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Archive for Januar 2012

Vielleicht verstehe ich die Brisanz der Sache nicht, doch es kommt mir so vor, als sei dieser Streit nichts anderes, als ein moderner Aufguss von Nominalismus vs. Realismus.
Ist gelb gelb oder könnte gelb auch blau sein? Was ist „Gelb-Haftigkeit“? Und was heißt hier „sein“? Hängt der Begriff „gelb“ nur lose baumelnd am Gelben oder ist er mit ihm innig, nahezu ununterscheidbar verwachsen?

Haben wir einen Gewinn oder einen Verlust, wenn wir „wissen“, was es mit dem „Wert“ auf sich hat, wenn wir wissen, dass der berühmte Dramatiker nicht der historische Shakespeare war und Jesus von Nazareth nur irgendein überspannter Zimmermann?
Gehen wir die drei Beispiele durch: Wertentstehung hin oder her – man wird sich in der heutigen Zeit schwer verständlich machen können, wenn man leugnet, dass die Verausgabung von Arbeitskraft auf einem bestimmten Produktivkraftniveau für diese Gesellschaft wichtig ist. Ganz offensichtlich würde etwas fehlen, wenn wir in unseren Beschreibungen der modernen Gesellschaft von Effizienz, Geldmenge, Beschäftigtenzahl, durchschnittlicher Arbeitszeit… nicht handeln würden. Das, was „Wert“ beschreibt, bedeutet etwas und nicht nichts.
Hamlet, Sturm, Romeo und Julia, König Lear – das alles kennen wir doch, wir haben es gelesen und es hat unser Leben beeinflusst. Herrn Shakespeare kannten wir nicht, ebenso kennen wir nicht den, der der „wirkliche“ Verfasser der Dramen gewesen sein soll und wir werden auch diejenigen nicht kennen können, die zukünftige „Forschung“ als die wirklich wirklichen Verfasser präsentieren wird. Mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit sind sie alle tot. Doch keine Forschung wird heraus bekommen können, dass wir all diese Stücke nicht kennen; mit ähnlich hoher Wahrscheinlichkeit werden jedes Jahr neue Ausgaben der Dramen hergestellt, werden die Theater mit Besuchern der entsprechenden Stücke gefüllt sein. Möglicherweise hat der wirkliche Verfasser im Gegensatz zum vermeintlichen gerne Apfelmus gegessen und die Forschung kann darüber arbeiten, inwiefern Apfelmuskonsum einen Einfluss auf die dramatische Zuspitzung in „Othello“ hatte. Ein Herr, größer oder kleiner, gut oder weniger gut aussehend, mehr oder weniger obrigkeitstreu, hat etwas geschrieben, was uns heute rührt. Wir sind dankbar, dass seine Produkte sich erhalten haben.
Jesus von Nazareth: Ein Jemand, der von sich behauptet, Gottes Sohn zu sein. Das wird ihm von Vielen bestätigt, die darüber hinaus noch sehen, dass dieser Jemand ungewöhnliche Dinge tut, heilende Kräfte und eine prophetische Gabe besitzt. Aber möglicherweise ist auf dem Weg der 2000 jährigen Datenübermittlung irgendetwas schief gegangen. Würde es ein Problem für den christlichen Glauben darstellen, wenn der Name des Gekreuzigten ein anderer wäre, er keinen Bart getragen hätte, am letzten Abendmahl nur 10 Personen teilgenommen hätten? Ich denke: nein. Mag sein, dass diese Meinung nicht sonderlich katholisch ist, doch christlich scheint sie mir schon zu sein.
Die (unter großen theologischen Mühen vielleicht irgendwann aufzuklärende) innere Notwendigkeit, dass Gottes Sohn Mensch (und eben nicht Tier) gewesen sein muss, bleibt davon ganz unberührt. Man müsste ganz ohne Bezugnahme auf alte Rollen oder Scherben plausibel dartun können, dass der Erlöser als wirklicher Mensch von Fleisch und Blut gelitten hat, dass er Mensch ohne Sünde war, dass er auferstehen musste, dass er vor aller Zeit beim Vater war usw. usf.
Auch nur zu fragen, bei welcher Weglassung vom oder Hinzufügung zum Überlieferten der Glaube im Kern getroffen ist und wo wir bloß von historisch Kontingentem handeln, setzt schon voraus, dass wir auf die Funktion der Sache zielen.

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Die Logik, nach der ein Sachverhalt in der Welt ist, muss nicht mit dessen historischer Entstehung übereinstimmen, ja oft kann jene dieser entgegen stehen, oder aber es wird gar unmöglich, den Nachweis der historischen Genese von etwas logisch Notwendigem, Daseiendem überhaupt zu führen.
Das meine flapsige Beschreibung der beliebten Kontroversen „logisch vs. historisch“; sie wird die Wissenschaftler nicht befriedigen, doch ich neige nun einmal zum Banalisieren.

