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Archive for Mai 2013

Dinge sehen uns an. Sie wollen in spezifischer Weise benutzt werden, ein einleibendes Verhältnis zu ihnen soll entstehen – zu unserem Nutzen.
Das Zeug (im Heidegger-Sinne) bietet sich uns, den Verständigen, dar als mit Mini-Gebrauchsanweisungen ausgestattetes Etwas. Lang geschwungene Türklinken wollen von uns, dass unsere Finger sie umschließen. Doch nicht nur das: Uns ist klar, dass die Türklinke uns den Weg ins Zimmer mit dem Wasserhahn öffnet, wir also, wenn wir trinken wollen, sie umschließen und herunter drücken müssen. Sind wir aber einmal im Bad und am Wasserhahn, hängt die Trinkmöglichkeit wieder von ganz neuen Dingen ab (Hahn aufdrehen…usw.).

Demente haben keine oder höchstens sehr eingeschränkte Verweisungs- (d.h.: Sinn-)horizonte. Das „Um-Zu“ bei den Dingen trägt sie nicht darüber hinaus bzw. hat nicht zuvor so auf sie gewirkt, dass sie zu den Dingen getragen werden, sondern steckt in den Dingen selbst fest – nur dort.
Demente machen nicht das Naheliegende, wie es hilfreich für die Lebensführung wäre, sondern das Nächstliegende, wie es hilfreich für den Augenblick ist.
Mit Klinken öffnet man Türen: Also machen sie Türen auf und zu; Schubkasten enthalten etwas Aufbewahrtes – man kann es ausräumen und wieder einräumen; leere Tassen lassen sich befüllen, volle ausschütten; geht man an einem Lichtschalter vorbei, wird der gedrückt – an oder aus, ist unwichtig, aber: er wird nicht bspw. abgeleckt oder gestreichelt.
Das heißt: Kaum werden Gegenstände fehlbehandelt; sie werden meist dauerbehandelt oder ignoriert. Es gibt keine Einbindung in ein Vorher und Nachher mehr.
Konsequenz für die Betreuung könnte sein: Demente mit körperlichen Einschränkungen, die bspw. nur noch im Rollstuhl sitzen können, könnten Freude an kleinen Gegenstandsausrissen des Alltags haben – bspw. Knopfleisten, Reißverschlüsse, Schalter, Töpfe mit Deckeln…
All das, das seine Erklärung auf der Außenseite trägt – also weder rein künstlich, noch banal (wie bspw. ein Stein) ist, eignet sich für den Umgang der Dementen mit – Sinn.

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Man darf diesen Gedanken in diesem Land nicht vorbringen, er findet sich auch in keinem Feuilleton, kein Musikwissenschaftler traut sich, ihn zu äußern. Unreflektiertes Feiern überall.
„Zitternd vor Kühnheit“ möchte ich ihn dennoch aussprechen:

Der Antisemitismus Wagners lässt sich nicht von seiner Musik trennen.

Das ganze Land schwelgt in Walkürenritten, ventiliert Leitmotivtechnik und Tristanakkord – doch: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Vom NS will man in diesem Staat ja nichts mehr hören, da soll wenigstens eine Stimme Einspruch erheben:

Wagner war ein Antisemit.

Mir ist klar, dass jetzt ein Sturm der Entrüstung losbricht. Gerade jetzt: Wehret den Anfängen!

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Demenzkranke leiden nur kurz, in der Zeit des Beginns der Krankheit, am Kognitionsverlust. Dort sind sie „mangelhaft bzw. unglücklich orientiert“ (Naomi Feil). In der meist viel längeren Zeit danach (Stadien 2 bis 4 in der Einteilung von Naomi Feil: zeitverwirrt – sich wiederholende Bewegungen – Vegetieren) liegt Kognition außerhalb ihres Universums.

Am Verlust der Kognition von Dementen leiden deren Angehörige, Freunde, gute Bekannte und sonst niemand. Genau darauf bezieht sich auch das elende Schlagwort von der „Würde des Menschen“, das früher vielleicht einmal etwas Menschenfreundliches meinte, heute aber nur begriffsloses Gerede von Leuten ist, die nicht ertragen, dass 1. andere Menschen andere Bedürfnisse haben und 2. nicht-kognitive Menschen froher leben könnten, wenn man denn genügend finanzielle und zeitliche Kapazitäten hätte. Einstweilen ist Vorsicht angebracht: Wer heutzutage von „menschenwürdig“ redet, meint in aller Regel eine Negation: Dieses und jenes Zucken, dieser und jener Laut sei ja nicht mehr Ausdruck einer menschenwürdigen Existenz. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Versagung von Essen und helfenden Medikamenten.
Das Leben, an dessen Verfasstheit der Beobachter (!) leidet, sollte doch – selbstverständlich menschenwürdig! – beendet werden. Die Euthanasie ist der Nachbar des Menschenwürdekults.

