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Archive for März 2012

Neulich am Biertisch: Wir waren uns einig – im Zweifel sind wir links. Wir können nicht anders, sind so sozialisiert; der eine ist damit vielleicht unfroher als der andere, aber wir können nicht über unseren Schatten springen. Im Alltag suchen wir nach der Freiheit, wir fühlen Empörung, wenn die Selbstentfaltung irgend eines Menschen eingeschränkt wird. Auch die Unfrohen unter uns müssen sich erst zur Ordnung rufen, um bedenken zu können, dass die Freiheit durch maximale Selbstentfaltung aller abgeschafft wird.
Im Zweifel sind wir nachsichtig bis zur Nachlässigkeit, permissiv bis zur Indolenz. Wir hassen die Einschränkung, sind gegen jede Regel misstrauisch. Freie Einsicht statt Pflicht, keine Zuteilung, sondern Aneignung – das sind unsere Werte. Im Zweifel wollen wir nicht, dass irgend jemand zu irgend etwas gezwungen wird. Auch wenn wir wissen, dass unter der Abwesenheit von Zwang nur die Schwachen leiden.

Doch mit dem Alter gehen die Zweifel.

P.S.: Das deutsche Fernsehpublikum hat versagt – die „Harald Schmidt Show“ wird abgesetzt. Die letzte Rechtfertigung für den Besitz eines Fernsehgerätes ist damit entfallen.

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Ein Kollege verliert seinen Sohn bei einem Frontalzusammenstoß mit einem entgegenkommenden Wagen. Er bricht zusammen. In den Wochen danach hat er selbst einen Autounfall in der Innenstadt, in Bahnhofsnähe. Er ist lange arbeitsunfähig und kommt nur mühsam mit der Unterstützung durch Medikamente wieder auf die Beine. Selbstverständlich, dass ich mir für lange Zeit meine Polemik gegen Autos und den modernen Großstadtverkehr, für die ich bei den Kollegen berüchtigt bin, sparen werde. Doch der Kollege kommt selbst auf mich zu: Er hätte sein Verhalten jetzt geändert – am Bahnhof jedenfalls würde er nicht mehr vorbeifahren. Es gebe ja auch andere Wege. Sicherlich, die gibt es, stimme ich ihm zu und hoffe, dass meine Verständnisbekundung echt wirkt.

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Das Bestehen auf dem „Zulassen einer Diskussion“ impliziert allzu selten, das hinzunehmen, was eine gute Diskussion bietet: folgenreiche Argumente. Folgenreich gar nicht einmal schon im Sinne der Umstellung von Handlungsabläufen, sondern als etwas, das für den weiteren Verlauf der Diskussion selbst wirksam wird, d.h., auf das man sich bezieht, dessen einzelne Teile man auslotet. Allzu oft meint o.g. Zulassen nur die Möglichkeit des handlungsentlasteten Vortrags von irgend etwas.
Ich mag nicht unter Leuten sein, denen ich alles sagen darf, von denen aber nichts gehört wird. Insbesondere die Linkspartei ist Meisterin in diesem Schwafelpluralismus – alle dürfen alles sagen, niemand nimmt den anderen ernst und am Ende wird die bewährte Mischung aus Vulgärkeynesianismus, Multikulti, Islamversteherei und Antizionismus in die Tat umgesetzt. Zuvor mögen zwar kleinunternehmerische Marktbefürworter, Ossi-Rassisten, oder der BAK Shalom zu Wort gekommen sein, doch als solche gewürdigte Argumente durften sie nicht beisteuern.
Argumente können treffen oder nicht, sind also gut, weniger gut oder nicht geeignet – doch das Vorbringen einer Meinung, die nichts anderes als subjektiv sein will, ist kein Argument. Und gänzlich unredlich ist, eine unterstellte Zwanglosigkeit des Austauschs gerade dann zur Zurückweisung der allzu großen Ernsthaftigkeit des Gegenübers zu verwenden, wenn man bei der eigenen Argumentation nicht weiterkommt.

