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Archive for Oktober 2010

Das soll Musik

Kurz vorm Ende der DDR hörte ich in einer völlig überfüllten Prager Kirche dieses atemberaubende Stück:

Ich weiß, dass ich nicht allein zitterte. Viele Menschen um mich herum schauten ängstlich in Richtung Orgel, einige schnappten hörbar nach Luft.
Achten Sie auf das Ende des Mittelteils, wenn das Thema des Anfangs sich leise wieder hervor wagt.

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This is not an Exit

Im Altenheim: Ein schwer dementer, obwohl (durch geschickten Einsatz von Standardfloskeln) noch eloquenter Mann, dessen Kurzzeitgedächtnis nur die letzten Sekunden speichern kann. Somit gelingt nach einem Anstoß die Ausführung kurzer Handlungssequenzen (am Tisch sitzen –> Besteck aufnehmen –> essen), jedoch nicht die Planung von Alltagsprogrammen. Er findet sein Zimmer nicht, fragt immer wieder nach. Merkwürdigerweise wird er zunehmend traurig darüber, dass er immer wieder fragen muss. Wieso das? Wieso merkt er sich, dass er vergisst, ja mehr noch: Wieso merkt er sich nahezu nur, dass er vergisst?
Und vor allem: Wieso merkt er sich, dass seine Merkfähigkeit sogar sinkt? Eine Entwicklung zu konstatieren, setzt doch das Festhalten von Ergebnissen über längere Zeiträume voraus?

Mögliche Auflösung: Die Frage an den Betreuer ist selbst zu einem letzten gelingenden Alltagsprogramm geworden. Eiserne Ration oder Notfallspritze: Wenn Du nicht weiter weißt, tu dies…
Und immer öfter ist – Ernstfall.

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zwei Bemerkungen zur Debatte, sie zielen nur auf Seitenaspekte. Die linke Republik hat ihre Kampfvokabel „Biologismus“ ad nauseam benutzt und ist – erwartungsgemäß – nicht klüger davon geworden. Die konservative Rechte gewinnt durch ihre krampfhafte Selbstbehauptung ebenfalls nicht an intellektueller Brillanz – sie wusste schon vorm Erscheinen des Buches, dass Sarrazin endlich endlich die ganze Wahrheit sagt – Danke, Thilo – und hätte sich durch nichts von ihrem Vorurteil abbringen lassen.

Was mir auffällt:

1. Es ist bei Sarrazin keine Rede von Asyl mehr. Die Zuwanderung wird nur noch nach Nützlichkeit der Zugewanderten eingeschätzt, was zu dem logischen Schluss führt, den Familiennachzug von mit hoher Wahrscheinlichkeit Integrationsunwilligen zu stoppen. Doch was ist mit dem bestehenden Asylrecht? Gibt es keine mit dem Tode bedrohten islamischen Unterschichtler mehr? Oder „verlässt“ sich Sarrazin hier völlig auf Schengen?
Eigenartig, wie so etwas in der Debatte überhaupt nicht mehr auftaucht.

2. Sarrazin pflegt und verteidigt in Interviews seinen generalisierenden, kaum differenzierenden Blick auf die Sachlage und rechtfertigt das damit, dass er hier Probleme anspricht und nicht das feiern will, was auch ohne sein Zutun gut läuft.
Dieses Vorgehen ist m.E. gut humanistisch. Demonstration: Die Unterschicht hat diese und jene Probleme, ich, Sarrazin, schlage vor, sie auf diese und jene Weise anzugehen. Die weitgehende Ausblendung von Motivlagen und Einzelausprägungen führt zum Kern des gesehenen Missstands.
Die Gegenposition wird bspw. von der Kritischen Theorie gehalten: Unterhalb des „ganz Anderen“ will sie alles lassen, wie es ist; jeder einzelnen Differenz ist stattzugeben, jedes Besondere muss geschützt werden und sei es selbst, in sich, auch noch so unglücklich. Sie macht hier gemeinsame Sache mit den Postmodernen, die nur unterschiedliche Lebenswirklichkeiten sehen und keine abschaffbaren Schlechtigkeiten.
Menschenfreundlicher als das ganze Repressionsgerede gelangweilter Schönwetter-Revoluzzer sind Thilo Sarrazins Kältegüsse. Ihr Ziel: Die Menschen am Rande wieder mitten in der Gesellschaft begrüßen zu können. Früher nannte man das links, heute rechtsradikal.

