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Archive for August 2012

So lautet eine gesprühte Parole auf meinem täglichen Weg mit dem Rad. Zornig bekräftigt vom Anarchie-A, im Kreis natürlich. Wir leben also in einer Rangordnungsgesellschaft? Denn dass unser Sprüher seinen Hass auf vergangene Monarchien ausdrücken will, ist ja eher unwahrscheinlich.

Lieber Kritiker, ist das Problem nicht eher, dass es in unserer Gesellschaft so gar keine Ränge mehr gibt? Dass die Ränge vielmehr von Einkommensunterschieden abgelöst wurden, diese aber funktional heillos hinter jenen zurück bleiben? Wert, Größe, Geltung – all das beschränkt sich auf Geld, eine axiologische Erdung in etwas, „was immer bleibt“ findet nicht statt. Dass eine Ordnung Gesellschaftssysteme, ja die Welt überdauern könnte (wie die Katholische Kirche postuliert), ist in Europa nur einer laufend schwindenden Minderheit einsichtig. Alles in dieser Gesellschaft ist im Fluss – Geschlechtergrenzen werden eingerissen, Umgangsformen abgeräumt und kaum jemanden stört´s. Auch in der wuchtigsten „Umfairteilungsdemo“ findet man´s wenig problematisch, dass Bedürfnisse wachsen und diese Bedürfnisse befriedigt gehörten.

Dein Zorn ist lächerlich. Es gäbe so unglaublich viel, worüber man sich zu empören hätte – die Brutalisierung des Alltags, den Terror der „technischen Errungenschaften“, die Verwüstung der natürlichen Umwelt. Doch Dein Problem ist, dass es in dieser Gesellschaft von vornherein zugewiesene Plätze gibt. Gestatte, dass ich lache. Wenn Du zahlen kannst, wirst Du freundlich behandelt, Du wirst nicht hinten in der Schlange versauern müssen.
Als kreativer Gesellschaftskritiker hast Du die Tugenden des Neoliberalismus schon recht gut eingeübt: Kreativität, Problemlösungskompetenz, Wendigkeit, mit Wenigem zurechtkommen. Deine heutige Wut auf angebliche Rangunterschiede ist nicht anderes als das Ressentiment dessen, der die Leute auf den Posten über ihm für Fehlbesetzungen hält.

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Die Tatsache allein, dass es in politisch radikalen Projekten, Häusern, Gruppen usw. Generationen gibt, es sich somit von selbst versteht, dass jeder nur eine begrenzte Zeit dabei sein kann, macht all das vollständig unwahr. Es kann bei dem ganzen Gesellschaftsveränderungszinnober nicht um die Sache gehen, sondern lediglich um ein Gefühl, dessen Stärke vom Alter abhängig ist. Leute aber, die nichts weniger als die Änderung der Welt von einem Gefühl abhängig machen, sind gefährlich.
Dass Menschen über 40 nur mit schwerer psychischer Schädigung in solchen Projekten überleben, dass man jenseits dieser Grenze nur noch die Rolle als Nerd-Fanatiker oder verzweifelter Drogenpunk besetzen kann, kühlt die Begeisterung fürs ganz andere Leben keineswegs ab. Soll jugendlicher Elan halbwegs konsistent dargestellt werden, braucht es die Darstellung von Echtheit und Einfalt. Umso peinlicher, wenn das eigene Erscheinungsbild dem nicht entspricht.

Eine mir bekannte Ausnahme will ich nicht verschweigen: Die linksradikal geprägte Schwulenbewegung. Es gab vor Jahren einmal ein Projekt linker Schwuler (damals hatte man es noch nicht so mit „queer“, man war schlicht schwul oder trans), das wurde plötzlich aus dem freizeitrevolutionären Wolkenkuckucksheim vertrieben. Die Erdung in der Realität war hart und brutal: AIDS. Plötzlich stellte sich das Problem der Betreuung und Pflege eigener Genossen. Das Alter war vorzeitig eingetreten. In einem Film sehe ich die einst so schönen leeren Gesichter, die vom Feuer der Revolution eben nur ausgeleuchtet wurden wie ein x-beliebiges Produkt in der Werbung, plötzlich sorgenzerfurcht und abgekämpft. Der Alltag zerrte an den Nerven, die Party war vorbei. In Windeseile musste man erwachsen werden – Ernstfall.

