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Archive for Januar 2011

An einem Sommertag mit dem Fahrrad am Kanal. Mit mir: Tagpfauenauge und Zitronenfalter. Der eine flattert vor mir her, um Land zu gewinnen – ist der Abstand zwischen ihm und meinem Rad groß genug, setzt er sich auf die Mitte des Weges und genießt, die Flügel weit ausgebreitet, die Sonne. Wenn ich ihm mit dem Rad gefährlich nahe komme, rappelt er sich auf und das Spiel beginnt von vorn. Anders der Zitronenfalter – meist fliegt er neben mir her, bleibt hin und wieder etwas zurück oder prescht vor Richtung Tagpfauenauge. Ihm hat es nicht die Sonne angetan, sondern die Blüten am Wegesrand. Er scheint sie prüfend zu verkosten. Ein Genießer – aber wieviel Mühe macht er sich mit seinem Genuss, im Gegensatz zum Tagpfauenauge. Dessen Gammelei ist zermürbend – schließlich muss er sich immer wieder von mir aufstöbern lassen. Wie unbefriedigend, hätte Goethe missbilligend-mitleidig wohl gedacht. Nun ja, nicht jeder hat das Zeug zum Verkoster, doch vielleicht gäbs für unser Tagpfauenauge ja unten am Fluss was zu entdecken? Zitronenfalter müsste ihn einfach mal auf Tour mitnehmen. Wenn ihm das nicht behagt – nun gut, dann eben nicht. Doch wollen wir hoffen, dass Tagpfauenauge dann auch die Energie versagt bleibt, Zitronenfalter zur „Wegelümmelei“ zu verführen und dies auch noch als ultimative Schmetterlingsbefreiung auszugeben. Wie traurig wären die Blumen ohne ihren kritischen Kenner…

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Der klappernde Shoah-Aufarbeitungsbetrieb lässt die Erinnerung an das vergangene Geschehen im Wissenschaftsfortschritt aufgehen. Kein Wunder, denn jener ist Tummelplatz der Progressiven.
In vergangenen Jahrzehnten konnte man als geläuterter Antifa-Linker in irgendwelchen Sozialbuden unterkommen: Man machte dann eben weniger was gegen Nazis und mehr was mit Obdachlosen oder unglücklichen Drogenpunks. Das Judendingens überließ man verbitterten konservativen Knochen, die, man weiß nicht wieso, auf diesem Thema hängen geblieben waren. Doch heute, da die Punks keine Drogen mehr nehmen, geschweige denn unglücklich sind, Obdachlose die besseren Nazis werden wollen und die Einkünfte aus Sozialarbeiterstellen den „hedonistischen“ Lebensstil der 2.0-Linken kaum finanzieren können, heute also steht diese Alterssicherung nicht mehr so unproblematisch zur Verfügung wie einst.
Ein Glücksfall, dass unseren Gesellschaftskritikern das Aufkommen der Shoah-Mode (die bis zu den militanten Veganern gedrungen ist) nicht entging. So hat sich der Massenmord für einen Teil der Deutschen doch noch gelohnt – freilich nur für die „emanzipatorischen“ der deutschen Linken. Man kann ungeheure Mengen weit ausholender Arbeiten über die Unverstehbarkeit von Auschwitz bzw. darüber veröffentlichen, dass man mit dem historischen Geschehen nicht einmal schreibend umgehen kann. Ein Papier nach dem anderen wird rausgehauen und in jedem zweiten wird gesagt, man dürfe eigentlich gar nichts schreiben. Was man dann jedoch ausführlich tut. Lacht jemand mit?