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Ernst Jünger. Alles in seinem Umkreis beurteilt er ästhetisch. Er verschreckt auch ihm Wohlwollende durch die Abwesenheit von Moral in seinen Urteilen. Kein Problem (die „Ehre“ vielleicht ausgenommen) ist ihm so wichtig, dass er sich ernsthaft erregen könnte. Und wenn man schon soweit ist, dass einem die meisten Hemmungen der Bürgerlichen nichts bedeuten, dann lässt sich auch wieder handeln – Désinvolture.

Ich kann verstehen, dass einer in tobender Dummheit nur noch ironisch sein will, dass er es liebt, die Behäbigen durch Gewaltfantasien zu verschrecken und sich grundsätzlich nur noch snobistisch zu engagieren – doch leider wird man so auch einer der Väter des verfehlten Lebens im „Kult“.
Zu Jüngers Zeiten setzte der Gebrauch von Ironie voraus, dass man in Hinterhand das „Wirkliche“ hatte, dass man zur Not einstehen konnte für die Wahrheit, dass man „auflösen“ konnte. Wenn man das nicht kann, bleibt man besser bei der langweiligen Realität, tut Dienst, ist wohlwollend zu den Mitmenschen und hält sich im Übrigen nicht für die moderne Ausgabe von Zarathustra.
Die Westentaschen-Jüngers von heute, die, die nur noch ironisieren, parodieren, spielen, werden von niemandem in die Realität zurück geholt. Wie auch, sie werden dort ja nicht mehr gebraucht seit der Kanonendonner der beiden Weltkriege verstummt ist. Sie überziehen die Welt mit Pseudo-Provokationen, über die sich Menschen von Geschmack schon nicht einmal mehr aufregen mögen. Ihr Tabubrecher-Spiel treiben sie solange, bis sie selbst nicht mehr wissen, was sie mögen und was sie verabscheuen.

Die armen – gerade sie kennen den Ernstfall nicht, wollen ihn auch nicht kennenlernen. Im Gegensatz zu Ernst Jünger.

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Anton Bruckner – II

Bruckner – der Komponist, bei dem man sich immer wieder sagt: Wäre diese oder jene Stelle von einem anderen, wäre sie peinlich. So bspw. das Ende des Kopfsatzes der VII. Dieses Jauchzen ist eigentlich aus einem Heimatfilm. Man hört den Mut mit dem sich Bruckner sagt: Ich musiziere genau das Naheliegende und zwar in aller gebotenen Breite – und wenn die Hörerschaft noch so sehr nach Knalleffekten oder Brechungen verlangt.
Und wenn er sich ausgejauchzt hat, ist Schluss – es folgt keine Steigerung mehr, der Klang hört einfach auf.
Das korrespondiert dem bei Bruckner so häufigen musikalischen Gestus des Schreitens (Satzanfänge!). Bruckner geht los – und kommt an. Er provoziert keine Ausbrüche auf Teufel komm raus und hat keine Finten in der Hinterhand, wie so oft Gustav Mahler.

Der Linkliste wird heute die Seite der vielseitigen Künstlerin Hortense von Gelmini zugefügt. Berühmt wurde sie durch eine Aufnahme der „Nullten Symphonie“ von Anton Bruckner. Ich bitte um freundliche Beachtung.

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und zwar in englisch will die linksjugend Leipzig. Es geht um die Einstimmung auf Leipziger Anti-Nazi-Aktionen am 16.10.
Gefickt wird in Form eines „Rave“, Antifaschismus als Nachttanzdemo. Aber lassen wir die Jugendlichen selbst zu Wort kommen:

Wir laden alle progressiven Antifaschist_innen ein, am 15.10. mit vom Leipziger Westen in den Süden zu raven.

Mit unserem Motto Fu*k the Vaterland wollen wir zudem deutlich machen, dass nicht nur Nazis ein Angriff auf das schöne Leben sind. Die Realität selbst ist es.

