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Archive for April 2011

Was hatten wir Linken in den letzten Jahren nicht alles für Fetische: Arbeitsfetisch, Staatsfetisch, Militanzfetisch (Selbstkritik!), Geschlechtsfetisch(ismus, R. Kurz), Geldfetisch, Machtfetisch …
Die Anhäufung belegt, wie herunter gekommen linke Theorie mittlerweile ist. Bei Marx, dem Erstanwender dieses Begriffes in kritisch-theoretischer Absicht, ist von all diesen Fetischen nichts zu lesen: Bei ihm findet sich – im sog. Fetischkapitel des „Kapital“ (1. Band) – eine Auseinanderlegung des „Fetischcharakters der Ware“, dem ein Geheimnis attestiert wird. Jeder Gegenstand kann in einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation „sinnlich übersinnliches Ding“ werden, das zwar von Menschen geschaffen wurde, sich ihnen gegenüber jedoch wieder verselbständigt – eine komplizierte, elegante und hoch spekulative Theoriefigur, die Marx einführen musste, weil er anderenfalls nicht hätte erklären können, worauf es ihm ankam: Dass innerhalb der kapitalistischen Produktion ein Geheimnis ruht, das geknackt werden muss, um zur bewussten gesellschaftlichen Organisation durchzustoßen.
Heute findet man nahezu nur noch den Fetisch als Kampfvokabel. Fetisch wird all das, was Menschen viel zu wichtig nehmen, das, was sie tiefer hängen sollten, dorthin, wo es nicht mehr „Wahn“ ist, wo es nicht mehr das „Eigentliche“ verdecken kann. Die Prüderie jung-linker Bewegungen kapriziert sich also auf die Bedeutungsebene des geschlechtlichen Fetischismus´, um Gehasstes zum Abschuss freizugeben.
Weil die jungen Bewegungshuber selbst nichts mehr wichtig nehmen wollen, ja, weil ihnen das Wichtig-nehmen als solches verdächtig geworden ist, wird überall der Fetisch gewittert. Augenzwinkernd spekuliert man in der Polemik gegen den „Arbeitsfetisch“ auf das Unbehagen, das von sexuellen Abweichungen bei allen Rechtfühlenden hervor gerufen wird. Man steigert sich in einen Dauermodus der Empörung:- etwas, woran man „Fetisch“ hängen kann, ist endgültig geliefert.
Dem „Fetischcharakter“ ergeht es ähnlich wie der „abstrakten Arbeit“ – die ist auch nicht einfach analytischer Begriff einer bestimmten Theorie geblieben, sondern Kampfterminus für den linken Emo geworden. „Abstrakt“ und „Fetisch“ – das darf nicht sein.

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Nein, unsere emanzipatorischen unter den Genossen finden nichts dabei in einer Partei zu sein, die ihnen nicht gefallen kann. Ihre Unlogik, den festen Willen zum Dumm-Sein und Mitmischen tarnen sie als Unverzagtheit, als Verantwortungsgefühl für das Gute, gegen die Finsterlinge. Sie lassen sich nicht unterkriegen – nicht von den verachteten Zonis, den „Arbeitswahnsinnigen“ und von der Logik schon gar nicht. Niemand wütet stärker gegen die eigenen Parteimitglieder, als die „emanzipatorische“ Jugend.
Leicht haben sie´s (mit der Logik) wahrlich nicht: In der Flottenpartei der Höger und Paech sind sie irgendwie für Israel.
Als erklärte Aufklärungsfreunde machen sie eine Veranstaltung mit einem geschworenen Aufklärungsfeind – und finden nichts dabei.
Die Parteiführung gedenkt der Weltkriegstoten, die Splitterjugend bejubelt alliierte Bombardements, scheiß doch drauf, ja, das ist nicht logisch, das ist pluralistisch. (Nebenbei: Nein, das meint Gotthard Günther mit der „polykontexturalen Gesellschaft“ nicht.)
Die Alten loben an der DDR die Abwesenheit von Drogen, die Jungen vertilgen soviel auf einen Ritt, als wollten sie gleich heute DDR-Verhältnisse wieder herstellen.
Werden auf einer Demonstration Polizisten als Bastarde beschimpft, gegen die nur „fight back“ helfe, läuft die Leipziger Bewegungsliese von der Linkspartei vorn mit – ihr doch egal, dass der Ordnungsbürgermeister aus ihrer Partei kommt.
Immer immer geht es irgendwie ums große Ganze, in dem wir uns irgendwie einig sind. Nur worin das besteht, weiß keiner. Dabeisein ist alles.

