr kann, ja: in der Gedichte-Können als Vorform des Faschismus gilt.

Für heute will ich ausgleichend schließen: Jeder hat das Recht auf Feigheit, Anpassung, bürgerliches Kleinklein. Doch all dies als widerständiges Leben auszuposaunen, ist erbärmlich. Warum kann man nicht einfach sagen: Die Wirklichkeit hat mich eingeholt, ich habe verloren, meine Träume sind nicht lebbar? Aber nein: Jeder Lesekreis muss ja partout die Revolution sein.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.05.10, S. 28

Nachtrag zum 20.05.: Wer sich für das Thema interessiert, dem sei auch noch dieser spannende Aufsatz von Peter Fuchs empfohlen. Hier wird Systemtheorie im besten Sinne praktisch. Fuchs bietet mehr Erkenntnisgewinn als ganze Seminarreihen.

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„Die hatten mal was miteinander, dann ist das auseinandergegangen, aber heute verstehen sie sich wieder prima“ – wie klein muss die Liebe gewesen sein, wenn ihr Zerfall nicht einmal ein bisschen Ablehnung (von Hass nicht zu reden) hervorzurufen vermag! Vermutlich bloßes hygienisches Abführen physischer Stauungen…

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Gestimmtheit

Im Altenheim.
Der demente Herr P. spricht normale Sätze, macht auch sonst einen vernünftigen Eindruck. Nur: Seinen Äußerungen fehlt nahezu jegliche Substanz. Substantive und charakteristische Verben tauchen kaum auf. Seine Sätze sind grammatikalisch halbwegs korrekte Aneinanderreihungen von Floskeln. Dies als „Wortfindungsstörungen“ zu bezeichnen, wäre reiner Euphemismus. Herr P. findet keinen einzigen wirklich bezeichnenden Begriff mehr:
„Da können wir das doch… na…hier unten noch was … vielleicht … nehmen?“ „Na klar, der hat auch nicht mehr das … dort … gehabt.“
Es gibt kaum unterscheidende Bezüge mehr. Seine Sätze transportieren – in Verbindung mit offensiver Gestik und Mimik (P. rudert mit den Armen in der Luft, wie Touristen im fremden Land) – nur noch Stimmungen. Herr P. ist ein Atmosphärendesigner. Wenn er gut drauf ist, steckt seine gute Laune an, wenn er einen schlechten Tag hat, verbreitet er Missbehagen überall.

Der Systemtheoretiker Peter Fuchs hat darauf aufmerksam gemacht, dass bei kognitiven Störungen (bspw. durch eine Alzheimer-Demenz) der Mitteilungsaspekt der Kommunikation immer wichtiger wird; die Störung bei Herrn P. verweist darauf überdeutlich. Dies kann soweit gehen, dass in der Kommunikation mit dem Dementen „nur noch“ Gestimmtheit zählt.
Hat Herr P. Angst, sich festzulegen? Ist sein Verlauf der Demenz das Totalbewusstsein von Kontingenz? Oder ist das Impressionismus?
Wie auch immer – der Job des Betreuers müsste sein, die Form dieses Stimmungsgebäudes zu kopieren und seinerseits mit Stimmungssubstanz zu füllen (Lächeln, Freundlichkeit, Ruhe durch langsames, sicheres Agieren).
Doch wie genau geht das? Wie weist man als in Begriffen Denkender den kognitiven Zugriff zugunsten atmosphärischen Raunens ab? Die Frage „Wie baut man bewusst eine Stimmung?“ ist äquivalent zu: „Wie bleibt man in der Stimmung des Trinkers – nüchtern?“

