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Archive for the ‘Links und Rechts’ Category

Erster Aufhänger:
Sie als FAZ-Leser kennen so gut wie ich diese wunderbaren Grafiken im Wirtschaftsteil. Sie überbrücken uns Statistik-Freaks die Zeiten zwischen den Wahlberichterstattungen. Die Einkommensbalken sind immer etwas Besonderes: Die Redaktion hat sich da mit heißem Bemühen vorgenommen, die Realität abzubilden und beginnt die €-Achse links mit einem ihrer Meinung nach quasi irrealen Lohn von 1000 €. Ich komme in keiner dieser Berichterstattungen über ost-/west-/gesamtdeutsche Einkommensverhältnisse vor.
Nein, ich will hier nicht den allzu klapprigen Verelendungsschimmel reiten. Dieses Land kennt wirkliche Armut nicht, soweit ist den FAZ-Leuten zuzustimmen. Und doch ist es bizarr, wie eine zahlenmäßig gar nicht kleine Gruppe von Menschen von einem bestimmten gesellschaftlichen Subsystem vollständig abgelöst wird.
Eigenartig: Auch den Zahlenleuten der FAZ könnte der Effekt „Im Durchschnitt war der Teich einen halben Meter tief und trotzdem ist die Kuh ersoffen“ bekannt sein. Das heißt, wenn der Durchschnittsverdienst der letzten Jahre in Deutschland zwischen 2500 und 2700 € brutto lag, ist es (gerade im Angesicht der doch immerhin diskutierten Managergehälter plus Boni) leicht crazy, die unteren Gruppen bei 1000 € beginnen zu lassen.

Zweites Beispiel:
Nun purzeln nicht nur in meinen facebook-account immer öfter Ankündigungen für irgendwelche Kundgebungen, Demonstrationen, Veranstaltungen zum großen Thema Arbeitszwang, Verdichtung der Arbeitszeit, burn out, neoliberaler Umbau des Arbeitsmarktes. Wir wollen nicht meckern: Die Linke bemüht sich wenigstens, etwas vom realen Leben mitzubekommen. Aber leider: Weit und breit kein knarziger Kämpfergewerkschafter mit Riesenpranken plus Pfeffer-und-Salz-Bart und gleichfarbigem Jackett. Die habermasianische Zivilgesellschaft (= die klugsprechenden Leute) sorgen sich um die work-life-Balance, das war’s auch schon. Und so sehen dann auch die Illustrationen der Kampfaufrufe aus: Eine Frau liegt wie tot auf dem Boden eines Büros ausgestreckt, ein Banker rennt mit fliegender Aktentasche dem burn out entgegen, eine Frau verzweifelt (= Gesicht in den Händen vergraben) vor einem Computerbildschirm.
Damit ist der linke Widerstand glücklich im FAZ-Wirtschaftsteil angekommen: Wenn dessen Journalisten keine Lust auf die Wendung „zur Arbeit gehen“ haben und auch „morgens früh aufstehen“ schon zu oft vorkam, wird dort vom „Weg ins Büro“ gesprochen. Etwas anderes kommt nicht zur Sprache. Es liegt dort nicht im Bereich des Vorstellbaren, dass Leute früh nicht ins Büro, sondern beispielsweise ans Fließband gehen, aufs Müllauto steigen oder mit der Schippe dort weitermachen, wo sie gestern aufgehört haben.

Der amerikanische Ökonomiekritiker John Kenneth Galbraith hat als einer der ersten den Effekt bemerkt, dass die Unterschichten zu (relativ gesehen) schlechter Bezahlung auch noch Spott und Verachtung für das miese Image ihrer Jobs ernten.
Die linke Republik ist nicht einmal in oppositioneller, d.h. anti-neoliberaler, Attitüde in der Lage, den ideologischen Schein zu durchbrechen. Alles so schön bunt und sauber hier. Verarmung muss mit Hinweis auf raffgierige Banker begründet werden, damit also, dass einige andere so irrsinnig viel mehr haben, als die, die, nun ja, durchaus weniger haben als der Kritiker. In problematischen Verhältnissen lebende Menschen sind sowohl der FAZ als auch der sozialkritischen Linken unbekannt.

Und wo bleibe ich? Mit einem Einkommen, das weder zu highlife, noch zu Klassenkampf mit Trillerpfeife wirklich berechtigt, von mir aber auch nur 30 h pro Woche Einsatz verlangt? In einem Job, der mal unglaublich hart, mal sehr easy ist?
Ich möchte Teil einer Differenzierungsbewegung sein.

