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Archive for Oktober 2012

Es gibt eine Impfkritik, eine Aidskritik und eine Gesellschaftskritik. Die letzte ist so seriös wie die vorigen. Ein paar Eingeweihte wissen, was die dumme Masse nicht wissen will/soll/kann/darf. Woher jene ihr Wissen beziehen, blieb bis zum Aufkommen der „emanzipatorischen“ Linken unklar, diese wenigstens war so ehrlich, die Leidenschaft als Quelle anzugeben: „Es kotzt mich an, dass ich … (arbeiten, Miete zahlen, zum Amt gehen muss).“ Unabhängig von solchen Aufwallungen, gegen die man nicht argumentieren kann, bleibt die Frage: Ist Gesellschaftskritik überhaupt möglich? Ließe sich nicht mit ähnlicher Berechtigung (und von meiner Seite wenigstens: mit sehr viel mehr Leidenschaft) eine Wetterkritik ins Werk setzen?
Die Gesellschaft ist was und wie sie ist – ein Zusammenhang von Kommunikationen um und in zentrale(n) Funktionssysteme(n) – d.h.: jeden Tag anders in den Details, ähnlich im großen Ganzen. Man muss sie nicht bejubeln, man kann das alles (im Roman, am Biertisch, beim Punkkonzert …) zum Teufel wünschen, kritisieren kann man es nicht. Man kann mit Änderungsabsicht mitmischen und wissen: 1. kommt es anders und 2. als man denkt. In der Gesellschaft mit den Mitteln dieser Gesellschaft diese abschaffen zu wollen, heißt, eben diese Abschaffungsmittel abzuschaffen. Soviel Gödel muss sein: Die Gesellschaft kann sich weder durch eigene Mittel beweisen, noch widerlegen. Sie ist. Und wir sind dabei.

Was seine Identität in Operationen (Kommunikationen) hat, muss sich entwickeln und kann so unerschöpflicher Quell weiterer Forschung, neuer Interpretationen und Theorien werden. Was sich wie Natur – weil es perfekt geschaffen wurde – als Gleiches erhält (und das tut sie – Umwelt und Landschaft mögen sich entwickeln, die Natur bleibt, was sie ist: das Unverfügbare), ist Anlass zu bewundernder Betrachtung. Hier wird die Schönheit wahrgenommen, dort wird auf neue Entfaltungsstufen des Untersuchungsobjekts geachtet.
Die eine disqualifizieren die Erben Kritischer Theorie als faschismusnah, die andere als Hoffnung. Das hat eine gewisse Logik: Natur ist an oft brutal starre Kausalität gebunden (s. Kant; vgl. auch Marx´ Biene-und-Baumeister-Beispiel).
Trieb (bspw. der einer Nachtigall, zu trillern) ist also richtig, wie E. Jünger tut, der Freiheit entgegen zu setzen. Gegen sein Image als chaotisch Durchbrechendes ist er der voll Determinierende.
Gesellschaft erzeugt die Vorstellung vollständiger Änderbarkeit aus sich heraus, indem in ihr durch ihre Mittel (Kommunikationen) bestimmte politische Ereignisse als Umbrüche markiert werden. Die dialektische Philosophie greift dieses Muster dankbar auf – sie versteht sich als Fortschrittsform.
Daher die Begeisterung der modernen gesellschaftskritischen Fortschrittler für Dialektik, die Un-Logik und die der Naturemphatiker für Logik (bis hinunter zum ökobewegten Computernerd mit inniger Liebe zu Unkräutern aller Art). Für das zähneknirschende Zugeständnis, Natur und Logik reichten bis ans Ende der Tage, entschädigt sich der Kritiker mit der Erfindung einer Partiallogik, der Dialektik, die in der Gesellschaft zu Hause sei. Das wirklich Wichtige könne also jederzeit grundlegend umgewälzt werden.

Natur und Gesellschaft sind nicht kritisierbar. Die eine will angestaunt werden, die andere verlangt nach unserer Mitwirkung. Auf die Änderung der Verhältnisse zu hoffen und seinem Mittun so Sinn zu geben, steht jedem frei. Ich hoffe auf besseres Wetter.

