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Archive for September 2011

mit einem jungen, radikalen Genossen der Linkspartei, traditionalistischer Flügel. Der präsentiert mir die Frucht seiner Überlegungen über´s große Ganze: Man läge in seiner Einschätzung der Weltlage nie falsch, wenn man sich immer wieder klarmache:

„Es geht nur um Macht“.

Ach was?! Ich schaue verdutzt, denn ich dachte: Es geht immer um – Geld? Daraufhin blickt er mich – ob meiner Begriffsstutzigkeit – ein wenig mitleidig an, um mir danach zu versichern, dass derjenige, der das Geld hätte, auch die Macht hat. Nun gut. Was ist mit Playboys, die einfach ihre Zinsen abfressen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, nicht in die Politik gehen, keine Zeitungsartikel schreiben, keinerlei Interesse an irgendwie öffentlicher Einflussnahme entwickeln? Haben die auch Macht? Aber Holger, bitte, stell´ Dich doch nicht so an: Diejenigen, die die Macht haben, haben das Geld. Ah, nun also die Schlussumkehr: Vorhin hatten die, die das Geld hatten, auch die Macht. Politiker haben also soviel Geld, weil sie so machtbesessen sind, oder doch wieder umgekehrt? Geht es Weltkonzernen deswegen „nur um den Profit“, weil ihre CEO´s so machtbewusst sind?! Was ist mit schlecht bezahlten Dorfpolitikern? Was ist mit Mäzenen und Philanthropen? Ökologisch engagierten Unternehmern?

Die müssen als pathologische Ausnahmen gelten. Weil man keinem Nicht-Linken auf dieser Welt irgend etwas Gutes, Schönes, Menschenfreundliches zubilligt. Weil die Welt so schwarz wird, wie man in sie hinein blickt. Weil die Menschen so elend sein sollen, dass sie nur noch zur Revolution taugen. Verglichen mit dem linksradikalen Menschenbild, ist das der katholischen Kirche geradezu optimistisch.

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Anlässlich des Deutschland-Besuches von Papst Benedikt XVI. tourt eine ganz besondere Bagage durchs Land: die North-East-Antifascists.
Die sind mit diesem Besuch nicht einverstanden und das ist ihr gutes Recht. Selbstverständlich sind kritische Betrachtungen über die sexual-ethischen Ansichten des Papstes nicht nur erlaubt, sondern sogar angebracht. Auch drastischen Widerspruch wird jemand, auf dessen Meinungen viele Millionen Katholiken hören, vertragen müssen. Und niemand soll heute in weltlicher Weise gezwungen werden können, sich zu irgend einem Glauben zu bekennen. Staat und Kirche gehören getrennt und jedermann soll sich über Religion lustig machen dürfen. Wer von den Gläubigen darüber rumningelt, dass wieder von irgendeiner Zeitschrift sein Glaube beleidigt worden sei, möge sich doch bitte an das Schicksal von Jesus Christus erinnern!

Bizarr nur: Ein Milieu, das es mit dem Kommunismus jederzeit wieder versuchen würde, redet dem Papst „braune Seilschaften“ an den Hals – eine Bodenlosigkeit, denn zur Begründung hat man nichts, aber auch gar nichts in der Hand, als eine formale HJ-Mitgliedschaft (der Rest ist forcierte Deutung und das übliche Wortgeklingel, das aus unappetitlichen Rechtskatholiken Nazis macht).
Halten wir fest: Der aus kleinbürgerlich-antifaschistischem Hause stammende Ratzinger -der Vater, ein früher Hitler-Gegner und Abonnent einer antifaschistischen Zeitschrift, identifizierte einen möglichen Sieg des NS mit dem Triumph des Antichristen- war Wehrmachtsdeserteur. Kurz vor Kriegsende setzte er sich unter Lebensgefahr von seiner Einheit ab und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Einen solchen Menschen in die Nähe zum Nationalsozialismus zu rücken, kriegen eben nur ideologische Lügenbolde hin. Man müsste ähnliches einmal mit irgendeinem ihrer Lieblingsdeserteure vom VVN-BdA machen – die Finanzierung dieser Vereinigung durch den Terrorstaat DDR war ihnen kein Thema, ist keines und wird auch keines werden. Antifaschistisch ist die Desertion nur in Richtung Väterchen Stalin und nicht in den Schoß der Una Sancta. Da desertieren zwei Menschen, der eine ist zuvor formal in der HJ (und geht nur zu einem einzigen Treffen, danach bleibt er angeekelt fern!), der andere verteidigt die DDR. Wer ist antifaschistisch(er)?