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Errungenschaft Inquisition: Eine peinliche Befragung ersetzt ein sich angeblich von selbst ergebendes Gottesurteil. Der potenziell Schuldige wird angehört, darf und muss sich erklären.
Die Partei der – wahlweise – „Zurückgebliebenen“ oder „Ewiggestrigen“, die christlichen Reaktionäre also wollten den Menschen nicht aus dem Zentrum der Welt vertrieben sehen. Sie trauten ihm (meist: dessen Boshaftigkeit) so ziemlich alles zu. Sicherlich, den Opfern der Inquisition wäre es lieber gewesen, hätten die Inquisitoren nicht diese hohe Meinung vom Menschen gehabt. Nur: Die Dinge müssen sich eben erst entwickeln, wer sind wir, dass wir uns außerhalb der konkreten Kämpfe ein Urteil anmaßen (ein Gedankengang, der mindestens der anti-imperialistischen Linken vertraut sein müsste).

Heute haben die Reaktionäre, wie es scheint, verloren – gegen die Wissenschaft. Diejenigen, die heute postulieren, der Mensch stünde im Mittelpunkt, meinen: die Naturwissenschaft. In ihrem Weltbild siegt selbstverständlich die zweiwertige Logik über das Irrationale der Liebe, das sich klarerweise in Biochemie auflöst – aber alles eben im Dienste des nun entthronten Menschen. Er ist zwar ein mieser Wurm, Spielball der Naturgesetze, aber er lässt sich’s recht wohl dabei gehen. Wer das nun wieder unattraktiv findet, könnte versucht sein, auf Spenglers „zweite Religiosität“, die nach dem Höhepunkt einer jeden Zivilisation eintritt (941) , zu setzen. M.E. aber darf man auf die nicht hoffen, man muss sie fürchten. Es bleibt ja nicht bei den Matusseks und Mosebachs, diesen second-order-Katholiken, die an der Kirche Pracht, Ordnung, Bindungskraft und Ästhetik so schätzen – statt der Verheißung einer unbegreiflichen Auferstehung, wofür sie geschätzt werden sollte. Wenn sich die second order plötzlich für die first order wirklich hält und nicht nur ausgibt, wird ungeglaubter Glaube rabiat. Noch ist das nicht soweit, doch der neubekehrte Katholik, der hier schreibt, möchte dann möglichst nicht mehr am Start sein, wenn das Ressentiment neuer Innerlichkeit so mit wissenschaftlichen Erkenntnissen umspringt, wie diese heute mit Gefühl, Erfahrung, Phänomen, Glaube, Natur.

Zurück zum Ausgangspunkt. Anthropozentrik ist ein zweischneidiges Schwert. Es kann gegen die Religion benutzt werden, indem dieser unterstellt wird, sie gebrauche den Menschen nur als Mittel im Gottesplan, während sie ihn doch eigentlich überhoch schätzt und noch für Dinge verantwortlich macht, für die er definitiv nichts kann. Es kann aber auch gegen die Wissenschaft eingesetzt werden, indem metaphysich gepimpte Bedürfnisse des Menschen einfach postuliert werden und deren Nichterfüllung auf dem Anti-Humanismus-Konto rationaler Naturwissenschaft gebucht wird.

Die Fetzen fliegen. Und trüben uns Blick und Gehör in einer Weise, dass man nicht mehr weiß, vor welcher Partei man zuerst bzw. am schnellsten Reißaus zu nehmen hat.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, dtv, München, 1988 (9. Auflage)

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Liebe Familienschützer, Ihr habt’s doch so mit dem Abendland, oder?! Ich ja auch. Das wäre schon mal was Gemeinsames. Nun denn: Schon mal was von Oswald Spengler gehört und dessen Untergangsprognose? Ja, Herr Sarrazin, dass Sie Bescheid wissen, weiß ich ja, aber die restlichen Figuren, die da mit Ihnen auf dem Power-Heten-Kongress rumstanden und irgendwas für Kinder und Familie turnten, ob die mal irgendeine Zeile von ihm zu Gesicht kriegten? Ich bin mir nicht sicher. Ein Seitenmotiv in dessen Hauptwerk: Untergangszeiten werden an sich selbst irre, ihnen gehen die Selbstverständlichkeiten, die Unhinterfragbarkeit gewachsener Formen flöten, das Unwichtige wird ihnen zum Problem, das Wichtige lassen sie fallen, sie blasen Nichtigkeiten zur Haupt- und Staatsaktion auf, vertändeln die Zeit mit l’art pour l’art und der weitschweifigen Widerlegung des Offensichtlichen.

