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Archive for Juli 2013

Wenn die Radikalen nicht mehr weiterkommen, ist meist irgendeine Statistik gefälscht. Wer keine Argumente mehr hat, glaubt Churchill zitieren zu müssen.
Denn: Das, was ich denke, ist richtig, andere Meinungen sind das Ergebnis von Interessen (ganz böse) bzw. Manipulation durch die „Herrschenden“ oder aber Dummheit.

Dieser Einwand gegen hässliche Widersprüche ist völlig nichtig.
Wir sind auf Information angewiesen, diese finden wir in Statistiken der Wissenschaft – echten, manipulierten, zutreffenden, betrügerisch gefälschten, auf Irrtümern beruhenden – , auf die Freund und Feind Bezug nehmen. Dies muss man tun, um etwas über die Gesellschaft aussagen zu können, es sei denn, man ist Künstler, dann hat man einen anderen Zugang; da geht man in die Offensive und entwirft Sichten auf die Welt, deren Vorzug und nicht deren Nachteil der Wille zur Subjektivität ist.

Ich glaube, ich habe in diesem Blog schon einmal von den sehr speziellen Kritiknerds berichtet, die einem so auf linken Theorieseminaren begegnen. Pro Veranstaltung gibt es mindestens einen, der für sich beansprucht, die Ranke-Frage beantworten zu können, nämlich „wie es eigentlich gewesen“ ist.
Und zwar durch die Methode: Soviele Zeitungen wie möglich lesen. Nun ist das nicht von vornherein dumm („ …was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ sagt Luhmann), doch das Vertrauen, es würde sich durch angestrengtes Lesen schon so etwas wie die Wahrheit ergeben, die dann im Übrigen quasi gratis auch noch das gesellschaftskritische Weltbild bestätigt, scheint mir ideologiegetrieben.
Die Herrschenden spielen also ein Spiel mit uns – die Wahrheit verteilen sie in mikroskopisch kleine Stücke zerhackt auf die „Verdummungsorgane“ der bürgerlichen Welt und beschäftigen uns damit, sie wieder zusammenzusetzen, statt Revolution zu machen? Doch von der Revolution halten uns nicht die Herrschenden, sondern die Alltagsgewohnheiten ab: Noch der heruntergekommenste ostdeutsche Stammtisch „weiß“, dass die BILD-Zeitung lügt und alle sagen es sich jeden Abend wieder aufs Neue, ehe sie am nächsten Morgen dieselbe Zeitung kaufen, dieselbe Arbeitsstelle besuchen und einmal alle vier Jahre an immer wieder derselben Stelle ihr Kreuzchen machen.

Nein, unsere Wahrheitsfanatiker würden sich nicht vom Radikalkonstruktivisten Heinz v. Foerster verteidigen lassen, der fragte: “Wo ist die Realität, wo haben sie die?” und sich so von ihm die relative Berechtigung der eigenen Sicht auf das was sie Realität nennen, bestätigen lassen.
Sie würden Heinz v. Foerster einen Vortrag halten über objektive Gesetze, Geld und Macht, denen alle, alle unterworfen seien, nur offenbar nicht sie selber. Die Fähigkeit, alles und jeden zu durchschauen ist ihnen – man weiß nicht wie – zugefallen und danach zogen sie nach dem Jesus-Modell durchs Land: „Ich aber sage euch…“.
Bleiben wir einstweilen beim Original. Und in irdischen Angelegenheiten: Benutzen wir unseren Verstand, um mit einer begrenzten Menge an Information alltäglich zurechtzukommen. So müssen wir nicht unmündig dem mörderischen Glauben an Realität, Objektivität und Dahinter huldigen.

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Ich kenne unterschiedliche Milieus, Altersklassen, Musiken, Essgewohnheiten, Wohnungseinrichtungen, auch habe ich nicht unterdurchschnittlich viele Länder besucht; natürlich: das Meiste ist mir so unbekannt wie den Meisten.

Doch merkwürdig: Für meinen Geschmack sehr oft finden sich Menschen, die mir nahelegen, ich müsste mal die Praxis von xyz erlebt haben, dann würde ich schon sehen… Hier, da und auch dort könne ich nun gar nicht mitreden, weil ich die entsprechenden Leute nicht kennte und wenn ich sie kenne, kenne ich sie nicht so intensiv wie abc, der nun wirklich weiß, wie die ticken.
Unausgesprochen: Erst mal rein ins Leben und dann klug schwätzen.