So etwas wird den Club der Selbstgerechten, der sich heute Antifa nennt, nicht interessieren. Er wird keinen Sinn für die Komik entwickeln, die darin liegt, als radikal Linker die angeblich „offene Flanke“ (aus dem Aufruf, s. Link unten) des gegenwärtigen Pontifikats „ins radikal-rechte Lager“ (ebd.) anzuprangern. Den religiösen „Opiaten“ (ebd.) werden unsere linken Papstgegner weiterhin die ganz handfesten Opiate vorziehen, die sie schwer emanzipatorisch in den erkämpften „Freiräumen“ konsumieren.
Sie werden „das Wichtigste was sie besitzen – nämlich das eigene Gehirn“ weiterhin linksradikalen Oberscharlatanen öffnen, in Lesekreisen herumsitzen, „ihre kostbare Lebenszeit“ in Marxlektüre investieren und auf “ alles und jede_n einprügel(n) …t, der_die sich nicht den „Sittlichkeitsvorstellungen“ (ihres) Vereins unterwerfen wollte“ (alles ebd.).

Aufruf gegen den Papstbesuch

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Sie schreien nicht, durchaus nicht und es wird auch nicht mit der Faust auf den Tisch gehauen. Doch sie sind so wenig wohlwollend miteinander, sind unleidlich, modisch dauergenervt.
Staccato stellen sie einander Fragen im Modus von Defizienz – der andere hat jeweils die falsche Wahl getroffen, hat ein moralisches oder ökonomisches oder ästhetisches Problem und in jedem Fall erhöhten Begründungsbedarf für sein Verhalten. Alle sehen sich von allen permanent mit der Frage konfrontiert: Wie habe ich mein Leben bis hierhin überhaupt leben können, im Gegensatz zum Superman-ähnlichen Ausfrager? Und weil diese Frage so unaushaltbar ist, fragt man einfach zurück, um sich zu befreien.

Der Dauermonologisierer wünscht, nicht unterbrochen zu werden. Ungnädig weist er darauf hin, doch bitte aussprechen zu dürfen und lässt und lässt andere nicht zu Wort kommen. Natürlich, man unterbricht Leute grundsätzlich nicht (grundsätzlich im juristischen Gebrauch = in der Regel), aber irgendwann muss Erwiderung möglich sein. Der, der hier die Regel durchsetzt, hat Gespür für Angemessenheit, mithin Höflichkeit, längst verloren.

Wenn die Argumente fehlen und der Unwille gegenüber dem Opponenten steigt, werden Redeweise und Habitus des Sprechenden selbst exzessiv zum Thema gemacht. Jetzt darf man plötzlich ins Wort fallen und unbarmherzig auf rudernde Arme des Gegenübers aufmerksam machen, jetzt muss auf die gehobene Stimme hingewiesen werden und auf die unpassende Bedeutung eines benutzten Fremdworts.
Der Argumentationsgang wird als nichtig markiert, sei er auch in sich stimmig, wenn er allzu individuell vorgetragen wird. (Gerade in der radikalen Linken, die sich so viel auf Eigenständigkeit, Unangepasstheit, Individualität zugute hält, ist das zu erleben. Das Geißeln von „patriarchalem Redeverhalten“ bspw. hat zu nichts anderem gedient, als zur Maßregelung von Leuten mit unliebsamen Ansichten.)

Sie alle haben die rauhe Ehrlichkeit gewählt, wollen in maschinell-zuverlässiger Weise ihre Diskussionen führen, geben vor, wegen des schrecklichen Gegenstandes harte Hunde sein zu müssen – sie sind unhöflich geworden.
Das Bekenntnis zur harten Realität, um die man nun einmal nicht herum reden wolle und deren Würdigung unbedingte Regeldurchsetzung verlange, baut das Gefühl für die Form ab (nicht das Bekenntnis zu ihr als solcher! – s. das Ausreden-Lassen).
Wenn alles geregelt ist, keine Grenzverletzung ungeahndet bleibt, die freie Rede sich am Logikkalkül messen muss und die Dynamik des Diskurses immerwährendes mezzoforte ist, dann ist Höflichkeit nicht mehr nötig und auch nicht mehr möglich.
Die Welt der Rede ist endgültig gerecht und schlecht geworden.

