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Archive for Juli 2011

Lange Zeit habe ich mich gefragt, was nur gemeint sein könnte mit der „Servicewüste Deutschland“, die FAZ und tutti quanti wieder und wieder meinten anprangern zu müssen. Die Innenstadt-Verkäuferinnen mit ihrem Dauergrinsen, das bleckende Lachen des Banker-Azubis, wenn er einer Oma die Tür aufhalten darf?
So langsam aber scheint die Realität die Zeitungspolemik bestätigen zu wollen. Vielleicht hängt es mit dieser unfrohen, gereizten Stimmung zusammen, die sich, ausgehend vom Hartz-IV-Milieu (wie Sarrazin richtig beobachtet), über das Land legt.

Da hätten wir bspw. maulige Sprechstundenhilfen, die gedachten, sich einen schönen Vormittag ohne Patienten zu machen und nun tatsächlich für Geld etwas tun müssen. Und sei es auch nur, Chipkarten einzulesen und ein paar 10-€-Scheine entgegenzunehmen, von alten Leuten, die mich schicken, weil sie nicht mehr selbst in die Praxis kommen können. Diese wollen gern Patient bleiben, dem Arzt weiterhin Einkommen verschaffen, ohne ihn jetzt akut zu stören.

Die schwer genervte Dame wäre mich gern los. Ob ich nicht morgen wiederkommen könne? Schließlich erhebt sie sich mühsam aus ihrem Stuhl: „Sie sehen ja, was hier los ist!“ – große Geste ins Rund. Vor mir steht niemand, nach mir ist niemand eingetreten, im Wartezimmer sitzen zwei Leute, mucksmäuschenstill lesend.
Ich kichere, sie geht wortlos ab – jeder Zoll schnaubende Empörung.

Deutschland, Du hast es besser – wenn das die Probleme der geknechteten Lohnabhängigen sind.

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Wohin soll ich blicken, wenn ich einmal keine Plappermäulchen mit künstlichen Fingernägeln sehen will, keine Handies, getunten Wagen, schreienden Sonderangebote, keine „lohnenden Ausflugsziele“, keine kanalisierten Flüsse, keine Alternativkneipen, Wohngebietsgaststätten und Polsterwelten?
Wohl nur nach oben, nicht wahr, HERR?!

Breivik, nur eins: Die Fresse braucht man Ihnen ja nicht mehr zu polieren, Sie haben sie ja selbst schon auf Übermenschen-Hochglanz gewienert. Nur einer kann Ihnen jetzt noch vergeben.
Und nun kein Wort mehr über Sie!

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so skandieren die Profi-Migranten, die linken Gutmenschen und Diskussionsverweigerer. So geschieht es in der antinational befreiten Zone, Berlin-Kreuzberg.

Was war passiert?
Thilo Sarrazin läuft mit der Filmemacherin Güner Balci durch´s Viertel, um das nachzuholen, was ihm alle, alle Fernsehmigranten wieder und wieder vorhielten – doch endlich einmal sich um die Leute selbst zu kümmern – nicht nur über sie zu schreiben – und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Das allerdings wird in den nächsten Minuten vereitelt, denn in Kreuzberg gilt das Blut-und-Boden-Prinzip: „Wir leben hier und Sie leben hier nicht“, ist an diesem Tag das Argument gegen Thilo Sarrazin. „Ich lebe hier, ich lebe hier, ich lebe hier“, wird Sarrazin ostinat entgegen gerufen und so das Interventionsverbot für raumfremde Mächte (hier: der Demokratie für den Kleinraum Kreuzberg) durchgesetzt.

Sie müssen gesehen haben, wie diese Bagage ohne Rücksicht auf Verluste ihren Kiez verteidigt: „Sie haben nix hier verloren“, „Hau ab!“ wird dem immer ein wenig tapsig wirkenden, um gleichbleibende Freundlichkeit bemühten Sarrazin entgegen geschrien.

Linksparteiler und Migrantenvertreter, nicht selten in Personalunion, leisten „Widerstand“ – was im heutigen Deutschland kaum mehr auf Redeschlacht oder juristisches Verfahren hinaus läuft, sondern als sinnloses Niederbrüllen dessen, der als Unmensch markiert wird, beginnt und endet. Die Reste räumt ein trauriger Tropf aus dem Parteimilieu auf, der genau wusste, dass Sarrazin nicht komme, um „etwas gut zu machen“, sondern lediglich, „um sich zu produzieren“.

Sehen Sie hier aber auch Thilo Sarrazin als Verteidiger des herrschaftsfreien Diskurses – auf die Verteidigung durch dessen Erfinder werden Sie lange warten können.