Mit unserem Rave wollen wir gleichzeitig unsere Sehnsucht ausdrücken, die Sehnsucht nach einem Leben, in dem die Indiviuden [sic!] frei von Arbeitszwang, Ausbeutung, Diskriminierung und Elimination durch Kollektivsubjekte und Rollenbilder selbstbestimmt leben können.

Wer ist eingeladen und wer nicht?
Eingeladen sind diejenigen, die wissen, was „raven“ ist. Es bedarf englischer Sprachkenntnisse bzw. eines jugend(sub)kulturellen Hintergrunds. Kommen kann, wer „progressiv“ ist – wer den Nazismus bspw. von einer monarchistischen oder modernitätskritischen Position aus verabscheut kann wieder ablaufen.
Nicht gemeint sind alte Menschen, die – selbst wenn sie wüssten, was man auf einem Rave treibt – aus körperlichen Gründen nicht mittun könnten.

Wogegen wird demonstriert?
Gegen die Realität – die ist bekanntlich „ein Angriff auf das schöne Leben“ und gegen Nazis, die der Realität irgendwie an die Seite gestellt sind.

Wofür wird demonstriert?
Für Selbstbestimmung und Individualismus. Die Frage, wie zerrüttet ein Leben ohne Rollenbilder aussieht, welcher immense Leidensdruck dadurch entsteht, vermögen sich die Jugendlichen nicht zu stellen. Ebensowenig wie die, ob sie auch nur einen Tag lebensfähig wären, ohne Einbindung in irgendein Kollektivsubjekt.

So spricht und schreibt ein Zusammenhang, der „Freie Liebe mit allen – wen du willst, wie du willst, wo du willst“ propagiert (also auch mit Hunden, Kindern, Katzen und Steckdosen, im Straßenverkehr, auf dem Hochaltar, im Konzert, auf dem Schulhof?).

Natürlich, natürlich, ich will wieder böswillig missverstehen, so hätten sie es nicht gemeint.
Vielleicht haben sie es nicht so gemeint, sie schreiben es nur – immer und immer wieder.
Dieses ganze Emanzipationsgetue ist nichts als ein Code für junge Menschen, Trendsetter, das „progressiv“ nichts weiter als eine Chiffre für den Drogenhedonismus eingeweihter Besserwisser.

All das mag cool sein, progressiv, hedonistisch, ja vielleicht sogar irgendwie antifaschistisch. Menschenfreundlich ist es nicht.

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Mein Zugeständnis an die Zusammenbruchstheorie: Eine Gesellschaft, in deren Reproduktionszusammenhang Produkte als „mild im Geschmack“ erfolgreich (also wirklich verkaufsfördernd) angepriesen werden können, ist zum Untergang verurteilt.
Nur, damit auch ich es verstehe: Für (!) das Produkt spricht also, dass es kaum oder gar nicht nach dem schmeckt, was es anderen Produkten gegenüber charakterisiert. Gut ist also, dass ein Unterschied keinen Unterschied mehr macht, der Käse bspw. so mild ist, dass er kaum mehr käsig ist. In dieser Gesellschaft steuert die Entwicklung des Geschmacks in Richtung einer süßen Einheitspampe ohne weitere Substanz oder Eigenart. Demenzkranke bevorzugen so etwas. Es muss nur noch der Löffel gehoben (nichts mehr geschnitten und geschoben werden), man braucht nur noch zu schlucken, nicht mehr zu kauen. Die Routinen sind klar.

Nicht zuletzt: Auch „Queer“ ist mild. Verweichlichte Jungs, vermännlichte Mädchen malen sich unterschiedslos an und stellen einander ihre von geschlechtsspezifischen Formen abgeschliffenen Körper zur Verfügung. Körperliche und seelische Eigenarten, Vorzüge, Unzulänglichkeiten werden verwischt. Verlieben kann man sich in jeden, der aussieht, wie man selbst. Was bleibt, ist mildes, unaufgeregtes Aneinander-Rummachen, bis man genug hat und zurückkehrt zu emanzipatorischem Herunterwürgen der letzten chemischen Realitätsvernichter.
Sollen sie doch auf die Fresse fliegen – auf ihren Straßen aus Zucker!

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