Woran leiden also Demenzkranke, wenn wir einmal von körperlich abgrenzbaren Beschwerden absehen?
Sie leiden am Vertrackten einer je aktuellen Situation; Kognitionsverluste können sie nicht feststellen, weil Konsistenzprüfungen durch mangelnden Rückgriff auf richtige Konstellationen schlicht nicht mehr möglich sind.
Sie leiden also daran, dass es in dieser je aktuellen Situation nicht so weiter geht, wie sie sich das denken? Nein, sie können nicht denken! Aber wie können sie dann Missverhältnisse, wie sie das Wort „vertrackt“ andeutet, feststellen? Eine gute Antwort wird durch einen Begriff der Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz geliefert: „affektives Betroffensein“. Demente spüren eigenleiblich, dass ein bestimmter naheliegender Handlungsverlauf nicht zu erreichen ist, entweder weil die Situation ganz anders aussieht (sich lautlich oder sichtbar anders darstellt), als gespürt, oder weil sie in dieser Situation die gespürt richtige Handlung nicht einzuleiten wissen.
Demnächst mehr.

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Hier und jetzt geschieht das Große, das, was uns übersteigt, gegen das wir kleine Würmchen nur sind. Wie froh wären wir, für dieses Große einen bescheidenen Beitrag leisten zu können. Hoffentlich werde ich nicht von Erschütterung überwältigt.

Wer kann in dieser Zeit noch so denken und empfinden?
Hingabe, Ergebung, Überwältigtsein, bedingungslose Hochschätzung – das alles wird der Überredungskunst von Nazi-Ästhetik zugeschlagen.
Man könnte sich -Spenglers Diagnose unseres Zeitalters im Hinterkopf- damit arrangieren, träten an deren Stelle nüchterne Überlegung, Prüfung aller Aspekte an einer komplizierten Sachlage, Vorsicht im Abwägen. Doch triumphieren: Respektlosigkeit, dümmliches Gewitztsein und die Generation für Generation durchtradierten Floskeln aus dem Elternhaus über die komplett egoistischen Menschen, die immer schon falsch waren – verkündet von Leuten, die Wälzer über Steuerspartricks fast auswendig hersagen können.

Wer gilt dieser Zeit als der Gute?
Die Helden der Neuzeit kämpfen nicht mehr gegen das Böse, sondern gegen den Dreck (allgemein: der Großstadt, spezieller: der Kriminalität); die Jugendkulturen nach ’45 wollen nicht mehr geistige Wirkung in die Gesellschaft hinein, sondern zielen auf Provokation von allem, was nicht so ist wie sie. Muten Hängengebliebene ihnen das Eintreten für bestimmte Ziele oder auch nur die Begründung ihres eigenen So-Seins zu (das kann einer linken Jugendkultur auch durch einen orthodoxen Marxisten widerfahren, der meint, dass man seine Lebenskraft doch für etwas Wichtiges und Großes einsetzen müsse), wird ihnen bedeutet, sie verstünden gar nicht, worum es ginge.
Hingerissen-Sein ist ihrem Leben dysfunktional, es würde sie der schnellen Reaktion auf echte oder vermeintliche Angriffe berauben.
Beim großen Feuerwerk lacht die Jugend über die in den Himmel starrenden Menschen: „Toll, ’ne Rakete!“.
Es gibt nahezu kein Sinn mehr für musikalische Wucht. So wird nicht-elektronische Musik für den Konzertsaal (= „Klassik“) von jungen Leuten zunehmend pauschal als überkandidelt, peinlich gestelzt empfunden. Sie hören keine unterschiedlichen Stimmungen mehr (traurig, fröhlich, kraftvoll, tänzerisch, edel, vulgär…). Hören sie Geigen und Blechbläser, dann ist das für sie eine Art alter Film und damit eine Mischung aus langweilig und traurig. Nicht wenige Leute, sogar jenseits der 30, sind mir begegnet, die schlimmsten, nervtötenden Techno als zum Tanzen anregend empfanden, einen Strauß-Walzer allerdings als getragen, allzu feierlich und sehr bald als deprimierend.

