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Archive for September 2012

Aug´ in Auge

Die kleine Sekunde, der Halbtonabstand, bildet beim Zusammenklingen beider Töne eine harte Dissonanz. Sie ist das durch Un-Proportion Proportionierte, der Abstand, aus dem sich keine Abstände mehr bilden lassen. Sie ist das Festnageln, der Kontingenzvernichter.
Ihr entspricht die direkte räumliche Konfrontation. Der Angreifer springt auf uns zu oder stellt sich wenigstens ohne Lücke vor uns. Distanz, die Passen ermöglicht, ist nicht vorgesehen, von Schicklichkeit ist nicht die Rede. So hart wie ein plötzlich auftauchendes Fahrzeug oder Baum, so schrecklich nah wie die Schrankkante, an der man sich stößt, ist die kleine Sekunde. Zu ihr kann man sich nicht stellen, sie hat sich längst zu einem gestellt; harmonische Betrachtungen fallen schwer. Kontingenz (hier: das hörende Besetzen von Zwischenstufen in einem weiteren Intervall) ist unmöglich geworden durch die Wucht des Anpralls. Zwei Wesen stehen hier schroff gegeneinander. Unmittelbare Nähe ist terrornah.

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So sehr beim Oberfrankfurter das Ganze das Unwahre sein soll – ich bitte, wenigstens diesmal sich die Belehrung zu sparen, dass sich das auf Hegel bezieht, ich weiß das jetzt seit einigen Jahrzehnten – so wenig will man darauf verzichten, das „Ganze“ noch der popligsten Alltagsüberlegung zugrunde zu legen. Man ist besessen vom „Unwahren“.

Fangen wir mit dem schlimmsten an.
Zinskritik? Reiner Antisemitismus. Von der Sache braucht man keine Ahnung zu haben, wenn man das Schlagwort von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ drauf hat. Es braucht keinerlei Kenntnisse über Realzins oder die Rentabilität von Investitionen, solange das Publikum sich mit Gewäsch über die „Verwertung des Werts“ abspeisen lässt. Von dem weiß man zwar immer noch nicht, was er ist. Doch als Totschlagargument taugt er allemal.

Weiters: Eine Finanztransaktionssteuer hilft gar nichts. (Die kritische Kritik kämpft sich erst gar nicht zur ökonomischen Kritik einer solchen Steuer vor, kann und will also auch keine Vorschläge für deren wirksame Ausgestaltung machen.) Denn es ändert sich ja nichts an den Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft, also all dem, was dem linksradikalen Dolce far niente in die Quere kommt.

Ebenso klar: Konsumkritik ist absolut der falsche Weg. Und: Engagement im Naturschutz ohne Kritische Theorie führt geradewegs zum Ökofaschismus. Immer droht die Liebe zum Natürlichen. Die haben wir schließlich überwunden. All unsere Bands, unsere Essgewohnheiten und Umgangsweisen sind mitnichten natürlich. Und wer will schon entscheiden, was Menschen zuträglich ist? Solange das nicht ausgemacht ist, fordern wir selbstverständlich: Luxus für alle!
Kein Gedanke daran, dass es auch die emanzipatorischen Luxusbedürfnisse, die Sucht nach immer neuem elektronischen Spielzeug sein könnten, die mit der Arbeitshetze im Zusammenhang stehen. Die beklagt man zwar tränenreich auf Veranstaltungen, doch solange Vater Staat und leibliche Mutti die Kohle rüberreichen, gilt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

All das, was nicht auf Umsturz, das ganz Andere hinaus läuft, ist „verkürzte Kapitalismuskritik“ – diese Dummformel für alle, die nie sich selbst für schuld halten und diese Position damit erkaufen wollen, dass auch niemand sonst schuld sein soll. In die Welt gesetzt von Frankfurter Professoren, die aber wenigstens noch gespürt haben, dass zwischen ihrem Gehalt und dem Hass auf die Gesellschaft, die es ihnen gibt, ein gewisser Widerspruch besteht.

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Ich … mußte nachsitzen. Der Religionslehrer ließ mich mit dem Kleinen Katechismus in der leeren Klasse allein. Ich wußte mir etwas Besseres, nahm den „Robinson Crusoe“ aus dem Tornister und war mit ihm auf seiner Insel allein.

schreibt Ernst Jünger 1983, sich an die vergangene Gymnasialzeit erinnernd.
Wie komisch: Er betrog seinen Lehrer mit einem Buch, zu dessen Lektüre man heute in der Schule gezwungen werden muss.

