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Archive for Dezember 2011

Die Hunde sind nicht gezähmt, sie haben sich nur zu Rudeln gefunden – eine mühsam geordnete Subversion. Da und dort aber löst sich einer von der Rotte, kommt bellend auf uns zugesprungen. Natürlich will er spielen – was sonst? In wilden Jagden geht es jetzt über Stock und Stein und gerade wenn man sich mit dem Putzigen am schönsten herum kugelt, blitzt da und dort gefährlich ein Eckzahn und kommt man genau in den Atem der Bestie zu liegen.
Rechts: Weit und breit ein Feld am anderen und von jedem muss jedes Jahr aufs Neue Ertrag erhofft werden. Fluchen, Schwitzen, Miesepetrigkeit. Die tolle Bande kommt vorbei gestürmt, stutzt und starrt den Bauern fragend an. Der sieht aus wie Martin Heidegger und er grummelt: “Was ich mache? Immer das Selbe.” Ein Ökofascho, wir haben´s immer gewusst – soll er vertrocknen bei seinen Rüben, dann doch lieber raus ins wilde Leben! Wir brauchen keinen Feldweg, wer mit uns ist, rast vorwärts – in den Kommunismus hinein.
An einem Schild: „No Dogs!“ wird wieder gestoppt. Was wollen die von uns? Als ob wir noch Wölfe wären…! Seht doch, wie unschuldig wir mit den Ohren wackeln können.

Grundvoraussetzungen des menschlichen Lebens, das Erhaltende, wird rechts erarbeitet: Sicherheit, Überschaubarkeit, Identität, Integration in eine Gemeinschaft, Bewusstsein davon, dass es weitergehen soll, Vertrauen in Institutionen, Fraglosigkeit in lebenswichtigen Punkten. Wenn einem von deutschem Mob/Volksgemeinschaft/Arbeitswahnsinnigen/schnauzbärtigem Pöbel dieses Rechte bereitgestellt wurde, sieht man links nur Schönwetter, das, was man sich leisten kann und wohl auch soll: Selbstverwirklichung, Kreativität, Überschwang, Entfaltung, Rausch, Exzess. Links wird nach Lust und Laune der Garten bestellt:- bizarre Rosen hier, exotische Früchte da. Fremde Düfte, Ahnung vom ganz Anderen – gelobtes Land. Und mittendrin immer diese niedlich bellenden Monster, so anziehend und verstörend zugleich, dass man hinter ihren Zauber gar nicht kommen will.

Nach rechts geht die Frage: Ist Leben außer Ordnung nicht auch noch – ganz anders? Und nach links: Wie könnt ihr ganz anders sein wollen, wenn das, was dem im Wege steht, euch ernährt?

Wie fast immer, so wird auch heute in diesem Blog für den Ausgleich geredet, das Lavieren und das Bestehen-Lassen.
Doch in der Krisenwelt wird der Anspruch, „ohne Angst verschieden sein“ zu können, noch am ehesten durch den funktionsfähigen Rechtsstaat zur Geltung gebracht, soviel Eindeutigkeit muss sein.
Wer ihn abreißen will – von links oder von rechts – liefert jegliches Gelingen der Sabotage aus. Generalstreik oder Nazi-Terror, gemeint sind wir alle!

Ich wünsche ein wohlgeordnetes und dennoch ereignisreiches 2012!

Adorno, Theodor W.: Minima Moralia, Aphorismus „Melange“

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In den Suchen zu meiner Seite taucht oft in immer wieder neuen Varianten die Frage auf, ob Demenzpatienten böse werden. Ich antworte juristisch: Kommt drauf an. Aber eher nicht.
Es gibt Fälle, in denen die Grundgestimmtheit eines Menschen durch die Demenz ins völlige Gegenteil verkehrt wird, doch meistens verstärkt sie sich durch die Demenz eher noch. Nur hat das eben nichts mit der Differenz gut/böse zu tun. Wir reden hier von Stimmung, von Atmosphärischem, der Aufnahme von „Umgebungsqualitäten“ (s. dazu Gernot Böhme), von Erleben, das nur noch aufs Gefühl bezogen werden kann. Kurz: Von etwas, was einem zustößt.