Kommt vielleicht einer der wenigen noch verbliebenen freischaffenden Freudo-Adorniten mal auf die Idee, diese sehr spezielle Menschengruppe mit psychoanalytischen Mitteln zu untersuchen? Nein? Dacht´ ich mir´s doch – der Psycho-Pathologisierung anheim fallen Leute rechts von der CDU, nicht links von der SPD.

Da fällt mir zum Schluss doch noch eine Gemeinsamkeit der linkssozialistischen Generationen ein: Gelesen wird nicht. Theorie findet nicht statt. Die Alten gehen sammeln und die jungen – layouten. Herrlich – so gibt es immer mehr Geld für immer schönere und dümmere Flyer. „Wunderbar ist das alles“ (Loriot).

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Jesus rettet die Jünger nicht aus wirklicher Gefahr, ihnen kann ja nichts passieren, weil er bei ihnen ist. Sie sind seine Jünger auch, weil sie das wissen und sie haben Angst, weil sie es nicht in jeder Minute ihres Lebens wissen. Jeder harte Windstoß wird ihnen dann ein „Vielleicht ist es nicht wahr.“.
Jesus nimmt aber ihre falschen Bedürfnisse ernst, im Wissen um ihre subjektiven Qualen – Definition der Barmherzigkeit. Er weiß, dass die, die den Kelch des heutigen Tages nicht trinken, ihre irdischen Wehwehchen nicht so übergehen können wie der Gottessohn. Und: Er überfordert sie nicht, indem er bspw. die Szenerie auswechselt, nein: Einem guten Arzt gleich beseitigt er das Übel und lässt die übrigen Lebensumstände intakt.

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Das Private ist politisch. Ja, leider. So mag´s die fortschrittliche Gesellschaft und die Linken tun gern mit an der Durchdringung noch der letzten Winkel mit hoher Politik.

In der Innenpolitik ist man bspw. gegen Bonusprogramme. Ob Karte oder Coupon, der Einzelhändler buhlt um Kundenbindung, manchmal möchte er lediglich die eigene Postleitzahl wissen – doch der informierte Linksradikale rotzt dem Kapital kräftig in seine dreckige Fresse und lehnt ab. Man schrammt zwar finanziell meist nur knapp an Hartz IV vorbei, bzw. liegt sogar darunter, doch um Himmels willen mag man sich vom Einzelhandel keinen Rabatt geben lassen – denn dann „können die ja dein ganzes Einkaufsverhalten rekonstruieren“. Dann wissen die Kapitalistenschweine nämlich, dass auch der Kritiker Butter kauft … und das muss unterbunden werden.
So lächerlich diese Hochschätzung des Individualitätssurrogats Konsum ist, so anmaßend geht´s in der Außenpolitik zu: Boykott – man kauft bestimmte Dinge nicht mehr, weil irgendetwas Schlimmes mit ihnen verbunden wird. Von Hartz IV hat man sich noch immer nicht verabschiedet, doch jetzt wird mit 364 € ausgeben/nicht-ausgeben ins Weltgeschehen eingegriffen. Die Privatentscheidung als Nachfrager wird dezisionistisch aufgeblasen – Carl Schmitt für Dummies.

Systemtheoretische Rückfrage:
Was bleibt ausgeschlossen, wenn man so privat-politisch handelt?
In der Innenpolitik: Die Einsicht, dass man genauso ist, wie andere Käufer auch. Nichts, gar nichts trennt mich von denen, die vor und hinter mir in der Schlange stehen. Einführung des Allquantors: Aus unzähligen Motiven können alle alle angebotenen Waren kaufen oder verschmähen – das bleibt so, mit und ohne Bonusprogramm.
In der Außenpolitik: Wenn zwar legale, moralisch aber vollständig abzulehnende Waren boykottiert werden, dann gibt es so etwas wie einen hochwertigen Konsum – nämlich der Waren, die „ganz anders“ produziert/vermarktet werden. Auf diese Weise braucht man vom Wachstum selbst, das man im Übrigen ganz in Ordnung findet (beschert es doch alljährlich das neueste Handy-Modell), nicht zu reden.