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Was hat langstielig-Gräserhaftes mit Wasser zu tun? Wo immer längere Zeit das Wasser steht, schießt Schilf empor. Anderes, hohes Gras gruppiert sich an dessen Rändern. Würde dem Wasser nicht eher das kurze, doch flächige entsprechen, normales Gras oder auch Moos beispielsweise? Das Moos bedient aber eher wieder die Flächen, die mit ständig zulaufendem, doch kaum stehendem Wasser zu tun haben.
Spekulation: Lange, evtl. großdurchmessrige Gräser haben viel Raum, um Wasser zu verwenden, es selbst also sich entfalten, zirkulieren zu lassen. Oder anders: Hohe Gräser haben das selbe „Anliegen“ wie breite Seerosenblätter und die vielen kleinen Tupfer der Entengrütze – möglichst wenig Raum darüber (Höhe der Gräser!), daneben (Breite der Blätter!), dazwischen (Packungsdichte der Grütze!) zu lassen.

Wasser bietet eine weit intensivere Dichteempfindung, als Luft – Wasser ist immer mehr Wasser, als Luft Luft ist.
Wasser ist das nahezu zwischenlos empfundene, Luft kann dicht und lose sein.

***

Es gehört hier eher als anderswo hin:
Der erneute Aufruf, die Auenwaldpetition gegen die Zulassung benzinbetriebener Boote in Auenwaldgewässern und gegen deren Schiffbarkeitserklärung zu unterschreiben.

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Linke Republik? Bewahre!
Ich solle nicht immer so verallgemeinern. Meine ganzen Beispiele seien Einzelfälle und in ostdeutschen Dörfern gäben die Nazis den Ton an. Und die seien ja wohl nicht links. Würde man gerade mal keine treffen, könne man doch sicher sein: In jedem einzelnen Haus der Dorfgemeinschaft rede man den NS schön.
Diese Einwände habe ich nicht nur einmal gehört. Doch ich kann es nicht lassen, auch heute wieder ein Beispiel zu bringen, dessen ganz unzureichende Aussagekraft großen Teilen meiner Leserschaft klar ist:

Wenn jemand:

  1. selbst,
  2. als Mitglied einer linksradikalen Schlägertruppe,
  3. Polizisten verprügelt hat, so wird er
  4. Bundesaußenminister.

Wenn jemand:

  1. mit jemandem in einer Liebesbeziehung lebt, der
  2. Mitglied einer rechtsextremen, zugelassenen, mithin legalen Partei war (!) und dieser
  3. Polizisten verprügelt hat,
  4. so muss dieser erste Jemand (!) selbstverständlich freiwillig seine Olympia-Teilnahme abbrechen.

Meine ganze Differenzierungsfähigkeit mobilisierend, möchte ich heute nicht darauf beharren, dass wir in einer linken Republik leben. Aber vielleicht könnten wir wenigstens von Analysen verschont werden, dass diese Republik nach rechts rutscht.

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Vor einiger Zeit verstarb der wertkritische Publizist Robert Kurz. Bekannt wurde er v.a. durch seine Bücher „Der Kollaps der Modernisierung“ und „Schwarzbuch Kapitalismus – Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft“. Die von ihm maßgeblich mitbegründete Theorie – eine Kritik der Grundkategorien des Kapitalismus: Arbeit, Wert, Ware, Geld, Staat, die in einer Zusammenbruchstheorie kulminiert – wurde lange Zeit durch die „Gruppe Krisis“, später dann durch das Projekt „EXIT“ ausgearbeitet.
Sein Hauptanliegen war m.E. das Auf- und Durcharbeiten. Er hatte die Vorstellung, dass jeder Blödsinn auf der Seite der Linken Verwesungsprodukt ihrer Geschichte sei. Deshalb gelte es, die alten Texte neu zu sichten, kritisch zu durchleuchten und alles, was vor der Kategorialkritik nicht bestehen kann, ohne Sentimentalität abzuräumen. Der Weg sollte frei sein für eine Linke, die aus ihrer Geschichte gelernt hat. Mir hat diese Haltung sehr gefallen.

Ich kannte Robert Kurz von einigen Seminaren, wir haben einige Male mit einander gesprochen. Zwei meiner Texte hat er mir bei solchen Gelegenheiten in Grund und Boden kritisiert und das durchaus zu Recht.