Nun arbeite ich keineswegs nur mit Intellektuellen, nur mit der Arbeiterschaft, nur mit der Unterschicht. Ich bin ein zu recht niedrigem Lohn beschäftigter Mensch, der durchschnittliche Interessen hat. Woher kommt nur die Einengung meines Blicks?
Wieso provoziere ich die ausgestellte Hochschätzung des Anderen vermeintlich unbekannten real life? Nicht selten sind diejenigen, die mir die Vorhaltungen machen gerade selber im universitären Milieu beheimatet. Ist deren Verbundenheit mit dem prallen Leben so gering, dass sie in intellektuellem Selbsthass machen müssen?

Mir fallen zwei mögliche Gründe ein: Ich erzähle oft und gern von meiner Lektüre – von anderer Leute Lebens- und Leseerfahrung also. Und ich frage auch nach der Lektüre des Gegenübers. Wie es aussieht, habe ich also wenig selbst erfahren, wenn ich dauernd die Gedanken Anderer bemühen muss.
Der zweite: Ich urteile gern und kräftig und nach dem Geschmack vieler Leute wohl zu schnell. Dabei fallen Schwierigkeiten weg, Zwischentöne werden unterdrückt; ungefragt verteile ich Handlungsanweisungen, die sich nach nicht allzu langer Zeit als alltagsuntauglich heraus stellen. Das ist mir bewusst. Und ich bin überzeugt davon, dass die Gesprächskultur jeder Art davon profitieren würde, wenn sich mehr Leute so verhielten. Nur scharfkantige Urteile können interessieren, wo es die nicht gibt, sollte man einfach die Musik lauter drehen.

Ich werde mich diesbezüglich also nicht ändern.

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Soviel ist erst mal klar.

A: Alle Äpfel müssen weg. Abschaffen!
B: Klar? Was ist hier klar?! Totaler Quatsch! Äpfel schmecken großartig. Die ganze Menschheit sollte sich von Äpfeln ernähren.
C: Natürlich sind Äpfel übel. Aber wäre eine Anbaukontrolle nicht leichter zu bewerkstelligen?
D: Ach, Äpfel würde ich nicht essen, aber wer sie mag…
E: Äpfel zu essen, ist eine anthropologische Grundkonstante. Seit Jahrtausenden ernährt sich die Menschheit von Äpfeln.
F: Äpfel haben eine chemische Zusammensetzung, die nach ein paar Jahrhunderten für ihren genetischen Zerfall sorgt; bis dahin muss die Menschheit ausharren und darf nicht aufhören, hie und da einen Ast der verhassten Bäume abzusägen.
G: Über Äpfel will ich mich nicht unterhalten. Mir geht es um den Begriff „Obst“ und um den Begriff des Begriffs „Obst“ und deren beider Vermittlung.
H: Ihr habt Probleme! Schon mal über Birnen nachgedacht, hä?! Nein, natürlich nicht! Die ach so bösen Äpfel sind ja schuld…
I: Äpfel zu verabscheuen, ist eine anthropologische Grundkonstante. Seit Jahrtausenden hat die Menschheit Äpfel gemieden.
J: Es geht doch nicht um den einzelnen Apfelbaum! Es geht um einen gesellschaftlichen Zusammenhang, der die Pflanzung immer neuer Apfelbäume geradezu fordert. Der ist doch das Problem!
K: Herrjeh, das habe ich auch mal gedacht, aber heute, nun ja, esse ich auch den einen oder anderen.

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Nachts auf dem Weg nach Hause. Vorbei an einer Kleingarten-Siedlung. Hinter der sauber geschnittenen Hecke: laute Party; eine lustig bunte Lampionkette ist an der Laube befestigt.
Einige der Gäste werden tanzen, andere über Arbeitsscheue wettern, die dritten fordern, dass man bei Nazis und Kinderschändern kurzen Prozess machen sollte. Wieder andere werden einander bestätigen, dass sie in der DDR jedenfalls genug zu essen hatten (obzwar sie auch jetzt keinen gänzlich unterernährten Eindruck machen) und die Gruppe da hinten ist schon bei Trinkspielen mit kleinen Flaschen angekommen.
Musik: „Die Toten Hosen“. Ah, das passt.