Das kognitive Konzept von Boshaftigkeit (für andere ärgerliche Dinge planen…) ist mindestens ab der mittelschweren Demenz schlicht nicht mehr vorhanden. Aber machen uns die Dementen Verschiedenes nicht geradezu zum Schur, lassen sie uns nicht völlig auflaufen mit scheinbar immer neu entwickelter Aggressivität?
Aggression verlangt m.E. Vorsatz in einem Maße, das bei den meisten Demenzpatienten schlicht nicht mehr gegeben ist. Wer nur noch Stimmungen, Atmosphären aufnehmen kann, wem keine begrifflich-kognitiven Verarbeitungsmöglichkeiten mehr zu Verfügung stehen, der kann Ablehnung (die man früher durch Kritik kundgetan hätte) logischerweise nur noch durch körperliche, sinnlich wirkende Abwehr ausdrücken: Schreien, Schubsen, Tonfall nachäffen, Kopfnüsse verteilen, Glieder versteifen.

Besser ist der mittlerweile etablierte Terminus: Herausforderndes Verhalten. Er bezeichnet gut die Zumutung für das Aufklärungssubjekt, wenn seinesgleichen aus nahezu allen heute geschätzten Qualitäten des Menschseins verabschiedet wird. Was dann bleibt, müssen wir beantworten. (M.E. bleibt bspw. der Anspruch, sich zu äußern und sich in seinen Äußerungen verstanden zu fühlen.) Substanzielles darüber werden wir nur im Umgang mit den Dementen und durch behutsame Deutung des je einzelnen Verhaltens erfahren – nicht durch moralisierende Hobby-Anthropologie.

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Seit kurzem wird hier der Blog des Systemtheoretikers und Luhmann-Schülers Peter Fuchs verlinkt. Ein Mann, der den Eindruck macht, er denke auf die Weise, in der wir alle atmen – unwillkürlich. Schauen Sie doch mal in den frei zugänglichen Teil der Institutsseite.

Böhme, Gernot: Atmosphäre, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1995

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Das Christentum hat der liebe Gott der Welt nun ganz gewiss nicht gebracht. Gott hat in Jesus „einen Menschen angenommen“ (Ratzinger), er kommt nicht als Lehrer apersonaler Heilsgewissheiten, geschweige denn als Schreckensmacht. Christ-Sein heißt – im Gegensatz zu anderen Religionen, denen es bspw. auf das „Nichts“, die „Unbegreiflichkeit“ oder Unterwerfung ankommt – die Person zu ehren. Weil in Jesus die Gottesgleichheit steckt, steckt sie auch in jeder menschlichen Person. Gott hat damit nicht nur einen, sondern den Menschen angenommen, nicht nur Menschengestalt, wie ein x-beliebiger Dämon, zur Täuschung beispielsweise. Gott weiß also, dass wir Menschen auf Erden es nicht ganz einfach haben – er hat ja in sich erlebt (und erlebt es immer wieder) wie es ist, zu verlieren – gegen die Gescheiterten.

Herr Jesus Christus, Du bist stark, Du kannst auf die paar kümmerlichen Stärken der Schwachen schauen. Du hast es nicht nötig, ihre Schwäche auszunutzen. Du hast es nicht einmal nötig, den Stolz der Schwachen vorzuführen. Herr, erbarme Dich.

Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum, Vorwort

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Dieses und jenes sei Missverständnis oder interessiertes Fehlurteil, auch wenn es logisch scheine, schließlich habe Adorno (Benjamin/Beckett/Horkheimer/Bloch/Marcuse…) einen „emphatischen Begriff“ von xy. Mit Logik, soll das heißen, komme man hier kaum weiter, man muss grundsätzlich werden und ein Axiom setzen. Doch dieses Axiom soll von außen wie eine Ableitung aussehen. Sage niemand, unsere kritischen Theoretiker hätten´s leicht.

Wenn es ihnen passt, verschmähen die Großmeister also unsere stinknormalen Bezeichnungsbegriffe. In diesen Fällen haben sie – theoretisch – so schwer gelitten oder so sehr recht, dass ihnen dieses und jenes zum „emphatischen Begriff“ wird. Ihnen ist der Begriff, soll das heißen, auf eine Weise wichtig, wie anderen andere Begriffe nicht. So wird er zum Begriff mit Bums dahinter, mit Schmackes, ein Überwältigungsbegriff, ein gewaltsam integrierender, kurz: einer, der schon erfolgreich stark gemacht wurde.
Nachdruck, leidenschaftliches Gefühl versuchen darüber hinweg zu täuschen, dass es mit dem Begriff bzw. seiner Verwendung am gewählten Ort nicht sehr weit her ist. Die Wucht seines Auftritts soll vom Adressaten als Argumentteil akzeptiert werden.
Angesichts von abc müssen Kühle, Wohlkalkuliertheit, logische Stimmigkeit versagen, wird uns versichert: Gerade dass sich Emphase und Begriffsarbeit hier ausschließen, sei auszuhalten.