Jünger, Ernst: Siebzig verweht I, Klett-Cotta, Stuttgart, 1995. S. 213

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solle man: schreiben, malen, komponieren, Kabarett spielen. Wenn man nicht getrieben sei, brauche man gar nicht erst anzufangen. Kein Interview mit irgendeinem B-Schreiberling, in dem einer nicht von sich behauptet, er müsse schreiben, er habe gar keine andere Wahl. Trotz allen Fortschrittsgequakes: Beethoven mit dem wirren Zottelkopf ist das Modell. Beleidigt, übellaunig, schwer von sich überzeugt, unhöflich und laut. Leidenschaftlich nennt man sowas links. Immer 300 % – pro oder contra. In der Leidenschaft auch mal „und“. Unbeherrscht ist das neue-alte genial. Bis zum Punkrock.

Und sie haben ihr Publikum: Die lauen Durchschnittswürstchen lieben den Exzess, das Ausrasten, die Grenzerfahrung – bei Anderen. Sie haben das Wilde, Bunte outgesourct. Auf dem Buch- und Musikmarkt wird das „ganz Andere“ täglich millionenfach eingefordert und geliefert. Ohne Verrücktheit geht nichts über den Ladentisch.

Von diesem Blog aus, dessen Macher sich immer mal wieder aufraffen muss, überhaupt etwas zu schreiben, sei ihnen allen zugerufen: Benehmt Euch doch bitte mal!
Nun gut, es kann ja durchaus vorkommen, dass man „im Feuer“ ist – so eben wie es auch dem Daytrader , der Architektin, dem Koch, der Ergotherapeutin und dem Biochemiker mal passieren kann. Doch in aller Regel ist Kunst wohl nicht besser, wenn sie sich vollzieht wie ein Drogentrip, statt wie die reguläre Arbeit aller anderen.

Mal plakativ:
Schelsky statt Nietzsche, Buschkowsky statt Ditfurth, Luhmann statt Bloch. (Sorry for that.)

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Also: Kann man mit Gewinn so tun, als ob ein Feind bürgerlicher Ordnung lediglich ein hartgesottener Abweichler ist?
Jakobs´ Antwort ist ein klares „Nein“: „Ein Individuum, das sich nicht in einen bürgerlichen Zustand zwingen läßt, kann der Segnungen des Begriffs der Person nicht teilhaftig werden.“ („Bürgerstrafrecht und Feindstrafrecht“). Person hier rechtlich verstanden als „Trägerin von Rechten und Pflichten“ („Feindstrafrecht – Eine Untersuchung…“).

Zunächst: Das Recht ist ein Teilsystem der funktional differenzierten Gesellschaft. In seinem Bereich entscheidet es alles – die Welt ist für es Recht/Nicht-Recht. Es kann und muss zum Wohle der Gesellschaft – zwingen. Das heißt in erster Linie: Seine Abschaffung verhindern.
Zwar kann ein Einzelner das Rechtssystem nicht zu Fall bringen, geschweige denn die funktionale Differenzierung, doch der einzelne Feind entschädigt sich dafür, indem er sich alle Mittel ohne Ausnahme zubilligt, also etwas tut, was dem Rechtssystem von der Politik nicht gestattet wird. Seine Mittel sind quantitativ begrenzt, qualitativ unbegrenzt, die des Rechts qualitativ begrenzt, quantitativ (mindestens im Hinblick auf den Einzelfeind) nahezu unbegrenzt.

Die andere Seite der Eingangsfrage kann jetzt gestellt werden: Liegt es nicht nahe, dass dem Recht Bereiche geschaffen werden, in denen die qualitative Mittelbegrenzung suspendiert ist?
Und muss man an dieser Stelle wirklich „Totalitarismus!“ rufen?

Wie kann das Recht klar machen, dass es ihm im Angesicht offenkundig feindseliger Taten wirklich ernst ist? Wie kann man einer Person, die einen akzeptierten Platz in dieser Gesellschaft nicht will (weil sie schlicht diese Gesellschaft selbst nicht will) klar machen, dass es jetzt um ihr Personsein selbst geht?
Soll die Ordnung durch das Recht selbst nicht in Frage gestellt werden, bedarf es der Unterscheidung von „grenzenloser Vernichtung“ und der „Exklusion des Feindes“ von einigen seiner Rechte (ebd.).

Die Anwendung scheint schwierig, die Kriterien der Zuordnung verwaschen – das Problem bleibt stahlhart: Muss die bürgerliche Ordnung mit ihren Feinden leben?

