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Archive for Mai 2011

Immer tue ich Menschen unrecht. Was sei denn „linke Szene“? Das sei doch nur ein Konstrukt für meine Feindbilder, schließlich ist jeder anders; die drogen-hedonistische Lebensweise gebe es doch gar nicht, sicher, sicher, von Zeit zu Zeit würden einige Individuen, die sich auch untereinander durch gemeinsame Gruppenzugehörigkeit kennen, mal Drogen nehmen, doch hätte das nichts mit einer Lebensweise zu tun. Man selbst würde ja auch mal tanzen, mal arbeiten, mal ins Grüne gehen.

Sicherlich gebe es da und dort in einer bestimmten Szene problematische Einstellungen zur DDR, doch könne man nicht alle über einen Kamm scheren. Schließlich kenne man selbst jemanden, der das alles ganz anders sehe.

Thilo Sarrazin verallgemeinere unzulässig bestimmte Erscheinungen, die auch Moslems betreffen, auf den Islam. Er würdigt nicht jede einzelne, sich gesetzestreu und fleißig verhaltende islamische Familie. Die gebe es eben auch, wovon Sarrazin aber nichts wissen wolle.

In der Gesellschaft der Massen soll man also immer und überall den Einzelfall würdigen. Und nicht nur das: Man soll auch nach dieser Würdigung noch auf jegliche nachgeschobene Generalisierung verzichten. Eine Deutung, eine Erkenntnis durch Begriffsarbeit darf nicht stattfinden. Jeder Tag bringt das ganz neue, ganz unbekannte, bunte Leben mit sich. Nichts soll sich durchhalten: Bedürfnis nach Tabula rasa, Infantilität.

Nebenbei: Müsste die Ablehnung „ungerechter“ Generalisierung nicht auch für den sog. Verblendungszusammenhang gelten? Weshalb unterliegen dem denn plötzlich alle, während kurz unterhalb seiner immer nur den „Differenzen stattgegeben“ wurde?
Kurz: Vielleicht gibt es dessen Totalität ja gar nicht, sondern lediglich viele, viele Individualitäten, die rein zufällig das gleiche wollen?
Nun, lieber Kritischer Theoretiker, da würden Sie wohl lieber nicht mehr mittun beim Differenzieren? Da plädieren auch Sie für eine kräftige Generalisierung, was?
Also: Verabschieden wir das Ressentiment gegen Schema und Begriff und versuchen wir am Einzelfall die Berechtigung jeweiliger Generalisierung zu zeigen. So können uns Gegenargumente empirischer Art auch wieder hinreichend verunsichern, denn vielleicht müssen wir ja eine gefundene – in jedem Fall: zuspitzende – Deutung fallenlassen.

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Wer ist eigentlich auf der höheren Demenzstufe? Frau S., die ihr Zimmer nicht finden kann, weil sie nach einer halben Minute dessen Lage wieder vergessen hat oder die Pflegekraft, die Frau S. alle Nase lang anfährt: „Ich hab´ Ihnen doch schon hundertmal gesagt ‚Links rum die Nummer 6!'“. Kann sie sich nicht merken, dass Frau S. sich nichts merken kann?

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wenn Ihr Euch etwas leistet, eine Anschaffung tätigt, Euch halt etwas besorgt für Eure Lebenshaltung, dann tut Ihr all das nicht mit dieser Formulierung – vielmehr habt Ihr Euch etwas – „geholt“.
„Da bin ich gleich ins ABC-Center gefahren und wollte mir das XY-T-Shirt ‚holen'“.

So eine Art „abholen“, was?! Aus dem Lager Eures Anwesens? Und der gemütliche Verwalter mit seiner dicken, ebenso gemütlichen Frau haben Euch schon am Tor empfangen? Und das Verlangte bereit gehalten?
Nein?! War nicht so? Vielmehr war das irrsinnig günstige Angebot am zweiten Tag schon ausverkauft und Ihr seid zugunsten irgendwelcher „Hartz IV-Assis“ leer ausgegangen?
Und mal angenommen, Ihr hättet bekommen, was Ihr wolltet – hättet Ihr es einfach eingepackt und wärt nach leutseligem Gruß zum Verwalterpaar von dannen gezogen? Auch nicht?! Vielmehr wäre Euer Bestes überhaupt, Euer Geld, von Euch gefordert worden für das Gewünschte?

