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Archive for Juni 2013

Am Fakt ist nicht zu rütteln: Die Demenz vom Alzheimer-Typ ist derzeit unheilbar. Die beiden Wirkstoffgruppen, die gegen sie eingesetzt werden, vermögen nicht mehr, als für relativ kurze Zeit die Symptome leicht zu bessern, die kontinuierliche Verschlechterung abzubremsen. Alzheimer bedeutet: Verschlechterung aller Lebensvollzüge bis zum Tod.

Wir, Pflegende und Betreuende, wissen das. Diese Sicht wurde in unserer Ausbildung vermittelt und sie bestätigt ihre Richtigkeit im Alltag immer wieder aufs neue. Ein neuer Bewohner ist am Anfang leicht verwirrt und endet nicht selten in Embryonalstellung im Bett, nicht mehr als ein Röcheln von sich gebend. Auf dem Weg in dieses Stadium verliert er all das, was die europäische Aufklärung als für Menschen konstitutiv hielt. Ist das abgeräumt, werden körperliche Vollzüge angegriffen.

In der Zwischenzeit befassen wir uns mit diesen Menschen, wir versuchen so viele Ressourcen wie möglich so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Und wir dokumentieren am Ende eines jeden Arbeitstages. Im Hinterkopf: der Abstieg. „Bewohner ist noch in der Lage…“, „Bewohner kann nicht mehr alleine…“, „Bewohner hat die Fähigkeit zu … völlig verloren“.
Wie ein Zeitungskritiker schreiben wir Menschen herunter und wir haben recht damit: Sie haben ja wirklich, intersubjektiv nachprüfbar „die Fähigkeit zu …. völlig verloren“. Das Problem: Wir beobachten die Bewohner und diese beobachten uns. Man sagt Demenzkranken einen siebten Sinn für Stimmungen in ihrer Umgebung nach, gerade weil sie rationale Beurteilungsmöglichkeiten nicht mehr haben. Merken sie uns an, wie wir sie jeden Tag ein Stück mehr verloren geben? Zugespitzt: Verschlechtert unser Wissen um den Verlauf der Krankheit ihre Lebensqualität? Und wenn das so ist: Folgt daraus eine Notwendigkeit zum Überspielen für uns? Und könnte -wegen des siebten Sinnes- nicht gerade dieses Überspielen wieder lebensqualitätsverschlechternd erkannt werden („Wie schlecht muss es mir gehen, dass der so optimistisch tut?“)?
Die Beobachtungsform der „doppelten Kontingenz“ also auch hier mit einem nicht wirklich zurechnungsfähigen Partner. Und natürlich findet sich auch hier immer wieder eine Lösung, man macht einfach irgend etwas und der Kranke wendet sich auch wieder anderen Dingen zu.
Vielleicht würde uns eine Teildemenz hinsichtlich der Fähigkeiten des Bewohners gut tun: Menschen nicht wie eine Kurve über den Verlauf der Tagestemperatur zu betrachten (Ziel: abwärts), sondern sich wenigstens zuweilen überraschen lassen vom Gegenüber. Wieder andererseits: Wenn wir uns an den gängigen Demenzstufen (bspw. von Naomi Feil) nicht orientieren, agieren wir u.U. in bestem Wohlwollen an den Aufnahmemöglichkeiten der Bewohner völlig vorbei.

Gefragt wäre ein souveräner Umgang mit Beobachtungsperspektiven – souverän aber nicht nur im Sinne des geschmeidigen Wechsels, sondern auch und gerade in dem, die jeweils eingenommene sich ohne Vorbehalt zu eigen zu machen.

Wer kann das schon? Also machen wir weiter.

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Was haben wir wieder gelacht über die dumme Schnarchnasen-Angela, für die das Internet „Neuland“ ist. Und dann vereinnahmt sie auch noch „uns alle“. „Für uns alle Neuland“ – haha die ist ja gut.
Kann ja sein, dass sich Mutti und ihre grauen, langweiligen Buchkonservativen mit der bunt-kreativ-anarchischen Welt nicht auskennen, doch wir, ha, wir können zwar keine Zeile Goethe auswendig, aber wir „zocken“, chatten und labern in Foren jedermann mit unserer Allerweltsmeinung zu – wir sind ganz vorne dran.

