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Archive for August 2011

Gibt es kein von der Religion zur Verfügung gestelltes Gut/Böse mehr, muss der Mensch ähnlich Fungierendes erfinden und landet vielleicht bei „Leidvermeidung – Leidvermehrung“. Dies nachentwickelte Kriterium lässt sich aber von vornherein nicht vollständig praktizieren (bspw. Tötung bzw. Ausbeutung von Tieren und Pflanzen) und muss modifiziert werden. Das wiederum scheint kaum problematisch, da es der Mensch ja auch geschaffen hat. „Man soll seine Prinzipien beherrschen und sich nicht von ihnen beherrschen lassen“, meint schlau der Aufklärer, entwirft Leidklassen und und legt Grenzwerte für Einwirkungsdauern von Leidursachen fest. Doch wieviel Beherrschung verträgt etwas, damit es noch Prinzip bleibt?
Jede zugelassene Abweichung ist Aufweichung: Zunächst wird -zutreffend- Gut/Böse als je historisch änderbar wahrgenommen, danach wird denkbar, gut und böse seien zwar nicht irreal, doch bloß „ein Gegensatz, in dem beide Elemente komplementär sind“ (Benedikt XVI., diese Ansicht kritisierend). Schließlich ist der Relativismus herrschende Denkform geworden und die Tür zur Selbstvernichtung des Menschengeschlechts steht offen. „Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten – und sie kommen in Scharen.“ (Chesterton).
Wie entgeht man dem, ohne sich dem Fundamentalismus in die Arme zu werfen? Wohl nur über die folgende Struktur: „unbedingte Geltung einer unverhandelbaren Regel – ihre unmögliche Einhaltung – Bereuen mit anschließender Betrachtung über das Wesen des Versagens – Verzeihung“. Diese Art, sich zu Gut/Böse zu stellen, ist prinzipienfest und doch praktikabel. Und sie steht schon seit längerer Zeit zur Verfügung.

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heißt es in einem der schönsten deutschen Volkslieder: Ade zur guten Nacht. Die Gesänge bei YouTube sind scheußliches Geschmalze, deshalb hier die Instrumentalversion:

Dass Schönheit zum Lieben (nicht nur: zur Geilheit) bringen kann, wird heute kaum mehr verstanden. Jüngere Leute von heute wollen nur zweierlei kennen: überwältigenden (in des Wortes doppelter Bedeutung) Sex – Abreagieren ohne weiteres Interesse am anderen und tiefes, wuchtiges Einssein, inkl. regelmäßigen Sex´ und der gemeinsamen Bewältigung zweier tödlicher Krankheiten, wahlweise des Aufbaus eines Unternehmens.

Nahezu undenkbar, wenigstens unanwendbar auf das eigene Leben die Bezauberung, das Tändeln, die Hitzewellen „da Herz bei Herzen lag“, all das, was in dieser Weise aus dem 19. Jahrhundert anklingt; die innige Verbindlichkeit des Augenblicks. Dass die Schönheit von Lippen nur der richtig verkosten kann, der sich ein wenig in deren strahlendes Lachen verguckt, gerät in Zeiten obligatorisch gewordener Grenzüberschreitung aus dem Blick. Dass des anderen Lippen nur der richtig genießt, der ein wenig mehr als nur die Lippen will und ein wenig mehr als nur die Lippen gibt.

Aber:

Die Mädchen in der Welt
Sind falscher als das Geld
Mit ihrem Lieben.
Adé zur guten Nacht,
jetzt wird der Schluss gemacht,
dass ich muss scheiden

Wird hier nicht schließlich doch noch das Loblied von üblicher Echtheit und genormter Tiefe gesungen? Wie können die Mädchen falsch sein, wenn doch auch sie nur die Schönheit des Gespielen „zum Lieben gebracht“ hat, deren Empfindung dann eben von einem auf den anderen Tag verloren ging? Dann dürfen doch auch sie legitim „(vergessen) da Herz bei Herzen lag“?

Natürlich dürfen sie! Und deshalb wird statt dessen gesungen

Die Mädchen allzumal
sind wie ein Sonnenstrahl
mit ihrem Lieben!
Ade zur guten Nacht,
jetzt wird der Schluss gemacht,
dass ich muss scheiden.

Wie ein Sonnenstrahl! Heiß, wellig, innig, doch in absehbarer Zeit verschwunden. Sein Weggang ist nicht Lüge und nicht Dementi – als er da war, war er ganz da. Nie mehr ist die Konstellation reproduzierbar. Sie sind nicht wie das wärmende Feuer, aber auch nicht zuverlässig wie die Glühlampe oder unstet wie ein einsames Blinken in der Nacht.
Ein Sonnenstrahl bricht aus dem Grau, wenn Schönheit zum Lieben bringt.