Peter Fuchs über „Das Fehlen von Sinn und Selbst“

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Seit langer Zeit mal wieder Schwulenszene. Sie ist nicht besser geworden, warum sollte sie auch. Immer noch derselbe unwürdige Jugendwahn, die krasse Kälte im Umgang, der Hochmut der Barkeeper, der Selbsthass auf die eigene Unmännlichkeit, die erbarmungslosen Witze über gealterte Körper.
Der Neoliberalismus hat sich so tief wie bei sonst kaum jemandem in die Herzen meiner homosexuellen Brüder gefressen. Man hat Geld, irgendeinen Medienjob, weiter keine Interessen und ist fest entschlossen, kein Spießer zu werden. So also bleibt man dran an der jeweils neuesten Jugendkultur und sei sie lebensweltlich so weit entfernt entfernt wie das Milieu afrikanischer Buschmänner. Was zur Folge hat, dass 50jährige Herren sich heute bevorzugt auf Scally trimmen. Stellte die schwule Okkupation der Skinhead-Subkultur wenigstens noch einen Bezug zum Alter her (Glatze!), so hat nun endgültig die Peinlichkeit gesiegt. Auf jugendlich gebretzelte Rentner mit 19jährigen Jünglingen im Schlepptau vollführen irgendwelche Hiphop-Gesten und finden nichts weiter dabei. Eine dicke Goldkette um den faltigen Hals, bemühen sie sich, so zu sprechen wie die Jungen (ganz viel: „Alder, was geht…“) und man kann sich dem Fremdschämen nur entziehen, indem man Richtung Darkroom flieht.
Könnt ihr alle bitte mal einsehen, dass ihr euch dadurch völlig zum Obst macht? Und dass es die Jungschwuppen – wie früher auch – nur mit euch aushalten, weil ihr ihnen die Getränke zahlt und über ihre brutalen Witze kichert? Kurz: Weil ihr sugar daddies seid?

Weil ich gerade dabei bin:
Das Ranschmeißen an Jugendliche durch Benutzung „jugendgemäßer“ Ausdrucksweise entwürdigt nicht nur die eigene Person, sondern tut auch der Gegenseite unrecht. Die nämlich wird einerseits enteignet von der authentischen, exklusiven Darstellung ihres So-Seins und sie wird andererseits bestätigt im Status quo (was einer Einschränkung von Entwicklungsmöglichkeiten gleichkommt). Menschen werden so immer gleicher und alle bleiben klein.
Ich empfehle also wohlwollende Distanz. Die ist auch näher am authentischen Ausdruck des Älteren – denn wenn er ehrlich ist mit sich, merkt er ja, dass er kaum noch versteht, wie die Jüngeren dies und jenes hören oder anziehen können. Er präsentiert also dem Jüngeren den Widerspruch und das wird – als Ausdruck des Ernstnehmens – auch mehr geschätzt, als die immer durchschaubare Anmaßung, er sei wie sie.

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Kurz gesagt: Gott hat es leichter. Seine einzige voll autorisierte Dependance auf Erden, die Katholische Kirche, ist merkwürdigerweise immer da, wenn man sie braucht. Sie holt Leute bedingungslos da ab, wo sie stehen, auch aus ihrem eigenen Dreck. Die Sünder liebt sie am meisten.
Alle anderen Szenen haben Zutrittsbedingungen, die Stärke verlangen, um in ihnen mithalten zu können – saufen können, schön sein, stark sein, Geld haben, street credibility durch Prügeleien, sexuelle Potenz, Belesenheit, Verachtung oder übermäßige Beachtung von Formen.
Einzig jene abgedrehte Institution, die sich als mit dem Kommunismus unverträglich erklärt, gibt wirklich Allen Raum.
Und noch merkwürdiger, dass die meisten Menschen der westlichen Welt in mindestens einer Phase ihres Lebens zu diesen partikularen Szenen gehören und nur wenige sich in der integrierenden Katholischen Kirche aufgehoben fühlen. Ihre Taufgläubigkeit ist so schwach, dass sie bei der ersten Nachricht, auch im Schoß der alleinseligmachenden Kirche gäbe es Kinderficker, mithin Sünder, sofort diese Institution verlassen, als wäre Jesus Christus nicht gekreuzigt worden und auferstanden.

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