Um Himmels willen, hier soll nicht schon wieder kulturpessimistisches Gegreine folgen. Die Zeit ist eben weitergegangen, nicht wahr? Damals war die Vorliebe für „Robinson Crusoe“ eben so etwas wie Mitte des vergangenen Jahrhunderts das Sammeln von Comics oder wie das Ausprobieren neuer Apps heute. Ändert sich ja vieles, muss man ja kein Drama daraus machen. Und schließlich war ja auch Mozart Unterhaltungsmusiker seiner Zeit. Wer will da von Qualitätsunterschieden anfangen?

Nein, von Abstieg kann keine Rede sein.
Nennen wir es: Fortschritt, Entwicklung oder einfach: Offen sein für Neues. Jede andere Deutung wäre schlicht reaktionär.

Jünger, Ernst: Siebzig verweht III, Klett-Cotta, Stuttgart, 1998. S. 267

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Linoleum und Parkett – können die wirklich schmutzig werden? Was kann an denen eigentlich haften? Der Teppich verbirgt Dinge, schluckt Geräusche und Staub. Nur was dreckig werden kann, ist auch gemütlich. Der Teppich hat ein Muster, das den Willen zum Eigenen bekundet. Seiner Schrumpfform, der Auslegeware, wird meist nur noch Seitenornamentik zugestanden, die meisten cm² sind einander gleich, nicht, wie beim Teppich, verschieden.

Linoleum und Parkett sind Verlängerungen des Bürgersteigs. Die Straßenreinigung könnte genauso gut ein Stück weiter in die Wohnung hinein putzen. Alle Spuren, auch die grässlichster Ausschweifungen, lassen sich beseitigen. Man muss nicht an öffentliche Tanzsäle, man kann auch an Folterkeller denken.
Die Unterschichtenvariante wird gewischt, die edle Form mit Pflegemitteln behandelt. Doch beide sind Ausdruck des festen Willens zur Sterilität.

Sauberes Parkett und Linoleum blinken, ja glitzern – eine aggressive, abweisende Form des Lichts. Die Augen werden durch Blitze so ferngehalten wie der Staub durch die Glätte. Auf Parkett und Linoleum stapft man nicht glücklich in sein kuschliges Reich, sondern tritt behutsamer auf, vielleicht kann man den Boden ja besänftigen?
Die Entwicklung endet vorläufig bei den nanobeschichteten Oberflächen – Gummizellen für alles Herumfliegende.

Teppiche werden nie ganz sauber; sie gehören einer dumpfen und finsteren Zeit an, die von Hygiene keinen Schimmer hatte. Nur auf Linoleum und Parkett lässt sich „schnell mal durchwischen“ – und nebenan wird die Fertigpizza in der Mikrowelle heiß: Lebensqualität am Anfang des 21. Jahrhunderts in den reichsten Zonen der Welt.

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Es gibt keine Alternative zu den Abläufen am nächsten Tag – zu Aufstehen, Essenbeschaffung, Essen und Ruhen, zum Tätigsein für Andere, zur Sicherung des Eigenen, kurz: zum Aufrechterhalten all dessen was macht, dass das Leben auch am nächsten Tag stattfinden kann. So kann man auch Heideggers Bemerkung auf Hannah Arendts Frage verstehen: “Was ich mache? Immer das Selbe.” Er meint: Was bleibt mir übrig? Das Leben will geführt werden.

Ewige Wiederkehr des deutschen Wahns, glaubte eine kritisch-theoretisch verhetzte Linke interpretieren zu müssen und bemäntelt damit doch nur ihre pubertäre Teddy-Begeisterung für Bruch, Riss und Negation.
Das „ganz Andere“ ist der Tod.

Wie schön aber ist es, wenn die Liebenden auch morgen noch beisammen sind, wenn auch morgen die Sonne aufgeht, wenn Musik erklingt, wenn einen auf Arbeit und in der Kneipe dieselben Leute bei gleichbleibend guter Gesundheit begrüßen und unsere Bitte immer wieder gehört wird:
„Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld.“

Denn: Wenn es morgen kracht und es im Dienste der Menschheitsbefreiung zunächst keine medizinische Versorgung, keine Polizei, keine Umweltstandards und gefüllten Supermärkte mehr gibt, sondern lediglich das Entzücken über den Anbruch des „ganz Anderen“, dann werden das am Besten die Jungen, Starken, Gewitzten verkraften, die Männer, nicht die Frauen, die Schläger, nicht die Behinderten, die Schönen, nicht die Entstellten. Kurz: Das Personal jeder faschistischen oder kommunistischen Massenbewegung.