In der Tat, vornehmlich die Medienvolltrottel können sich erregen über die Kanzlerin, die selbstverständlich völlig recht hat.
Dieses neue Medium, mit dem die Verblödung in bisher ungeahnte Höhen treibt, ist für die Mehrheit der Leute nicht länger als 20 Jahre – für die meisten allerdings erst seit wenig mehr als 10 Jahre verfügbar.
Das ist neu, allerdings. Es sei denn, man gehört zu den Hohlbratzen des Fortschritts, denen die Kohle zum day trading fehlt und die deshalb an jeder technischen Neuerung ein paar Sekunden nach Einführung herumspielen müssen.
Neu, weil durch andere Medien nicht erfordert, ist der spezifische Umgang mit Datenschutz, neu sind die Probleme der flächendeckenden Gewährleistung der Versorgung, gänzlich neu ist die andere Form von Rechtssicherheit. Und ja: All das sind Probleme, um die sich Staaten und ihre Regierungen kümmern müssen.

Natürlich sind es nicht die Probleme der Knöpfchendrücker, Quatschprogrammierer und App-Fetischisten, die mit der begeisterten Werbung für Netzkrimskrams die Welt jeden Tag ein bisschen schlechter machen. Aus der Tatsache, dass sie sich als Konsument eine einfachere Sicht auf die neuen (!) Techniksachen leisten können, folgern sie, es könne gar keine andere Sicht als diese beschränkte geben.
Jede RTL 2- Unterschichtenfamilie ist ein angenehmerer Umgang als diese dressierten Cyber-Affen.

Auch und gerade als jemand, der publizistisch nichts geworden ist und sich deswegen hier austoben muss, rufe ich in die Runde:

Internetpack, Du stinkst!

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Mich überholt kurz vor der Ampel ein mittelalter, doch schwer dynamischer Fahrradfahrer in full gear. Die Ampel springt auf rot. Unzufrieden grunzend stoppt er; ich komme neben ihm zu stehen. Die Ampel zeigt grün, ich fahre los; er hat Reaktionsprobleme und tritt ganz leicht zeitlich versetzt an. Mit einem weiteren patzigen Schnaufer zieht er links an mir vorbei, ich bin ihm viel zu langsam. Er denkt wohl: Ich kann doch viel mehr Zeit herausholen, als der. Warum fährt denn der in so komischem Tempo vor mir her? Er könnte doch sein Tempo drosseln und nach ein paar Sekunden wäre ich vorbei.
Das mag schon sein – doch Straßenverkehr heißt nun einmal nicht Einsatz für die Mehrung der Gesamtzeitersparnis, sondern heißt individuelle Zeitersparnismaximierung. Meine Tempodrosselung wäre mein Zeitverlust und nicht die Optimierung der Gesamtsituation, an der wir doch alle irgendwie interessiert sein müssten.
Den Einzelnen interessiert die Maximierung seines Wertanteils, nicht die Gesamtsumme. Gut möglich, dass die Konkurrenz der Einzelnen auch im Straßenverkehr der Bildung dieser Gesamtersparnis förderlich ist.
Doch ich bin daran interessiert, dass ich – für meine Verhältnisse – schnell voran komme.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird der Herr jemand sein, dem als Konsument im Supermarkt die individuelle Nutzenmaximierung bzw. als Anteilseigner oder Unternehmer die Profitmaximierung absolut plausibel ist.
Warum nur hier nicht? Merkwürdig.

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Man ist vielerlei Verrücktheiten von mir gewöhnt, also muss ich mir gar nicht so oft anhören: Wie kann man nur?!
Nämlich: Als Schwuler sich katholisch taufen lassen.
Nicht so oft, doch es kommt vor.

Wie immer ist auch hier hilfreich, die Systemreferenzen auseinander zu halten: Von der katholischen Kirche erwartet man kein bestärkendes Grußwort zum CSD und von der Schwulenszene weder Welterklärung noch Heil. Klar ist aber auch, dass die Performance der Katholischen Kirche kränkend für Schwule ist. Umgekehrt feiern die Profischwulen ihren Antiklerikalismus.
Doch bleiben wir bei der Kirche: Nur noch hardcore-Nazis und die una sancta catholica et apostolica ecclesia lehnen praktizierte Homosexualität kategorisch ab. Was hat der Durchschnittsschwule bei ihr zu suchen?
Mir würde bspw. einfallen: Das Heil. Und: Einen Ankerpunkt des Irdischen im Überirdischen.
Wem so etwas wichtig ist, der ist dabei, wer nicht, der nicht. Soviel second order cybernetics muss sein, auch wenn sie ihrerseits als „postmodern“ beobachtet werden kann.

