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Archive for Januar 2013

Und noch einmal tempi passati: Zu DDR-Zeiten brachten mir zwei sehr wohlwollende, fortschrittliche Lehrerinnen, keineswegs über die Maßen ideologisiert, bei, dass schwarze Menschen aus Afrika „Neger“ genannt werden sollten. Zu dieser Zeit besuchten unsere Schule zwei Leute aus Guinea-Bissau und das Lehrerkollektiv hielt diesen Anlass für angemessen, auf Diskriminierung in der Sprache hinzuweisen.
Die Bezeichnung „schwarz“ sei herabwürdigend, es wirke, als wolle man eine Anklage aussprechen. Die abergläubische Angst vorm „schwarzen Mann“, der komme, wenn man sich schlecht benehme, schwinge da mit. Manche würden auch die dumme Bemerkung machen, dass diese Leute deshalb schwarz seien, weil sie sich nicht waschen.

Diese dummen Vorstellungen hätten im sozialistischen Staat als pures Relikt einer vergangenen Zeit, die auf Äußerlichkeiten, statt auf den Klassenstandpunkt sehe, selbstverständlich nichts zu suchen. Also bitte in Zukunft: Neger.
Wir waren recht verwundert, sahen wir doch bisher keinen Anlass, uns über Bezeichnungen von Leuten, die wir nicht zu Gesicht kriegten, den Kopf zu zerbrechen.

Der Fortschritt höret nimmer auf: Wir lernen um.

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Niklas Luhmann meinte, ab 1968 durfte man über den Rasen laufen (148). Doch ab 1989 musste man es. Ab dem Jahr 2000 sind jegliche Grünflächen für emanzipatorische Selbstverwirklichung bestimmt. Es entsteht Plenumsbedarf, wenn man nicht wenigstens kifft. Auf dem Rasen kommt man zusammen, um zu dummer Musik zu tanzen oder sich die Birne wegzuknallen.

Einst tobte rechts der höhnisch lachende Gewalttäter, rabiat, patzig, aus allen Nähten platzend vor Energie, links ging der klassenbewusste Arbeiter seinem Tagwerk nach und sann in der Freizeit bei trocken Brot auf Revolution. Heute nistet rechts verknöcherter Zynismus, links lacht die reine Unschuld. Die rechte Ikone ist nun das kantige Gesicht, Mundwinkel nach unten oder spöttisch verzerrt, der Blick unbeirrt fest auf den Horizont geheftet; ein Mann tut, was er tun muss, davon bringt ihn nichts ab. Links: Das freche, doch süße Kind, so unschuldig, so unberechenbar, so radikal, sprudelnd vor Leben und Lust. Ich möchte heute gar nicht davon anfangen, in welcher Republik wir leben, wenn Erwachsene in Massen „Harry Potter“-Filme gucken, ich möchte nur darauf deuten, dass in der linken Liebe zum Kindlichen etwas verborgen liegen könnte: Schau nur, die großen Augen des lustigen kleinen Kerls auf dem Flugblatt, der gerade ein Hakenkreuz zerschlägt, wie schön sie sind.
Alles sei hier so unverdorben, so direkt – die Willkür, die hier herrscht, könne so wenig böse sein, wie ein Kind, sie sei einfach bloß das Spontane, das jedem Kind nun mal eigen sei. Wer wollte den Wildfang schon runterputzen, wenn der nur seinem Herzen folgt – er ist eben so! Links ist das Bedürfnis, Willkürhandeln mit institutioneller Rechtfertigung auszustatten – dass das nur praktikabel für Menschen ist, die sich durchzusetzen verstehen, ist keiner weiteren Erörterung wert. Man rechnet eben einfach nur mit starken Menschen.

P.S.: Da mache ich mich nun über die linken Hysteriker lustig, die, Demokratiekritik hin, Kommunismus her, den drohenden faschistischen Terror mit einer Stimme für den grundsoliden Herrn Jung verhindern wollten und dann wähle ich selber sowas von links.
Nun ja, das kommt davon, wenn man nicht Luhmanns Vorschlag befolgt, einfach irgend etwas auf dem Wahlzettel anzukreuzen, damit irgendetwas passieren kann.

