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Archive for August 2010

Wer dies oder jenes sagt, ist „längst schon“…, hat sich „längst schon“ auf die Seite von … geschlagen, gemein gemacht mit jenen, die „immer schon…“ bzw. „nie etwas anderes waren, als…“.

Die Sprache der raunenden Andeutung. Man hat kein Argument, nur so ein ungutes Gefühl. Und nun platziert man einfach das persönlich Gehasste ins Spielfeld eines allgemein Verabscheuten.
(Nahezu überflüssig zu sagen, dass man links dieses allgemein Verabscheute immer mit dem NS, nie mit dem Stalinismus besetzt.)
Impliziert ist immer: Eine Auseinandersetzung lohnt nicht (mehr), das Gegenüber ist auf dem abschüssigen Weg, nicht mehr zu retten – die anderen, Bösen, haben wieder eine miese Seele hinzu bekommen. „Nicht gedacht soll seiner werden!“ Auf ewig verworfen sind die, die nicht mit unserer popligen Theorie sind.

Was für Barbaren, diese Radikalen. Niemand darf ausscheren aus den fest geschlossenen Reihen der Herrschaftsfreien. Meinungen werden vom Meinungsführer geändert, der Rest darf hinterher blöken.

Zweifel, Irrtum, Schwäche, Straucheln, Reue, Verzeihung, sich wieder Aufrappeln – für all das hat eine barmherzige Institution das Bußsakrament installiert.
Wem der Weg in die Katholische Kirche versagt ist, der könnte doch wenigstens: sein „nein“ nicht auf Dauer stellen, sondern auf Wiedervorlage, er könnte die Zumutung, das Gesamtpaket zu kaufen immer wieder zurück weisen. Er könnte sich vornehmen, Entscheidungen nicht auf Bühnen, sondern im stillen Kämmerlein zu treffen. Dort hat er schließlich auch die Materialien zur Prüfung der Argumente parat. Er könnte schließlich behutsam, schauend, streifend, deutend eingrenzen, was in welchen Kontexten wie wirklich ist, er dürfte niemals Angst vor Eklektizismus haben. Wann immer ein Theoretiker „leidenschaftlich“ würde, „aufs Ganze“ ginge, wäre er besonders misstrauisch und würde jede Quelle pingelig selber lesen, ehe er urteilt.

Am Rande: Nie wird die Wendung positiv benutzt, im Sinne von: „ist eigentlich schon auf der richtigen Seite“, „kann wohlwollend schon zu den Unsrigen gerechnet werden“.
In der Tat: Das Denken unserer Gesellschaftskritiker ist negativ.

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Epimenides und die Natur

Hätte Natur immer recht, wäre klar, dass etwas Außernatürliches, Kriteriengeleitetes sie zur obersten Erklärinstanz berufen hätte. Vor wem und für wen sollte sie sonst recht haben? Wie sonst ließe sich darauf einigen, dass man im Zweifel ihr zu folgen habe, wie sonst sollten ihre Urteile Geltung erlangen können als dadurch, dass jemand außerhalb ihrer selbst Probleme hätte, die sie (angeblich) klärt?

Beim gegenwärtigen Stand der Dinge kann nur der Mensch solche Probleme haben und also solche Generalerklärungen abgeben. Wenn er das tut, wendet er seinem Selbstverständnis nach nicht-natürliche Kriterien an, die angeblich vollständig zugunsten der Natur aussagen.
Natur hat also nicht immer Recht, sie hat es dann und nur dann, wenn kraft nicht-natürlicher Autorität erklärt wird, dass sie dies hat, sie es also nicht hat … hat … nicht hat … hat …

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Mathematische Phänomenologie – ein Desiderat. Exakter, aber sperriger wäre: Mathematik-Phänomenologie.
Erfordert wären Schilderungen, als was Formeln und graphische Darstellungen wirklich erscheinen (können). Und auch: wie sich in ihnen die Dinge bewegen. Hier darf man jede Art illustrierender Veranschaulichung verwenden, die unter Mathematikern zu Recht verpönt ist.

Heute: Geteilt durch 1/2.

Zunächst einmal: Geteilt durch zwei (: 2). Das meint: Geteilt in 2 Hälften. Nach der Teilung ist die Entität zerstört – ihre Ganzheit aufgeteilt, entzwei geteilt. Das ist deswegen so, weil der Divisor selbst als bona-fide-Entität(en) behandelt wird – hier: zwei in sich geschlossene Ganze.