Bürgerstrafrecht und Feindstrafrecht
Feindstrafrecht? – Eine Untersuchung zu den Bedingungen von Rechtlichkeit

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Unausgesprochene und deshalb (!) klare Voraussetzungen des Rechts erodieren: Institutionengeltung, zwischenmenschliche Fraglosigkeiten, sicheres, weil dauerhaftes Verhalten der Anderen, das einzelmenschliche Bewusstsein davon, nur ein kleiner Teil der Gesellschaft zu sein, dem somit auch nur entsprechend geringes Ausdrucksbedürfnis zukommt. (Dazu Gehlen konsultieren: „tatbegründende Selbstverständlichkeit“ wird nur durch Institutionen ermöglicht. 45)

Gegen offensive Individualität (= „der Rang ohne Ränge“, 297) muss das Recht selbst seine Geltung explizit machen. Und für offensiven Selbstschutz sorgen.

Wer steht auf der Gegenseite – wer ist Feind bürgerlichen Rechts?
Nicht derjenige, der beim Spiel betrügen, der dessen Regeln zu seinen Gunsten modifizieren möchte, sondern der, der es abschaffen will.
Der Rechtsprofessor Günther Jakobs mutet uns – im Anschluss an ganz böse Leute, bäh, pfui! – die Unterscheidung zwischen Bürgern und Feinden zu: Jene können (auch schwerste) Fehler gegen die Rechtsordnung begehen und weichen doch nicht prinzipiell von ihr ab, diese haben es darauf abgesehen, die Rechtsordnung zu zerstören. Es liegt also nahe, zwei Ausgestaltungsformen des Rechts zu unterscheiden: Bürgerstrafrecht und Feindstrafrecht. Das erste geht auf Besserung, das zweite auf Bekämpfung, Unschädlichmachung.

Jetzt tauchen Fragen auf. 1. Wie lassen sich beide Formen im Alltagsgeschäft voneinander trennen? 2. Auf welcher Basis erfolgt die Zuordnung von Delikten zu einer von beiden Motivlagen (Programm, systemtheoretisch gesprochen)?
Jakobs betont, es handele sich um Idealtypen. Bürgerstrafrecht enthält in aller Regel feindstrafrechtliche Elemente (Sicherungsverwahrung) und selbst im Feindstrafrecht wird dem Delinquenten ein Platz im Recht eingeräumt, wie jedem Bürger – er wird nicht für vogelfrei erklärt. Dem Autor kommt es darauf an, geltendes Feindstrafrecht als solches auch zu benennen und nicht dort Bürgerstrafrecht sehen zu wollen, wo keines ist.

Doch das schwierigste Problem ist m.E.: Sollte ein Feind bürgerlicher Ordnung dennoch als als Spielteilnehmer fingiert werden? Darüber im nächsten und letzten Beitrag dieser Reihe.


Gehlen, Arnold: Urmensch und Spätkultur, Klostermann, Frankfurt am Main, 2004

Die beiden einschlägigen Texte von Jakobs zum Thema:
Bürgerstrafrecht und Feindstrafrecht
Feindstrafrecht? – Eine Untersuchung zu den Bedingungen von Rechtlichkeit


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Off topic
Eine Empfehlung: Wer sich für den Komplex: Demenz – Pflege – Validation und Umliegendes interessiert, besuche bitte diesen schön gemachten Blog, der ab heute hier auch verlinkt wird.

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Schon mehrfach wurde hier auf Luhmanns Gedanken Bezug genommen, dass die Kommunikationen der modernen Gesellschaft zunehmend auf Beobachtungen zweiter Ordnung (also die Beobachtung von Beobachtungen) gegründet sind. Es gibt eine Vielzahl nebeneinander her laufende Beobachtungsmöglichkeiten, ohne dass eine Vorrang vor anderen beanspruchen könnte; die Gesellschaft wird polykontextural (G. Günther). Keine Mitte, keine Spitze, kein Teil, der für das Ganze steht, ist auszumachen.
Am Beginn der modernen Gesellschaft war die Differenz „fraglos/hinterfragbar“ für die Regelung zwischenmenschlichen Umgangs noch plausibel. Kommunikationen, die diesem Bereich zugerechnet wurden, hatten fraglose (auf Institutionen ruhende) bzw. hinterfragbare (selbst zu begründende) Quellen. Die Differenz als solche war in Kraft und mit ihr auch die Übung in Fraglosigkeit selbst. Seitdem aber die „‚Subjekte‘ in dauernder Revolte gegen das Institutionelle sind“ (Gehlen, 241), ist diese Fraglosigkeit erschüttert worden. Regeln selbst werden zunehmend weniger durch diese Differenz strukturiert, als mehr durch die neue „nützlich/unnütz“. In einem re-entry (Spencer Brown), das ohne 1968 nicht möglich gewesen wäre, ist die Differenz „fraglos/hinterfragbar“ hinterfragbar geworden.