Beispiel „Wert“: Gibt es eine historisch nachzeichenbare Entstehung des Werts von einfacher Warenproduktion hin zu entwickeltem Kapitalismus?
Hans-Georg Backhaus u.a. verneinen das: Die Wertentstehung lasse sich nur logisch (und zwar aus der – wie auch immer interpretierten, modifizierten – Marxschen Wertformanalyse), nicht historisch (aus einfacher Warenproduktion) ableiten.

Beispiel „Shakespeare“: Gibt es den historischen Shakespeare (wie wir ihn immer schon kannten?) oder hat ein anderer alles geschrieben (den wir nicht kannten?)? Ein kürzlich heraus gekommener Film vertritt diese These und macht damit Furore.

Beispiel „Jesus (Christus?)“: Ist wirklich Jesus von Nazareth der Gottessohn oder irgendein anderer? (In genau dieser zweideutigen Formulierung: Ist Jesus ein anderer, also nur ein gewöhnlicher Zimmermann – und: Ist ein Anderer der Sohn Gottes?)

Mir ist nicht klar, was an den obigen Beispielen überhaupt das Problem sein soll. Warum es wichtig sein kann, hier kein Problem zu sehen – wird im nächsten Posting erläutert.

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Links wird die Leitdifferenz des Deutschen als „Ergebung/Vernichtung“ ausgemacht. Beides läuft auf den Tod hinaus, der den Deutschen immer Lösung sei. (Diejenigen mit philosophischen Aspirationen rühren hier noch gern Heideggers „Sein zum Tode“ hinein, obwohl das nun gar nichts damit zu tun hat. Doch davon demnächst mehr.)
Die Kontrastposition werde durch das „Leben als Kampf“ gehalten, Vorbild: das Alte Testament. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung zur Ableitung, dass es prima und immer zu begrüßen sei, wenn israelische Heranwachsende mit der Waffe in der Hand gegen die „antisemitische Internationale“ kämpfen. (So zumindest die Hinzufügung der carhartt-behosten Zivis deutscher Mittelschichtsherkunft, die auch gerne gegen irgendetwas kämpfen würden, wenn auch nicht in echt.)

Mag sein, dass die anprangernde Rede vom „unheilvollen alttestamentarischen Prinzip“ und der „Spirale der Gewalt“ antisemitisch ist. Fakt ist, dass die ganze anti-israelische Bagage irgendwelcher Friedenskreise sich dieser Topoi bedient. Doch m.E. sollte man sich nicht so pseudo-aufgeklärt verteidigen, wie die o.g. Jünglinge tun – an der Gegengewalt ist doch nicht zu loben, dass durch sie die Geschichte offen gehalten wird. Und die Verteidigung eines Landes gegen Terror kann doch auch nicht Gegenstand von philosophisch getöntem Lob oder Tadel sein.
Vielmehr ist es doch in sich ungemein tröstlich, dass Gewalt immer Gegengewalt erzeugen könnte, die Gewalt also eben nicht triumphieren muss, dass der Gewalttätige vielmehr bis zuletzt vorm Stärkeren zu zittern hat.
Christoph Türcke: „Andererseits ist Gegengewalt auch gegen Gewalt.“

Können Sie, lieber Leser, jetzt ermessen, wie groß die Liebe desjenigen sein muss, der auf die ultimative Gewalt nie gewalttätig antwortet, sondern den Gewalttäter gleich mit erlöst?

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Frage:
Der Stand der Theoriebildung in der sog. „emanzipatorischen“ Linken scheint mir folgender zu sein: Die in ihrer Unverstehbarkeit unerträgliche Gesellschaft muss vor dem Abrutschen in die Barbarei bewahrt werden – und zwar dadurch, dass man die Handlungen derjenigen verteidigt, von deren „Werten“ es sich zu „emanzipieren“ gilt.
Können Sie mir das logisch erklären oder braucht man dazu Kritische Theorie?

Antwort:
Logisch auf keinen Fall. Das Problem ist auch nicht dialektisch zu lösen, aber noch sinnlos genug. Weiteres finden Sie evtl. beim „Sender Jerewan“.

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Menschen vergessen Dinge. Aus irgendwelchen Gründen vergessen einige ältere Menschen Dinge, die so wichtig – lebenswichtig – sind, dass niemand sie vergessen sollte. Dann wird´s pathologisch und ein Begriff stellt sich ein – Demenz. So das populärwissenschaftliche Bild von Demenz. In dieser Logik müssten die Menschen, die am meisten wissen, am besten leben.