Anders (aber wie genau anders?) bei der Teilung durch 1/2 (: 1/2). Die vorliegende Entität teilt sich durch eine nicht-vollständige Entität. Die Halben an die etwas verteilt wird, müssen aber als für die Teilung vollwertige Partner genommen werden (vollwertig im Sinne von: in der Lage, ein Ganzes anzunehmen): An ein (! ganzes) Halbes wird ein bona-fide-Ganzes verteilt. Das muss zwei mal gemacht werden, damit jede der unvollständigen Entitäten eine ganze abbekommt.

Merkwürdig – die Einsicht in Zusammenhänge sollte sich durch solcherart Beschreibung verbessern. Doch ist dadurch wirklich erreicht worden, dass man in Zukunft, wann immer der Nenner eines Bruches aus 1/2 besteht, ohne Probleme in den Zähler „mal 2“ schreibt und kürzt? Oder wird man doch wieder und wieder den Nenner als echten Bruch neben den Zähler schreiben, dann Zähler und Nenner von jenem tauschen und multiplizieren?
Ich versuche mich demnächst an weiteren Beispielen.

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Erste Sünde: Der Mensch will sein wie Gott. Jede nachfolgende Übertretung von Regeln aus Schwäche – d.h. Sünde – ist das Eingeständnis, dass er nicht Gott sein kann. Also liebt Gott die Sünder. Sie haben verstanden.

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Vor Jahren hielt ich in einem linken Wohnprojekt einmal einen Vortrag über Natur und Naturerfahrung.
Eingeleitet wurde er mit ein paar Lichtbildern, die bewusst idyllisch gehalten waren, nicht nur, aber auch wegen der Provokation gegenüber Leuten, die mehrheitlich die Schönheiten der Industriegesellschaft, wie Stadtverkehr und Techno über alles schätzen.
Die Diskussion, die kaum Zustimmung, ein wenig sachliche Kritik und viel Geschimpfe bereit hielt, verlief erwartbar. Das Muster: Natur ist Faschismus, Bauerntölpel waren die begeistertsten Nazis, die Wut gegen den Großstadtmoloch und die Metropolenliberalität ist antisemitisch, man könne doch heute nicht mehr auf Bäumen leben, wie ich anscheinend wolle… Aufklärung, Wissenschaft, rationale Welterklärung seien Errungenschaften, die es ohne Wenn und Aber zu verteidigen gälte. (Besonders putzig finde ich solche Verve bei Leuten, die mehrheitlich darauf stolz sind, keine Ahnung von Mathematik und formaler Logik zu haben und den lieben langen Tag wenig anderes machen, als deutsche Metaphysiker zu lesen).

Doch worauf ich hinaus will: In den ersten Tagen nach der Veranstaltung und nachdem ich mir diverse Ökofaschismus-Vorwürfe abgeholt hatte samt der Versicherung einer an sich sympathischen, klugen Frau, dass man meinen Vortrag hätte stören müssen, hörte ich immer wieder einen merkwürdigen Einwand: Was diese Idee, solche Postkartenbildchen zur Einleitung zu zeigen eigentlich solle? Das könne schließlich jeder – Bilder kopieren und in groß zeigen.
Meine Kritiker gingen (verifiziert durch Nachfrage) wie automatisch davon aus, dass ich mir aus dem Internet irgendwelche romantischen Naturidylle zusammen geklaubt hätte. Es war ihnen undenkbar, 1. dass ich die Fotos selbst gemacht haben könnte, mich zu diesem Zweck also ganz wirklich in die Natur selbst begeben haben müsste und 2. dass man das, was ich dort zeigte, in der Tat ohne größeren Aufwand sehen und also auch fotografieren kann.
Ihre Welt besteht wirklich nur aus grauen Betonschluchten, prügelnden Dorfnazis, die ihren Namen nicht schreiben können, dunklen Höhlen, in denen elektronische Musik wummert und: Plena, Plena, Plena…

Die Welt darf nichts Besseres bereithalten oder gar schöner sein, als es ihr misanthropisches Adorno-Klischee will. Und so schaffen die hedonistisch-kommunistischen Weltverbesserer eine Erde, die immer hässlicher wird.