Beispiel: „Individuum“ bei Adorno. Auf der Ebene des historischen Prozesses seien die Individuen bei Adorno „eigentlich schon liquidiert und annulliert“, doziert Meisterjongleur Magnus Klaue. Da Adorno (trotzdem oder deswegen? Dialektik!) das Individuum verteidigt, hat er von ihm einen „emphatischen Begriff“. Als Bezeichnungsbegriff, der auf Empirisches geht, ist die Sache zwar gegessen, „emphatisch“ aber taugt sie noch zum „ganz Anderen“. Ebenso ist es mit dem Kommunismus bei Horkheimer: „Je unmöglicher der Kommunismus ist, desto verzweifelter gilt es für ihn einzutreten.“ Durch theoretisch-trauriges Drangeben eines als zentral erst herausgeputzten Begriffs, entzieht man den eigentlichen Sachverhalt der Kritik.
Dieser ganze Schmu, dieses Herumparadoxieren für Arme, der fette Schwall Verzweiflungssoße obendrüber, können nicht verbergen, dass Emphase das Denken – ersetzt hat.

Schon wenige „emphatische Begriffe“ machen ein Denkgebäude zu Ideologie.

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Natürlich hat es etwas Peinliches, als Alterspräsident einer Runde von innerlichem Jungsein zu schwadronieren. Da hat man es schon längst aufgegeben, die geglückte kosmetische Veränderung von Äußerlichem auch nur als Argument in Erwägung zu ziehen. Statt dessen erinnert man sich an den Satz eines szeneschwulen Bekannten aus alter Zeit: „Na Schätzchen, wie 19 siehste auch nicht mehr aus“ – und den hat er vor einigen Jahren gesprochen.

Ein paar Fragen bleiben:

Ist man wirklich alt, oder vielleicht doch etwas anderes, wenn einem eine dickliche Frau kurz vor der Rente (zwei Enkel) ihren Abscheu vor der „Oma-Musik“ des Johann Strauss ausdrückt und statt dessen die Kastelruther Spatzen („was Flottes“) empfiehlt?

Ist man eher alt oder eher jung, wenn man ausschließlich von jüngeren Leuten bezüglich des eigenen Rede- und Argumentationsstils ermahnt wird? Man möge doch bitte ausreden lassen, die Stimme nicht so sehr heben und nicht dauernd übertreibende Beispiele bringen!

Woher die Verächtlichkeit der in Szenen Zurückgebliebenen, in Herkunftsmilieus Steckengebliebenen gegen die, die im Alltag angekommen sind? Bekannt ist bspw. das Ressentiment gegen junge linke Familienväter, denen Kinderaufzucht und einhergehende Berufstätigkeit schlicht nicht mehr gestatten, Gesellschaftskritik zum Frühstück abzufressen und den Tag mit dem Antisexismus-Plenum ausklingen zu lassen. Da wehren sich manche mit Händen und Füßen gegen´s Älterwerden und sind schon dadurch die immer wieder aktualisierte Differenz alt/jung.
Der spöttische Zug um die Mundwinkel – „Die haben jetzt auch Kinder bekommen. Tja, so schnell geht das…“ – meint: „Wir aber, wir sind immer noch wild und gefährlich, wir rennen von Party zu Party. Unser Leben haben wir auf uns selbst gestellt, keine Beziehung, keine Blutsbande wird uns irgendwo festhalten, wir schweifen weiter durch den Großstadtdschungel. So alt können wir nicht sein.“

In einem Vortrag über Körper in der Postmoderne hörte ich neulich als Vorschlag, „den Körper doch einfach machen zu lassen“ und ihn nicht durch zwanghafte Gestaltung zuzurichten. Ich empfehle das auch für die Differenz alt/jung – wer nur noch in der second order beobachtet, vergisst das bona-fide-Leben.