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Gott, Glaube, Himmelreich – vom Menschen erdacht zur Erklärung von wissenschaftlich noch nicht Erklärbarem.
Weshalb aber ist die Sonne über einer morgendlichen Frühlingswiese schön? Weshalb führt diese ganze Konstellation dazu, dass wir uns kräftiger, intensiver lebend, fühlen? Weshalb sitzen wir gern in der Sonne und weniger gern im Graupelschauer? Die in sich konsistente Antwort der Atheisten müsste lauten: Weil der Sonnenschein einen für die menschliche Reproduktion nützlicheren Zustand anzeigt, als der Graupel. Das mag auch sein:- Dennoch ist unser Gefühl des Schönen, Kräftigen nicht diese Nützlichkeit, geht nicht in ihr auf. Wäre es so, wäre dieses Gefühl auch durch ein Butterbrot zu ersetzen, auch das ist nützlich, kräftigt und kann ansprechend aussehen.
Das, was nicht aufgeht, kann, doch muss nicht in jedem einzelnen Falle vom Glauben getragen werden.

Wer aber glaubt, kann sich konsistent darum bemühen, sein Gefühl des Schönen zu rechtfertigen. Er kann Konsistenz anstreben, ohne schlechtes Gewissen, ohne Angst vorm Ruch des allzu Empfindsamen. Was nicht bedeutet, dass seinem Streben Erfolg beschert ist.
Zwar: „nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen” (Lk 22,42), aber wie schön ist es, zu versuchen, Gott auf den Fersen zu bleiben. Bei diesem Lauf hat die Vernunft nicht wenig zu tun. Und sie wird nicht mutlos, auch wenn sie weiß, dass sie verliert.

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na, da habt Ihr Euren Kiez aber fein kaputt gekriegt, was?! Und jetzt? Wischt Ihr Euch bitte schön ab und tragt dann die Sozikohle wieder zum Elektronikhändler! Falles es noch einen gibt in Eurer Umgebung und Ihr nicht gar so weit fahren müsst für teuer Geld. Eine längere Strecke zu laufen, ist schließlich auch so was wie Diskriminierung. Da müsste doch mal wieder ein kleiner riot her…

Wisst Ihr was?! Ihr seid Pullunder und schwuchteliger Five O’Clock Tea, verkleidet als Streetfighter auf der Revo-Party, Ihr seid eine Beleidigung für die Arbeiterklasse und ihre historischen Kämpfe.

Früher in der antinationalen Linken haben wir gesagt, dass es erst mal gut sei, wenn Menschen für ihre eigenen Bedürfnisse eintreten und keine Stellvertreterkriege führen, nicht andauernd angeblich Unterdrückte bevormunden oder gar die traditionelle Mairandale für Weltbefreiung halten. Vielleicht wäre das aber zu relativieren: Schließlich tritt auch ein Vergewaltiger für sein Bedürfnis nach ungehemmtem Sex und Machtausübung ein, auch er legitimiert sein Tun nicht mit dem revolutionären Potenzial von befreitem Sex, sondern hält seinen Trieb für das stechende Argument. Und auch Ihr wollt ja schlicht das neueste Modell des angesagten elektronischen Mülls haben und keineswegs Londoner Lebensbedingungen verbessern.

Es gab einmal die Anti-Clause 28-Kämpfe. Da ging es wirklich um Verbesserung, doch da stand der Abschaum, der Ihr seid, auf der Gegenseite, auf der Seite derjenigen, deren Konsumideal Ihr immer geteilt habt und von denen Euch lediglich die Dicke des Geldbeutels unterscheidet.

70er Jahre Punker und 80er Jahre Autonome, rechte Kommunarden der Jahrtausendwende und gay-power-Aktivisten aller Zeiten wussten, wofür sie kämpfen. Ihr seid dümmliche Muttersöhnchen-Plünderer, die ihren Lebenssinn darin sehen, das ihnen weggenommene Spielzeug wieder zu beschaffen.
Konsumaffen, die hoch motiviert nach dem BlackBerry springen, weil ihnen sonst partout nichts einfällt, wofür sie ihre Kraft einsetzen könnten.
Heulsusige Krawallschachteln. Widerlich, eine einzige Schande.