Nirgendwo macht diese Nivellierungswalze halt: Wer dem Staat freiwillig dient (weil dieser womöglich gar eine Idee verkörpern könnte), sich an Vorschriften und Verkehrsregeln hält, ist dumm, wer an Liebe glaubt, naiv, wer eine Idee für größer hält, als sein eigenes kleines Hirn, ist schuld an zukünftigen Gemetzeln. Meine Güte, als ob es jenseits des Islams und psychischen Störungen noch Fanatismus gäbe…
Das Große, Schöne, das Erhabene, vor dem man vergehen will, kurz: das, womit man nicht fertig wird, hat nicht einmal mehr eine Jugendbewegungsnische.

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„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“

Karl Marx

Die heißblütigen Action-Helden der Antifa vornehmlich antideutscher Bauart hielten einem einst den ersten Teil vor, wenn man lieber über Profitraten reden wollte und den zweiten Teil, wenn man sich gegen weitere Adorno-Lektüre und lieber für den Besuch einer Anti-Hartz IV-Demonstration entschied. Ja, verzwickt ging’s zu damals. Doch das soll heute nur Aufhänger, nicht Thema sein.

Könnte es nicht sein, dass die Bereitschaft der linken Intellektuellen – im Grunde ist das doppeltgemoppelt: es gibt nur linke Intellektuelle, Menschen, die mit öffentlichem Nachdenken über anderer Leute Meinungen berühmt und wohlhabend werden; rechts ist man höchstens: Denker – könnte es also nicht sein, dass deren Bereitschaft, jede Art von Gewalt zu rechtfertigen, wenn sie nur irgendein (vermeintlich) Unterdrückter ausübt, damit zusammenhängt, dass sie geistigen Schöpfungen unmittelbar praktische Wirkungen zuschreiben? Jedes Buch im linken Kleinverlag: ein Angriff auf die Herrschaft und ein Schritt zum Umsturz der falschen Verhältnisse; jedes Gegröhle gegen Staat, Nation, Kapital: ein Puzzleteil der Revolution; jeder Spätaufgestandene und trotzdem Unglückliche beim Zeitschriftenlesen in irgendeinem Keller irgendeiner Selbstverwaltungsbude: Widerstand. Wenn sie zum Handeln aufrufen, meinen sie das Unterschreiben und seltener auch einmal das Verfassen eines Aufrufs.
Die Chose passt aber auch auf die Gegenseite: Labert irgendein Fußballproll rassistisch daher, ist er schuld an jedem einzelnen Naziübergriff, denn: Rassismus tötet.
Zu wessen Profession es gehört, Notwendigkeit und Effekt eigener Äußerungen im öffentlichen Raum dauernd zu überschätzen, der ist im Gegenzug wohl bereit, Äußerungen der Gegner sofort für Kampfhandlungen zu halten. Es wird einfach kein Unterschied zwischen Reden und Töten mehr gemacht.

Doch auch die Gegenfahrbahn wird gern benutzt: Irgendein Mord irgendeines Fundamentalisten ist dem Intellektuellen dann nicht in erster Linie die gewaltsame Beendigung eines Menschenlebens, sondern Ausdruck von xyz auf der Seite des Mörders. Der hat sich dann eben nur mit seinen Mitteln in die Diskussion eingebracht – weil er anders nicht gehört wird, weil die Herrschaft des abc das verhindert, weil seine Verzweiflung zu stark geworden ist, weil er keine ausreichende Schulbildung hatte …

Ob nun Bücher und Gerede zu realer Tat hochgekocht, Prügeleien und Mordanschläge zu Meinungsäußerung heruntergekocht werden: In beiden Fällen wird die Welt nur noch als Tummelplatz der Rechthaberei behandelt, nicht als Schlachtfeld – alles ist hier Diskurs, zwar nicht gerade herrschaftsfrei, aber immerhin.

Der linke Umbau der Gesellschaft ist alternativlos im Merkelschen Sinne geworden, d.h.: irreversibel. Das Wort ist unmittelbare Tat, die Tat, spätestens seit dem linguistic turn, unmittelbar Wort geworden. Systemtheorie reagiert nur darauf, ihr ist kein Vorwurf zu machen.

Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung

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