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war ein Buchtitel zu DDR-Zeiten. Das Bedürfnis, das sich in deutscher Modelektüre um 1800 zeigt, ist seitdem stärker geworden.
Wie muss heutzutage ein Roman / Musikstück / Theaterstück… beschaffen sein? Ich sag´s Ihnen: lakonisch, zärtlich, abgründig, anrührend, traurig, witzig, ordinär, voll schwarzem Humor und großer Ernsthaftigkeit, beängstigend erwachsen und jugendlich unbekümmert, randvoll gefüllt mit Philosophie und Zoten.
Das Publikum erträgt fast nur noch kulturelle Produkte mit der Anmutung einer Mahler-Symphonie. Alle wollen sie das aufregende Durcheinander, die heftigste Anspannung, den Parforce-Ritt. Wenn es partout einmal ruhiger zugehen soll, darf es der Spaziergang nicht sein, es muss wenigstens zum Hindernis-Lauf kommen. Und im Musikantenstadl gibt es Schlagzeug, Elektronik und die üblichen dummen Beats.
Dass das Traurige und das Witzige einander tatsächlich ausschließen könnten und nicht immer schon zur Tragikomödie oder zur bad-taste-party zusammengewuchert sein müssen, ist immer weniger Leuten vorstellbar. Als mitteleuropäisches Weichei ohne Kriegs- ja meist sogar ohne Wehrdiensterfahrung, das sonst schon nichts zu bewältigen hat, erträgt man eben wenigstens die ungenießbare Pampe.

Nur noch die Vorstadt-Prolls scheinen sich 1:1 amüsieren zu wollen, sie ziehen sich zur Party gut an und tun Dinge, die sie für vollständig erstrebenswert halten. Der Rest treibt Kritik und goutiert die bitterböse Hassliebe (von Kreisler, Heller, Thomas Bernhard oder irgendeinem x-beliebigen Liedermacher). Der Ruf nach Ordnung aber, die Suche nach dem unverseuchten Guten, dem von Dauerdistanzierung Verschonten, die Freude an der ganz einseitigen Darstellung (für das Gute, gegen das Schlechte!) – all das ist schon faschistisches Bedürfnis.
Allen alles sein? Paulus hat die Argumentationsform seinem Publikum angepasst, doch nicht um Grenzen zu verwischen, sondern um eines wohldefinierten Zieles, „um des Evangeliums willen“. (1. Kor. 9, 19-23)

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Karg-Elert

Nein, ich trage nicht das x-te Georg-Kreisler-Video nach und auch von Bitterbösem, das so ungemein notwendig heutzutage sei – in diesen finsteren Zeiten, haha – wird man hier nichts lesen. Diese Art Plattitüden überlasse ich den rundum Zufriedenen der linken Republik.

Hier und heute sei ein Komponist absoluter Musik empfohlen: Es geht um den unter Orgelleuten sehr, sonst aber kaum bekannten Sigfrid Karg-Elert (1877 – 1933). Seine Musik wird dem Jugendstil zugerechnet, was man sich dadurch plausibel machen kann, dass auch Karg-Elert aus dem Ornament die Substanz bezieht.

Die Nazis wussten nicht recht, wie sie sich zu ihm stellen sollten. Zwar hatte er einen völkischen Fürsprecher, galt aber trotzdem als „Jude in der Musik“. Mit seiner merkwürdigen Tongeschlecht-Auffassung konnten sich immer nur ein paar Freaks anfreunden. Und auch seine in alle Richtungen unorthodoxe Weise sich zu den Kämpfen der Zeit zu stellen (so ist er weder Parteigänger noch Gegner von Schönbergs Zwölftonlehre und verehrt Debussy, Skrjabin und die ganz Alten gleichermaßen), hat ihn immer zum unsicheren Kantonisten gemacht.

Das Wichtigste aber: Sie hören bei ihm Melodien, die sie im Leben nicht für möglich gehalten hätten. Wenn es um melodiöse Duftigkeit geht, würde mir zum Vergleich nur noch Poulenc einfallen.
Die leisen Orgelstücke evozieren in mir oft Bilder aus dem alten Leipzig – wie ich es mir vorstelle. Funzlige Gaslampen, eine hohe Kirche im Hintergrund, vorn ein Teich mit schlittschuhlaufenden Kindern und lächelnden Aufsichtsdamen in langen schwarzen Röcken, schneebedeckte Bäume ringsum. Trotz des Kreischens der Kinder liegt Schneestille über der Szenerie.

Das Vorurteil gegen Orgelmusik allgemein trifft leider auch Karg-Elert, vielfach wird dermaßen undifferenziert gehört, dass jedes einzelne Stück als feierlicher Trauermarsch identifiziert wird. Dabei gibt es ungemein duftige Petitessen, Skurriles und auch extrem Dynamisches bei ihm.
Als Einstieg empfiehlt sich das Stöbern bei Arjen Leistra. Lautstärke nach rechts!

Kauft und hört die Musik von Sigfrid Karg-Elert!

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