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Archive for Oktober 2011

Ein paar Heißsporne aus dem Umfeld der „radical queer politics“ schreiten zur Tat. Den Auftakt zur großen queer party bildet ein lustiges Lagerfeuer auf dem Marktplatz – den Flammen übergeben wird das Gesudel von: Gehlen, Popper, Marx, Goethe, Luhmann, Adorno und einigen anderen reaktionären Essentialisten.
Auf einem großen Transparent ist zu lesen: „Nie wieder Einheit denken! Differenzen zulassen – und zwar alle und sofort!“

In letzter Zeit haben sich linke Projekte bis an die Zähne bewaffnet, die Buchlager sind bis zur Decke gefüllt. Man scheut allerdings vor dem Einsatz des letzten Mittels, der Einberufung eines Zwangslesekreises (Lyotard, Foucault, Butler), zurück.

Die greise Judith Butler lässt es noch mal richtig krachen und wagt sich mit der bewusst provokant zugespitzten These hervor:
„Ich oder jemand anderes (oder auch ich und jemand anderes) hat diese oder jene Theorie erfunden.“ Diese These wird in ihrem neuen ca. 500 Seiten starken Buch „Theorien ohne Gewicht“ ausgearbeitet.
Für ihre verkürzte Sichtweise auf Theorie – Butler geht von einem Ich aus – wird sie heftig von der neo-post-Fraktion angefeindet. Sie stellt klar: Die Annahme, es „sei“ etwas, müsse als identitär und konkretistisch zurück gewiesen werden.

Die Krise des Geschlechterverhältnisses wird zur Dekonstruktion verschärft. Der Mensch lässt sich nur noch als essentialistisches Überbleibsel fassen. Folglich wird die Nahrungsaufnahme dekonstruiert und als ein in der falschen Gesellschaft durch Diskursstrategien der Macht eingeschleustes Begehren kenntlich gemacht.
Nach nur wenigen Millionen Toten gewinnen allerdings die Reaktionäre des männlich-vereinheitlichenden Zugriffs auf Gesellschaft wieder die Oberhand. Das Rad der Geschichte wird zurück gedreht und die Qual aus Produktion, Essen, Schlafen und Fortpflanzung beginnt von neuem.

Doch abermals keimt Widerstand auf, seine Losung:
Nein, nein, das konstituiert nicht die Dekonstruktion (eine emanzipatorische Bezugnahme auf die veraltete Losung: Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus).

***

Und endlich darf ich aufwachen … in der falschen Gesellschaft. Was für ein Glück…

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Das Nachrichtenportal aller Gesellschaftsbefreier, dekonmedia – früher unter dem Namen indymedia bekannt – berichtet über eine Aktion der wertkritisch-emanzipatorischen Gruppe:
Unter den Rufen: „Wir sind die Wertkritik aus der Messestadt! Lesen, oder was! Lesen, oder was?!“ stürmen Bewaffnete die verbliebenen McDonalds-Filialen. Diejenigen, die nach dem Verzehr sämtlicher Burger-Vorräte sich noch bewegen können, zünden danach das ganze Gerümpel an. Begründung: Der Konzern habe sich in seinen letzten Verlautbarungen zur Firmenstrategie einer „verkürzten Kapitalismuskritik“ schuldig gemacht. Es sei dort nämlich vom „schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen“ die Rede gewesen, was man nicht durchgehen lassen könne – schließlich gebe es „kein richtiges Leben im falschen“. Zumal suggeriere die Formulierung, es gebe so etwas wie Natur, was natürlich Einfallstor für anti-emanzipatorische Kräfte, wenn nicht gar die Eröffnung einer faschistisch-esoterischen Querfront sei.
Zuvor hatte man noch einem Konzernvertreter die Chance eingeräumt, sich vorm Anti-Naturismusplenum zu rechtfertigen, die dieser allerdings hatte verstreichen lassen.

