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Archive for Dezember 2012

Die Binnendynamik der Rudel erlahmt, von Zeit zu Zeit glaubt das Leittier noch irgendetwas ankündigen zu müssen. Doch immer weniger der einst so feurigen Bestien wenden auch nur den Kopf.

Das Herumtollen macht alt. Was soll einem hier schon noch begegnen? Die immer gleichen Hügel und Stolperfallen, die ihrer nervenkitzelnden Tarnung längst verlustig gingen. Zuweilen muss man sich fast zwingen, sich überhaupt noch zu erheben. Ach, die Luft wird knapp. Vielleicht würde man das noch gar nicht spüren, wenn es zur Ablenkung nur irgend etwas zu entdecken gäbe? Doch wie soll man denn richtig toben können hier draußen, wenn sie einem überall Tobeplätze hinbauen? Und immer öfter führt die gar nicht mehr so wilde Jagd am Gnadenhof vorbei. Größere Teile unserer Meute stehen hechelnd vorm Tor. Vielleicht werden wir bald eingelassen, schließlich werden auch wir älter.
So übel wie man immer dachte, ist es dort drin sicherlich nicht. Man kann da unterkommen und wird bis zum Exitus anständig ernährt. Natürlich: Das ist nicht die Freiheit, aber man hat sein Auskommen.

Und allzu langweilig wird es wohl auch nicht. Wir haben von Eingelassenen gehört, dass in regelmäßigen Abständen ein paar kleine Welpen vorbei gebracht werden. Die brauchen Ratschläge, wie sich die Freiheit genießen lässt, wie man richtig durch die Gegend jagt. Könnten wir da nicht…? Aber sicher können wir, obwohl wir es schon merkwürdig finden, dass die nicht ausbüchsen und erst einmal auf eigene Faust losziehen wollen. Wir werden denen jedenfalls auf ihre feuchten Stupsnäschen binden, was wir in unserer Jugendzeit getrieben haben; und dann üben wir Bellen, treuherzig mit den Ohren wackeln, knurren und anspringen. Fürs Erste sollte das reichen.
Blut, wild, Licht und Träume? Ach nein, bitte nicht mehr – und überhaupt: Lügen hat zuweilen unser Leben gerettet. Doch natürlich ist es Welpenprivileg, auf so etwas nicht hören zu müssen.

Eine Peitsche trifft uns und hasserfüllt brüllt man uns an: Hunde, wollt ihr ewig leben?! Schnell trollen wir uns. Wir können ja noch sprinten. Tatsache: Hier vorm Gnadenhoftor lauert die letzte Gefahr.

Ich wünsche allen Lesern dieses Blogs ein sorgenarmes Jahr 2013.

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Die nachromantische Symphonie: ein mehr-Gänge-Essen, den Exaltiertheiten der Postmoderne näher als das intensive Nachschmecken der Aromen eines einzigen guten Naturprodukts. Wahrscheinlich hat beides seine Berechtigung und sicher ist es auch (!) eine Altersfrage, wie die Beurteilung darüber ausfällt, was Musik soll.

Wer eine einzelne gute Wurst oder einen guten Käse verspeist, wird „nach innen“ schmecken müssen, wenn er etwas davon haben will. Er kann sich nicht darauf verlassen, dass unterschiedliche Texturen, Aromaklassen, ja sogar Temperaturen ihn in den Genuss führen. Er muss viel geben, um viel zu empfangen; er ist nicht der Typ, der sich bei virtuosen Pauken vor den harmonischen Schwierigkeiten, die drumherum produziert werden, abduckt. Er kann nichts zurück gehen lassen, um es mit den Beilagen vom Hauptgericht zu versuchen, er muss sich einlassen auf das, was nun einmal im Mund ist – oder eben ausspucken.

Ein Orgelstück von Sigfrid Karg-Elert hat viele Eigenschaften einer guten Wurst: Musik in erfreulich unepischer Form, Musik auf engstem Raum – „knappe(n), aber scharfe(n) Bilder“ (68), die die Aspekte einer Gestalt angeben und nicht ein Getümmel von Schemen bieten. Wir haben hier die Logik der Klänge selbst, nicht die eines äußeren Geschehens wie in der Symphonie mit ihrer Kampf-, Verzweiflungs- und Siegmetapherei. Dort fragt man sich ja manchmal: Wozu Trompeten und Posaunen und Hörner, wo das Stück doch schon in C-Dur ist?
In Karg-Elerts Stücken wird man meist von allzu eindeutiger Tonalität verschont, freilich auch von eindeutiger Zwölftönerei oder Atonalität. Guter Wein schmeckt selten nur nach Trauben, man muss schon etwas in ihm entdecken können. Ein flacher Wein lässt sich durch ein Zitronenscheibchen am Glasrand nicht verbessern – es gibt eine Logik der Sache, eine Gestaltlogik. Eine bestimmte Würze drängt zu einer bestimmten Konsistenz und diese wiederum weist viele Zutatenkombinationen als unmöglich ab.