Wenn um Heterosexualität herumtheoretisiert wird, ist sie eben nicht mehr selbstverständlich. Wie verrückt seid Ihr eigentlich?
Ich will es Euch erklären: Jemand möchte reich werden. Also geht er hart arbeiten und spart dass es knackt oder aber er legt eine Erbschaft gut an bzw. plant einen Banküberfall. Er veranstaltet mit Sicherheit keinen Kongress darüber, dass andere, als er, arm sein sollten!
Anderes Beispiel: Jemand möchte ein Eigenheim haben. Nach Eurer Logik müsste er jetzt losgehen und seinen Mitmenschen die Häuser unterm Arsch wegsprengen.

Herrjeh, Ihr habt’s mit Familie? Dann gründet eine! Macht halt Kinder, dass es raucht! Ran an die Bouletten!
Wie verzagt, lebensuntüchtig und -willig, wie wenig, nun ja, heterosexuell seid Ihr, dass Ihr denkt, es könne so etwas wie „Homo-Propaganda“ überhaupt wirken?
Meine Güte, ich bin auch kein großer Fan des Adoptionsrechts; ich weiß wie elend frauenfeindlich Schwule und männerfeindlich Lesben sein können. Auch ich hänge, wie Ihr, der Vorstellung an, es wäre gut, bei partnerschaftlicher Kinderaufzucht irgendwie zwei Pole zu haben. Und ja, Ihr habt ja Recht, dass die Ideologie des Gender Mainstreaming per Geschlechterleugnung diese Pole nicht sehen will und das für essentialistisch hält. Das alles gehört kritisiert, sicherlich.

Nur: Es werden doch nicht mehr Kinder geboren und vernünftig erzogen, wenn gesetzlich festgelegt ist, dass Homos kein Recht auf Adoption haben. Oder soll dieses Verbot etwa ein Anreiz zur Wahl des heterosexuellen Weges sein? Aber so verrückt können ja nicht einmal die von Euch so gehätschelten russischen Betonfrisur-Damen denken, oder bin ich da zu naiv? Wenn ich mich in meinem schwul/lesbischen Umfeld so umsehe – da hat niemand das verstärkte Bedürfnis nach Adoption, außer vielleicht einer einzigen Lesbe, die das Problem aber wie eh und je durch die Samenspende eines befreundeten schwulen Paares lösen wird.

Einst taten Heten das, was sie am besten konnten: Kinder machen und vernünftig erziehen. Heute hofft Ihr, die Ihr auf keinen Fall Schwulies sein wollt, dass der Kauf einer Karte für den Compact-Kongress von der Geschichte als Beitrag zur Abwendung der demographischen Katastrophe in Deutschland verbucht wird. Ihr seid der Untergang des Abendlandes.

Wer so gar keinen Bock auf großfamiliären Alltag hat, muss nicht zu den -durchaus ehrlichen- Protestierern draußen vor die Halle gehen.
Er kann auch einfach mal den Mund halten. Ein Rat, den wir den Wutbürgern um den größten Ex-Antideutschen aller Zeiten schon immer mal geben wollten.

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Das auf Straßengangster gemodelte HipHop-Nölbrötchen will Anerkennung (vulgo: Respekt). Meine schwulen und lesbischen Brüder und Schwestern wollen sie gar vom Staat – dafür, dass sie ebenso wertvolle und großartige Dinge tun (nämlich: Zusammenleben) wie die neben ihnen herlaufenden Heten. Sie wollen anerkannt werden gerade in ihrem So-Sein, nicht als selbstverständlich hingenommen, nein: anerkannt. Weshalb nur?
Liberal ist das nicht. Wäre man das, wäre man darauf bedacht, in Ruhe gelassen zu werden, nebeneinander her leben zu können, Anerkennung also nur von dem zu erwarten, den man ihrer Spendung für wert hält. Meine Nerven – zu meiner Zeit („Opa erzählt vom Krieg“) haben Punks darauf geschissen, von denen, die sie anschnorrten, anerkannt zu werden. Heute soll der gebefreudige, aber gerade auch der ablehnende Bankangestellte ein irgendwie warmes Gefühl zum Ausdruck bringen für den wunderbar ollen, bunten Suffpunk, sonst heult der sich in der nächsten Obdachlosenzeitung gleich wieder aus über die Kälte der modernen Gesellschaft.
Refugees, die die Linke (egal welcher ideologisch differenzierten Herkunft – heute sind wir alle wieder AntiRa) in diesem Lande pauschal welcome heißt, vermissen den Respekt – nur merkwürdigerweise suchen immer mehr ihn in ausgerechnet diesem Land, wo ein solcher Mangel an Anerkennung herrschen soll.

