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Archive for November 2012

Hier nun der angekündigte Vorschlag für das effektive Heranziehen der Spekulation zur Schaffung von gesellschaftlich Gewünschtem. Er beruht auf etwas, was man „Realersatz“ nennen könnte, wenn nicht das schweizerische Recht diesen Begriff schon belegt hätte: als Ersatz eines Gutes, bspw. einer Waldfläche durch ein ähnliches Gut, also etwa eine ähnlich ausgestattete Fläche.

Wir waren davon ausgegangen, dass die naive Rede vom „politischen Willen“ zur Umverteilung, an dessen Fehlen allein es liege, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer würden – ebenso wie beim Mindestlohn – nicht berücksichtigen könne, dass die Erhöhung von Zahlungen an eine Gruppe anderen etwas weg nimmt, über die Erhöhung der Geldmenge wenigstens am beschaffbaren Realreichtum leckt (so viel Monetarismus muss sein) oder auch Rückverteilungen an die eigentlich zu Schröpfenden veranlasst. Der Kompensation für Finanzoperationen ist der Gebrauchswert nicht äußerlich.

Würde man Finanzmarktakteuren im Gegenzug für bestimmte Operationen mit einer bestimmten Menge Geldes konkrete Verpflichtungen aufbürden (bspw. ein bestimmtes regionales Entwicklungshilfeprojekt durchzuführen), wäre man diese Schwierigkeit los. Jeder spekulative Transfer zöge eine Realverbesserung nach sich. Vorstellbar wäre, eine Liste von (durch eine internationale Agentur unter Mitwirkung branchenkennender NGOs) zertifizierten Projektplanungen (inkl. Zeitmanagement) zu führen. Auf dieser müssten sich die Akteure ihr Lieblingsprojekt heraussuchen und an ihm im Maße der Höhe ihrer bewegten Summe mitwirken. So würde also ein praktischer Nutzen direkt erreicht, die Möglichkeit, sich loszukaufen oder an Scheinprojekten mitzuwirken wäre minimiert. Und: Niemand könnte Spekulanten ein schlechtes Gewissen einreden, denn sie wären in der Tat nicht nur Wächter des Marktes, sondern auch Realproduzenten.
Es ergeben sich Probleme, bspw. dieses: Die Spekulation ist heute so massenhaft, dass sich nicht für jede Transaktion ein sinnvolles Kompensationsprojekt fände, mithin würde durch das Unterlassen dieser Transaktion Liquidität aus dem Markt verschwinden und dieser erst recht instabil.
Das mag sein, doch könnte man ja für geringe Beträge ein minimale Tobin-Tax erheben, während erst ab einem bestimmten höheren Betrag „Realersatz“ (besser: Qualitativersatz) fällig wäre.

Zur Rechtfertigung dieser Schrulligkeit eines Quacksalbers am Krankenbett des Kapitalismus´ heute mal kein Benedikt-Zitat, sondern etwas, was bei Gesellschaftskritikers eigentlich ankommen müsste – Horkheimer:

Sei mißtrauisch gegen den, der behauptet, daß man entweder nur dem großen Ganzen oder überhaupt nicht helfen könne. Es ist die Lebenslüge derer, die in der Wirklichkeit nicht helfen wollen und die sich vor der Verpflichtung im einzelnen bestimmten Fall auf die große Theorie herausreden. Sie rationalisieren ihre Unmenschlichkeit.

Horkheimer, Max: Dämmerung, in: Schriften 2, Frankfurt am Main 1987, S. 341

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Ein Evergreen links-emanzipatorischer Kritik am bösen Reformismus ist die Verhöhnung der Finanztransaktionssteuer, früher Tobin-Tax genannt.

Die Steuer bringe überhaupt nichts, so der Tenor von Linksaußenrevoluzzern über die marxistische Wertkritik bis hin zur neoliberalen Ökonomik.
Es ginge in der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus nun mal um das Stocken der Wertverwertung; nicht Börsenzockerei sei das Problem, sondern mangelnde Arbeitsquantenaufhäufung auf dem gesellschaftlich gesetzten Produktivitätsniveau. Bestenfalls naiv, schlimmstenfalls brandgefährlich sei, mit Vorschlägen zur Besteuerung von Finanztransaktionen vermeintlich unproblematisch Reichtum abschöpfen und diesen gewünschten Verwendungen zuleiten zu wollen. Ehe das System der abstrakten Reichtumsproduktion nicht abgeschafft sei, würde sich auch nichts an den schlechten Verhältnissen ändern. Nicht das Tun der Spekulanten sei schuld an der Misere.