Karg-Elert schenkt uns mit den künstlichsten Mitteln die Erfahrung dessen, was gut, einfach und schön ist.

Schinköth, Thomas: Sigfrid Karg-Elert und seine Leipziger Schüler, von Bockel Verlag, Hamburg, 1999

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Nein, keine Angst: Nicht die Dreck-Fressen-Härte ist gemeint und auch nicht das dumme Gewäsch verbitterter Alter, die meinen, dass Armee noch keinem geschadet hätte.

Gemeint ist der Verlust alltäglicher Beherrschung.
Alles muss bequem auszuführen und immer zu Hand sein. Noch Anfang der 90er Jahre wurde man in den Lesesaal der Bibliothek nicht eingelassen, wenn man eine Wasserflasche mit sich führte. Man durfte nicht essen, nicht trinken, nicht lärmen, keine Musik hören, nein, auch nicht mit dem Walkman! Heute ist klar: Wir müssen andauernd trinken und da es in einer aufgeklärt-humanistischen Gesellschaft schließlich auf den Menschen und nicht auf die Bücher ankomme, fällt jenes jahrhundertealte Verbot. Ebenso ist kommunikative Kompetenz, emotionale Intelligenz von hoher Wichtigkeit – also muss man quatschen, kichern, SMS verschicken wann und wo einem etwas in den Sinn kommt – ja, auch in Lese- und Konzertsaal. Wer anderes will, wer Einschränkung und Beherrschung fordert, ist unentspannt und sollte sich mal locker machen. Die Kehrseite des schönen Anspruchs, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen solle.

Bei einer Tagung berichtete eine Psychotherapeutin von einer unglücklichen Studentin, die bei ihr in Behandlung sei. Diese erzählte ihr eines Tages niedergeschlagen, gestern schon wieder „keine Lust“ gehabt zu haben, an der Diplomarbeit zu schreiben. Und die Therapeutin fragte sich: Woher kommt die merkwürdige Vorstellung, dass man auf jede Tätigkeit Lust haben müsse? Mangelnde Lust gilt als ernsthaftes Hindernis, das ernsthaft beseitigt gehört, nicht als läppischer Defekt, über den man sich mit einem Ruck hinwegsetzt.

Doch merkwürdig: Je mehr das Weicheitum um sich greift, umso beliebter werden „Grenzerfahrungen“ und auch der „Jackass“-Kult fand nicht etwa in Zeiten irgend eines Nachkriegs statt.
Vielleicht ist das die Spitze weichlicher Anmaßung: Die Härte soll zuhanden sein, wie irgendein Gebrauchsgegenstand – auch ihre Anwendung darf dem Bedürfnisaufschub nicht unterliegen.

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Oder auch: Die hört mich sehr gut! So ein viel gebrauchter Ausspruch in Pflegeheimen. Mit Angehörigen plaudern funktioniert, nur ausführen, was die Pflegekraft will, funktioniert nicht? Haha, aber nicht mit uns. Wir lassen uns doch von der nicht verarschen!
Die ist aber böse, heißt die Diagnose, in der stillschweigend davon ausgegangen wird, Demente könnten genauso gut logisch verknüpfen wie man selbst, hätten nur eben sehr viel weniger Verknüpfungsmaterial zur Verfügung. Doch spätestens mittelschwer Demente können einem nichts zum Schure tun, ihnen fehlt schlicht das kognitive Potenzial für so etwas wie Vorsatz. Die Annahme von Bosheit taugt lediglich dazu, nicht allzuviel Empathie für die Dementen aufbringen zu müssen.

Darüber hinaus ist Bosheit kein funktional ergiebiges Erklärungskonzept. Was, wenn Demenzkranke wirklich böse würden? Müsste man sie dann umbringen oder wenigstens einsperren? Denn das Böse gehört doch bekämpft, oder?! Viele Leute treibt diese Frage um, täglich erreichen diesen Blog Suchanfragen, die sich um „Demenz“ und „böse“ drehen. Ich frage zurück: Lebt Ihr alle in einem Western-Film, in dem das Gute, also Ihr, die Nicht-Demenzkranken, am Ende siegen muss?
„Gestern hat sich Herr X wieder ganz böse zu mir benommen“, beklagt sich Schwester A bei mir. Ach was?! Und was machen wir beide jetzt mit dieser Wertung, die als Information daherkommt? In Zukunft den mittelschwer dementen Herrn X, der längst keine Vorstellung moralischer Kategorien mehr hat, auch „böse“ behandeln?