Ich erkenne weder den Bombenleger, den Kleinkriminellen, den Islamisten, noch den Steuerhinterzieher oder den Dorfnazi in ihrem So-Sein an. Und ich wünsche nicht, von ihnen anerkannt zu werden. Sie alle sollten sich Anerkennung von ihresgleichen beschaffen – oder sich eben ändern. Von mir kann man die Einhaltung der Gesetze erwarten, nicht mehr, nicht weniger.

Mit sich modifizierendem Sinn fürs Private (hören Sie diesen Fortschrittler dazu) steigt offenbar das Bedürfnis dafür, nun von allem und jedem, der einem so auf der Straße oder im Web entgegenkommt, anerkannt zu werden. Einst gab es uns und die Anderen. Wir achteten auf uns und waren uns gut, die Anderen sollten unbedrängt ihr’s machen dürfen, auf ihre Weise:- vielleicht war die ja besser als unsere, mit Sicherheit aber ihnen angemessen, sonst hätten sie sie ja nicht gewählt. Doch wer werden wollte wie wir, musste Farbe bekennen, eine Zeitlang dabei sein, etwas bieten und war eines Tages – anerkannt.

Nur in einem Klima, in dem reflexartig alles Abweichende immer schon anerkannt wird, kann bspw. ein solch alberner Gedanke, der Neubau einer Moschee hätte irgend etwas mit bunt-toleranter Vielfalt zu tun, überhaupt entstehen. Keine Frage: Wer Abweichendes nicht existieren lassen will, gehört in die Schranken gewiesen. Nur: „Anerkennung“ ist nun einmal nicht ohne Inflationierung der Sache hinter dem Begriff und den Verlust jeder Art von (Selbst-)Achtung forderbar, sie ist eine Kategorie freiwilliger Gewährung von und für Kleingruppen.

Arnold Gehlen diagnostizierte das Problem schon recht früh unter den Oberbegriffen der „Hypermoral“ und „Moralhypertrophie“ (183). Was in kleinen, überschaubaren Zusammenhängen aus Gründen funktioniert, funktioniert aus eben diesen Gründen in großen nicht. Eine „Mehrheit moralischer Instanzen“ (38) ist für eine Mehrheit von Lebenslagen zuständig, nicht eine Instanz für alle.
Nur in einem Umfeld, in dem man für Anerkennung tätig zu sein hat, in dem sie also recht schnell versagt werden kann und in dem sie von bestimmten für bestimmte Menschen in bestimmter (und nur dieser!) Hinsicht erwiesen wird, können sich Menschen gedeihlich entfalten. Der Staat ist kein Freundeskreis, das Wohngebiet keine Familie.
Das miese Kalkül des Humanitarismus wird von Arnold Gehlen 1969 so beschrieben:

Die Handlungen und Gedanken der Menschen, ihre Bosheiten, Tugenden und Laster, Künste und Spiele, Klugheiten und Narrheiten – nichts wird von der Geltung ausgenommen, außer allein die Behauptung und Haltung, die erkennen läßt, daß irgendetwas nicht gelten soll – wer das sagt, hat „Vorurteile“ und kommt nicht in Betracht. Der politische Nutzen dieses Ethos ist eklatant, er besteht in der Chance, vom künftigen Sieger verschont zu werden, wenn man es ihm beibringen kann; über den unmittelbaren Kassennutzen braucht man kein Wort zu verlieren.

(143f.)

Wenn die Welt nun schon einmal so ist wie sie ist, dann sollten wenigstens die Falken nicht noch ihr schlechtes Gewissen und die Tauben ihre Mordlust hätscheln (vgl. 143, 102).