Nun lässt sich durchaus mit guten Gründen die Ansicht vertreten, dass die Katholische Kirche nicht immer in ihrer Geschichte glühende Kämpferin für Toleranz war. Ja, so ist das nun einmal mit dem Wahrheitsanspruch. Und der Leidenschaft. Die sind ziemlich unbedingt. (Den Vorkämpfern für Emanzipation gilt diese Unbedingtheit bekanntlich als Tugend, zu der sie sich gern bekennen. Und auch sie wissen ja ziemlich genau, was anderen frommt.) Jenseits innerchristlicher Überzeugungen möchte ich diejenigen fragen, die an der Katholischen Kirche Flexibilität und Eingehen auf menschliche Bedürfnisse vermissen: Wollen wir wirklich nichts mehr in der Gesellschaft dulden, das einem Zug der Zeit widerspricht? Hat es nicht auch etwas Tröstendes, dass wenigstens eine Institution im Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts so aus der Zeit gefallen erscheint bzw. in einer anderen Zeit aufgehoben, dass wenigstens etwas ewiggestrig sein will? Und: Sind deutsche Gutmenschenkatholiken wirklich für das ekelhafte Paktieren der russischen Orthodoxen mit den dortigen Schwulenfeinden verantwortlich, weil auch sie glauben, dass die Welt durch Jesus Christus erlöst wurde?

Zur anderen Seite der Medaille: Wer als Schwuler Teil der Kirche sein will, hat die Akzeptanz des eigenen Begehrens durch Andere tiefer gehängt, nicht unbedingt dieses selbst.
Und: Wer die 40 hinter sich gelassen hat, kommt für schwules Partyleben sowieso nicht mehr in Frage. Ein anderes als Partyleben gibt es für „Otto Bewegtschwul“ nicht – der „Rest“ (also: das richtige Leben) ist seit eh und je privat und wird durch Bürgerrechte geschützt. Mit 30 ist man für die Schwulenszene bekanntlich tot. Und ich würde gern darüber streiten, wessen Menschenfeindlichkeit größer ist: die der jugendwahnsinnigen Szeneschwuppen oder die der Katholischen Kirche. Für die einen ist man einigermaßen überflüssige Biomasse, für die andere immerhin menschliche, erlösungsbedürftige Seele. Die Todesbesessenheit der Barebacker, das Herabschauen auf lärmende „Bälger“ und ihre dummen Eltern, die sich das antun, die erbarmungslosen Witze über Altern und körperliche Unzulänglichkeiten, das freudige Aufgehen im Konsum und der feste Wille, jeden Modetrend auch mit 50 noch mitzumachen – lächerlich, aus diesen menschlichen Schwächen ein Bekenntnis zu machen. All das ist durchaus vergebungsfähig, aber wohl kaum prämierbar.
Wer jemals die fetisch-schwulen Underground-Parties der 90er in unserer schönen Hauptstadt besucht hat und hinterher nicht auf irgendeiner Droge hängen geblieben ist, kann nur noch lachen über die quietschbunte We-are-familiy-Kulisse. Selten habe ich so viel Menschenverachtung und Flirt mit dem Nazismus erlebt, wie dort.

Wir wollen uns sortieren: Schwul zu sein ist eine Gabe, die einem keine Art von Blödmännern (inkl. Pius-Brüdern) ausreden kann. Wenn man selbst daran glaubt, dass es eine Wahrheit gibt, die der Zeit und ihren jeweiligen Begleitumständen widerspricht, man selbst aber identitär mit einem dieser Begleitumstände verwachsen ist, dann ergibt sich durchaus ein logisches Problem.
Doch eine adornitisch geprägte Linke müsste mir eigentlich den Ausweg aus dieser Unlogik weisen können. Wann immer sie mit ihrer Dialektik nicht weiterkam, galt es ja: den Differenzen stattzugeben und Widersprüche auszuhalten. Diesmal bin ich dabei.

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Eine feine Initiative gibt es da: Pfand gehört daneben.

Dieses Land, das nennenswerte Armut nicht kennt, in dem sich jedoch weinerliche Anspruchshaltung, Naturverachtung und hedonistische iVerblödung als Kampf um soziale Gerechtigkeit tarnen hat also wieder eine neue Gemeinschaftsaufgabe: Für Prekarisierte die Pfandflaschen gut einsammelbar bereitzustellen.