Unsere Pflegekräfte unterstellen: Entweder man hört etwas, dann antwortet man auch oder man hört nichts und benötigt also ein Hörgerät bzw. hat eben Pech. Undenkbar für sie ist, dass bspw. Angst in bestimmten Situationen das Hören und Sehen vergehen lässt. Und dass gespürte Scham über die intellektuelle Minderleistung jede Konzentration auf das Gesagte verhindern könnte. Ebenso beim Sehen: Halluzinationen, Gleichgewichtsprobleme können eine intersubjektiv verständliche Interpretation des Gesehenen vollständig verhindern. Aber nein: Man hat sich auf Bosheit als ultimative Erklärung für abweichendes Verhalten festgelegt.
So pampt man sich in dauerhaft schlechte Laune hinein, bringt die Kranken gegen sich auf und arbeitet sich Schritt für Schritt dem burn-out entgegen.
Vielleicht noch einmal ganz deutlich: „böse“ im Sinne von „der ist böse zu mir“ ist ein Kinderwort, das mit Beginn der Pubertät möglichst nicht mehr benutzt werden sollte. Wir leben im Stande der Erbsünde, tragen also alle etwas Böses an uns – das aber qualifiziert uns nur zur Erlösungsbedürftigkeit. Wo immer sonst zur gut/böse-Differenz gegriffen wird, hat man versagt, das zur Anwendung zu bringen, was dort eigentlich tätig sein sollte: die Liebe – und sei’s auch nur in der Form der Amicalität.

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Nicht zu verharren in seinem Mief, nicht genug an seinem unmittelbaren Umfeld zu haben, sondern Grenzen zu sprengen, keine übermäßige Scheu vor Unbekannten zu haben, zugunsten des Anderen vom Eigenen abzusehen, über sich hinauszugehen – lauter gute linke Absichten. Die Praxis besteht in zur Schau getragenem Missmut und einer Patzigkeit, die zwar nach adornitischer Traurigkeit aussehen will, aber einfach nur flegelhaft ist. Man kommt weniger als der deutsche Normalbürger aus der Knete und geht stur den Weg, der für einen vorgesehen ist: Ein paar Jahre ausprobieren im Projekt, dananch Studium zu Ende bringen, an der Uni landen oder irgendeinen Verein mit Staatsknete aufziehen. Wer immer dem, was man als Linker seit Jahr und Tag eben tut, in die Quere kommt, hat nicht nur ein Problem. Bestenfalls setzt es die Einladung zu einem Lesekreis. Schlimmstenfalls ist man aus allen Zusammenhängen ausgeschlossen, ehe man überhaupt drin war.

Wie es anders geht, zeigt bspw. die Katholische Kirche:
Integration und Universalismus unabhängig von Verdiensten zu gewähren und sich geschehen zu lassen – diese Praxis einer guten Gesellschaft üben die Christen jeden Sonntag ein: in der Eucharistiefeier. Ländergrenzen spielen im Angesicht des HERRN keine Rolle, nicht nur transnational, transkontinental ist die Einheit einer Gemeinde hergestellt. Und es geht um nicht weniger als das Leben.
Wie verzweifelt müssen diejenigen sein, die der Katholischen Lehre Unlogik vorwerfen – als ob sie je logisch sein wollte! Wann immer die Emanzipation marschiert, wird das Wunder entlarvt, darf das Schöne nicht sein. Wir sind einstweilen „solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes“.

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Wir sind unfreiwillige Konservative, lediglich zusammengebrochen unterm Ansturm der Evidenzen. Unser Herz aber zieht nicht mit.
Wir mögen politische Anschauungen hegen, die sich dadurch auszeichnen, Komplexität wieder eröffnet zu haben; links schon Aussortiertes wird erneut gesichtet und für gut befunden. Doch im tiefsten Innern wollen wir alle Menschen mitnehmen, wir bemühen uns, auf die Schwachen zu achten und sehen diesen Anspruch links nicht nur nicht eingelöst, sondern verraten.

Vom Stil der „expressiven Loslösung“ trennen uns viele Meilen. Dass wir die Linksradikalen und die Antirassisten so tief verachten, führt nicht dazu, uns auf die Gegenseite zu setzen. Kurz: Wir wollen den linken Anspruch einlösen und haben so alle Lacher gegen uns. Dass dieser linke Anspruch heute rechts der Mitte überwintert, wird von allen zurückgewiesen – schließlich leben wir nicht im Neocon-Amerika und auch das sei ja seit ein paar Jahren tot.