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Pfingstler, Evangelikale – die christlichen Emos. Sie glauben, sich vermittlungslos zu Gott hinauf wuchten zu können.
„Erst war ich auch so einer, dann aber…“ – beginnen die Erzählungen der Initiationserlebnisse. Die Extremisten legen Wert auf ein wenig Glanz vom „verlorenen-Sohn-Argument“. „Wie ein Blitz“ habe sie die Erkenntnis getroffen, „schlagartig“ wussten sie danach Bescheid. Schon klar.
„Ex-Gays“ haben dank himmlischer Offenbarung, die offenbar bevorzugt dickliche Mittfünfziger trifft – ein Alter, in dem man für die Schwulenszene seit 20 Jahren tot ist – „mit einem Mal“ begriffen, was sie alles falsch machten und leben von nun an neben einer ebenso dicklichen Mittfünfzigerin her. Bis zur nächsten Eingebung, nach der Schwule die neue Herrenrasse sind.

Viele Konvertiten sind vermutlich oberflächliche, sprunghafte Leute. Man kann sie natürlich „leicht begeisterungsfähig“ nennen, „leidenschaftlich“, oder eben „haltlos“. Sie haben wohl ein unterentwickeltes Integrationsbedürfnis – das einst Begriffene muss heute vollkommen falsch sein. Schließlich hatten sie ja jetzt den „direkten Kontakt“. Sie waren dabei und das ist ihnen allemal mehr wert, als skrupulöses Nachdenken.

Das Bedürfnis nach Direktkontakt kenne ich aus der radikalen Linken. Da war es das „ganz Andere“, auf das in jedem Plenum losgegangen wurde. Täglich musste man allzu großen Überschwang durch forcierte Adorno-Lektüre (Bilderverbot!) zügeln.

„Ich brauche keine Kirche um zu glauben“, versichert glutäugig der Freikirchenjugendliche – „Ich brauche keinen Staat, um zu leben“, jauchzt der Veggi-Autonome vorm Straßenkampf.
Institutionen behindern nur – und Behinderungen müssen ausgerottet werden. Das ideologische Feuer soll hoch lodern, hell und heiß in allen Herzen.

Und meine Kirche? Die laviert. Sie druckst herum, zaudert, wirbt dafür, einzusehen, dass das Gros der Probleme nicht wie der Gordische Knoten behandelbar ist.
Nach erfolgter Exposition will sie auf Erden weder Reprise noch Coda, sondern die Durchführung.

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Eine Diagnose von Luhmann: Die Kommunikationen in der modernen Gesellschaft sind zunehmend solche zweiter Ordnung, d.h. Beobachtungen von Beobachtungen. In der Interaktion unter Anwesenden bildet sich das ab: Immer öfter und intensiver werden innerhalb der Diskussion deren Begleitumstände, Zulässigkeiten, Voraussetzungen problematisiert. Er möchte in Zukunft dies und jenes nicht so oder nicht in diesem Ton diskutiert sehen, sie fängt gar nicht erst an, zu reden, bis nicht dieses oder jenes bearbeitet wurde. Wieder andere sind mit der Auswahl der Personen zur Diskussion eines Themas unzufrieden.
„Reflexivwerden der Moderne“ schön und gut, aber gleich so? Gleich auf eine Weise, die den „Substanzverlust“ (Günther) von immer mehr gesellschaftlichen Aktivitäten mit sich führt?

Das Bedürfnis, zum Thema zu sprechen, nimmt ab. Es wird nicht zuletzt unter moralische Zwänge gesetzt, die Moral als Parasit (Serres) wuchert nahezu ohne Gegenwehr. Eine klare Aussage und schon sind mindestens drei Leute beleidigt. Menschen fühlen sich permanent zurück gesetzt, weinen, trampeln, verlassen polternd den Raum – immer weniger ist man gewillt, mit Leuten in ihrem So-Sein zurechtzukommen, alles soll schon vorgesiebt sein. Nichts Heikles soll einem begegnen können. Wenn sich alle „im Rahmen“ halten, hat man Verzeihung weder nötig, noch ist man je gehalten, sie zu gewähren.
Menschlich wäre: sich Mühe machen, zurechtzukommen. Klare Aussagen nicht zu scheuen, aber auch nicht um der Polemik willen zu übertreiben. Herzensbildung.