In Arbeitsagentur-Projekten für unterprivilegierte Jugendliche ist es zumeist üblich, dass die Teilnehmer ihre leeren Flaschen wenigstens beim diensthabenden Sozialpädagogen abgeben, damit sie nicht auf dem Hof landen, ans Abgeben hat da noch nie jemand gedacht.

An meinem Lieblingsplatz am Fluss sammle ich also, wie gefordert, Flaschen ein. Leider gibt es hier keine Papierkörbe, neben die ich sie stellen könnte, damit sie zwei Tage später von leicht dicklichen, aber schwer systemkritischen Wut-/Alterta-Hanswürsten zerschlagen werden könnten, die sich wiederum einen Tag später für das wunderbare „Pfand gehört daneben“-Projekt engagieren. Ich muss sie also mit nach Hause nehmen – schlicht und einfach, weil ich nicht will, dass auch noch dieser Uferabschnitt verschandelt wird von den Suffköppen der vergangenen Nacht.

In diesem – glücklicherweise!- wohlabgesicherten Land wollen die Jugendlichen (links oder rechts oder unpolitisch ist eh schon egal) amerikanische Gangster-Rapper sein und fangen beim ersten unfreundlich blickenden Fallmanager der „Arbeitsagentur“ an zu weinen; ihre Eltern verlegen sich aufs role model Mittelmeer-clochard.
Dort allerdings, in den bei uns als Urlaubsziel so beliebten Mittelmeer-Ländern, ziehen nicht wenige hardcore-prekär zerlumpte Gestalten riesige Plastiksäcke mit Pfandflaschen durch die Straßen der Großstadt – Tag und Nacht. Jeder, der sie mal gesehen hat, käme sich in der Tat schäbig vor, im Supermarkt mit einer Pfandflasche aufzulaufen. Die Leute stellen sich auch mal neben einen und warten bis man ausgetrunken hat – man gibt ihnen die Flasche und zieht weiter. Und merkwürdig: Trotz der Klischees vom leicht schmuddligen, Komm ich heut‘ nicht, komm ich morgen-Südländer, der Regeln im öffentlichen Raum nicht kenne, sieht man kaum Glasscherben auf Fahrradwegen und Gehsteigen.

Hier allerdings: Depravierte Jugendlichen, die in ihren Markenklamotten, umgeben von Unterhaltungselektronik, gerade dem Hungertod entgegensehen. Sie sind froh über jede Flasche, die auf Fahrradwegen zerschlagen werden kann. Sonst haben sie ja nichts, wofür sie ihre Energie einsetzen können, weil: „Scheiss System, die da oben werden immer reicher und wir hier….“

Es ekelt mich an.

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An u.a. folgendem Beispiel erläutert Spengler (89) den Unterschied zwischen antiker und abendländischer Mathematik: „Negative Größen gibt es nicht. Der Ausdruck -2 · -3 = +6 ist weder anschaulich noch eine Größenvorstellung. Mit +1 ist die Größenreihe zu Ende.“

Das ist auch für den Abendländer auf den ersten Blick plausibel. Wir versuchen an einem ähnlichen Beispiel den zweiten Blick; wir wollen uns klar machen, wie uns Einzelmathematisches (hier: negative Zahlen) erscheint. (Dass diese Vorstellung notgedrungen eine abendländische ist, entwertet nicht ihre Verdeutlichungskraft – für Abendländer.)

Das Beispiel: -2 · +3 = -6

Wir benötigen drei echte Gruppen von je zwei Mängeln, Verlusten, Bösartigkeiten, Wunden, Verboten… kurz: Negativem. Vor uns gestellt zählen wir diese drei Gruppen durch: -1,-2; -3,-4; -5,-6. Stimmt: Es liegen sechs negative „Entitäten“ (Sachverhalte, Dinge…) vor. Sie liegen wirklich, richtig, als solche vor. Beachte: Unser Resultat sind Mängel, Verluste …, ihre quantitative Änderung als Mängel, Verluste … setzt voraus, dass sie als solche positiv vorhanden gedacht werden. Die Multiplikation mit +3 ändert nichts am Mängel-Sein.

Wie könnte die Deutung für Spenglers Beispiel aussehen?

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, dtv, München, 1988 (9. Auflage)

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