Luhmann, Niklas: 1968 – und was nun? in: Universität als Milieu (Hrsg.: André Kieserling), Bielefeld, 1992

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Am 27. Januar steht das emanzipatorische Leipzig wie ein Mann gegen die finstere Reaktion in Gestalt von Horst Wawrzynski. Der nämlich will unsere Stadt tot und leer machen.
Der Schriftzug macht deutlich, wem die Hauptsorge gilt: Sprayern, die dann unsere Wände nicht mehr quietschbunt malen dürfen, wenn Brutalo-Horst erst mal durchgreift. Ansonsten möchte man gern Drogenabhängige schützen – und zwar nicht vor den Drogen (deren Gebrauch man sich links nur als „selbstbestimmt“ vorstellen kann), sondern vor denen, die einmal probieren wollen, ob nicht eine entschiedenere Gangart gegen „User_innen“ möglicherweise noch mehr Erfolge beim Lebenretten hat, als das Gewährenlassen im öffentlichen Raum.

Schlotternde Linksradikale verhinderten damals durch Anti-Stoiber-Kampagnen bekanntlich den offenen Faschismus in Deutschland. Heute in Leipzig geht es nun schon darum, die Voraussetzungen für Emanzipation zu schaffen:- Dreckig und unsicher muss Leipzig werden, pardon: bunt und kreativ, bzw. lebendig und voll. Die Nazivergleiche überschlagen sich und natürlich kommt die Logik wieder mal nicht mit: Horst sei Versager sprühen unsere schwer lebendigen Sprayer auf seine Plakate – er greift also nicht richtig durch? Opfer!

Freuen Sie sich mit mir und Herrn Jung auf die Leihstimmen von linksaußen. Es geht ums Ganze. Leipzig – eine einzige große Party: Laut, wild, schmutzig, weit und breit keine Polizei in Sicht.

Wie dumm.

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Ich kannte einmal eine Frau, die hatte geradezu unanständig viel Optimismus, Lebensmut, Tatkraft. Mag sein, dass ich selbst zu wenig davon habe, sie hatte definitiv zu viel für einen einzelnen Menschen. Wann immer ich sie traf, war ich hinterher ein wenig beschämt über mein eigenes Verzagt-Sein. Sie ging nach vorne; wo immer sie auftauchte, pulverisierte sie Probleme in geradezu beängstigender Geschwindigkeit. Was tut man, wenn man zu viel von einer Begabung hat? Man gibt ab. Die Begleitung von Demenzkranken bis an deren Lebensende war eine Unterforderung für sie. Sie musste dringend ins Kinderhospiz. Seit sie dort arbeitete, habe ich sie nur noch zwei Mal gesehen. Sie wirkte – normaler. Plötzlich war auch für sie die Sonne zuweilen verdunkelt. Sie kam gut zurecht, doch sie musste sich anstrengen. Ihr Alltag wurde unserem ähnlicher.
Guter Gott, bitte lass die, die zu schwierigen Dingen berufen sind, diese schwierigen Dinge finden. Verschone die Schwachen von übermächtiger Bürde und verschaffe ihnen dort Erfolgserlebnisse, wo sie bestehen können. Du weißt besser als wir, was wir gut können und was überhaupt nicht. Zuweilen werden wir wanken müssen, doch lass uns nicht zusammenbrechen unter der Last.