Nichts dagegen, in die Erwägung von Kaufentscheidungen politische Präferenzen einfließen zu lassen. Im Gegenteil. Aber so?
Es ist zu einfach, alle hypermoralisch unter Druck zu setzen, die den eigenen Vorlieben nicht folgen. Und kaum erträglich ist es – mindestens für die Logik – dass diejenigen, die vom Abgelehnten am meisten profitieren, es am meisten bekämpfen.

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Nicht weniger (aber auch kaum mehr) als das Bewusstsein davon, dass man auf Verzeihung nicht wird verzichten können.

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Von Dementen sagt man, dass ihre Fähigkeit zu fühlen zuletzt untergeht, längst nach allen kognitiven Fähigkeiten. Man merkt es: Sie haben ein Gefühl für Stimmungen, für das, was „in der Luft liegt“. Man könnte ihr Verhalten oft als Atmosphärenanzeiger nehmen.
Nimmt man Atmosphäre als das, wodurch Umgebungsqualitäten und Befinden aufeinander bezogen sind (23), ergibt sich ein Problem: Ebenso oft wie man erstaunt ist, wie fein Atmosphären erspürt werden, wird man darauf gestoßen, dass Demente (gerade die Alzheimer-Klientel) in ihrem „eigenen Film“ sind. Doch das ist ja ein Zustand, in dem gerade kein atmosphärisches Spüren möglich ist. Wo wären denn hier die quasi-objektiven „Umgebungsqualitäten“?
Versuch einer Auflösung: Ihre Atmosphäre ist demenz-individuell, die Umgebung durch ihre demenziell-vermittelten Stimmungslagen gemacht, aus ihnen und von ihnen herausgesetzt. Herausgesetzt, nur um sie als äußere erspüren zu können. Die objektive Qualität ist subjektiv gemacht – als objektive. Doch weshalb können nicht-Demente das Spüren von Demenzatmosphären spüren, in denen Objekt und Subjekt uneindeutig werden? Logisch zweiwertig ist das leider nicht.

Böhme, Gernot: Atmosphäre, suhrkamp,1995

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Was haben die Böhme-Brüder im Sinn, wenn sie sich von einer speziellen Ästhetik – nämlich ökologischer, bzw. Naturästhetik – gesellschaftlichen Umbau erhoffen (z.B.: G. Böhme: Für eine ökologische Naturästhetik und auch H. Böhme: Einführung in die Ästhetik)?
Nicht nur, dass das Umkehrprogramm sich nicht durch die Mittel des zu Überwindenden korrumpieren lassen darf, sondern v.a., dass nur eine Änderung von Haltung bzw. Stellung zur Natur uns nicht wieder rückfällig werden lässt. Nicht vorrangig Nutzenerwägungen, oder Einsicht in die Endlichkeit fossiler Rohstoffe, nein: Ästhetik ist das angemessene Mittel für die ökologische Wende, bei Beigabe von viel Ruhe und Langsamkeit. Wer begriffen hat, dass Ästhetik eine unveräußerliche Qualität ist, wird nicht mehr versuchen, die Natur – nach einer kurzen Zwangspause zur Abwendung der härtesten (das menschliche Leben akut bedrohenden) ökologischen Schäden – wieder bis aufs Letzte auszubeuten. Die Böhmes wissen, dass Angst die Menschen nur kurzfristig fasziniert. Ein Gefühl für Landschaft jedoch, die Bereitschaft (vielleicht schon übergegangen in Gewohnheit), Anmutungen aus der Natur aufzunehmen und sie individuell zu beantworten, die Empfänglichkeit für die sprachlose Sprache der Natur, all das sackt tiefer ins Bewusstsein. Noch die Generation der heute 60-Jährigen hat Anschluss ans romantische Naturempfinden, während gutwillige 18-Jährige an der Natur v.a. die Möglichkeit von Bewegung in frischer Luft schätzen. Ihnen zu zeigen, auf welche Weise Naturschönheit ihre „Lebensfreude steigert“, ist ökologisch weit effektiver, als dauernd den Kauf umweltschonender Produkte zu predigen. Diese sind nur Trost fürs schlechte Gewissen, jene kommt dem allerersten Bedürfnis junger Leute entgegen – neue Erfahrungen zu machen.

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