Ok, das sicher nicht. Aber doch wohl ist die Dynamik, die durch die Spekulation gesetzt ist, ein wesentlicher Krisentreiber. Und deswegen braucht es eine weltweite Bewegung gegen die totale Spekulation und für eine konkrete Reichtumsabschöpfung.

Nein, ganz und gar nicht, wird uns eingewendet. Denn die ganze Vorstellung sei reiner Zirkulationismus, der die auf dem Wert beruhende, also kapitalistische, Produktionsweise selbst nicht antaste. Das Geld und dessen Verteilung hielten wir für schuld, wo es doch offenkundig im Gebälk der Produktionsweise selbst knirsche. Und woher denn die ganzen Massen anlagewilligen Geldes so kämen, wenn nur die Verteilung und nicht die Produktion des Reichtums das Problem wäre, na…?!

Nun gut, auch das zugestanden, so bliebe mindestens doch das sozialreformerische Potenzial der Steuer bestehen. Man könnte Dinge fördern, die zuvor eben so gar nichts vom Kuchen abbekommen hätten.
Als Zugabe für meinen Opponenten hier noch ein Argument für ihn: Die Tobin-Steuer agiert – logisch – auf der Finanzseite. Bekommt der Staat so Geld in die Hand, ist nicht ausgeschlossen, dass über die Entlastung des Staatshaushaltes ein großer Teil davon genau an diejenigen zurück fließt, in deren Tun man mäßigend eingreifen wollte.

Demnächst ein Vorschlag für das Anzapfen der Spekulation jenseits purer (und damit immer: missbrauchbarer) staatlicher Umverteilung. Dieser wird gleichzeitig den Vorteil haben, ohne Ressentiment gegen Spekulanten auszukommen und nicht der Illusion des „Geld ist genug da“ aufzusitzen.

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Ihre Zahl sinkt, erfahre ich. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass man sowas heute „selbst organisiert“ nennt. „Illegal“ klingt hier so wie eine Musikbezeichnung – heute geh´ ich zur Illegal-Party.
Dass es in einer Rechtsordnung keine illegalen Parties geben darf, dass ihre Organisatoren zur Verantwortung gezogen gehören – kein Gedanke daran: Oh, wie bedauerlich, die bunten illegalen Parties werden seltener. Es finden sich auch der eine und die andere Abgeordnete, für die „Kultur“ und „draußen“ und „Party“ dermaßen zusammen pappen, sprich „gang und gäbe“ sind, dass die Rechtmäßigkeit schon keine Frage mehr ist. Vielleicht gründen wir eine Initiativgruppe? Berufen wenigstens mal ein Plenum ein – für unser Recht auf Illegalität? Das wir uns von diesem Scheiss Staat noch lange nicht nehmen lassen?!
Meine Nerven, was für eine erbärmliche Jugendkultur – nicht einmal mehr die Illegalität soll unrechtmäßig sein.
Man nimmt sich den Platz, den man will, der eine oder andere besonders Bekloppte presst noch eine dumme politische Message ins Partygeschehen. Konsum soll nicht sein, Ökologie schon. Am Ende des Aufbruchs in die Natur ist die Landschaft herunter gewirtschaftet und die großen Jungs sind glücklich.
Das Treiben der Kreativbagage in Leipzig, die so sehr gegen Gentrifizierung ist, dass sie sie einfach selbst in die Hand nimmt, lebt von Exklusivität – man muss davon durch andere Gleichgesinnte erfahren. Die Hürden sind hoch wie bei kaum einem anderen Amüsement. Im ZEIT-Artikel zum Thema liest man: „Kennen und gekannt werden hilft, wer fremd ist, fällt schnell auf. Das gibt Sicherheit. Auch die Sicherheit, beim nächsten Mal wieder dabei sein zu dürfen.“ So werden auf linksalternativ für gewöhnlich die Verhältnisse in den als nazistisch gebrandmarkten ostdeutschen Dörfern beschrieben.
Man muss sich von mir aber nicht verunsichern lassen, gegen Kritik kann man sich schnell immunisieren, bspw. so: Ich könne ja gar nicht wissen, wovon ich rede, schließlich gehörte ich ja nicht dazu. Wäre ich damals bei XYZ dabei gewesen, wüsste ich, dass alles viel freier und so gar nicht abgeschlossen zugegangen wäre. Kurz: Dagegen könnte ich erst als zustimmender Besucher sein.
Draußen herum zu lärmen, allem und jedem mit dummer Musik auf den Geist zu gehen, die Natur mit Abfall zu überhäufen und die Vögel mit Lichtverschmutzung zu peinigen, ist zu einem Menschenrecht geworden. Nur Miesepeter können etwas dagegen haben.

