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Archive for Dezember 2010

Vor einem Jahr habe ich allen ein ruhig fließendes, ein „geordnetes“ neues Jahr gewünscht. Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging – mir waren schon ruhigere Jahre beschieden. Nun ja, das Leben ist kein Wunschkonzert, der da oben wird schon wissen, was er macht und wahrscheinlich ist sein liebstes Erziehungsinstrument für die irdischen Verrückten das Handeln nach der Devise: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.
Ich habe dieses Jahr so viele tote Menschen gesehen, wie mein ganzes vorangegangenes Leben nicht – an jedem Bett habe ich gebetet; doch ich bin ein zu schlechter (d.h.: moderner) Katholik, als dass mir in terms of Demenz, Depression, Lähmung, Blindheit und Tod der semantische Komplex „Erleichterung – es schaffen – Erlösung“ sofort präsent wäre.

Wo bleibt das Positive?
Erklettert man sich die Höhe der Paradoxie, dass die Hoffnung selbst noch Teil des Hoffnungsverhinderungsprogramms ist, schwindet mit wachsendem Bewusstsein für die Notwendigkeit der kleinen Schritte die Resignation. Das richtige Leben scheint genau das Durchwursteln zu sein, dass es in der Theorie des Gesellschaftskritikers auf keinen Fall sein soll.

Hier mein nun wirklich bescheidener Wunsch für 2011:
Bitte keine „ungeschminkten“ Wahrheiten, „schonungslosen“ Reportagen und „schockierenden“ Bilder mehr (die immer als weh tuend, aber notwendig angekündigt werden – immer!), keine „vernichtende Kritik“.
Mehr Höflichkeit, die – nach Gómez Dávila – ein Hindernis für den Fortschritt ist. Mehr Maske und verständnisvolles Wegsehen, um die Temperatur gemäßigt zu halten. Natürlich wird umfassende Harmonie nicht möglich sein – als Kriterium für die Güte eines Streits möge gelten, wie klar die Kontrahenten ihre zugrundeliegende Unterscheidung präsentieren können, mit welcher Ehrlichkeit sie sich also der Beobachtung aussetzen.

Den universitären und frei schaffenden Handlungsreisenden in Sachen Revolution möge nicht wenig Sand ins kritische Getriebe geraten. Wenn die schöne Maschine dann steht und sie in die Lage kommen, einmal tief durchzuatmen, werden sie mitbekommen, wie borniert sie die Wirklichkeit angeschaut haben, dass diese so borniert zurück schaut.

Die Kritiker haben nichts zu verlieren als ihren Stumpfsinn. Sie haben eine Welt zu verbessern.

Kritiker aller Länder, macht mit!

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Heute kommt eine Lieferung rein – Sie wissen ja, wer mir liefert.
Äußerlich nicht anziehend, aber zweckmäßig verpackt und mit deutlicher Aufschrift: „Rundum-Erklär-Paket“. Der Inhalt: Eine Menge auf den ersten Blick sehr heterogen wirkende Theoriebausteine, die sich zu einem zeitlich begrenzt haltbaren Weltbild zusammen setzen lassen. Einmal aufgebaut ergäben sich ungeahnte Hilfen in der individuellen Lebensführung, verspricht der Hersteller.
Die meisten Teile, noch dazu mit merkwürdig vielen Haken und Ösen versehen, finden sich im ersten Paket: „Systemtheorie für die soziale Welt – Gesellschaft“. In der Erklärung für alle Teilpakete ist zu lesen:

„Bauen Sie eine Supertheorie, die in der Lage ist, auf höchstem Niveau die Gesellschaft zu beobachten und die dabei die Fallen von Ideologie und Subjekt/Objekt-Idealismus umgeht. (Weitere Hilfen bei: Luhmann, Niklas). Beim Bau an Ihrer Theorie werden Sie auf das Desiderat „Theorie der Innenwelt“ stoßen. Die Systemtheorie versorgt Sie nämlich nicht mit Menschen, sondern lediglich mit „Personen“, also Zurechnungspunkten innerhalb von Kommunikationen – doch auch wenn das Subjekt, dem einzig „Phänomene“ erscheinen können, verschwunden ist, lässt sich davon ausgehen, dass sich das Problem „Phänomen“ nicht in gleicher Weise auflöst. Mittels des Paketes „Neue Phänomenologie“ bzw. „Leibphilosophie“ werden Sie die Perspektive in einen solchen Zurechnungspunkt hinein verlagern können. So lässt sich dann auch darüber theoretisieren, wie klug und befriedigend zu leben wäre. Diese Mikrotheorie ist die ideale Ergänzung zur Systemtheorie, die die Makroperspektive gewährt.
Sollten Sie das Verhältnis zwischen beiden Theoriestücken problematisch finden, böte sich ein Universalpassstück an: die sog. Krisentheorie. Sie vermittelt Ihnen auf nahezu beliebigem Abstraktionsniveau die entstandenen Widersprüche – körperliches und psychisches Leid werden bspw. aus dem stummen Gesetzeszwang der Gesellschaft ableitbar. Die Weise des Erscheinens von Phänomenen erhält so eine historische Komponente. Nachteil dieses Verfahrens: Sie müssen Zugeständnisse an die sog. Psychoanalyse machen, ein veraltetes Verfahren universaler Erklärbarkeit, aber hoher Ideologieanfälligkeit.

Hinweis: Wenn Sie in Schwierigkeiten geraten bzw. in Zweifel über die Stimmigkeit Ihrer Konstruktion gestürzt werden, dann bauen Sie lieber an Ihrer Gesellschaftstheorie weiter!

In extrem problematischen Fällen beherzigen Sie folgendes:

… Beobachtung zweiter Ordnung ist ja nicht nur Beobachtung erster Ordnung. Sie ist weniger und sie ist mehr. Sie ist weniger, weil sie nur Beobachter beobachtet und nichts anderes. Sie ist mehr, weil sie nicht nur diesen ihren Gegenstand sieht (= unterscheidet), sondern auch noch sieht, was er sieht und wie er sieht, was er sieht; und eventuell sogar sieht, was er nicht sieht, und sieht, daß er nicht sieht, daß er nicht sieht, was er nicht sieht. Auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung kann man also alles sehen: das, was der beobachtete Beobachter sieht, und das, was der beobachtete Beobachter nicht sieht. Die Beobachtung zweiter Ordnung vermittelt einen universalen Weltzugang.

Wir wünschen Ihnen viel Freude mit unserem Produkt.

Fa. Drei-Einig & Co.

P.S.: In den letzten Tagen ist der Eigentümer-Familie ein Sohn geboren worden. Wir hoffen, dass er schon bald den Support für unser Produkt aufnehmen kann.“

Luhmann, Niklas: Identität – was oder wie? in: Soziologische Aufklärung Bd. 5 („Konstruktivistische Perspektiven“), Opladen, 1993

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meine Güte, was Sie wieder alles bei mir suchen: „exit bahamas robert kurz wertmüller“ beispielsweise.

Doch weder intrigante Platzkühe, noch „penetrierende Stachel“, weder schonungslose Kritik, noch „eminent politische Fragen“ sind das Problem dieses Bloggers. Er kann der Aufklärung wohl positives abgewinnen, ist aber durchaus beleidigt, wenn ihn jemand „Nazi“ nennt und geht dann davon aus, dass dieser Jemand auf Verständigung und Diskussion keinen Wert legt. Ein „Forum der Kritik“ (gesprochen: „Krittiehk“) braucht er nicht und auch gegen seine Stadt hegt er keine Wut. Er nimmt antideutsche, wertkritische und sonstwie linksradikale Schriften zur Kenntnis wenn und soweit das seinem Exit-Programm dient, aus psychotherapeutischen Gründen also.
Darüber hinaus findet er, dass akademisch wohl versorgte Leute wenig Grund haben, allerorten „Tristesse“ zu diagnostizieren. Wenn sie es noch quietschbunter brauchen, können sie ja wegziehen, wenn sie es kosmopolitischer haben wollen, können sie englisch reden.
Möchte jemand allerdings „kritische Kerne“ bilden, denkt er sofort an den Terror linker Zellen und kann das ganze Getöne, es ginge „gegen den linken Konsens“ nicht mehr recht ernst nehmen. Gebranntes Kind eben – ich weiß schon, dass Sie noch nicht wissen, was damit gemeint ist. Aber vielleicht bietet sich Ihnen ja mal eine Denkpause vor dem Eintritt in irgendein schwer kritisches Institut, das was mit Juden und Narrativen macht.
Wenn es dem kultivierten Umgang dient, ist er für „faule Kompromisse“ und er meint – trotz der Lust an gelegentlichen Seitenhieben – dass Menschen sich vertragen sollten.
Für Psychoquark und Gedöns fragen Sie doch bitte im Jugendzentrum Ihres Vertrauens bzw. in Halle/Saale nach, der ausgewiesenen Hauptstadt der kritischen Bewegung. Vielen Dank und Frohe Weihnachten!