Der Zurückgebliebene kratzt sich am Kopf: Die „Toten Hosen“ sehen sich noch heute als Punks, mithin als Leute, die „ihr eigenes Ding machen“, Konventionen gering schätzen und ein eher lockeres Verhältnis zu Recht und staatlicher Gewalt pflegen. Ganz so „fast“ leben sie nicht und „young“ sterben können sie auch nicht mehr, dennoch: Sie sind gegen Nazis, deutschen Ordnungssinn, trinken durchaus Bier und spielen schnellen, gepflegten Deutschrock, in dem sie die üblichen Wahrheiten der „Progressiven“ verkünden: Saufen gut, Nazis schlecht, Vorurteile blöde, Liebe ’ne gute Sache, Jugendgewalt Reaktion auf soziale Probleme, Heuchelei echt übel, Fußball olé olé olé, oft geht’s im Leben schief, aber wir steh’n immer wieder auf….

Kleingärtner als inkarniertes Spießigkeitsklischee müssten mit der Unterminierung ihrer Ordnung der Dinge ein Problem haben, Wühlmäuse sollten nichts gegen es sein. Haben sie aber nicht. Sie müssten linksradikale Umtriebe wittern, tun sie aber nicht. Wenigstens einer von ihnen könnte doch das Gesungene mit dem eigenen Leben vergleichen und gewisse Diskrepanzen feststellen?! Aber warum sollte er, bloß weil irgendein Verrückter des vergangenen Jahrtausends nicht mehr mitkommt, sich dafür aber schwer reaktionär vorkommt, wenn er in der Postmoderne der Moderne nachtrauert.
Ja, auch die Postmoderne kennt Gärten in der Stadt und deren Pächter sind – im Rahmen der guten Sitten – genauso ausgeflippt wie die Ehemals-Punks, sie schätzen den Suff, die Partyübertreibung, bunte Haare und sexuelle Freizügigkeit.

Wer jetzt irgendwen auf irgendwas festlegen will -bspw. darauf, dass das zustimmende Gegröhle von der Schönheit des In-den-Tag-Hineinlebens sich doch auch irgendwie in der eigenen Lebensführung niederschlagen müsste- wird, wenn er überhaupt noch verstanden wird, sicherlich mit dem Kult-Einwand abgespeist: Alles so schön verrückt hier, aber eigentlich sind wir anders; das Peinlichste ist das Beste, hier lacht der Linke über den Judenwitz und der Konservative singt Ernst Busch. Das ist doch das Tolle, mach dich locker, guck mal über’n Tellerrand, sind hier nicht alle so verbiestert logisch wie Du!

Nun denn, um den Wahnsinn auf den Begriff zu bringen, reden wir – systemtheoretisch – von „Ausdifferenzierung“; Spenglerianer dürfen Oswalds Kulturen-Tafeln zu Rate ziehen und an deren jeweiligen Enden nachlesen, wie es Zivilisationen (= den Verfallsformen der Kultur) so ergeht: „starrer Formenschatz“, „Ohnmacht“, „Massenwirkung“, „provinziales Kunstgewerbe“, „geschichtsloses Erstarren“, „langsames Heraufdringen urmenschlicher Zustände in eine hochzivilisierte Lebenshaltung“ (ab S. 70).
Alles geht deshalb so wunderbar glatt und andererseits herrlich durcheinander, weil alle Beteiligten die Technik des geschmeidigen Systemreferenzwechsels gelernt haben. Sie wissen nicht nur, wann sie gezwungen sind, sich unterzuordnen und wann, wo sie locker sein dürfen, sondern – viel wichtiger – wo und wann Übertreibung geregelt geboten ist und wann es cool ist, gehorsam zu sein.

Je starrer die Lebensführung wird, desto mehr will man sich von einst nicht-traditionalen Kulten ausborgen. Würde man sich Existierendes, noch Fremdes nicht aneignen wollen, hieße das ja, Grenzen anzuerkennen, zu wissen, wo der eigene Bezirk aufhört, der des anderen beginnt. Doch jede Grenze wird hier einfach verlacht, nicht einmal angegriffen. Wer Grenzen zieht, will anderen etwas verbieten, ist mindestens Spaßbremse, wahrscheinlich aber Faschist.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, dtv, München, 1988 (9. Auflage)

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