Sicherlich: Die Freiheit beginnt mit der Ermöglichung gefahrlosen Schwafelns. Und es muss auch die Gelegenheit zum von logischen Zwängen weitgehend entbundenen Labern geben. Nicht immer können wir substanzhaltig, gesättigt vom Gegenstand und auch noch logisch schlüssig sprechen. Nur sollte man das eine nicht für das andere ausgeben.

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Die Zivilisationsextremisten: Es ist ihnen unvorstellbar, Geschirr nicht abzutrocknen, sondern an der Luft trocknen zu lassen, undenkbar, keine Gardinen an den Fenstern zu haben. Die Menschenwürde scheint ihnen schwer geschädigt, wenn ihre liebsten Konsumeinrichtungen die Öffnungszeiten ändern. Dinge, die nicht an ihrem Platz liegen, verunsichern sie für Stunden – „Das kann einfach nicht sein…“. Sie haben keinerlei Kontingenzbewusstsein und vermissen es auch nicht.
Nein, kein Psychiater hat ihnen eine Diagnose gestellt; sie leben mitten unter uns und fühlen sich durchaus wohl, solange in der Umwelt keine Abweichungen vorkommen. Leider aber empfinden sie sich auch nicht als spleenig, sondern sind durchaus gewillt, uns ihre Macke als Ordnungssinn aufzudrängen.

Und mir kommt der Gedanke, dass die ganze schlimme Entbehrung von Krieg, Nachkrieg und DDR durchaus nicht völlig nutzlos war. Da musste sich ein bestimmter Menschenschlag einmal umstellen.
Wenn der Schrecken in der übersehenen Dreckecke lauert und jeder luschig gefegte Keller einem Zivilisationsbruch gleichkommt, dann darf ich auch einmal das Stahlgewitter als Zwangstherapie erwägen. Erwägen und dann – verwerfen.

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Viel zu oft bin ich mir unsicher.
So leicht lasse ich mich ins Bockshorn jagen. Von heftigen Ausbrüchen, ausgestellten Verletzungen, die ich immer beschwichtigen oder heilen möchte, aber auch von Zahlen, die einer als Argument in die Runde semmelt, ohne dass jemand sie nachprüfen kann.
Arbeitskollegen, Freunde, Eltern, Bekannte: „Ich garantiere Dir, in den nächsten zwei, drei Wochen wird in dieser Sache entscheidendes passieren.“ Wichtige Miene dazu und mir bleibt schon wieder die Luft weg – statt dass ich nicht nur mir, sondern laut sage, dass in wohl jeder Sache dieser Welt in den nächsten zwei, drei Wochen entscheidendes passiert, wenn man die Epsilon-Umgebung für „entscheidend“ nur großzügig definiert.

Jemand hat auf einem bestimmten Gebiet sehr viel mehr gelesen als ich und muss nun bei jeder auch nur illustrierenden Bemerkung von mir, gegen mich siegen. Mit selbsternannten Experten, die lediglich dilettieren (also mit meinesgleichen), zu diskutieren, ist einigermaßen anstrengend. Universitär angebundene Disputanten sind im Umgang besser erträglich; wohlwollender oft, sie müssen mir nichts beweisen, sondern gehen ruhig über meine Fehlschläge hinweg und bemühen sich, die Substanz an meinem Argument zu würdigen.

Aus wertkritischen Zeiten (s. bspw. hier und hier) habe ich noch gut die Phrasen in Erinnerung: „haben sich die Widersprüche in letzter Zeit zugespitzt“, „wegen xyz hat es sich als notwendig erwiesen, noch einmal deutlich auf abc einzugehen“, „die Konflikte im xyz-Sektor sind reif geworden…“. Da hat offensichtlich jemand so richtig Ahnung, da ist jemand am Puls des relevanten Geschehens und kann uns tumben Normalpolitniks die kommenden Katastrophen deuten?
I wo – all das sagte man, wenn man auf die bisherige Baustelle keinen Bock mehr hatte und einfach theoretisch an Neuem werkeln wollte. Noch kein Referent hat ausschließlich zum ihm gestellten Thema gesprochen: Lud man irgend eine Koryphäe ein, so redete die in erster Linie worüber sie wollte – um Leuten irgend eine neue Marschrichtung beizubiegen.