Wenn alle aufsteh´n wie ein Mann gegen den Nazi Sarrazin und „für die Freiheit, für das Leben“ (so die unsäglichen linken Krawallmacher) die Parallelkultur Berlin-Kreuzberg verteidigen, will eine wohl nicht mittun: Güner Balci, die Filmemacherin. Doch die zählt nicht: Die ist ja irgendwie nicht mal richtige Türkin. Sie bezeichnet sich zwar fortwährend als Deutsche – doch das hilft ihr nicht. Sie ist und bleibt wohl Kurdin.
Ich weiß nicht – und schlimmer: es kümmert mich nicht – wie es rassisch, „blutmäßig“ und „volklich“ um Güner Balci bestellt ist. Darüber müssen Sie andere befragen – die multikulturellen Menschenfeinde vom Migrantenverein um die Ecke und die Antifa-Gesellschaft mit allzu beschränkter Haftung.

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Wir müssen einsehen, wie unsere Freude mit dem Leid geliebter Menschen verknüpft sein kann. Wenn eine Freude auch Leid eines anderen schafft, das einen selbst wiederum leiden lässt, kann man auch von Dialektik oder Gleichgewichtssystem sprechen. Pathetisch: Ausweis der falschen Gesellschaft. Banal: Es ist dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Das geht auch andersherum: Unser Leiden kann mit dem Umweg über die Freude anderer zu unserer Freude werden. Der Systemtheoretiker Dirk Baecker sagt sinngemäß: Der Kapitalismus erhebt die Entschädigung für Verzicht zur Motivation selbst. So erfahren wir, was Verantwortung ist.

Wir lernen, uns abzufinden mit dem Mangel an überschäumenden Freuden. Aber wir werden auch entschädigt – mit dem guten Gewissen, nicht egoistisch zu handeln, nicht übertrieben zu haben, etwas geschaffen zu haben, wo zuvor nur Öde war. Verantwortung schafft Zufriedenheit.

Wer in diesen Verhältnissen anstrebt, dass Freude nie mehr mit dem Leid anderer zusammenhängt, sorgt für die Gleichverteilung – des Leids. Wir wollen die Rechnung ja nicht ohne die Erbsünde machen.

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Im Wartezimmer meines Hausarztes hängt eine bildliche Darstellung mit der Überschrift „Lieber Patient, hier sehen Sie die wichtigsten Helfer Ihres Arztes“. Darunter folgen beschriftete Vignetten: „gesunde Ernährung“ – Messer und Gabel, gekreuzt; „kein Nikotin“ – Hand, eine Zigarette haltend; „wenig Alkohol“ – Mann, der erschöpft, tief ins Glas schaut; „viel Bewegung“ – Mann, auf einem Hochrad sitzend; „wenig Stress“ – Mann, im Sessel sitzend mit einem Buch in der Hand.

Diesen Wahnsinn sehen nun große und kleine, junge, alte, mittelalte Leute. Jedes Mal, wenn jemand ehrlichen Herzens darüber schmunzelt, wird die Welt ein bisschen schlechter.

Also: Was ist was? Gesund ist eine Ernährung, wenn sie mit Messer und Gabel eingenommen wird. Man bewegt sich, wenn man ein Hochrad fährt. Saufen ist gleichbedeutend mit der Aufnahme von wenig Alkohol. Kein Nikotin nimmt man dann zu sich, wenn man eine Zigarette hält (und raucht?). Wenig Stress bereitet es, sitzend zu lesen.

Lediglich die Komplexe Stress und Bewegung sind logisch korrekt dargestellt.
Ansonsten wird – ohne Rücksicht auf Logik – nur frei assoziiert. „Rauchen“ ist das, was man mit einer Zigarette macht – ob nun ganz, wenig oder gar nicht ist völlig egal. Alkohol hat irgendwie mit Trinken zu tun – aber eigentlich auch mit Putzen. Ernährung kann sich mit Messer und Gabel vollziehen – allerdings sowohl gesund als auch ungesund.

Und dann wundern sich alle über die Pisa-Studie. Wenn sie nicht gerade den Kognitionsverlust, der mit einer Demenz einher geht, als schrecklichste Krankheit überhaupt beklagen.

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Die iPhone-Fetischisten, Electroliebhaber, die Modemenschen und die jungen sonnenbebrillten Träger asymmetrischer Frisuren – sie alle bewegen sich in der Großstadt so naiv und tumb wie ein Bauer auf dem Dorfanger. Einst gab es ein Bewusstsein in der Stadt, dass fortgeschrittene Zivilisation sich auch in Umgangsformen zeigen müsse: Grüßen, Ausweichen, Vortritt lassen, Hut ziehen, aufmerksam sein für die möglichen Bewegungen der anderen (im Wortsinne: „zuvorkommend“), gewandt sein ohne Hektik, ungezwungen und doch nicht enthemmt, jederzeit zur Entschuldigung des Fehlverhaltens anderer und zu eigener Hilfestellung bereit.