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Ich ärgere mich über meine Unsicherheit zur falschen Zeit am falschen Ort. Dann, wenn ich mir wieder und wieder die Alltagsirrtümer bspw. ökonomischer Art anhören muss und mir die Zunge wie gelähmt ist.
Und leider bin ich mir dann zum Ausgleich oft viel zu sicher. Ich urteile gern mit sicherer Stimme. Gesellschaftlich akzeptiert ist das unterhalb der Ebene des mittleren Managements nicht.
Zwar bin ich meist halbwegs informiert, doch jeder besser Informierte kommt mir auf die Schliche. Oft geht alles gut und viel zu oft falle ich auf die Nase. Beispiel: Musiktheorie. Ich gelte da im Kreis der Blinden als Einäugiger und mag nicht gern bekennen, dass auch dieses eine Auge nur eine Sehkraft von 30 % hat. Also müssen mir Geschmacksüberzeugungen das Wissen ersetzen. Ich kann nur hoffen, dass es so oft niemand merken wird.
Wer eine linke Sozialisation durchlaufen und dazu noch gerne recht hat, dem macht es wenig aus, wenn ihm bei dezidierten Urteilen nicht zugestimmt wird: im Gegenteil – die Rolle des Entlarvers steckt zu tief in den Knochen, als dass sie sich von einem zum andern Tag aufgeben ließe. Wie schön es ist, allein zu sein, wispert es im Hochmütigen und er fragt sich, ob Sicherheit oder Unsicherheit der bessere Anleiter dafür ist. Doch ist nicht der Hochmut eine Todsünde?

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Hermann Schmitz definiert Wohnen als „Kultur der Gefühle im umfriedeten Raum“ (Bd. III,4, S. 258 ff), es ermöglicht etwas durch Abgrenzung (Bd. I, S. 145).
Das Thema: Eröffnung von Komplexität durch Reduktion von Komplexität zeigt sich auch und gerade im Volks- bzw. Regionalcharakter, der individuelle Prägungen, Ausformungen erst ermöglicht. Ihnen kontrastieren die puren abgründigen Erregungen, die krassen Erlebnisse und heute so gut angesehenen „Grenzerfahrungen“. In ihnen wird man zurückgeworfen auf etwas, das durchaus allen Menschen ohne Ausnahme eigen ist, den ultimativen Trumpf des Antirassismus. Wir wollen nicht vergessen, worin dieser Urgrund besteht: in „primitiver Gegenwart“ (Schmitz), die uns festbannt in die äußerste Enge von Ich-Dieses-Sein-Hier-Jetzt, etwas, was uns v.a. in Angst und Schreck zugänglich ist.
Ohne historische und situative Vermittlung wird alles elementar, ohne Abstandnehmen, zu dem bereit stehende Artefakte einladen, ist immer alles gleich neu, vorurteilslos.

Die globale Wissenschaftsmode, die die einheitlich Sprechenden und Denkenden etabliert haben, ist ein großer Schritt auf dem Weg zu totaler Voraussetzungslosigkeit. Traditionen, ja auch nur Usancen haben kein eigenes Gewicht mehr. Jeder muss sich mit jedem Anderen über alle Probleme jederzeit widerspruchsfrei verständigen können und immer wieder neu wird die einzige Voraussetzung gemacht, die noch sein darf: Dass es weiter keine Voraussetzungen zu geben habe.

Aber uns ist klar: Erst wenn man von wenigstes halbwegs Eingeweihten in wenigstens bestimmten Hinsichten in nie ganz vorhersehbarem Maße verstanden wird, ist das eigene Tun nicht beliebig, nicht voll-kontingent, erst dann lohnt es doch, zu kommunizieren. Überraschungen, wahrhaft Neues kann doch nur der würdigen, dessen Sicht auf die Welt in einer für ihn selbst kaum durchschaubaren Mischung aus (Vor-)urteilen geprägt ist. Nur, wo es Vorlieben und Abneigungen gibt, ist nicht alles lieblos, nüchtern.