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Urlaubsplanung auf Arbeit: Die Chefin fragt nach meiner Präferenz für die Urlaubsverteilung im nächsten Jahr.
Ich äußere also meine Wünsche (gezähmt nur durch die Zahl der Tage und die Vorgabe, dass es einen Hauptteil mit zwei ununterbrochenen Wochen zu geben habe): So, wie ich es gern hätte, wie es mir angenehm ist, ohne Rücksicht auf die Vorstellungen der anderen. Schon öfter, auch bei der allmonatlichen Dienstplanung, wurde mir in unterschiedlichem Tonfall deutlich gemacht, dass es so nicht ginge: Ich müsse doch an die anderen denken, wüsste ich nicht bspw., das Frau XYZ so gern am Freitag frei hat? Und hier an dieser Stelle schließlich, könnte ABC noch einen Tag als Brückentag nehmen und einen längeren Ausflug mit den Kindern machen.
Meine Erwiderung: Ich wurde nach meiner Vorliebe gefragt; meine Vorliebe, wenn es um den Komplex Arbeit/Freizeit geht, sehe aber genauso aus, wie ich es gesagt hätte. Zudem: Meine freie Zeit sei ja genau die Arbeitszeit der anderen und umgekehrt. Die Dienstplangestaltung selbst liege nicht in meiner Macht. Die Anderen seien die Anderen, die hätten ihre Interessen, ich meine. Für den Bau eines vernünftigen Dienstplans müssten geäußerte Interessen zunächst aufeinanderprallen können – ehe Kompromisse gefunden, Zugeständnisse gemacht werden könnten. Und schließlich gebe es da noch den Kampf. Erst wenn klar sei, dass es überhaupt Beteiligte mit (!) Interessen gebe, könne man entscheiden, ob jemand aus welchen Gründen immer geschont werden soll oder ob ein suboptimaler Urlaubszeitraum das Verzanken mit den Kollegen wert ist. Doch dort, wo sich nur in Ausnahmefällen die eigenen Interessen mit denen der Anderen decken, kommt eine Planungsgrundlage nie und nimmer zustande, wenn alle allen Anderen von vornherein wohltun wollen. Neid, Patzigkeit, Ressentiment entstehen so – die Rollen des notorischen Verzichters bspw. und auch die der Eiskalten, die immer die Kinderkarte spielt. Wer aber eigene Interessen nicht formulieren mag, hält miese ad-hoc-Wursteleien für das non plus ultra menschlichen Zusammenlebens. Bis er auf einen Fremden trifft, der einmal nicht so rücksichtsvoll ist.

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Für immer soll sie bleiben – bis dass der Tod uns scheidet. Keine Entwicklung, nichts anderes – so wie es ist, ist es schön. Nein, nicht umziehen. Nichts ganz Verrücktes. Nicht neu orientieren. Nicht ganz von vorne. Nicht auf sich allein gestellt. Nicht ausbrechen. Einfach nur: „Immer dasselbe“ (Heidegger). Glück statt Rausch. Kein Widerstreit der Interessen, sondern „eine Sache um ihrer selbst Willen“ (Wagner).
Deutsch? Mag sein. Und schön.

Auch die Idee der Nachhaltigkeit gehört auf diese Ebene, soviel ist den Moderne-Kaspern aus der „emanzipatorischen“ Ecke zuzugeben: Was heute ist, soll grundsätzlich auch morgen sein. Das ökologische Bedürfnis ist nicht links, emanzipatorisch schon gar nicht, sondern eher schwer bindungsorientiert. Eine konservative Entdeckung, Heimatschutz.

Doch soll sich gar nichts verändern? Hören wir Markus 11,24:
„Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“
In einer noch krasseren Version habe ich es in der Messe gehört: „Bittet um das, was ihr schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“
Was ist gemeint? Kein diskretes Gut, sondern ein Strom: Das, was ich heute schon habe, soll auch morgen wieder kommen (nicht: immer noch unverändert da sein). Die Bitte an den Höchsten ist somit nicht falsch adressiert: Die Rechtsordnung schützt, was wir haben, doch ER ist der, der für morgen zuständig ist, wir können uns nur heute durchwursteln; ER hält uns im Gleichgewicht und sorgt für den „Durchzug der Elemente“ (Paracelsus), für die Idee des Wirtschaftens, Haus- und Maßhaltens mit dem, was notwendig ist.

