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Archive for April 2013

Könnte eine Ursache für die Erfindung von Schießpulver und Handfeuerwaffen evtl. zunehmender Ekel der Menschen voreinander gewesen sein? Feinde mochten plötzlich einander nicht mehr berühren und konnten sich nun endlich auf Distanz niedermachen. Und liegt nicht vielleicht hier auch eine Wurzel des Weltanschauungskriegers für den Ritterlichkeit undenkbar ist? Der, der tut, was seiner Ideologie gemäß getan werden muss, kann im anderen schon nicht mehr den Leib-Menschen erblicken, sondern nur noch das gefährliche Körper-Ding.
Spekulieren wir weiter: Barbarei kann Kampf und Scharmützel dann ablösen, wenn sich die leibliche Dimension verliert, die intuitive Sicherheit, dass auch die Natur des Anderen im Spüren von Spannung und Schwellung liegt.
Die dritte Stufe: Der Ekel stellt sich schon beim puren Anblick ein. Cyberkriege ersparen auch den noch. Keinerlei Einleibung mit menschlichen Gegenübern ist mehr nötig.

Turniere – Ritter zu Pferd, bewaffnet mit Lanzen, angetan mit Rüstungen – und auch die Wirtshauskeilereien vergangener Zeiten haben dagegen fast etwas von Liebesspielen.

Einleibung, Spannung und Schwellung sind Begriffe aus der Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz.

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Eine wesentliche Dimension des Leiblichen bei Hermann Schmitz wird von der Differenz epikritisch/protopathisch (bspw.: S. 23 – 26) aufgespannt. Epikritisch ist das Helle, Spitze, Scharfe, Grelle, der punktförmige Zugriff, protopathisch das Dumpfe, Schwere, Stumpfe, Volle. In der leiblichen Ökonomie herrscht ein Wechselspiel zwischen Epikritischem und Protopathischem. Probleme können m.E. entstehen, wenn sich beide Seiten der Differenz aneinander steigern.
Ich sitze dösend im Schnellzug, die Landschaft rast vorbei; ich nicke ein, die Augen fallen zu, Müdigkeit breitet sich aus, eine der letzten bewussten Empfindungen ist die Schwere der Augenlider. Plötzlich toben unter lautem, hohem Kreischen Kinder vorbei. Ich schrecke hoch. Sie verschwinden im nächsten Wagen und wieder setzt das Dösen ein. An den Polen der Handlungsskala: Wären die Kinder still oder wäre ich müde genug, könnte ich dösen bis in den Schlaf. Wäre ich in überwacher, gar euphorischer Stimmung (etwa nach einer gut bestandenen Prüfung), würde ich möglicherweise den Kindern ein paar launige Bemerkungen zurufen oder mitspielen.
Schwer vorstellbar bei gleichermaßen hochgezogenen Seiten der Differenz ist das glatte, neutrale Aushalten des Verhaltens der Kinder. Die epikritischen Spitzen im protopathischen Medium verunmöglichen es geradezu, diese nachsichtige Mittellage der Handlungsskala zu wählen. Dies könnte ich nur, wenn ich in leidlich munterer Verfassung wäre – bin ich aber nicht: Mein Dösen hat mich ja geradezu heimgesucht.
Eine funktionale Äquivalenz für kreischende Kinder können sorgenvolle Gedanken, den nächsten Tag betreffend, sein: Sie sind immer wiederkehrend, punktförmig gerichtet, brechen herein, werden also nicht hervor gerufen und verschwinden meist ohne zureichende Behandlung.