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Alzheimer wird in der Öffentlichkeit oft merkwürdig dargestellt. Bis zur Übersättigung auch Gutwilliger handelt man den Verlust kognitiver Fähigkeiten ab. Dessen Ausmaß wird dann dramatisiert („anfangs verlegte er die Schlüssel“ … „bis zum Verlust des eigenen Selbst“) – doch wird dabei immer noch unterstellt, das eigene Ich sei ein kognitiv Bestimmtes/Bestimmbares. Das heißt, es wird so getan, als ließe sich die Frage: Woraus bestehe ich? beantworten mit: Aus a), b), c)… und als sei diese Aufzählung das eigene Selbst.

In guter wie schlimmer Hinsicht stützt man sich auf den Kognitionsverlust, weil man den Rest nicht erträgt. Immer, immer wieder ist es der Name des Enkels, der einem da nicht einfallen soll – wenn es hochkommt wird Alzheimer mit einem „Ende der Persönlichkeit“ in Verbindung gebracht, wobei im Detail dann gemeint ist, dass Opa, der früher so reinlich war, sich jetzt nicht mehr wäscht. Er hat´s eben vergessen, haha, das heißt Opa braucht heute jemanden, der ihn daran erinnert. Kognition wird heillos überschätzt, weil man das wirkliche Elend nicht ertragen kann / will.

Auch in dem ansonsten verdienstvollen Artikel von Mechthild Küpper „Die rührende Stadt“ wird wieder ausgewichen. Frau Küpper hat ein Seniorenzentrum besucht: Da „trifft man sich“, da wird „an den Tischen … geplaudert“, es gibt einen „Charmeur“ und eine „Dame, die in vorbildlicher Haltung mit einer Pflegerin tanzt“. Meine Güte! Da haben sie der Frau Küpper also Leute mit einer beginnenden Demenz gezeigt. Mittelschwere Alzheimer-Leute plaudern nicht mehr miteinander, sie treffen sich auch nicht verabredet. Sie sitzen nebeneinander im Rollstuhl oder laufen unruhig den ganzen Tag hin und her, sind stumm oder schreien oder reden wirre Dinge aneinander vorbei. Sie können Eindrücke kaum sinnvoll aufeinander beziehen, bringen Raum und Zeit durcheinander, wissen nicht zu unterscheiden zwischen Dingen in ihrem Kopf und Dingen in ihrer Umwelt.

Doch bei Frau Küpper sitzen nur einige wenige im Rollstuhl, denn die allermeisten machen nach Abschluss des Singenachmittags eine Polonaise durch die einzelnen Wohnbereiche. Das ist wirklich eine alberne Vorstellung.

Alzheimer bedeutet den schrittweisen, unaufhaltsamen Verlust der Steuerung des gesamten Körpers. Der geistige Abbau zerrüttet den Körper bei weitgehend intakten Emotionen. Um es mal klar zu sagen: An Alzheimer stirbt man elend, die Meisten haben schreckliche Angst, ihr Leben wird überlagert durch Halluzinationen, ihre Sinne werden immer weiter eingeschränkt, bis sie vergessen zu atmen.

„Name des Enkels“, „Schlüssel im Eisfach“ – dass ich nicht lache!

Alzheimer ist nicht, wenn Omi kurz vor ihrem Tod noch recht vergesslich wird – nein, Alzheimer ist das, woran Omi heutzutage stirbt.

Küpper, Mechthild: Die rührende Stadt, FAZ vom 08.10.11

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Sie können ja nichts dafür – die ganzen elenden Techniknerds, die mir versichern, dass Sie unser aller Leben verändert hätten, die Lohnschreiber mit „Kulturwixerbrille“ (Harald Schmidt), Computer-Volltrottel und Kasperköppe, die haben´s verbockt. Gestern noch wurde mir versichert, der 11.09.01 hätte mein Leben so verändert, dass danach nichts mehr so sei wie zuvor. Heute, Steve Jobs, sollen Sie nun diese Katastrophenwirkung entfalten, weil Sie Ihr Leben halt irgendeinem Multimedia-Trallala gewidmet haben. Doch ist es nicht so, dass nach jedem Augenblick unseres Lebens nichts mehr ist wie zuvor? Oder wie wir alten Griechen sagen: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“
Sie werden ein ziemlich tüchtiger Mann gewesen sein, einer, der zu motivieren verstand, manchmal recht hart zu seinen Angestellten war und schließlich eine entsetzliche Krankheit durchleiden musste, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche.