Doch m.E. geht es nicht um das „Behalten“ von Sachverhalten. De-menz als Begriff ist viel exakter. Zum Geist – der in der De-menz verloren geht – gehört wesentlich die Arbeit mit dem, was gespeichert wurde. Es gibt im Gehirn nun mal keine lokalisierbare Stelle, an der gespeichert wird, wo normalerweise der Wohnungsschlüssel hinkommt. Demente haben nicht das Problem, dass bei ihnen irgendein Speicher leer ist, der bei anderen voll ist. Als ob Demente nicht gerade darunter leiden würden, dass so viel Gespeichertes so sinn- und ziellos im Hirn wabert!
Das Gehirn ist kein Sachverhaltssilo, sondern ein Assoziationsraum. Es besorgt Erinnern UND Vergessen – und beides im Dienste eines Sinnsystems, des psychischen Systems nämlich, das sich autopoietisch durch die Reihung von Gedanken an Gedanken reproduziert.

Das Problem von Dementen ist, dass ihre Verknüpfungsfähigkeiten mit der Lebenserhaltung in einem sozialen Gefüge nicht zusammen passen. Bestimmte praktikable Verknüpfungen, bedeutungsvolle Integrationen gehen verloren und werden durch unpraktikable, den Gesunden nicht einsichtige, Verknüpfungen ersetzt (vgl. bspw. die Fähigkeiten räumliche und zeitliche Sachverhalte in einen Zusammenhang zu raffen).

Doch in einer Gesellschaft, in der es durchgängig ums Anhäufen und Nicht-wieder-hergeben geht, ist es wohl einfacher, eine Krankheit auf Element- und nicht auf der Strukturebene (hier: des Gehirns) zu definieren. Das Verständnis für demente Menschen wird so aber nicht gefördert.

zu dieser Auffassung von Gedächtnis s. bspw. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft I, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1997, S. 588 – 593

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Beim Singen: Leute nivellieren Tonhöhen. In den meisten Fällen besteht fehlerhaftes Singen darin, zu wenig „gesprungen“ zu sein, also Töne zu nahe beieinander zu lassen. Es soll keine Unterschiede geben, niemand soll ausscheren und woanders stehen, als die anderen.
Beim Essen: Heutzutage muss Essen leicht sein, es darf nicht auffallen; der Zustand nach ihm muss derselbe wie vor ihm sein – unbeschwert. Man darf sich keinesfalls kugeln. Am besten wäre: Der Hunger ist verschwunden und man könnte sich ans Essen nicht erinnern.
Beim Sprechen: Fütter´ Deine Katze!, Kümmer´ Dich um mich!, Maler´ Dein Zimmer! – die Idiotenverkürzung beim Imperativ. Dem „kümmere“, das man zum „kümmre“ umstellen könnte, wird einfach das End-E gestrichen, es wird leichter, fluffiger – und ekelhaft. Es sieht dem Infinitiv ähnlicher, verlangt also eine geistige Identifizierungsleistung weniger (nämlich die: dass „kümmre!“ von „kümmern“, nicht von „kümmren“ kommt). Auch das „Ess´ mit mir!“ gehört hierher – nicht eine Umstellungs-, sondern eine Austauschleistung wird hier gespart – Ess´ klingt nach „essen“, „iss“ nicht.
Überflüssig zu sagen, dass bei der Idiotenverkürzung der Apostroph weggelassen wird.
Identifizieren, einordnen, werten sollen keine Mühe mehr machen – wie wäre das besser zu bewerkstelligen als dadurch, dass alles den gleichen Wert hat, der relative Wert also verschwindet?

Sicherlich heißt es, Robert Kurz et al. überzuinterpretieren, wenn man die Aushöhlung des Werts quasi-belletristisch überträgt auf die Geringschätzung dafür, wie sehr Quantität und Qualität durcheinander vermittelt sind, wie sehr also gutes Gelingen vom Maß, gar nicht unbedingt dem geltenden rechten, abhängt. Doch wenigstens ein kleiner Schatten soll auch heute auf die linke Republik und ihre Hochschätzung der Gleichheit fallen: Je unverständlicher Hierarchien werden, umso weniger Individuelles gelingt.

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denkt Ihr nicht auch, dass das satanische Gegeifer dieses Herren, das irre Gestammel dieses abgedrehten Pseudo-Bischofs und die Auslassungen dieses – über den Katechismus der Katholischen Kirche gänzlich ahnungslosen – Würdenträgers, dessen Ausstrahlung die Missionsarbeit auch nicht wirklich fördert, – dass all dies nichts als ein paar bizarre Performances für den Vorhof der Hölle sind?
Da entdeckt man nun gerade die Welt des Katholischen für sich und dann – trifft man auf die da. Ich nehm´s als Prüfung des HERRN.

Katechismus der Katholischen Kirche, vgl. Absätze 2357 – 2359

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