Geben wir es zu: Wir alle haben vom allermeisten keine Ahnung – von Griechenland nicht, vom wirklichen Bewusstseinszustand bei Demenzkranken, von Wein, Musiktheorie, Staatsrecht. Wir sind Zeitungsleser, Alltagsbeobachter.

Zur Abwechslung möchte ich auch einmal Einsichten verschenken: Shit happens. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Und schließlich: Nur über Geschmack lässt sich streiten.

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Eine gewisse Szene hat sich zum Vorreiter für den Kult-Faschismus gemacht. Kleiner Tipp: Die rechtsradikale ist es nicht.
„Das ist so sehr x, dass es schon wieder nicht-x ist“, quiekt man begeistert angesichts der übelsten Produkte von Kulturindustrie, die man, konsumieren sie andere in „unkritischer“ Weise, als patriarchal, reaktionär, dumpf und deutsch verdächtigen würde. Beim Kult ruht der Linke vom Kritisieren aus, nicht beim Jagen und Fischen. Einmal in der Masse aufgehen und doch nicht dazugehören, mit Prolls feiern, den Adorno im Hinterkopf – wunderbar ist das.
Hier bin ich Schwein, hier darf ich´s sein; schließlich weiß ich ja, wo Schluss ist – in den „geschützten Räumen“, wo man schwer antirassistisch, antisexistisch ist.

Ich müsste mir das einmal erlauben:- zu sagen: Das ist so antifaschistisch, dass es schon wieder faschistisch ist.
Das Böse da draußen kann Kult werden – der eigene Laden darf es nicht.

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Anlässlich Occupy, Acta, Piratenpartei, Anonymous. Mir fällt auf: Die Akteure – so ehrenwert ihre Motive im jeweiligen Einzelfall sein mögen – agieren auf einer Spielwiese. Sie nennen sie: öffentlicher Raum. Das, was ihnen an ihren Aktivitäten wichtig ist (jenseits der von ihnen unbeabsichtigten Nebenfolgen), soll sich auf den Freizeitbereich auswirken. Innenstadt-Plätze, Webseiten, Kneipen und Clubs, geistige Güter, Geld für Konsum (Finanztransaktionssteuer). Auf den ersten Blick vielfältig wirkend, eint all die Themen doch die pure Bezogenheit auf die Freizeit städtischer Schichten.
Die meist jüngeren Aktivisten kämpfen für das freie Internet (meinen aber damit nicht die Kostenersparnis für Unternehmen, wenn Lizenzen usw. wegfallen), freie Drogen, freien Zugang zu Gütern, die ohne finanzielle Reproduktion ihres Schöpfers nie entstanden wären; sie agieren gegen Überwachung und für die Umgestaltung ihrer Clubs (hier geht es gegen angeblich rassistische Einlasspolitik, falsche Eintrittspreise und falsches Publikum). Nazis fallen auf als ungute Beeinflussung von Party und Selbstverwirklichung, nicht als gefährliche Gesellschaftsveränderer.

Es gibt nahezu kaum Substanz, die sich auf die aktive Förderung bzw. Umgestaltung materieller Reproduktion erstreckt. Nicht anders produziert soll werden, sondern anders verteilt. Die Unterhaltungsform „Club“ steht nicht zur Debatte, nur der Zugang zu ihr. Die elende, „unwirtliche“ Anmutung der Innenstädte wird nicht Problem, lediglich der Zugang zu ihnen.
Die Kämpfer mit Maske oder Zottelbart möchten teilhaben an allem, was da ist. Hervorbringen möchten sie nichts.

Sie sind begeistert in abgeleiteten Sphären unterwegs – Kulturbetrieb, geisteswissenschaftliche Bereiche der Universität, Clubs, Vereinsräume, dort, wo der Garten der Gesellschaft bestellt wird. Da aber, wo Dinge (auf elegante oder fatale, schonende oder ausbeuterische Art) produziert werden, wo etwas gewagt wird, soll kaum etwas befreit werden ; man möchte auch gar nicht so dringend wissen, was dort los ist.

Abgeleitet: Die Kanäle der Freizeitperfektionierer werden von Natur und gesellschaftlicher Arbeit gespeist – die Sphäre der stofflichen Schöpfung ist der blinde Fleck der neuen sozialen Bewegung.

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