Schmitz, Hermann: Der Leib, de Gruyter, Berlin/Boston, 2011

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Ich zuckle mit meinem Rad die Straße entlang. Am Rand immer mal wieder jemand, der schwer genervt mit den Augen rollt, von einem Bein aufs andere trippelt und mich durch Kopfnicken zum Schnellerfahren veranlassen will. Schließlich möchte der Wartende über die Straße.
Obwohl ich noch ein ganzes Stück entfernt bin, wartet er dort, weil ihm seine Eltern eingeschärft haben, nach links und rechts zu sehen, die Fahrzeuge durchzulassen und dann zu gehen. Sie haben ihm nicht beigebracht, die Entfernung abzuschätzen und zu kalkulieren, ob man die Überquerung u.U. noch vor dem sichtbaren Fahrzeug schaffen könnte.
Stammleser wissen, wie es weitergeht:- ich muss das ganze ein bisschen aufblasen. Die jungen Leute haben Kontingenzbewusstsein im Übermaß, die mittelalten, noch DDR-sozialisierten Menschen leiden daran Mangel. Dass sich im Alltag keine Illustrationen von Idealtypen darbieten, sondern je neue Situationen, die je neu gewürdigt werden müssen, überfordert viele schon im Straßenverkehr. Die einmal beigebrachte Regel wird angewendet – auch wenn es keine Ampeln und Autos mehr gibt oder Straßen von oben nach unten führen: Es wird gewartet, bis die Fahrzeuge durch sind. Die Entscheidung darf keine Grauzonen und Verhandlungsbereiche kennen, neue Erfahrungen und das Schaffen neuer, ihrerseits verbesserbarer Heuristiken, wird ausgeschlossen.
Das Alltagsleben ist wenig mehr als ein Anwendungsfeld elterlicher Befehle.

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Auch wenn das für Atheisten kein echtes Problem darstellt: Katholischerseits geht man davon aus, dass alle im Stande der Erbsünde geboren sind, kein Mensch ist erbsündenlos, keiner aber auch erbsündiger als der andere. Wenn sich das so verhält, dann können wir zur Charakterisierung und Beschreibung der Beziehung zwischen Menschen diese Kategorie weglassen, sie trägt nichts mehr zur Kennzeichnung bei. Die Erbsünde macht, dass in dieser Welt letztlich nichts perfekt aufgeht – das was ist, ist entstellt von Bosheit, Versagen, Kleinlichkeit. Wir müssen damit zurechtkommen, d.h. uns bemühen, diese Folgen kleinzuhalten.
Im Unterschied zur Erbsünde als Anlage sind also deren o.a. Folgen in Graden, nicht total ausgeprägt. Menschen sind zwar vollständig erbsündig geboren, nicht aber vollständig böse, sonst müsste der Versucher nicht immer wieder kommen, um sie auf seine Seite zu ziehen.

Nehmen wir an, wir hätten da einen ganz besonders bösen Menschen. Was haben wir von ihm zu erwarten, was muss also mit einem solchen Menschen geschehen? Wir werden an dem ansetzen, was uns nicht vollständig vom Bösen verseucht erscheint, werden versuchen, durch Beispiel und Liebe etwas Gutes in ihm zu bewirken. Wenn nun aber diesem Menschen jegliche Einsichtsfähigkeit und somit auch jeder Besserungswille abgeht – bspw. weil er keinerlei geistige Fähigkeiten mehr besitzt und nur noch seinen „bösen Gefühlen“ die Zügel schießen lässt? Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss ihn eliminieren, damit er nicht dauernd andere schädigt.

Demente ab einem bestimmten Entwicklungspunkt der Krankheit haben keine Einsicht in ihr Verhalten mehr, geschweige denn in Verhaltensänderungsmöglichkeiten. Noch einmal: Ihre Einsicht ist nicht etwa stark herabgesetzt oder durch fortschreitenden Gedächtnisverlust schwer geschädigt – es gibt keine Einsicht mehr und es gibt keine Personqualität mehr, sie werden herumgeworfen durch Biochemie. Dabei ist die Fähigkeit zum Fühlen und Erspüren von Situationen m.E. sogar etwas stärker ausgeprägt als bei Normalmenschen, so, wie ja auch Tiere Instinktqualitäten besitzen, die Menschen abgehen.
Und nun die harte Frage: Was, wenn es unter diesen Dementen nicht nur leicht zu Lenkende, grundsätzlich Wohlwollende sondern – Böse gibt? Die Antwort ist klar: Sie müssen weg. Die Endkonsequenz der Feststellung: „Die demente Frau C. ist böse“ lautet „Frau C. muss beseitigt werden“.

Das ist m.E. kein überdrehtes Beispiel für radikale Terminologie, sondern schlichte Logik.
Meine Folgerung: In sozialen Berufen ist es vollständig dysfunktional, von „bösen Menschen“ auszugehen.