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Im Gespräch mit einem katholischen Geistlichen und einer Ordensschwester: Nach dem Tod ginge es definitiv weiter. Ich: Aber alle Wahrscheinlichkeit spricht doch dagegen.
Das mir zugehörige, mich sogar ausmachende leibliche Erleben beruht doch auf dem „Durchzug der Elemente“ (Paracelsus) durch eine bestimmte Konfiguration von etwas, das ich als meinen Leib spüre. Beide versichern mir, das leibliche Auferstehen sei nicht die Wiedererschaffung meines Erdleibes, aber doch erlebbare Leiblichkeit. Das nun kann ich mir nicht vorstellen und sehe mich wieder auf Denker-Metaphysik zurück verwiesen.

Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht bietet der Begriff „Atmosphäre“ bei Gernot Böhme einen anderen Ansatzpunkt. Atmosphäre, verstanden als das, wodurch Umgebungsqualitäten und Befinden aufeinander bezogen sind (Böhme, 23) könnte genau das sein, was spürbar ist, ohne handgreiflich zu sein. Spüren können wir nur leiblich; im post-irdischen Spüren wären wir ein Punkt, in dem die Strahlen einer Umgebungskonstellation uns (als etwas) ändernd treffen, obwohl die Umgebungskonstellation für uns nicht aufzählbar, schon gar nicht greifbar ist.
„Atmosphäre“ könnte so die Form sein, in der wir Leiblichkeit nach dem Tod erfahren können.

Böhme, Gernot: Atmosphäre, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1995

Ich verabschiede mich bis etwa 19. September; in dieser Zeit wird hier nichts Neues zu lesen sein.

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„Müsst Ihr Euch jetzt trennen / Euren Namen umbenennen?“ singt die Band „Tokio Hotel“ über scheidungswillige Eltern, mit „billigen Preisen“ wirbt jeder zweite Supermarkt, die Werbung verspricht uns bei Interesse ein „Gratisgeschenk“.
Ein politischer Polemiker schreibt hämisch über einen seiner Gegner, dass dieser „einen weiteren erfolglosen Versuch plante“.
Der SPIEGEL ist berühmt geworden für Formulierungen wie diese: „…., setzte die gut frisierte Hausfrau und Mutter von fünf Kindern hinzu“ oder „… ,meinte der passionierte Golfspieler und liebevolle Familienvater“.

Sie alle wollen nicht schwafeln, sondern durch Verkürzung / Verdichtung knackiger formulieren; sie hoffen auf Prägnanz und bekommen Sinnentstellung. Alles geht schief – nicht mal eine echte Tautologie wird erreicht, sondern lediglich Nonsens: Wenn man einen Namen umbenennt, dann lautet der Name des Namens (!) plötzlich anders – „umbenennen“, ist ja nichts als eine Namensänderung. Billige Preise sind Preise, die man für ganz wenig Geld erhält – Preise stehen aber nirgends zum Verkauf (nicht mal auf dem Geldmarkt!). Ein Gratisgeschenk ist ein Geschenk, das nichts kostet – im Gegensatz zu den ganzen kostspieligen Geschenken, die zu teuren Preisen verkauft wurden? Schön´ Dank nochmal.
Nein, auch der Dümmste plant seinen Versuch nicht als erfolglos, sondern als erfolgreich. Über die zusammen gezwungenen Charakterisierungen des SPIEGEL braucht man eigentlich kein Wort mehr zu verlieren – es wimmelt nur so von Vorstandsvorsitzenden, die über den Geschäftsbericht in ihrer Eigenschaft als „leidenschaftlicher Saxophonspieler“ berichten und von Gewerkschaftsvertretern, deren Beurteilung der Arbeitsmarktlage vom Standpunkt „Sammler historischer Feuerwehrfahrzeuge“ vorgenommen wird.

Dagegen ist festzuhalten: Dinge, die sinnhaft nicht zusammen gehören, müssen auch sprachlich auseinander gehalten werden. Wenn es kurz nicht geht, muss man es lang machen. Selbstreferenzen sind paradoxieanfällig.

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