Wie beschränkt ist der alt-sächsische Humor. Es gibt ihn immer noch, er ist eine Umgangsform, gebraucht von immer weniger Menschen, verachtet von den Weltläufigen, die nur noch englisch können. Keine geleckte, falsche, überall zu habende, schwer ausgewogene, in jeder Hinsicht „gerechte Sprache“, sondern zwischenmenschliches Terroir. Zwei Beispiele:
An der Supermarktkasse fällt mir das Kleingeld herunter. Die Kassiererin bot zuvor an, mir auch den großen Schein abzunehmen, aber ich will partout die vielen Münzen loswerden. Nun suche ich auf dem Boden. Die Kassiererin reckt den Kopf etwas vor, beobachtet mich gutmütig lächelnd und kommentiert: „Na, sie beschdehn awer ooch druff…“.
Das zweite stammt von der wunderbaren Lene Voigt: Ein Kunde kauft einen Käse – der Händler bemerkt, dass der mit einem anderen zusammengepappt ist und will die beiden mit dem Messer trennen. Doch da greift der Kunde ein:

„Ich nähmse alle beede mit,
Se sin so scheen verwachsen.
Mir dätr färmlich weh, där Schnitt!“
Sowas gibbt’s bloß in Sachsen.

(240)

Das Gefühl dafür, dass etwas Bestimmtes nur in Sachsen möglich ist, wird in wenigen Jahrzehnten niemandem mehr eingehen.

Elende, die meinen, dass ich das verschmerzen muss…

Schmitz, Hermann: System der Philosophie, Bd. I: Die Gegenwart, Bonn, 1964
Schmitz, Hermann: System der Philosophie, Bd. III, 4: Das Göttliche und der Raum, Bonn, 1977
Voigt, Lene: De beeden Gäse, S. 239 f in: Mir Sachsen, Leipzig, 2009

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Burkhard Jung von der SPD, Amtsinhaber und Favorit ist ein schwer sympathischer, integrierender Mann, den man guten Gewissens wählen kann. In guter Erinnerung ist mir seine Teilnahme an einer israelsolidarischen Kundgebung. Gegen ihn spricht die geplante Verschandelung des Lindenauer Hafengeländes – der Wahnwitz würde Leni Riefenstahl mächtig inspirieren. Um der Demokratie willen sollte man ihn auf keinen Fall wählen, denn er wird sowieso gewinnen.
Horst Wawrzynski für die CDU, ehemaliger Polizeichef, law-and-order-Mann ist zu gönnen, dass er respektabel abschneidet. Gerade wegen des gärenden Unmuts im linksradikalen Milieu, das ihn hasst wie die Pest. Für die Schnapsidee, die Bundesgartenschau in den Leipziger Auenwald zu holen, muss er allerdings bestraft werden; gewinnen soll er durchaus nicht.
Barbara Höll, ausgewiesene Haushaltsexpertin von der Linkspartei, steht für mich zum einen für fortdauerndes Engagement für HIV-Positive und die HIV-Prävention, zum anderen dafür, dass sie einmal bei einer Veranstaltung (vermutlich) gegen ihre eigene Überzeugung eine arbeits- und wachstumskritische Position zur Geltung brachte und daraufhin viel Schelte von den anwesenden Fortschrittsverrückten einstecken musste.

Ich möchte hier und heute allerdings Reklame machen für Herrn Feiertag, im Wahlkampf etwas krawallschachtelig unterwegs. Er ist ein gutwilliger Öko-Realo und hat hörenswerte Ideen zu Stadtplanung und Umweltpolitik: Einer der Hauptpunkte seines Wahlprogramms ist der fahrscheinlose ÖPNV. Feiertag spricht wenigstens von teilweiser Autofreiheit in Leipzig und ist klar gegen die Zulassung von Motorbooten im Auenwald. Darüber hinaus hat er die mangelnde Bürgerbeteiligung bei der Lindenauer-Hafen-Planung kritisiert. Wie es im Piraten-Umfeld so üblich ist, gibt er des öfteren zu, in bestimmte Dinge noch nicht eingearbeitet zu sein, verspricht aber, sich schlau machen zu wollen. Sehr sympathisch das.
Er hat keine Chance. Erwägen Sie doch wohlwollend, ob Sie am 27. Januar nicht ihm seine Stimme geben wollen.

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