Noch unsere Wut auf die radikale Linke, auf die Verwüstung von Herzen und Hirnen, die sie auf dem Gewissen hat, noch diese Wut ist verteufelt – links. Sie zielt auf das, was eigentlich gemeint war, das Lebbare, die individuelle Entfaltung des Einzelnen ohne Behinderung anderer Menschen. Wir glauben fest daran, dass ein anderes Leben möglich ist, jenseits von Drogentod, Psychiatriekarriere oder Heuchelei im bundesdeutschen Umerziehungsbetrieb.

Also wird unsere Performance von Unlogik durchsetzt – zuweilen müssen wir uns sehr weit aus Fenstern an unterschiedlichen Enden des Hauses lehnen. Und wir müssen uns abhetzen, dass wir sie zum jeweils richtigen Zeitpunkt erreichen.

Da haben es andere leichter, sie wissen, dass ihr Fenster den optimalen Überblick bietet: Ein weiterer Bekannter – er nun klar aus der konservativen Ecke – spottet über meine „linken Verschiebebahnhöfe“. Will sagen: Immer machte ich in Ideologie, wenn ich in der Detailargumentation nicht weiter käme. Mein Konter klingt fatal nach früher: Was, wenn die Realität nicht nur das Klein-Klein wäre, sondern auch (auch!) das große Ganze ? Was, wenn es Gestaltungsmöglichkeiten der Gesellschaft gäbe, die über die Aufstellung von Steuersätzen und die Festlegung von Einwanderungsquoten hinaus gingen? Seine Erwiderung: Wie könne ich, der ich das deutsche Steuerrecht nicht einmal in Grundzügen kennen würde, denn wissen, was dessen Umgestaltung bewirken könne?
Er hat ja recht.

Da sitzen wir nun und stellen fest: Aus uns wird nichts. Doch wir wissen beide sehr sicher: Gott hat die Welt nicht für die Klugen, Starken, Sympathischen, Charmanten gemacht, sondern für alle Menschen. Die Kategorien des herrschenden linken Diskurses sind von starken für starke Menschen. Wer auf funktionierende Institutionen angewiesen ist, wird links verhöhnt – gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit mal anders. Doch vergessen wir nicht: Die Betriebsnudeln der linken Republik haben so sehr unrecht, dass noch nicht einmal das Gegenteil richtig ist.

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Neulich mit einem Freund beim Biere. Er: Ein geschworener Konservativer, CDU-Wähler, katholischer Ästhet. Und doch: Er engagiert sich für Flüchtlinge, organisiert Rechtsbeistand, medizinische Betreuung, macht Besuche.
Ich: Enttäuschter Linker, der noch einige Jahre Anderen die Verschwendung seiner Jungerwachsenenzeit mit kommunistischem Krimskrams übelnehmen wird, schon um der Tatsache nicht ins Auge sehen zu müssen, dass er es eigentlich recht kommod fand, mit gesellschaftskritischer Lektüre und Biertischgerede den Tag herum zu kriegen. Nun entdecke ich die Nation wieder und merke, dass links so ziemlich alles falsch war. Und doch: Ich kann nicht aus meiner Haut. Vom Staat her zu denken, staatspolitisch gar fällt mir schwer. Mir kommt immer erst das Individuum und dessen Freiheit in den Sinn – nicht die Gemeinschaft, weder das Staatsvolk, noch das Volk Gottes oder die Nation.
Wenn ich für gemeinhin konservativ geltende Tugenden spreche – Disziplin, Achtung einer vorgegebenen Ordnung, Autorität, Regeln, Ausdauer, Liebe zur Heimat, Pflichtbewusstsein, Selbstüberwindung, Hochschätzung vergangener Leistung – dann glaube ich begründen zu können, dass diese für ein gutes, gelingendes Leben des Einzelnen notwendig sind. Sehr wahrscheinlich schüttelt sich ein wirklicher Konservativer vor dieser einigermaßen instrumentellen Haltung. Er wird so befremdet sein, wie ein bayerischer Dorfpfarrer gegenüber jemandem, der, nicht aus primärer Gottesliebe, sondern um des Heils nicht verlustig zu gehen, getauft werden möchte.
„Wer nur bittet, glaubt nicht“, zitierte mein Pfarrer neulich jemanden, vermutlich einen Jesuiten. Doch endet hier vielleicht die Parallele?

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