Das hätte ich in diesem Blog schon x-mal gesagt? Mag sein. – „Was ich mache? Immer das Selbe.“

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Ich bummle einen kleinen Schlängelpfad im Wald entlang. Im Ohr: Ein exotisierendes Harmoniumsstückchen von Karg-Elert. Sein harmonischer Verlauf scheint den Biegungen des Weges zu entsprechen. Einigermaßen geheimnisvoll, wie das Ganze mit jeder Kurve neu aufgeht. Das Stück parodiert die schwer europäische Vorstellung chinesischer Melodik – und das auf ganz entzückende, keineswegs denunzierende, satirische Weise.

Und plötzlich stehen mitten im chinesischen Auenwald Enten auf dem Weg. Die Sonne bricht durch die hohen Baumkronen, das Grün der Köpfe leuchtet seidig. Und das Stück verklingt.
Manchmal beschränkt sich der heilige Geist auf ein Augenzwinkern.

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Einst im Marx-Lesezirkel: Wir sind uns einig, dass es schwer ist, Menschen die Gesamtgestalt der Ökonomiekritik nahe zu bringen. An sich bräuchte man erst mal mindestens eine halbe Stunde Redezeit, damit die Voraussetzungen für ein vernünftiges Gespräch überhaupt gegeben seien. Wenn das Gegenüber mit Ware, Wert, Kapital, Verwertung nichts anfangen könne, würde es eben immer nur mit den „Oberflächenkategorien“ bürgerlicher Ökonomik erwidern. Und die seien ja unter aller Kritik.
Jede Sekte argumentiert so: – „Lass´ Dich erst einmal auf uns ein, stell´ Deine Ablehnung mal kurz zurück, sei nicht voreilig, sei offen. Hier, das gebe ich Dir mal zum Lesen mit und nächste Woche sprechen wir dann darüber.“
Nächste Woche allerdings gibt es keine Erwiderung mehr – sondern nur noch die Beantwortung von Fragen durch den Berufenen, den Eingeweihten.

Immer schon muss man mit in der Tinte sitzen, um deren Farbe kritisieren zu dürfen – nur Hühner können also beurteilen, ob Eier faulig sind? Wendet jemand etwas gegen die Marxsche Ökonomieanalyse ein, wird ihm verplättet, er müsse schon den ganzen Aufbau des „Kapital“ zur Kenntnis nehmen. Marx entwickle schließlich seine Kritik nach einer besonderen Methode – und sei einem schon aufgefallen, wie der erste Satz laute?
Und dann patschen sie sich alle vor Freude auf die Schenkel, weil der Naivling irgend etwas mit Arbeiterklasse oder Kommunismus erwartete, doch nein, Marx beginne mit der (Kunstpause) … Ware. Der Mentor aus dem Hintergrund schaltet sich lächelnd ein, Marx beginne natürlich nicht mit der Ware, sondern mit der „ungeheuren … Warensammlung“. Zurechtweisungen können mehrstufig sein. (Ich schenke dem Mentor die Erkenntnis, dass Marx natürlich mit dem „Reichtum“ beginnt und der auf Krawall gebürsteten, theorieaffinen Feministin den Knaller, dass nicht einmal das stimme, schließlich laute der Beginn des „Kapitals“: „Der“ und nicht bspw. „Die“.)

Das Nachzeichnen der Marxschen Intentionen ist keine Kritik, sondern Exegese. Bestenfalls kann man sich bemühen zu zeigen, inwiefern es wichtig ist und wohin es führt, so und nicht anders zu beginnen. Doch wen sollte das interessieren außer Leute, die sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung befassen?
Ich bin allerdings eher grobklotzig unterwegs und behaupte: Auf Erden ist der Anfang kein Argument für irgend etwas. Auch der Tuberkelbazillus hat irgendwann mal angefangen. Kritik gibt es nicht nur in Kantscher oder Frankfurter Form, sondern auch und gerade als Konfrontation des Alltagslebens mit der Theorie in Buchform. Und: Wir leben auf der Ebene der Erscheinung und nicht irgendeines Wesens.

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