Wenn ich hier brauchbar beobachtet habe und wenn auch noch zutrifft, dass es heutzutage eine Tendenz gibt, sich immer öfter um jeden Preis auszudrücken und sich immer seltener schlicht zurück zu nehmen (als Beispiel: das irre Kichern von Fernsehansagern bei eigenen Versprechern; sich zurückhaltend zu entschuldigen ist undenkbar geworden) und noch mit in Erwägung gezogen, dass dieses „Ausdrücken“ nicht immer in rechtlich korrekten Bahnen sich vollzieht, gibt es einen plausiblen Grund dafür, Elemente des Feindstrafrechts nicht gänzlich aus dem Recht zu verbannen. Demnächst zu den Details.

Gehlen, Arnold: Urmensch und Spätkultur, Klostermann, Frankfurt am Main, 2004

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Es gibt Menschen, die ziehen Zurechtweisungen an. Nicht pure Kritik – Zurechtweisung. Ich gehöre zu ihnen.

Man müsse sich schon überlegen, ob man sich so aufführen könne, wird mir des öfteren auch und gerade von wohlmeinenden Leuten bedeutet. Menschen, die meinen Humor ausdrücklich schätzen, tadeln mich gern wegen Albernheiten. Nicht selten entdecke ich Fremdschämen im Gesicht meines Gegenübers. Dabei halte ich mich schon zurück – wenn ich mich so jugendlich gäbe, wie ich mich innerlich fühle: Was wären das erst für peinliche Auftritte!
Würde ich jetzt an diesem oder jenem Punkte meine Formulierung nicht ändern, dann, ja dann könne man mich wirklich nicht mehr ernst nehmen. Ich begründe in anderem Ton, auf andere Gebiete ausgreifend, Inhalt und Darbietungsform der inkriminierten Formulierung. Es hilft nichts – mein Gegenüber hat sich festgebissen: Ich müsse ändern. Nein, streiten will ich mich nicht, also zucke ich schweigend mit den Schultern und lächle schief vor mich hin.

Öfter als andere, scheint mir, bin ich der Drohung des Gesprächsabbruchs ausgesetzt. Es hätte schließlich keinen Zweck mehr, so könne man nicht argumentieren, das sei ja nur polemisch, bloße Schwarz-Weiß-Malerei. Daraufhin gebe ich eine Probe meiner Differenzierungsfähigkeit: Präsentiere Gründe pro und contra, versuche diese Gründe zu wichten und mein Urteil somit als naheliegend auszuweisen. Nein, nein – so könne man mit mir nicht sprechen, da gebe es gar nichts zu diskutieren, meint der, der vor zwei Minuten mein Schwarz-Weiß-Denken kritisierte. Alle naselang soll ich Leute, die minutenlang vor sich hin monologisieren, doch bitte einmal aussprechen lassen. Sie wollen ja auch einmal was sagen, das müsse ich schon verstehen.

Natürlich merken Verrückte nur in seltenen Fällen, dass sie verrückt sind – dass ich an mir auch nach längerer Prüfung keinen übersteigerten Drang zum Polemisieren, keine besonders exaltierte Stimme, keine Okkupation von Redezeit entdecken kann, mag die Zurechtweisenden somit nicht wundern.

Ich will aus der Not eine Tugend machen. Dieser Blog soll – peinlich sein. Wenn in ihm ungerechte, grob verallgemeinernde oder auch einfach haltlos übertreibende Urteile getroffen werden, möge davon ausgegangen werden, dass es die Sache so verlangt. Und zwar, jawohl: Nach meiner Meinung, denn nur meine Meinung kann ich hier verteidigen, andere Leute mögen für ihre streiten. Nein, es geht hier nicht pluralistisch zu. Und: Ich rede. Alle anderen dürfen kommentieren. Ende der Zurechtweisung.

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  • liegen Glasscherben auf dem Fahrradweg,
  • kriegen Polizisten von testosteronüberfüllten Jünglingen blaue Flecke beigebracht,
  • klebt Glitter an parolenübersäten Hauswänden,
  • tanzen viele junge Leute in subversiver Absicht zu stinkender Musik einen Freiraum herbei, das heißt: die Natur kaputt,
  • läuft man nur bei Rot über die Straße, wenn auch wirklich ein Polizist zuguckt,
  • geht es in jedem Fall fantasievoll zu, das heißt: der Rechtsbruch ist fest eingeplant,
  • gibt es hinterher eine schwer reflektierte Militanz-Debatte.

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