P.S.: Lieber Leser, Sie verstehen überhaupt nicht, worum es in diesem Abschnitt geht? Das freut mich. Für Sie mache ich diesen Blog. Bleiben Sie mir gewogen!
Gerade Ihnen: Frohe Weihnachten!

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Starke Frauen,

gern mit „West“-Sozialisation, freuen mich immer wieder.
Ich denke an Chefinnen und Universitätslehrerinnen in meiner Vergangenheit – ihre toughe Verbindlichkeit, ihre höfliche Härte, ihren anti-tussigen Ernst fand ich merkwürdig anziehend.
Gerade denjenigen, der hofft, bei weiblichen Vorgesetzten die eigene Anspannung etwas lockern zu können, erwischen sie kalt. Getue, Gesülze, Betulichkeit sind ihnen wesensfremd, sie nehmen die Sache des Mannes in die eigenen Hände und zeigen, was aus ihr werden kann – im guten wie im bösen.
Ja, Männer haben es bei ihnen grundsätzlich schwerer.
Eine schwache Seite haben die starken Frauen aber doch: Man schleicht sich durch Leistung in ihr Herz.

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Esoterik ist fanatischer Determinismus. Alles lässt sich erklären, ist (para-)wissenschaftlich determiniert – durch Strahlen, Kräfte, Schwingungen usw. Diese und nichts anderes bewirken Einschneidendes. Wer das leugnet, ist bösartig oder dumm, mindestens zur Einsicht des wirklich Wichtigen unbegabt. In einem kann die Esoterik mit der belächelten Naturwissenschaft gleichziehen: der Unbarmherzigkeit. Immer ist von Anfang an klar: Es muss so kommen, niemand entrinnt. Die Calvinisten haben mit diesem Credo wenigstens gearbeitet – die Esoterik will nur noch zum Mitjammern verführen.
In den heutigen westlichen Gesellschaften, die nicht mehr christlich-reaktionär sein wollen (Inquisition und so), in denen man lieber pendelt und Edelsteine balanciert, findet man den Satz: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ zynisch. Dabei meint der doch heute (!) nichts anderes, als: „Du bist nicht unwichtig, kannst hier noch etwas ausrichten. Vertraue auf deine Kräfte, deinen Verstand, dein Gefühl und du wirst sehen: Auch in der Welt „geht noch was“ – nicht erst ‚para‘ bzw. im Jenseits“.
In einer Grauzone zur Esoterik nistet die Kritische Theorie. Auch nach ihrer Diagnose soll alles immer schon zum Guten oder Bösen bestimmt sein – nicht nur bei erklärten Übersinnlichen. Dass sie angeblich wünscht, ihre harte, traurige Diagnose möge falsch sein – geschenkt. „Es wirkt“, „es denkt“ und je ungläubiger die dummen Massen schauen, desto klarer wird dem Eingeweihten der geheime Mechanismus bzw. „Verblendungszusammenhang“. Der Theoretiker jongliert weiter mit seinen Begriffen und hat er sich völlig verrannt, hilft immer noch – die Dialektik.

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Dich erkennt man ja heute daran, dass Du mindestens drei Haarfarben auf dem Kopf hast. Dein männliches Pendant muss dafür mit ungemein vielen Piercings im Gesicht zurecht kommen. (Wenn nicht gar ein sog. Tunnel appliziert wird – der vorerst schlagendste Beleg für den Untergang des Abendlandes.)
Nein, leicht habt ihr´s wahrlich nicht. Ehemals linke Signale müsst ihr nun in der linken Republik krampfhaft mitbenutzen. Die kämpfenden Fraktionen haben den Antifa-Look übernommen und ihr, quasi die Hartz-IV-Proleten des Rechtsradikalismus´, müsst heute so aussehen wie die Schmuddelpunks von einst.

Nun könntet ihr mit dieser Unlogik in der alltäglichen Lebensführung ebenso gut bei der radikalen Linken unterkommen und dort in Dialektik machen. Ihr wisst nicht, was das ist? Nicht schlimm, die Linken wissen´s auch nicht und im Grunde ist das auch nicht wichtig.
Und es ist eigentlich auch nicht tragisch, wenn einem der Weltgeist solche eher harmlosen Streiche spielt. Aber wenn ich so auf meine bunthaarige Vergangenheit als schwuler Modepunker zurück schaue, amüsiert mich´s eben doch.
Kleiner Tipp: Das nächste große nationale Ding ist – Transe in schwarz-weiß-rot.