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Aktive Erinnerungsarbeit

Frau K. ist schwer Alzheimer-dement; sie spricht den ganzen Tag sonor vor sich hin und setzt Erlebnisse mit Personen aus ihrer Vergangenheit in skurriler Weise neu zusammen. Spricht man sie an, baut sie die Störung lautlich und taktil in ihren „Film“ ein, eine nur halbwegs adäquate Reaktion ist nicht zu erwarten. Ein Holzkistchen mit Fotos von ihr, ihren Bekannten und Verwandten ist ihre häufigste Beschäftigung. Sie sortiert, schichtet um, mischt wieder neu und – zerreißt. Nicht oft, aber es kommt vor. Pro Monat etwa zwei Fotos. Die winzigen Schnipsel häuft sie auf, hilft manchmal auch mit, sie in die Kiste zurück zu packen. Es tut einem in der Seele weh – alte Bilder, deren Bedeutung nur sie / sie nur einsehen könnte, wäre sie nicht dement, verschwinden unwiederbringlich. Wenig wahrscheinlich, dass irgendwo noch der Film liegt. Was tun?

Soll sie jetzt nur noch unter Aufsicht Fotos ansehen dürfen, weil ihr Betreuer ihren Umgang mit ihrer Vergangenheit schwer erträgt?
Wer will sich anmaßen, ihr das Hantieren mit ihren Erinnerungsstücken zu verbieten, wenn er selbst den ganzen Zusammenhang (v.a.: das Schlechte, Peinliche, Sinistre in ihm) nicht kennt?
Und was, wenn Frau K. eine innere Uhr hätte? Eine Uhr, die dafür sorgt, dass mit dem Ende ihrer Person sämtliche irdischen Anhaltspunkte an ihr Dasein weggearbeitet sind? Und somit nur noch die Erinnerungen lebendiger Personen übrig bleiben?

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so skandierten wir, Linksradikale ohne Ambitionen, jahrelang auf Antifa-Demonstrationen, wenn uns die Polizisten durch das Anlegen von Zusatzausrüstung böswillig provozierten. Die Büttel des Rechtsstaates wollten einfach keinen Stein an den ungeschützten Kopf bekommen, die feigen Schweine! Die deutsch-spießigen Familienväter sahen sich partout nicht in der Lage, im Kampf „Mann gegen Mann“ zu stehen und Sparring-Partner für selbstgerechte Jüngelchen zu sein.
Wir, die sonst das menschenverachtende Prinzip des Kapitalismus´ wortreich attackierten, erhoben in diesem Spruch nun plötzlich das „etwas können“, ja sogar das „etwas sein“ zum Wert an sich. Da kündigte sich eine Wende an. Vielleicht sollte man doch etwas können?

Wenige Jahre später langen die meisten von uns auf den Kommandohöhen der linken Republik an, im Umerziehungsbusiness, dort also, wo man Kreativität und Arbeitseifer über alles schätzt. Welchen Weg musste man nehmen, um hinaus zu gelangen aus der linksradikalen Einsiedlerhöhle und einzugehen ins Reich der sich finanziell gut auszahlenden Besserwisserei?
Man gelangt dorthin nur auf dem zunächst dornenreichen, dann aber immer bequemer werdenden Pfad der Kritischen Theorie. Die verwüstet zwar das Denken dadurch, dass Logik nichts mehr bedeutet und nur noch Dialektik sein soll. Doch hat man sich einmal auf das Einerseits-Andererseits (denn nichts anderes ist Dialektik) eingelassen, merkt man bald, welches Wundermittel man damit an der Hand hat: Jede Sauerei kann nicht nur, sondern muss Mittel fürs Gute werden, jedes Gute wird in der „falschen Gesellschaft“ (die immer die ist, die einem nicht passt) – wenn auch nur dem Dialektiker einsichtig – Mittel zum Bösen. Und wenn die Welt so easy eingerichtet ist, Wachs in den Händen des kritischen Ideologen, dann kann man sich nie untreu geworden sein, noch jemals werden. Dann war jede Antifa-Demo Demokratieerfahrung, dann ist man eben dadurch, dass man nie etwas werden wollte, alles geworden, was erstrebenswert ist: Umerziehungsbeauftragter. Und so konnte man von der stolz gewählten Pöbelrolle geschmeidig übergehen zu einer Position, an der man alles darf und die dummen Deutschen, die einem die ganzen Courage-Vereine finanzieren, nicht nur „Rassistenpack“ bleiben, sondern auch Loser, die nicht erkannt haben, wie der Hase läuft. Wenn schon alles so falsch ist, dass nichts dem Falschsein entziehen sich kann, dann darf ich auch von Herzen Schwein sein, solange meine Kaste die alleinige Deutungsmacht besitzt.

Man fühlte es deutlich an den Polizisten von damals: Die hatten nicht das Bedürfnis, das zu können, was sie alle heute so wunderbar beherrschen: Beim großen Manipulieren mitzumischen.

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