Also wenn das so ist, kleine, im Grunde Eures Herzens doch recht zufriedene, Leute, redet halt nicht so geschwollen vergangenheitsselig daher. Bis zuletzt habt Ihr Euch eingesetzt für Euer T-Shirt – und dann eben doch verloren. Vielleicht klappt´s beim nächsten Mal – und Ihr kommt in die glückliche Lage, Euch ein solches T-Shirt – „kaufen“ zu können.

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Der Knoten ist geplatzt, man hat die Kurve gekriegt. Formulierungen, die die meisten von uns einmal von ihren Eltern gehört haben werden. Der Drogentod ist nicht eingetreten und auch das Obdachlosenasyl musste einen nicht aufnehmen. Man ist nicht im Suff vom Dach eines besetzten Hauses gefallen, wie unsere Eltern immer befürchteten. Im Gegenteil: Es gab nicht viel zu springen und dennoch hat das „System“ ein riesiges Sprungtuch ausgebreitet. Irgendwann lässt sich die Erkenntnis nicht mehr abweisen, dass man dabei ist. Und merkwürdig: Die Repräsentanten des Schweinesystems ekeln sich nicht permanent vor sich selbst, wie man immer dachte, sondern sind oft privat angenehme, loyale Menschen. (Hören Sie mal Tocotronics „Ein Abend im Rotary Club“: Und es herrschte ein Vertrauen / es war mir fast ein bisschen unheimlich…)

Warmherzig belohnen sie einen selbst noch für die Resignation in der Absage an die meist ungezogen-beleidigend vorgetragene Gesellschaftskritik. Sie finden uns so – ehrlich. (Wenn sie wüssten…) Ihrerseits ehrlichen Herzens freuen sie sich – wie sie denken: mit uns – dass wir vernünftig geworden sind. Doch dass es Sachgründe dafür geben könnte, zum Emo-Konservativen zu werden, kommt ihnen, den Sorglos-Liberalen nicht in den Sinn. Ihnen ist die Nützlichkeit so nahe, dass sie verbiesterte Nutzenmaximierer, Ellenbogenrüpel nicht sein müssen – der Tag hat nicht mehr als 24 Stunden.

Es ist wie im Museum und man selbst ist das Hauptexponat.
Was kann man in dieser Lage noch tun? Zunächst: Das Missverständnis schildern. Seinem Gegenüber die Kontingenz von Lebensläufen in einem System verdeutlichen, das seinerseits die Kontingenz der eigenen Geschichte auf Dauer gestellt hat. Versuchen, ihm Probleme zu bereiten, ohne die Selbstverständlichkeit seiner Lebenshaltung unrecht zu finden.

Und am Ende darauf bestehen, dass man selbst Unterlegener ist.

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Wenig schöneres, als ein verächtliches Lächeln auf den Lippen derjenigen Dummen zu sehen, die unsere Ideen für von vorgestern halten. Das wenigstens haben sie verstanden. – Doch ein paar wenige Leute würden wir so sehr verachten, dass wir uns vor ihnen nicht einmal lächerlich machen wollen. Würden, wenn wir nicht so katholisch wären.

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Dem jüdischen Komponisten, der am Ende seines Lebens Amerika – in das er aus Wien durch eine antisemitische Kampagne vertrieben wurde – als seine wahre Heimat erkannt hat, wird durch die Stadt Leipzig ein Festival gewidmet. Jammerschade, dass die antideutsche Linke nicht ein paar Jahre eher auf den Trichter gekommen ist, er sei in Wirklichkeit einer von ihnen. Zwar ist der katholische (!) Komponist mit Hang zur Naturmystik nicht nur wegen der Pressekampagne, sondern auch wegen der überhandnehmenden „Schlamperei“ an der Hofoper aus Wien geflohen – „aber Alder, das is so Rille, Du hast trotzdem voll die Brechung drin in seiner Musik.“

Bei ihm ist immer was los, nie wird´s langweilig. Und man kann wissen, dass am Ende die Metaphysik immer „stürzt“ – vielleicht nicht in der II. und VIII., aber die hat Papa Teddy ja auch nicht kanonisiert.

