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Archive for Oktober 2013

Besser geht’s in erster Linie nicht mit der Ersetzung einer Tätigkeitsgruppe durch eine andere. All das, was Ergotherapeuten so tun, darf auch weiterhin getan werden. Nur bitte nicht immer und nicht aus Prinzip („die Leute müssen ja beschäftigt werden“) und v.a. mit einem grundlegend anderen Ziel: Weder darf es vordergründig um den Nutzen der jeweiligen Tätigkeit selbst gehen (bspw.: am Ende müssen die Kartoffeln aber geschält sein!), noch darf gänzlich von diesem Nutzen abstrahiert werden (bspw.: wenn irgend jemand einfach schälend ruhig gestellt wird). Die Tätigkeit muss Dementen in einer ihnen entsprechenden Weise nahe gebracht werden. Bei der Hauswirtschaft bietet sich das Anknüpfen von Erinnerungen an: Wie war das früher? Wer hat bei ihnen geschält? Hatten sie einen Kartoffelschäler oder nahmen sie lieber ein scharfes Messer? Wenn ein Ausschnitt solcher als schön erlebten Vergangenheit in Reichweite gekommen ist, ist der Sinn des ergotherapeutischen Tuns hier voll erfüllt. Es ist ja gut gemeint, wenn der hauswirtschaftende Ergotherapeut begeistert den Kuchen herumzeigt, den alle gemeinsam gebacken haben. Nur: Nach der Backzeit erinnert sich die Hälfte der Bewohner an diese Tätigkeit schon nicht mehr! Der Sinn des Tuns kann m.E. nur darin liegen, in dieser Tätigkeit solange voll aufzugehen bis sich (nicht nur geistig erinnernd, sondern leiblich vermittelt!) das Wirken völlig erschöpft hat.

Bewegungen mit Ball u.ä. werden auch und gerade von Dementen oft als kindisch und unangemessen empfunden: Hier kann man nebenher mit den Männern über Fußball fachsimpeln und die Frauen auf dem Umweg des Gesprächs über Kinderspiele im Hof ködern. Hin und wieder tun’s auch ein paar schulmeisterliche Ratschläge über den Nutzen von Bewegung, den neulich wieder Dr. XYZ hervorgehoben habe.
Schwer Demente brauchen derlei verbale Anknüpfungen nicht mehr, ihnen „reicht“ leibliche Kommunikation: deutende Gestik, schmeichelnde Materialien …

Zusammenfassend könnte man sagen: Demente brauchen Zeit und sanfte Motivation (möglichst über die Aktivierung eigener Erinnerungen), um für sich befriedigend handeln zu können. Ein greifbares Ergebnis ist für Angehörige wichtig, nicht für Demenzkranke; diese wollen u.U. lieber erzählen und von ihrem Gegenüber das Gefühl bekommen, verstanden worden zu sein.

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Die Angehörigen besuchen Oma Nr. 1 im Altenheim. Oma sitzt in einer größeren Runde mit anderen Leutchen. In der Mitte turnt eine schwer übermotivierte Betreuerin, rudert mit den Armen, singt aus voller Kehle, klatscht fortwährend in die Hände, drückt den Leuten mal kleine Bälle, mal Tücher, mal Rasseln in die Hände und schafft es tatsächlich, dass 4, 5 Herumsitzende irgend eine Reaktion zeigen.
Die Angehörigen sind begeistert: Klasse, hier ist was los, hier macht man was mit den Leuten.

Ihre zweite Oma in einem anderen Altenheim jedoch muss leiden. Den ganzen Tag sitzen Leute an ihrem Platz, viele mit geschlossenen Augen, einige lächeln, andere runzeln die Stirn; wieder andere wandern durch die Gänge. Zu verschiedenen Tageszeiten erklingt Walzermusik vom Band, doch manchmal bleibt die Musik ganz aus. Hin und wieder nur schaut jemand vorbei der aussieht wie ein Betreuer und spricht mit dem einen oder der anderen. Es soll hier auch Veranstaltungen geben, aber die Angehörigen haben sowas noch nie erlebt, wenn sie spontan vorbeikommen.
„Die vegetieren hier ja nur vor sich hin“, bestätigen sie einander empört.
Der Fall ist klar: Auch diese Oma soll ins erste Heim umziehen. Dahin, wo es so schön ist.