Die Aufregung, der Exzess, das Bunte und kreativ Chaotische machen kaputt, was das Leben jenseits der tobenden Umwälzung durch Kapital und Fortschritt sein könnte: Liebe, Sinnlichkeit, „sich versenken in die Phänomene“ (Adorno, nicht Heidegger).

Adorno, Theodor W., Negative Dialektik, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1975

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Sie sind in einer Kaskade angeordnet.
Warum „(nimmt) dieser Inhalt jene Form an“ (Marx)?
Möglicherweise folgt das gestaffelte Vorrücken aus ihrer Zersetzungsaufgabe. Das Wachstum lässt nicht nach, immer neuer Nachschub wird heran geführt, in Wellen der Stamm besetzt. Der Wirt soll aufgezehrt werden, es soll nicht eher Schluss sein, als bis das gesamte Holz vollständig in organische Grundbausteine zerlegt ist. Für die Tramete fallen Besiedlung und Zersetzung in eins.
Trameten umfasst man nie ganz, sie sind immer schon auch woanders, als man sie erfahren kann. Man kann sie nur überstreichen und spürt sehr viel mehr Anfasspunkte, als schlüssiger Formwahrnehmung zuträglich ist. Die Tramete zeigt sich wie das starre Leben eines Heeres, in dem kein Zwischenraum Anderes zu seinem Recht kommen lässt. Einigermaßen schaurig und nie idyllisch wirkt die Tramete.

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Kennen Sie die auch? Diese alltagseffizienten Leute, die immer wissen, wie man es hätte besser machen können? Es geht dabei nicht um wichtige Dinge: Grundlegende, bspw. berufliche Entscheidungen, die sich als fatal heraus stellen können oder das Einhalten von Fristen, deren Versäumen einen viel kosten kann.

Nein, es geht darum, ob man, wenn man schon zu XYZ laufe, um den Schlüssel zu holen, dann dort doch auch gleich noch ABC hätte fragen können, ob der… Oder darum, dass es unten lang viel kürzer gewesen wäre, als umständlich durch die beiden anderen Türen hier oben zu gehen und dann erst die andere Treppe nach unten …. Oder darum, dass es doch wohl Quatsch sei, drüben so lange zu warten, wo man doch genau wisse, dass man in der Zeit hier noch locker…

Ja, ja, sie haben ja recht. Man hätte wirklich können. Hat man aber nicht. Man war eben einfach mal woanders, innerlich und äußerlich.

Unsere Erzieher, die Frederick Taylors des Alltagslebens, sind nahezu peinlich darauf bedacht, das Gegenbild zum zerstreuten Professor abzugeben: Nur ja nicht abwesend, unaufmerksam wirken. Platzsparend stellen, zeitsparende Routen wählen, keine überflüssigen Körperbewegungen ausführen. Dranbleiben, verbessern. Sie wollen aufgehen in der Situation und achten darauf, Settings herzustellen, die so brachial vorstrukturiert sind, dass das auch gelingen kann.
Sie rechnen uns die Länge unserer Wege vor und kennen doch unsere Motive nie ganz. Erwidert man ihnen, dass man noch bei DEF vorbeigehen wollte und deswegen den leichten Umweg genommen habe, als einfach später noch ein zweites Mal den kurzen Weg zu gehen, stutzen sie erst kurz, rechnen nach – die zwei kurzen Wege wären tatsächlich länger als der eine mit Umweg – entschuldigen sich danach und fühlen sich tief verstanden: Klasse, der hat mitgedacht!

Es ist fern von ihnen, dass man bspw. einen längeren Weg dazu benutzen könnte, um einmal nicht abgelenkt vom Dauerbetrieb über ein Problem durchaus dieses Dauerbetriebs nachzudenken. Denken ist Angelegenheit des o.g. Professors, der sich zwar schöne Theorien zusammenspinnen möge, dafür aber nicht weiß, wo seine Brille ist.

Lassen wir unseren Effizienten den Spaß und freunden wir uns mit dem Image des gutmütigen Schussels an. Denn: Für die Effizienten sind wir die Experten des Gefühlslebens. Hier hören sie auf unseren Rat, wenn sie nicht weiterkommen. Meistens raten wir zu – Umwegen.

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