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Dieser Herrschaft des Fortschritts würde ich eine – zugegeben ökofaschistische – Arbeitsorganisation entgegensetzen, die – da können sie jeden Adorno-Anhänger und insbesondere die kommunistischen Obskurantisten unter ihnen fragen – natürlich im Endeffekt darauf hinaus läuft, dass zunächst AIDS-Kranke keine Medikamente mehr kriegen, danach die Inquisitionsprozesse wieder installiert werden und wir letztendlich alle wieder auf Bäumen leben.

Hier also mein Vorschlag.
Für die Bearbeitung solcher Grünflächen werden in der Arbeitsagentur Mitarbeiter angeworben (es darf kein Zwang ausgeübt, keine Kürzung angedroht werden) und zwar zu folgenden Konditionen:

  • die Arbeitszeit beträgt 25 Wochenstunden,
  • als Arbeitsgerät werden Sensen, Sicheln, Harken und Schubkarren ausgegeben (der zusätzliche Einsatz benzin- oder strombetriebener Geräte ist nicht zulässig),
  • es gibt 3 Pflichtpausen pro Tag,
  • der Lohn beträgt 800 €/Monat,
  • zu den Arbeitsaufgaben gehört: am Ende des bearbeiteten Abschnitts beschreibt jeder Arbeitnehmer die Landschaft bzw. einen Teilaspekt in ihr in selbst gewählter Form, mit selbst gewählten Mitteln (wiederum: ohne jeglichen Einsatz von Benzin, Strom oder anderer fossiler Brennstoffe).

Die Finanzierung erfolgt über den Wegfall von Hartz IV-Leistungen, die Ersparnis an technischem Gerät und Brennstoffen, evtl. verbleibende Lücken werden durch Mittel aus der sog. Reichensteuer gefüllt.

Rückschritt zum Überleben.

P.S.: Damit sich niemand allzuviel Mühe beim Entlarven machen muss: In diesem Artikel finden sich ökofaschistische Ideologie, verkürzte Kapitalismuskritik, romantische Sehnsucht des deutschen Spießers nach der heilen Welt, das antisemitische Motiv „ehrliche Arbeit gegen seelenlose Geldmacherei“, die „Idiotie des Landlebens“ (Marx/Engels) und schlimmster Kulturtraditionalismus, der sämtliche Errungenschaften moderner Kunst ignoriert.

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Die Morgensonne kraucht gerade über die Hänge des Elsterfluttbettes in der Nähe der Lauer. Zwei Arbeiter sind damit beschäftigt, auf diesen Hängen Gras zu mähen. Einer ist mit einem Elektrokarren ausgerüstet, der andere mit einem knatternden, stinkenden, vermutlich benzinbetriebenen Mäher.

Ein paar hundert Meter vor und nach ihnen liebliche, sanfte Landschaft, Halme wiegen sich im Wind.

Die beiden schuften, doch natürlich ist hier viel zu viel zu tun, sie werden heute nicht, morgen nicht und auch die ganze Woche nicht rumkommen. Bis zum Horizont im Süden reicht das Gras.
Logisch, dass die beiden für die steigende Sonne keinen Blick haben, sie stehen in Lärm und Qualm. Und doch mitten in der Natur.

Auf meinem Rückweg vom See sehe ich, dass die beiden ein Stück weiter gekommen sind. Es ist heiß geworden. Unverdrossen tuckert der Benzinmäher.
Der wunderbare Fortschritt, der uns das Leben verschönert, indem er dafür sorgt, dass wir nicht mehr auf Bäumen leben müssen, sondern vielmehr – unten angekommen – psychoanalytische Werke lesen dürfen, hat den beiden auch ihre so hilfreichen Geräte an die Hand gegeben. Zur Arbeitserleichterung.

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Angemessen

Demente alte Leute schätzen nicht das volle Eingehen auf ihr geistiges Niveau. Adäquat im Umgang mit ihnen wäre eine kindliche Satzstruktur und eine energische Stimme mit vollem Ton.

Doch sie wollen nicht Idioten-Kinder sein. Als passend und angenehm empfinden wahrscheinlich die meisten eine wertschätzende, freundliche Rede, in der sie einige Teile des Gesagten nicht voll verstehen können. Dieses Nicht-Verstehen rechnen sie auf „Alter“ zu und finden es so normal. Sie spüren: Jemand, der mit mir freundlich spricht und doch in manchen Punkten unverständlich bleibt, nimmt mich als „erwachsen und vernünftig“ wahr. Diese Zumutung aus Barmherzigkeit – „kontrollierte Überforderung“ – ist die hohe Schule der Validation.

„Kontrollierte Überforderung“ ist Svens Arbeitsbegriff für den Umgang mit entwicklungsverzögerten Jugendlichen.

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