Gehlen, Arnold: Moral und Hypermoral – Eine pluralistische Ethik, Athenäum, Frankfurt am Main und Bonn, 1969

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Europa sei doch so viel mehr als der Euro und die ohne Zweifel bedauerlichen Schwierigkeiten, die jetzt auf wirtschaftlichem Gebiet in der Eurozone bestimmend sind.
So argumentieren merkwürdigerweise gerade diejenigen, die Merkels Satz „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ dauernd im Munde führen. Einmal ist also Währungspolitik völlig unbedeutend (Kunst! Frieden! Aristoteles! Aufklärung!), das andere Mal hängt an einer Währung Europa selbst. Ja, was denn nun? Wenn sie einmal ökonomisch werden wollen, reden sie läppisch von der Erleichterung für Touristen, die bei europäischen Auslandsreisen nun nicht mehr Geld tauschen müssten. Meine Güte! Die Schöngeister aus dem Feuilleton könnten doch bitte das tun, wovon sie etwas verstehen: Uns von Aristoteles berichten und aufzeigen, dass Völkerverständigung, Frieden, Handel gerade nicht an einer gemeinsamen Währung hängen. Und wenn sie gewitzt wären, könnten sie sich bemühen, gerade in dieser Zeit ein gänzlich anderes Bild von Europa zu zeichnen, länderübergreifende Koalitionen von Menschen vorzustellen, denen dieser ganze Wachstumskram zum Halse heraus hängt und die nicht wollen, dass ganz Europa so arbeitsam unentspannt wie Deutschland in die Zukunft hetzt.

Aber nein: Ökonomisches Desinteresse, zugegebene oder geleugnete Unkenntnis, Stolz auf mathematische Unbildung, aber massenhaft guter Wille und Friedensliebe prägen das Klima, in dem vom Euro gesprochen wird.
Über ökonomische Themen soll man mit ökonomischen Argumenten reden. Frieden, wachsender Wohlstand und Handel in Europa können mit einer gemeinsamen Währung nichts zu tun haben, wie die vergangenen Jahrzehnte deutlich zeigen. Man muss nicht AfD-Sympathisant sein, um wahrzunehmen, dass selten nach 1945 so viel Hass und Zwietracht auf unserem Kontinent herrschten, wie nach der Einführung einer gemeinsamen Währung.

Wie könnte man über den Euro substanzhaltig streiten? Das wird nicht ohne die „Theorie der optimalen Währungsgebiete“ abgehen und da wird man auf historische Vergleiche von Währungsunionen nicht verzichten können. Dem von sozial-links vorgebrachten Gedanken, eine Wiedereinführung der D-Mark würde wegen des massiven Aufwertungsdrucks den deutschen Export extrem beschädigen und so Arbeitsplätze kosten, ließe sich von neoliberal-rechts mit historischen Beispielen begegnen, dass die DM gegenüber Südwährungen mehrmals stark aufgewertet hätte, die Exporte aber keineswegs in ähnlichem Umfang eingebrochen wären. Dies könnte seinerseits wieder von links durch besondere historische Umstände, die beizubringen wären, erklärt werden.
So ähnlich könnte es gehen, aber nein: Redet man über die Euro-Krise ist heute die Rede von „unserer besonderen historischen Verantwortung“ und dem „sensiblen deutsch-französischen Verhältnis“.

„Europa ist so viel mehr als nur der Euro.“ heißt in gutem Deutsch: „Ich habe keinerlei Ahnung von Währungspolitik und bin stolz darauf.“

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Neulich: Erinnerung an einen, der die Schlechtigkeit der Welt um ein erhebliches Quantum vermehrte.

Er war ein linksradikaler, arroganter Vollpfosten; immer schwer systemkritisch angezogen, steckte er doch bis zum Hals im akademischen Sumpf. Sein Antifa-Gerümpel hat ihm schon vor Jahren an der Universität genützt, nicht geschadet. X war ein queerer Akademiker der hardcore-Sorte, salbaderte von Diskursen, dass es nur so rauchte, kannte die Philosophie rauf und runter, widerlegte schon seit Jahren Adorno. Der Glanz seiner Klugheit wurde durch das Bekenntnis zu ökonomischer Ahnungslosigkeit nur noch strahlender.
(Damit wir hier nicht ins Ressentiment abdriften: Es gibt sympathische Linke, sympathische queere Menschen und sympathische Akademiker und wahrscheinlich gibt es auch sympathische linke, queere Akademiker – er gehörte zu den üblen, unsympathischen, scheußlichen, schlechten).
Dieser Mensch nun war merkwürdigerweise auf dem Tripp, er könne und müsse Mitglied der Arbeiterklasse sein. Sein Lebtag hatte er nur unverständliche Bücher gelesen und die übrige Zeit darauf verwendet, sich abwechselnd als Frau, Skinhead und Punk anzuziehen. Eigenartigerweise war seine Lieblingsbeschäftigung, anderen vorzuwerfen, zu gewählt zu sprechen, zu abgehoben vom Volke zu sein, was er mit einem ungeheuren, unverdaulichen Wortschwall, indem es von Diskursen und Narrativen nur so wimmelte, belegte.

Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob er nicht lediglich eine sehr gelungene, sehr böse Parodie auf diese ganzen universitären Knallchargen sein wollte. Vielleicht wollte er sein bewusstes Leben dazu verwenden, eine einzige große Performance in postmoderner Verarschung aufzuführen und sich so zu reproduzieren? Doch „rum wie ’num“: Eine grandios stabile Gesellschaft ist das, die Typen wie X verkraftet und eine unglaublich späte Zivilisation (spengleristisch gesprochen) ist es, die sein Zeug auch noch drucken lässt.

Christliche Einflugschneise: An solchen Leuten hat sich Verzeihung, Barmherzigkeit, Geduld zu bewähren. Wir versuchen, unseren Blutdruck im Zaum zu halten, ihm seine scheußlichen Traktate nicht übelzunehmen. Dass linke Stiftungen ihm Geld geben, ist ihr Problem, dass er es geschlechtlich uneindeutigen Veganer_innen in der dritten Welt wahrscheinlich nicht spendet, sondern für weitere dumme Bücher verbrät, seins.

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natürlich können Sie nichts für die Projektionen, die die Bagagen von ganz links und ganz rechts mit Ihnen veranstalten. Freiheitskämpfer, Hochverräter … In Wirklichkeit sind Sie ein Computerbastler, der auch so aussieht und vermutlich schwer darunter litt.
Die Mädchen wollten keinen mit der Ausstrahlung „gut in Mathematik“ und so beschlossen Sie, Gernegroß, ein bissel mitzuspielen in der weiten Welt der hohen Politik, die für Sie wie für jeden Dummbratz hüben und drüben aus ganz, ganz viel undercover besteht. Über ihren Geheimnisverrat haben Sie einen größeren Haufen humanitäre Soße gekippt. Nun ja, wer’s mag. Nun aber ist dieses ganze Spiel nicht so gelaufen, wie Sie sich das vorstellten und man ist Ihnen auf die Schliche gekommen. Sie wollten weg und hofften auf die Solidarität der Welt, die ebenfalls annehmen sollte, dass Geheimdienste keinerlei geheime Sachen machen, sondern Musterbeispiele basisdemokratischer Transparenz abgeben müssten. Zumindest die Computerknallos aus aller Herren Länder mit ihrem aufgeblasenen Individualitätspathos und dem Graswurzelgedöns „viele Kleine gegen mächtige Apparate“ sind ja tatsächlich auf Ihrer Seite:- sie haben so gar nichts zu verbergen und das darf um Gottes Willen niemand wissen.
Und jetzt kommt der Übergang von lächerlich-naiv zu scheußlich-erbärmlich.
Unter anderen diese Länder der so richtig freien Welt kamen in die engere Wahl für Sie, nachdem die finstere USA und der Polizeistaat UK die Freiheit so übel aufs Spiel gesetzt hatten: China, Polen, Kuba, Venezuela, Ecuador. Schließlich wählten Sie Russland, das Land, in dem ein albernes Präsidentenfake pro Tag vier Wunder mit freiem Oberkörper vollbringt und im Übrigen drei mal pro Woche Schwule von der hernach dreckig grinsenden Polizei zusammengeschlagen werden. Das wird Ihr demokratisches Bedürfnis befriedigen – für freien Datenverkehr und den Schutz elementarer Bürgerrechte ist Russland seit Jahren, was sag ich, seit Jahrzehnten bekannt.

Sie armer Irrer haben mir gefühlte fünftausend NSA-Witze beschert, einer schaler als der andere. Das können Sie nicht wieder gutmachen.
Aber versuchen, Snowden, könnten Sie’s.
Wissen Sie was? Geh’n Sie kacken auf dem dreckigsten Klo, das Russland zu bieten hat und kommen Sie da möglichst lange nicht mehr raus. Lassen Sie den Laptop vor der Tür und nehmen Sie sich halt ein wenig Lektüre mit: Carl Schmitt würde ich vorschlagen oder Oswald Spengler.

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