Doch mein Leben verändert haben: Gustav Mahler, Anton Bruckner, mein Coming Out, mein Freund, der Mauerfall, Karl Marx, die Katholische Kirche, Niklas Luhmann, die Wertkritik und Israel.

Damit haben Sie eher weniger zu tun, nicht wahr?!

Und nun noch eine schöne Ewigkeit da oben…

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Im heutigen FAZ-Feuilleton gibt Lorenz Jäger, der bisher die Stellung rechts der Mitte gehalten hat, bekannt:
Er möchte nicht mehr dazugehören. Kein Kamerad mehr, kein „Rechter“ sein. Ihn stören am real existierenden „Konservativismus“: die „Islamkritik“, das Leugnen des menschengemachten Klimawandels, die pauschale Ablehnung staatlicher Sozialpolitik, die PI-Ideologie und der rechts-/linksradikale Bellizismus bezüglich Iran.
Er vermisst das genuin Konservative: „ein Gefühl für das Gewicht der Wirklichkeit zu haben … Mäßigung … die Sehnsucht nach Maßstäben, die von oben kommen, vielleicht von Gott“.
Das alles kann ich verstehen, ich teile das Bedürfnis.

Doch statt nun bspw. der „Achse des Guten“ vorzuwerfen, dass sie bei einem Thema (Ökologie und Klimawandel) genau das tut, was sie bei einem anderen (Amerika, Israel, 11.09.) mit Recht anderen vorwirft, nämlich Verschwörungstheorien zu pflegen, verlässt er mit Getöse eine Seite, auf die er nie gehört hat. Somit können sich deren Parteigänger auch kaum ärgern.
Zudem ist ihm nicht klar, wie sehr diese Seite durch Ressentiment zusammengehalten wird – ein Ressentiment, das in der linken Republik durchaus menschlich verständlich ist, argumentieren diese Leute doch immer mit dem Rücken zur Wand. Wäre es ihm klar, ginge er – christlich-barmherzig – mit seinen früheren angeblichen Mitstreitern milder um.

Jäger hat die in der demokratischen Rechten nach wie vor ungeliebte Debatte (völkisch-gefühlig-islamversteherisch vs. konservativ-pragmatisch-atlantisch, nannte ich das einmal) mit sich selbst im stillen Kämmerlein geführt (gute Katholiken hantieren ja recht souverän mit dem advocatus diaboli) und eine Entscheidung getroffen. Natürlich ist er mit seinem Steckenpferd, der leicht mythologisch eingefärbten Aufklärungskritik, bei der ersten Partei besser aufgehoben. Doch ob er wirklich froh wird mit den ostdeutschen Krypto-Nazis, die das Bild von Ahmadinedschad gleich neben dem des geliebten Führers hängen haben?

Wie einfach könnte es sein: Ohne den Zwang, sich einem Haufen zurechnen zu müssen, die Partei des Menschengemäßen zu nehmen. Die „Sache von Einzelnen“ dadurch zu betreiben, dass man immer und immer wieder die Utopie-Geschwätzigen auf das Konkrete verweist, nach Armin Mohler also nominalistisch denkt.
Dann müsste man nicht dauernd Abrechnungen oder Liebesschwüre in die Welt semmeln, nicht nach dem Ausspucken einer Kröte die nächste herunter würgen, sondern käme mal zu Wichtigem: die Welt im Kleinen zu ändern, sie also im Großen zu verbessern und dies alles, ohne es beabsichtigt zu haben.

Jäger, Lorenz: Adieu, Kameraden, ich bin Gutmensch. FAZ vom 05.10.11

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