Und heute? Die Trampel der Innenstädte fläzen sich nach erfolgreicher Shopping-Tour wie Bauarbeiter aufs Trottoir. Wenn sie gerade einmal nicht lümmeln, dann laufen sie, die sonst schnelle Autos durch gefährlichste Situationen lenken, an Computerballerspielen blitzschnell reagieren können, ohne links und rechts zu gucken über die Fahrbahn. Immer wieder neu sind sie erstaunt über heran brausende Autos, ihre Empörung ist so echt, dass man kurz daran zweifelt, sie hätten bisher überhaupt etwas von deren Existenz gewusst. Dann wieder stehen unsere Naturverächter im Weg herum wie störrische Maultiere, ohne mitzubedenken, dass in der city mehrere Menschen ihnen nachfolgen – im Gegensatz zu den Verhältnissen auf dem Dorfanger. Andererseits: Auch wenn ausreichend Platz ist, rüpeln und rempeln sie sich durch die Gegend.

Sie, die so gern möchten, kommen nicht hinterher. Peter Sloterdijk spricht vom „ewigen Ptolemäer“, der auch in erklärten Kopernikanern „noch am Leben ist“ (64 f.) Zwar habe die „kopernikanische Verwirbelung“ (65) uns dahin gebracht, dass wir „die Welt nicht sehen, wie sie ist, sondern daß wir ihre ‚Wirklichkeit‘ gegen den Eindruck der Sinne denkend vorstellen müssen“ (57), doch unser „sinnliches Zuhause“ werde nach wie vor durch den „Betrug der alten Schemata“ (65) gestaltet.
Alles soll „im Prinzip“ (Sender Jerewan) schneller, sauberer, künstlicher, technischer werden – doch irgendwann wird gegessen und da sollte es natürlich zugehen. Wo immer die Sinne in´s Spiel kommen, werden die hartgesottensten Fortschrittler reaktionär. Da weiß man, wie ein Brot zu schmecken hat, was guter Sex ist, welchen Eindruck frisches Wasser macht. Da fragt man nicht nach dem „Begriff von Natur“. Da geht man eben los und bremst nicht mehr ab, da muss man sitzen, unabhängig davon, dass alle vor und hinter einem laufen.
Diejenigen, die die Zumutungen forcieren, folgen ihnen am wenigsten. Steigerung der Gegensätze aneinander: Je mehr man können muss, umso mehr genehmigt man sich die Dispensierung von auch noch den kleinsten Anforderungen.

Sloterdijk, Peter: Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung, Frankfurt am Main, 1987

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Autonomer Straßenkampf und geisteswissenschaftliches Studium – ein und dasselbe. Immer wissen die Intellektuellen der Faust oder der Stirn, was die Leute wirklich wollen, immer sind sie im Bunde mit der Geschichte. Die massenhaften personellen Überschneidungen (früher Antifa, heute kritischer Theoretiker, morgen Doktorand) sind nur noch Illustration dafür.
Die Form linksalternativer Kommunikation entspricht perfekt diesem Inhalt von Umerziehung: Weil alles ausgesprochen werden muss, um Geltung beanspruchen zu können, werden (vorsorglich, um nicht zu kurz zu kommen?) permanent Gefühlsausdrücke ventiliert, auf die sich dann alle anderen, wenn auch nur floskelhaft, einstellen (müssen). Es entsteht so ein Brei von Gefühlsheuchelei, in dem nichts mehr so gemeint ist, wie es gesagt wird.
Unbekannt im linken Universum: das vornehme Schweigen, das bedingungslose Hinnehmen des stechenden Arguments, der markante Abschluss und auch die Antwort mit einem Zitat (man lässt jemand Berufenerem den diskursiven Vortritt). Diskussionen zerfasern zeitlich (unklarer Beginn, unklares Ende), örtlich (unklare Treffpunkte, Teilnehmerzahlen) und thematisch (Springen von einem zum anderen). Unmerklich wird die eigene Position von geäußerten Irgendwie-Meinungen verschleimt und auf die gewünschte Seite bugsiert. Leute werden bearbeitet – bis zur Erschöpfung. Immer soll schon Konsens ums große Ganze herrschen und gerade weil das so ist, müssen in Detailfragen (die einzig wichtigen – hier geht es um die Sache!), die Unterschiede verschwinden: Die Arbeiter wollen immer schon die Revolution, die Bürger am Fenster müssen sich nur noch „einreihen“ (immer sind sie nur passiv, nie dürfen sie anderer Meinung sein), alle Menschen wollen selbstbestimmt leben (wobei Katholiken dann die Eigenschaft des Mensch-Seins fehlt).
Und wenn man sich darüber einig ist, dann ist „ja klar“, was jetzt zu tun ist – und dann wird´s links beinhart. Dann findet jede Gruppe zu nahezu identischen Formulierungen, keine Differenz darf unbearbeitet bleiben.

Zahme Vögel singen von Freiheit. Wilde Vögel fliegen vom Plenum zum Seminar und sogar wieder zurück.

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