Aufgewühlt hat ihn der Clash mit den Antideutschen. Kurz hat hier publizistisch gewütet und er hat – wie so oft – Recht behalten. Die meisten seiner schlimmen Übertreibungen, über die wir damals den Kopf schüttelten, wurden von der Realität wahr gemacht. Die Erbärmlichkeit der Adorno-traurigen, kunstsinnigen und doch so kriegslüsternen Jünglinge kannte keine Grenzen. Mir bog später die menschliche Niedertracht der Leipziger Ableger, einer Kamarilla, die nichts konnte, außer Adorno, die nicht wusste und wissen wollte, was eine Leistungsbilanz ist und was an Börsen passiert, bei, was von der „antideutschen Ideologie“ zu halten ist.
Kurz hat den antideutschen Wahnsinn früh karikiert und mit aller Wucht dagegen angeschrieben. Zu früh und zu einseitig, wie er einige Zeit später zugab: Der Anti-Imperialismus hätte zum selben Zeitpunkt und mindestens mit der selben Intensität gezüchtigt werden müssen. Er hat das später mit der ihm eigenen Sprachgewalt nachgeholt.
Nun sind die Antideutschen überflüssig geworden: Ihr Deutschenhass hat sich in den bundesrepublikanischen Mainstream eingegliedert. Die Linkspartei wird israelsolidarisch, ihre jüngeren Mitglieder haben´s ganz entschieden mit Luxus, Glitter, Hedonismus – deutsche Gründlichkeit und Tiefe haben abgewirtschaftet und mit ihnen die Anstrengung des Lesens und gründlichen Durcharbeitens. Weder Mainstream- noch Restlinke wollen die harten Fakten zu Gesicht bekommen, sich mit Wirtschaftsdaten beschäftigen, mit Einwanderungszahlen belasten.

Nahezu nichts hat seine Kritik ausgespart – auch nicht die Wertkritik. Immer wieder kritisierten er und seine Mitstreiter frühere Positionen, berichtigten, verwarfen, bauten Neues ein – so bspw. das Wert-Abspaltung-Theorem von Roswitha Scholz. Als seine Gruppe drohte, lebensphilosophisch-gefühlige Alltagsbegleitung für konsumkritische Gut-Linke zu liefern, zog er die Notbremse und rief „EXIT“ ins Leben – es sollte wieder näher heran gehen an die Kritische Theorie.
In Gesprächen hat er zuletzt Vorbehalte sogar gegen das „Manifest gegen die Arbeit“ geäußert. Man habe da fast offene Türen eingerannt. Arbeitskritik verkäme heute immer mehr zur theoretischen Aufhübschung eigener Faulheit. Jedes Feuilleton sei ja heute „arbeitskritisch“. Eine befreite Gesellschaft aber würde sowohl Muße, als auch konzentrierteste Anstrengung kennen.

Ich sagte „nahezu“:
Zwar nahm er die Linke „mit eingeschränkter Alltagskompetenz“ unter Dauerbeschuss, doch er wollte immer ein Linker bleiben. Soviele grundlegende Differenzen in der Aufklärungskritik auch destruiert wurden, sowenig irgendeine herrschende gesellschaftliche Kategorie als überzeitlich anerkannt wurde – die Differenz links/rechts schien in Stein gemeißelt. Dabei war doch gerade sie offen erkennbar ein historisch junges Produkt. Kurz hätte sich mit Klauen und Zähnen dagegen gewehrt, dass es auf der Seite der Rechten für das Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaft etwas zu holen gäbe. Diese Aufgabe müssen nun andere erledigen.

Robert Kurz war ein knarziger Rabauke, der noch die heißblütigsten Youngsters in die Tasche steckte – in der Leidenschaft der Kritik, wie beim Saufen. Und er war – auch wenn er das nicht gern hören würde – so etwas wie ein Grandseigneur des Geistes. Er gebot souverän über die hohe Philosophie, wie über die Niederungen der Volkswirtschaftslehre. Seine Kritik war bei aller Härte kein persönliches Runtermachen, sondern vom Bestreben geleitet, das Richtige siegen zu sehen.

Am Ende – die Linke. Es gibt nun keinen mehr, der auf sie aufpasst. All überall Sternchen, Glitter, 1 Milliarde Geschlechter und die Gier nach einem anstrengungslosen Leben auf anderer Leute Kosten. Alles wird Linkspartei, Klassenkampf oder Bellizismus – in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen.

Robert Kurz ist tot. Was für ein Verlust.

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