Fast jeder Aufschwung wird bei Mahler kurz vor´m Triumph zunichte gemacht. Das ist Krise und Kritik! Nun ja, es ließe sich einwenden: So funktionieren auch S/M-Sessions. Die Inszenierung und Ästhetisierung von Kämpfen und ihre von vornherein festliegende Aussichtslosigkeit, all das kann mehr mit Lust am sexuellen Ausnahmezustand als mit Spengler von links zu tun haben. Wer will das schon so genau wissen? Und schließlich: Wie passt Gustav Theodor Fechner zur angeblichen Kritik des k.u.k-Zeitalters?

Die unvermittelten Dur-Moll-Wechsel, über die schon so viel geschrieben wurde, müssen sie über den Umweg der Schtetl-Romantik wirklich die Ahnung von Auschwitz sein? Vielleicht sind sie auch (nur?) der Vorschein für die Hysterie, die Überdrehtheit der grund- und haltlosen Postmoderne? „Lachen unter Tränen“ – einst eine Errungenschaft für die von allzu viel Edelgetue schöner Seelen geprägte nachklassische Symphonik, heute allgegenwärtig, gefordert geradezu, um die Komplexität eigener Emotionen demonstrieren zu können.

Die Wiederentdeckung der Melismatik – wurde sie nötig durch den Zerfall der Leitmotivik bei Wagner (und ist so deren Kritik), oder ermöglicht sie die Einübung in die Schlüsselreizsetzung nachfolgender Zeiten, in denen jeder konsistente Zusammenhang von Emotionen verloren gegangen ist und in denen man sich mit Surrogaten begnügt?

Und ist all das nicht nur neu, sondern soll auch unbedingt „neu“ aussehen, Werbung für die Attraktivität des Ungenügens am herkömmlichen Apparat?

Fragen über Fragen…
Doch jetzt ist erst mal alles egal: Party ist angesagt. Bis Ende Mai dreht sich alles um den Kultkomponisten! Und zu allem Überfluss kommt auch noch Gerhard Scheit – und natürlich macht er was mit Jude-Sein-und-so. Und dann noch Floros über Adorno. Herrlich!

Ein Muss für jede_n emanzipatorische_n Linke_n!

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In Roms Kolosseum. Auch an dieser beeindruckenden Ruine ist der feste Wille flippiger Ausstellungsmacher zu fortschrittlicher Modernität leider nicht vorüber gegangen. Geschichtliche Informationen werden in Form einer Multi-Media-Aufführung geboten. Da im Internet-Zeitalter gedruckte Daten zum Thema keinesfalls mehr genügen können, wird ein knalliger Film (viele historische Kostüme!) mit dem Ende von Mahlers V. Symphonie (!) und dem Anfang von Beethovens Eroica (!) unterlegt. Ein wahnsinniger Kehraus der zerfallenden Spätromantik und die Musik der Aufklärung schlechthin als Illustration von antiken Machtdemonstrationen. Es ist zum Weinen – wenn´s beim Hauen und Stechen drunter und drüber geht: Mahler. Wenn irgendein römischer Kaier einzieht: Beethoven. Klischee-Hören.

Läuft im Fernsehen ein Beitrag über Rechtsradikale, kann nicht auf die weissgesenkelten Springerstiefel im Hintergrund verzichtet werden. Das Nazi-Accessoire der 90er ist unter den Kameraden heute ungefähr so beliebt wie Egon Krenz bei den Autonomen.
Ein Einspieler über irgendwelche Hackerattacken. Das Fernsehen zeigt lange Reihen grüner Computerzahlen aus MS-DOS-Zeiten.
Klischee-Sehen.

Wir werden abgespeist. Es genügt, dass uns erfolgreich die Wiedererkennung antrainiert wurde. Innere Stimmigkeit, Stil, Konsistenz spielen längst keine Rolle mehr. Jeder weiß es, alle kichern innerlich und tun mit im Betrieb der Abgewichsten. Man setzt einander nichts als Signale vor und findet Substanz antiquiert.
„Daß jedem bekannt sei, was über ihn ergeht…, scheint von der Besinnung darüber zu befreien, was es ist. Das Phänomen wird zur hinzunehmenden, gleichsam unabänderlichen Gegebenheit, deren hartnäckige Existenz allein schon ihr Recht beweise.“ (Adorno, Einleitung in die Musiksoziologie)

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