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Die Neoliberalen, die Linksradikalen, die Kreativjobber und die Kulturrevolutionäre wollen sich nicht zufrieden geben. Knallhart zeigen sie Defizite auf, üben „vernichtende“ Kritik, müssen weiter, immer weiter. Soviel Schmutz ist noch in der Welt, der weggeräumt gehört, sie wollen ins Freie, hinaus in die Klarheit, weg aus Dämmer und Zwielicht, aus der Schwüle der eigenen Verstrickungen, der alltäglichen Kompromisse, des armseligen Versagens.
Sie haben ein Sündenbewusstsein, das sich mit dem jedes Fundamental-Katholiken messen kann: Immer bleiben sie hinter ihren eigenen Möglichkeiten zurück, scheitern und müssen also wieder Anlauf nehmen. Jeder Text, jedes Werk hätte besser, stärker, präziser sein können und ist doch nur das geworden, was es ist. Das nächste Mal aber werden sie es schaffen, die kommende Formulierung zwingt den Kommunismus herbei, die nächste Marx-Abhandlung ist nun endgültig das letzte Gefecht.

Von Demenzkranken könnten sie lernen, wie destruktiv das Anknüpfen an Defiziten ist. Das lustvolle Wälzen in der Sünde und die masochistische Freude beim Abwaschen ihres Schlamms haben die Welt noch nie besser gemacht.
Stärkend und liebevoll darauf Bezug zu nehmen, was gegeben ist, zu betonen, dass das Gebliebene das Wesentliche ist, dass man nicht verworfen ist, weil schon wieder so viel verloren wurde – das ist humanistisch, wenn auch vermutlich nicht radikal.

Es heißt nicht: „Lieber Gott, tilge unsere Sünden ein für alle Mal aus“, sondern bekanntlich:

„Herr Jesus Christus, schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke ihr nach deinem Willen Einheit und Frieden.“

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Verstehen wir mit Luhmann das Gedächtnis als Prüfung der Konsistenz von Operationen (189), dann wird uns eine Deutungsmöglichkeit für die moderne Hingabe an Verrücktheiten, Irrationalität und die Hochschätzung von Neuigkeiten jenseits inhaltlicher Substanz eröffnet. All das ließe sich schlicht als Gedächtnisverlust beschreiben, bzw. zunächst als fester Wille zu ihm. Zwar sieht Luhmann das Gedächtnis im engeren Sinn auf psychische Systeme beschränkt, erweitert später aber die Anwendungsmöglichkeit des Begriffs und nimmt ihn unter den Stichworten „Kultur“ und „Semantik“ in die Gesellschaftstheorie hinein.
Der Reaktionär, anachronistisch von Hause aus, wird so zum unglücklichen, weil erfolgarmen Retter des von den Fortschrittsfanatikern Preisgegebenen, er wird zum Logiker – er will partout Gründe für den Verzicht. Je krasser das Missverhältnis zwischen einzelnem und Gesellschaftsgedächtnis, umso logischer, umso reaktionärer, umso unglücklicher wird dieser Einzelne über das Fehlen von Gründen bei den anderen.
Unterstützung erfährt diese Tendenz dadurch, dass die Bewusstseinsfunktion sich in neuerer Zeit von Denken auf Wahrnehmen verlagert (ebenfalls eine Luhmann-Diagnose). Daher der immer stärkere normative Sog des Faktischen, daher auch das Nicht-Beleidigt-Werden-Können und die zunehmende Unfähigkeit zur Scham – Hauptsache man wird wahrgenommen, es bedarf keiner qualitativ ausgestalteten Position jenseits des Krassen (der Quantität) und schon gar keiner Auseinandersetzung mehr.

Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung Bd. 6 („Die Soziologie und der Mensch“), Opladen, 1995

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Rechthaberei, materieller Geiz, Bisexualität, Beschützen-Müssen und Loyalität können als ein Komplex verstanden werden: Es soll mir nichts weggenommen werden. Was ich habe (Erkenntnis, Geld, Begehren, Vorgesetzte), gebe ich nicht mehr her. Wenn man Robert Spaemann (bspw. S. 33) glauben will, stehe dies für die politische Rechte.
Die Linke sei gekennzeichnet durch: Erfüllung, Betonung der subjektiven Freiheit und die Angst, etwas zu versäumen. Rechts hingegen befürchte man, etwas zu verlieren und präferiere also alle Anstrengungen zur Erhaltung des Vorhandenen.