Na wunderbar, die Angehörigen kümmern sich also – um sich. Sie scheren sich nicht darum, was Demenz bedeutet und was die Bedürfnisse ihrer alten Verwandten sind. Die jetzt alten Leute haben viel Dramatisches erlebt – oft im Gegensatz zu den stellvertretend sinnsuchenden Angehörigen. Wenn die Heimbewohner ihre Augen geschlossen halten, vor sich hin lächeln oder auch betrübt zu sinnieren scheinen, arbeiten sie traumähnlich Dinge ihrer Vergangenheit durch. Für sie gibt es nämlich nichts Wichtigeres und Sinnvolleres, als – auf ihrem jeweiligen noch vorhandenen Geistesstand – ins Reine zu kommen mit sich und den Ereignissen ihres früheren Lebens (darauf weist Naomi Feil immer wieder hin).
Sehr alte und insbesondere demente Menschen haben in und mit dieser Welt nichts mehr zu schaffen, sehen wir das doch endlich ein! Wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann muss unsere Aufgabe sein, ihnen bei ihren sehr speziellen Aufgaben in einer ihnen angemessenen Weise zu helfen.
Das aber wird allzu oft von Angehörigen mit schlechtem Gewissen torpediert. Sie unterstellen den Heimen die Beschränkung auf eine „Satt – sauber – sicher“-Pflege und nehmen jede deutliche Abweichung von diesem Zerrbild als Qualitätsausweis. Als Folge davon werden ihre dementen Verwandten Animateur-Klischees unterworfen. Man schließt einerseits von der Lautstärke einer Großgruppe auf innere Beteiligung der Einzelnen und setzt andererseits stilles Sinnen mit Vegetieren gleich.
Unsere Senioren machen ja noch alles mit! Guck mal Opa, hier ist alles was Du brauchst: Papier, Schere, Leim, Stifte. Nur schade, dass Opa sein Lebtag nicht gebastelt hat. Jetzt im hohen Alter muss er aus zwei Gründen damit anfangen, höheren Blödsinn zu produzieren:
1. wegen der Angehörigen, die es nicht ertragen, dass Opa einfach so im Stuhl sitzt und
2. wegen der Betreuer, die das tun, was sie tun, weil sie können, was sie können.

In fünf von zehn Fällen läuft das auf stundenlange Basteleien und Fitzeleien hinaus, der Rest verteilt sich auf Ballspiele und die „berüchtigten Schälgruppen“, wie Ute Schmidt-Hackenberg das Simulieren hauswirtschaftlicher Tätigkeiten bitter genannt hat.

Wie geht’s besser? Dazu mehr im nächsten Eintrag.

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Nach der leibphänomenologischen Theorie von Hermann Schmitz wird die Einheit des Leibes durch eine Grundspannung aufrechterhalten und bezeugt. Erst innerhalb dieser Einheit kann sich eine leibliche Dynamik durch das Mit– oder Gegeneinander-Agieren der allerdings aneinander gebundenen Spannung und Schwellung entfalten.
(Nebenbei: Das ist ein re-entry im Sinne von Spencer Brown. Das Spiel von Spannung/Schwellung ist auf Spannung, also eine Seite der Differenz angewiesen. Die verwickelten logischen Implikationen – bspw.: setzt die Seite die Differenz oder setzt die Differenz die Seite voraus? – sind Gegenstand der Laws of Form.).

Dem Hypochonder zerfällt alles unter der Hand in auseinander strebende Leibesinseln, der Lüsterne will dauernd verströmen, zerfließen, versickern ins Unendliche. Gelingende Leiblichkeit jedoch geht wie selbstverständlich von der Enge aus und bewa(ä)hrt sich in immer neuen Abfolgen von Spannung und Schwellung (vgl. das Jonglieren). Das Angehen gegen einen Widerstand und die Heimholung der Energie ins umzäunte Gebiet, verschafft Glück. Nicht nur, „wer Großes will, muss sich zusammenraffen“, gerade für uns kleine Leute gilt: „… das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“ (511).
Verströmen und entgrenzte Lustsuche attackieren die Einheit des Leibes, ohne die personale Identität, mithin Glück, nicht einmal vorstellbar ist. Garantiert wird diese Einheit durch etwas, dessen bloß quantitative Verstärkung uns zu Enge, Angst, Not hinpresst (vgl. die „primitive Gegenwart“ bei Hermann Schmitz). Mag sein, dass der Sündenfall uns das Gesetz gegeben hat – doch im gegenwärtigen Stande sich aufzuführen, als gäbe es das Gesetz nicht (indem man bspw. Institutionen demontiert), verschlimmert die Lebensnot.
Wir leben am besten in gestaltbaren Grenzen – in eigenen vier Wänden besser als schlicht im Land, im Land jedoch besser als in der Welt, in der Welt besser als überall – überall leben wollen, heißt sterben wollen.