Natürlich: Wie snoopylife richtig sagt, sind bestimmte Begriffe für den Umgang im Alltag notwendig. Und dass Pflege- und Betreuungskräfte, wenn sie von Dementen gerade wieder einmal beschimpft oder bespuckt werden, nicht unbedingt sagen „Frau R. hat sich heute wieder sehr herausfordernd verhalten“, ist auch geschenkt.
Nur: 1. Die Benutzung bestimmter Begriffe macht uns auch unsere Realität. Wenn nur oft genug eine Gruppe von Sachverhalten mit demselben Begriff assoziiert wird, wird uns der Begriff zur „materiellen Gewalt“. Man läuft Gefahr, die grundsätzlich kontingente Deutung mit der Sache selbst zu verwechseln. Frau R. bleibt dann die böse Frau R., auch wenn sie ruhig auf dem Stuhl sitzt – sie guckt dann eben „böse“.
2. Demente haben einen 7. Sinn dafür, wie man ihnen entgegen kommt. Sie spüren, wie sie vom Gegenüber eingeschätzt werden, auch wenn ihnen längst jeder verbale Ausdruck dafür fehlt. Unter Umständen erspart sich die Pflegekraft Ärger, wenn sie davon absieht, dass Frau R. „böse“ ist.

Abschließend: Bosheit ist ein funktional unergiebiges Schema im Umgang mit Demenzkranken. Weder Pflege- noch Betreuungskräfte sind aufgerufen, quasi-pädagogische Betragenseinschätzungen der Bewohner zu liefern. Es hilft nichts, sich die eigene Betreuungsbilanz dadurch zu schönen, dass man „Böse“ von ihr ausschließt; übermotivierte Betreuungskräfte, die ihren kleinen Privatkrieg gegen die monströse Irrationalität Dementer führen zu müssen glauben, helfen dadurch weder dem Dementen, noch verbessern sie ihre Arbeitsbedingungen oder erhöhen ihre Arbeitserfolge.
Professioneller Umgang mit Demenzkranken bedeutet m.E. nicht zuletzt, Abschied zu nehmen von jeglichem pädagogischem Ideal. Nur weil in dieser Gesellschaft Umerziehen, lebenslanges Lernen, soziale Kompetenz, geistige Flexibilität so hoch angesehen sind, heißt das noch lange nicht, dass wir diese Ideale unbarmherzig an Demenzkranken exekutieren dürfen.

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Für Oma ist der Drahtige ein Hungerleider: „Iss mal tüchtig, damit du was auf die Rippen bekommst“, hat sie uns ermahnt. Wer was auf den Rippen hat, hat „was zuzusetzen“, er wird nicht so schnell von Krankheiten geschwächt. Omas Ratschläge sind passé. Wer auch nur etwas auf sich hält, trainiert sich die letzten kleinen Polster ab. Für Horkheimer war es noch eine neue Erkenntnis – heute wissen es alle: Die Unterschichten sind fett – nicht die Ausbeuter. In diesem Land, in dem die Verelendung (bei einer Inflationsrate von 1,8% und Tarifabschlüssen um 4 bis 5 %) ja rapide fortschreitet, muss wohl dennoch niemand essen, um für schlechte Zeiten gewappnet zu sein. Der Wohlhabende knabbert an Salaten herum, die Bildungsferneren werden schon wieder krank vor lauter Fresserei. So hatte Oma sich das nicht vorgestellt.

Ich besitze eine – wie ich finde sehr kleidsame – Norwegerjacke. Ein Kunstfellpolster innen, dicke Wolle außen lassen mein Kreuz ein bisschen breiter und mich im Ganzen leicht aufgeplustert erscheinen, vorteilhaft für einen Dünnen wie mich. Die alten Leute auf Arbeit kriegen sich nicht ein vor Begeisterung: „Die ist bestimmt schön warm“, „In der Jacke machste was her“. Ich winke ab – die Jacke sieht wärmer aus, als sie ist. Die Wollmaschen sind recht grob, das Fellfutter ist mehr Dekoration; mit zwei Pullovern darunter kommt man aber gut durch den Winter.
Oma kennt die schlabbrigen Funktionsjacken von heute nicht, die Jacken, die wirklich warm halten, Nässe abweisen, garantiert nicht plustern und einem im Laufen vermutlich noch ein Spiegelei braten, Jacken, durch die man nichts mehr spüren kann von seiner Umgebung.