Nichts für ungut…

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Das Ende der Symphonie scheint gekommen, am Anfang des 21. Jahrhunderts. Gustav Mahler, der Komponist des Klischees als Darstellungsmittel, hat kräftig daran mitgewirkt. Er selbst ist Opfer der von ihm mitbegründeten Art zu fühlen geworden. Dafür hat er die Höchststrafe kassiert: Die Eingemeindung in den Konzertbetrieb. Der Skandal, Kuhglocken im Konzertsaal hören und Schlagwerk „bis zur höchsten Kraft“ anschwellen zu lassen, wird längst nicht mehr als solcher empfunden. Längst überdrehen moderne Dirigenten das dreifache forte ins Unerträgliche (und stellen dieser Übertreibung leider keine anderweitige Untertreibung an die Seite), längst gilt seine Karikatur der Schtetl-Heimeligkeit (in der I. Symphonie bspw.) als wirklich kitschig und gerade deswegen als – „groß“ (die Rede vom „Kult“ wird gerade noch gescheut). Das Bittersüße ist nur noch süß – auch und gerade wenn das im Zuge einer Zeit stattfindet, in der man sich Süße nur noch bitter vorstellen kann: In jedem Fall wird immer weniger die Differenz gehört – nur noch das Krasse an Mahler wird gewürdigt. Das Hören zweiter Ordnung ist also nur ein abgerüstetes: Es hält nicht die Differenz zum „schicklichen“ Klang präsent, sondern ist immer schon Kleinhauen oder Abschleifen des Gehörten.
Die Art, „gebrochen“ zu fühlen, ist nicht nur en vogue, sondern mittlerweile selbst zum Topos geworden. Filmkomponisten wissen schon seit vielen Jahren, was seit Mahler zu tun ist; man hat sogar den Eindruck, es werde direkt abgeschrieben – bspw. von Laurence Rosenthal im „Kampf der Titanen“ aus dem ersten Satz von Mahlers III. Nebenbei: Das ist eine Entwicklung, die bei Bruckner kaum möglich ist. Bruckner ist immer absolute Musik, Mahler illustriert – zu seiner Zeit noch – ungeschriebene und unerhörte Geschichten (daher auch sein Widerwille gegen erklärte Programm-Musik à la Strauss).
Noch in einer weiteren Hinsicht ist Mahler entschärft worden. Er hat über die Verwendung von Rückert-Gedichten als Liedvorlagen einmal sinngemäß gemeint, diese seien sicher keine erstklassige Dichtung, aber wären sie das, bliebe ja für seine Musik ja nichts mehr zu tun. Im Zeitalter des forcierten Subjektivismus´ und Dilettantismus´ reüssieren Naive allerorten und werden als authentischer Ausdruck ihres immer schon gerechtfertigten Lebensgefühls gefeiert. Wiederum: Die Differenz (hier: von hochkulturell / naiv) ist kassiert worden. Da ist schon kein Wunder mehr, dass an Mahlers Ästhetik des Schrecklichen nur noch die krasse Mittelverwendung bemerkt wird.

Mahler sagte einmal: „Meine Zeit wird kommen“. Die Mahler-Renaissance setzte Anfang der 60er Jahre ein. Heute stehen seine Werke mindestens so häufig auf den Spielplänen wie Beethovens Symphonien und regen keinen mehr auf. Mahlers Zeit kam schnell (50 Jahre nach seinem Tod 1911). Freuen kann man sich kaum mehr darüber. Doch ist weniger seine Zeit gekommen, als dass eine Anverwandlung der Zeit an Mahlersches Fühlen stattgefunden hätte.

Doch je mehr Grenzen überschritten werden, je verästelter die Stadt-Subjektivität von Individuen wird, die sich nur noch im Tabubruch spüren, je mehr die Konfliktbereitschaft der auf ihr Straucheln Stolzen an die Oberfläche dringt, umso mehr wird das Schale einer Zeit hervortreten, die nicht nur unernst ist, sondern auch noch unernst sein will.
Diese, Mahlers, Zeit wird möglicherweise bald vorbei sein. Und das wäre nicht nur schlecht.

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