Leben heißt Einzäunen, draußen lauert die Auflösung. Theweleit, übernehmen Sie!

Goethe, Johann Wolfgang: Gedichte, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig, 1998

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Europa sei doch so viel mehr als der Euro und die ohne Zweifel bedauerlichen Schwierigkeiten, die jetzt auf wirtschaftlichem Gebiet in der Eurozone bestimmend sind.
So argumentieren merkwürdigerweise gerade diejenigen, die Merkels Satz „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ dauernd im Munde führen. Einmal ist also Währungspolitik völlig unbedeutend (Kunst! Frieden! Aristoteles! Aufklärung!), das andere Mal hängt an einer Währung Europa selbst. Ja, was denn nun? Wenn sie einmal ökonomisch werden wollen, reden sie läppisch von der Erleichterung für Touristen, die bei europäischen Auslandsreisen nun nicht mehr Geld tauschen müssten. Meine Güte! Die Schöngeister aus dem Feuilleton könnten doch bitte das tun, wovon sie etwas verstehen: Uns von Aristoteles berichten und aufzeigen, dass Völkerverständigung, Frieden, Handel gerade nicht an einer gemeinsamen Währung hängen. Und wenn sie gewitzt wären, könnten sie sich bemühen, gerade in dieser Zeit ein gänzlich anderes Bild von Europa zu zeichnen, länderübergreifende Koalitionen von Menschen vorzustellen, denen dieser ganze Wachstumskram zum Halse heraus hängt und die nicht wollen, dass ganz Europa so arbeitsam unentspannt wie Deutschland in die Zukunft hetzt.

Aber nein: Ökonomisches Desinteresse, zugegebene oder geleugnete Unkenntnis, Stolz auf mathematische Unbildung, aber massenhaft guter Wille und Friedensliebe prägen das Klima, in dem vom Euro gesprochen wird.
Über ökonomische Themen soll man mit ökonomischen Argumenten reden. Frieden, wachsender Wohlstand und Handel in Europa können mit einer gemeinsamen Währung nichts zu tun haben, wie die vergangenen Jahrzehnte deutlich zeigen. Man muss nicht AfD-Sympathisant sein, um wahrzunehmen, dass selten nach 1945 so viel Hass und Zwietracht auf unserem Kontinent herrschten, wie nach der Einführung einer gemeinsamen Währung.

Wie könnte man über den Euro substanzhaltig streiten? Das wird nicht ohne die „Theorie der optimalen Währungsgebiete“ abgehen und da wird man auf historische Vergleiche von Währungsunionen nicht verzichten können. Dem von sozial-links vorgebrachten Gedanken, eine Wiedereinführung der D-Mark würde wegen des massiven Aufwertungsdrucks den deutschen Export extrem beschädigen und so Arbeitsplätze kosten, ließe sich von neoliberal-rechts mit historischen Beispielen begegnen, dass die DM gegenüber Südwährungen mehrmals stark aufgewertet hätte, die Exporte aber keineswegs in ähnlichem Umfang eingebrochen wären. Dies könnte seinerseits wieder von links durch besondere historische Umstände, die beizubringen wären, erklärt werden.
So ähnlich könnte es gehen, aber nein: Redet man über die Euro-Krise ist heute die Rede von „unserer besonderen historischen Verantwortung“ und dem „sensiblen deutsch-französischen Verhältnis“.

„Europa ist so viel mehr als nur der Euro.“ heißt in gutem Deutsch: „Ich habe keinerlei Ahnung von Währungspolitik und bin stolz darauf.“

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