Für Oma hält alles Dicke am Leib die Kälte ab; viel hilft viel. Für Oma sind die Reichen die glücklichen: Sie lassen es sich wohl sein, essen deshalb viel und leben somit gesünder und länger als die Dürren, die sich offensichtlich die guten Dinge nicht leisten können.

Oma lebte in einer Zeit, in der das Richtige offensichtlich und das Offensichtliche richtig war. Mir ist klar, dass eben diese Fraglosigkeit viel Böses befördert hat. Und doch: Es gab kein trash, kein Kult, keine Bad-taste-Parties. Der Alltag wurde nicht dauerironisiert. Richtig und falsch waren noch in der Welt.

Ich trauere dieser Zeit hinterher, obwohl ich sie nur durch alte Leute kennengelernt habe. Wir bekommen diese Welt nicht zurück, das Lamentieren hilft nichts, die Gesellschaft hat sich auf die Beobachtung zweiter Ordnung (die Beobachtung von Beobachtungen) umgestellt. Für Hängengebliebene wie mich hat sie die Kategorie „vintage“ erfunden; wer nicht ganz von gestern sein will wie ich, goutiert die Überschneidung von vintage und Kult namens Retro.
Auch noch der Verabscheuung des Fortschritts gesteht die fortschrittliche Gesellschaft die Existenzberechtigung zu. Und ab morgen freue ich mich darüber.

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Die Leserzahl dieses Blogs sinkt kontinuierlich.
Woran liegt das? Ich denke, mein engeres und weiteres Umfeld wird nun wissen, wie der Hase läuft und hat weniger Bedarf nach immer neuen Illustrationen für die Verkommenheit der radikalen Linken. Schließlich kann nicht jeder solange für Erkenntnisse benötigen wie ich, schon klar. Und: Man muss auch nicht alle vier Tage aufschreiben, wie blau der Himmel, wie nass das Wasser ist. Vielleicht auch hat sich mein Lustverlust, was die Regelmäßigkeit des Schreibens angeht, in der Qualität der Texte niedergeschlagen.

Ich stelle die Sinnfrage und beantworte sie so:
Die Erscheinungsweise der Beiträge wird unregelmäßiger. Und: Ich werde in Zukunft nicht ganz anders in den Wald, aber doch mit leicht modulierter Stimme in andere Wälder hineinrufen…
Thematisch soll die Linke in den Hintergrund rücken – für jemanden, der von depressiven Verstimmungen geplagt wird, liegt das ja durchaus nahe. Das Exit-Programm ist nicht länger Schwerpunkt.
Natürlich wäre es schön, könnte ich in Robert-Kurz-Manier sagen: „Ich für meinen Teil bin nun mit den Linken fertig.“ Das stimmt immer noch nicht, doch der Wahnsinn ist in einige recht handliche Stücke zerhauen worden, mit denen sich umgehen lässt oder besser: die sich umgehen lassen.

Die zu kurz gekommenen Bereiche sollen mehr Aufmerksamkeit bekommen, Stichworte: Natur, Lebenswelt, Phänomenologie, Fortschritt/Rückschritt.
Das würde nun zwar die letzten Leser vergraulen, gäbe es da nicht das Thema „Demenz“. Bei den Suchanfragen, die mich im letzten Jahr erreichten, zeigt sich hier ein echter Leidensdruck. (Wer ein Gefühl für Demenz und den manchmal passenden, manchmal unpassenden Umgang mit ihr bekommen will, schaut in einen Blog, der von einer sehr engagierten und talentierten Pflegekraft betrieben wird: dements.)
Auch ich werde hier ein paar hobbytheoretische Auswälzungen dessen bringen, was mir in meiner Arbeit mit Demenzkranken so auffällt.

Es wird also noch weit abseitiger zugehen, als bisher schon.
Ich empfinde das nicht geradezu als einen Mangel.

Auf ein neues Altes…

Holger

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