Ich denke mir hinzu: das Moment der Reminiszenz im Fetischismus. (dazu s. bspw. Hartmut Böhme: „Fetischismus und Kultur“ über Freud). Hier will/kann man nicht fortschreiten zu den höheren Stufen der sexuellen Entwicklung, man verharrt, wird konservativ, ja reaktionär.
Doch muss man darüber nicht unbedingt im Modus von Defizienz sprechen. Es ist auch edel, niemals den ersten Eindruck verraten zu wollen, gerade dann nicht, wenn ich mich an ihn nicht mehr erinnern kann und mir nur noch die Atmosphäre vergangener Ordnung bleibt.

Robert Spaemann: Moralische Grundbegriffe, C.H. Beck, München, 2004

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Jetzt, beim Auftauchen der Subkultur-Nazis von den Autonomen Nationalisten rächt sich, dass Antifaschismus nie etwas anderes war als Antifa-Jugendkultur und es rächt sich auch die Oberflächlichkeit des Anständigkeitsantifaschismus´ der Älteren, denen lediglich das martialische, rowdyhafte Auftreten der Faschoskinheads aufgestoßen war. Die Jung-Antifas behaupteten gesellschaftlich das coolere Äußerliche, die Alt-Antifas leugneten die Wichtigkeit von Äußerlichem. Die einen gut und schön, die Anderen gut und vernünftig. Doch seit einiger Zeit ist folgendes klar:

1. Jede Politik – gerade die an den radikalen Rändern – muss sich anpreisen und potenzieller Anhängerschaft, sowie den Medien als fortschrittlich verkaufen: Wo wir sind, ist vorn, was mir machen, wirklich neu. Wir sind nicht verstaubt, wir sind ganz, ganz coole Säue.

2. Für die heutigen Jugendlichen besteht ein starker Druck, sich einer Jugendsubkultur zuzuordnen (zu der Zeit, in der ich einschlägig sozialisiert wurde, gab es immer noch eine Mehrheit nicht subkulturell Sozialisierter). Doch u.U. bleibt man in dieser nur für jeweils zwei Wochen, weil es anderswo noch cooler ist.

In diesen Zeiten haben Jung- und Alt-Antifas ihr Monopol eingebüßt. Die Nazis sind spannende Jugendkultur geworden. Schwarz gewandet, Piercings im Gesicht, malen sie die allerfeinsten Anglizismen auf ihre Transparente. Im Gegensatz zu früher nennen sie sich heute selbst „Nazi“. So wie es das Exclusiv-C gibt (in „Clo“, „Schocolade“, „Calculation“ bspw.), gibt es das Niedlichkeits-I (Mobi, Lauti, Soli und nun eben auch – Nazi). Sie erobern sich die gesellschaftskritische Wut, das Binnen-I der Geschlechtsneutralität und die Toleranz gegenüber Iroträgern. Che Guevara, das Palituch und „Ton Steine Scherben“ gehören ihnen längst. Ernsthaft wird in den einschlägigen Foren gegen Homophobie argumentiert. Vegan kochen können viele der neo-germans schon längere Zeit. Vorbei die Zeiten der glatzköpfigen, seelenlosen Schläger, der ostdeutsch zurückgebliebenen Anabolikamonster. Der Nazi von heute ist: flink, informiert, unglaublich emo und brutaler als je zuvor.
Abstoßende Äußerlichkeiten kann man an den coolen Nazis kaum mehr finden.

Konsequenterweise verlegt sich die Antifa heute auf die Recherche über Klamottenmarken. Wenn die Gegenseite schon genau so aussieht, spricht, schreibt und demonstriert wie sie selbst, muss man wenigstens in einem anderen Hause „arbeiten lassen“. Sie möchte wieder Anschluss gewinnen an den radikalen Zusammenhang und selber das Coolness-Ticket ausgeben. Man kann es ihr nicht verdenken.

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Der Widerspruch ist die Form, in der kritischen Intellektuellen das Optimierungsproblem erscheint.

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