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Archive for the ‘Natürlich Natur’ Category

Errungenschaft Inquisition: Eine peinliche Befragung ersetzt ein sich angeblich von selbst ergebendes Gottesurteil. Der potenziell Schuldige wird angehört, darf und muss sich erklären.
Die Partei der – wahlweise – „Zurückgebliebenen“ oder „Ewiggestrigen“, die christlichen Reaktionäre also wollten den Menschen nicht aus dem Zentrum der Welt vertrieben sehen. Sie trauten ihm (meist: dessen Boshaftigkeit) so ziemlich alles zu. Sicherlich, den Opfern der Inquisition wäre es lieber gewesen, hätten die Inquisitoren nicht diese hohe Meinung vom Menschen gehabt. Nur: Die Dinge müssen sich eben erst entwickeln, wer sind wir, dass wir uns außerhalb der konkreten Kämpfe ein Urteil anmaßen (ein Gedankengang, der mindestens der anti-imperialistischen Linken vertraut sein müsste).

Heute haben die Reaktionäre, wie es scheint, verloren – gegen die Wissenschaft. Diejenigen, die heute postulieren, der Mensch stünde im Mittelpunkt, meinen: die Naturwissenschaft. In ihrem Weltbild siegt selbstverständlich die zweiwertige Logik über das Irrationale der Liebe, das sich klarerweise in Biochemie auflöst – aber alles eben im Dienste des nun entthronten Menschen. Er ist zwar ein mieser Wurm, Spielball der Naturgesetze, aber er lässt sich’s recht wohl dabei gehen. Wer das nun wieder unattraktiv findet, könnte versucht sein, auf Spenglers „zweite Religiosität“, die nach dem Höhepunkt einer jeden Zivilisation eintritt (941) , zu setzen. M.E. aber darf man auf die nicht hoffen, man muss sie fürchten. Es bleibt ja nicht bei den Matusseks und Mosebachs, diesen second-order-Katholiken, die an der Kirche Pracht, Ordnung, Bindungskraft und Ästhetik so schätzen – statt der Verheißung einer unbegreiflichen Auferstehung, wofür sie geschätzt werden sollte. Wenn sich die second order plötzlich für die first order wirklich hält und nicht nur ausgibt, wird ungeglaubter Glaube rabiat. Noch ist das nicht soweit, doch der neubekehrte Katholik, der hier schreibt, möchte dann möglichst nicht mehr am Start sein, wenn das Ressentiment neuer Innerlichkeit so mit wissenschaftlichen Erkenntnissen umspringt, wie diese heute mit Gefühl, Erfahrung, Phänomen, Glaube, Natur.

Zurück zum Ausgangspunkt. Anthropozentrik ist ein zweischneidiges Schwert. Es kann gegen die Religion benutzt werden, indem dieser unterstellt wird, sie gebrauche den Menschen nur als Mittel im Gottesplan, während sie ihn doch eigentlich überhoch schätzt und noch für Dinge verantwortlich macht, für die er definitiv nichts kann. Es kann aber auch gegen die Wissenschaft eingesetzt werden, indem metaphysich gepimpte Bedürfnisse des Menschen einfach postuliert werden und deren Nichterfüllung auf dem Anti-Humanismus-Konto rationaler Naturwissenschaft gebucht wird.

Die Fetzen fliegen. Und trüben uns Blick und Gehör in einer Weise, dass man nicht mehr weiß, vor welcher Partei man zuerst bzw. am schnellsten Reißaus zu nehmen hat.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, dtv, München, 1988 (9. Auflage)

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Wir müssen ein patriarchalisch sorgendes Verhältnis zum Tier einnehmen, denn nur wir (nicht die Tiere!) haben einen Begriff samt Vorstellung von einer intakten Natur. Rücksichtslose Naturausbeutung verträgt sich gut mir radikaler Tierrechtlerei. Beide wollen den Menschen aus der Natur herausnehmen – als ganz Anderes soll er den totalen Zugriff auf sie haben oder gar nichts von ihr nutzen. Das widerspricht aber der menschlichen Natur, die sich die Umwelt -wegen des Instinktmangels (Gehlen)- aneignen muss (!). Ein Fan der Aufklärung muss man nicht sein, wenn man es zu dumm findet, „sich an der Aufklärung einfach vorbeizuschwindeln“ (179). Der Einwand heutiger Fortschrittler, nur die aufgeklärte Neuzeit kenne überhaupt so etwas wie schützenswerte Natur ist eben nur als Einwand gegen die Idyllisierung der Natur richtig. Als Leugnung von Natur bleibt er so steindumm, wie er im Munde irgendwelcher postmodernen Studentinnen eben klingt.
So, wie wir heute besser wissen müssen als das Tier, was für es und seine Art gut ist, uns um dieses Wissen also nicht nicht kümmern dürfen wie frühere Zeiten, ebenso müssen wir uns heute einer so schwierigen Frage stellen, wieviel Natur sein soll, wieviel von uns also gelassen werden soll (darauf weist Gernot Böhme immer wieder hin).

Verständlich zu machen ist das heute kaum.
Die großen Städte werden voller und voller, als sollten Spenglers Voraussagen in allen Einzelheiten bestätigt werden. In den Cafés der Malls liest man „Landlust“ und kommt und kommt nicht darauf, sich einmal der selten bequemen Natur auszusetzen. Vegan oder Mäckens, gern auch „und“. Natur ist das Wunderbare, Unschuldige, das uns aber dauernd etwas verbieten will; wir bemühen uns ja, aber mal muss man sich auch was gönnen können. Irgendwas ganz Unkorrektes, hihi.
Wahrscheinlich hilft nicht nur gegen den großen Schwachsinn, sondern auch gegen die kleinen Borniertheiten – der Waldgang.

von Weizsäcker, Christine: Skizzen zum Entwurf einer Landwirtschaftsphilosophie, in: Scheidewege 22, Baiersbronn, 1992/93

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KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Die Flockenblume reckt und streckt sich. Das erscheint mir so wegen der betonten Länglichkeit und Spitzigkeit der Blütenblätter. Doch eben dadurch verschwimmt mir dieses Recken auch schnell zum Flattern und dies bald wieder zurück zum Recken. Mir kommt das Sommer-Klischee in die Quere. Im Sommer flattert schließlich alles lässig vor sich hin. Im Winter ist alles Vorhandene im Recken erstarrt.
Der Dichteeindruck, den der Schnee auf den Ästen wirkt, ist viel mächtiger, als der von (Blüten-)Blattwerk mitten im Sommer. Nicht obwohl, sondern weil der Hintergrund im Winter sich weniger abhebt, als im Sommer. Weiß/grau-weiß gegen grün/blau-violett. Sogar die Abweichung steht im Winter noch zum Gesamteindruck, während im Sommer chaotische Konkurrenz herrscht („Grün und Blau / schmückt die Sau“). Soldatisch ist der Wald gestimmt – jedes Ästchen an seinem Platz, jede weiße Vorhut da, wo sie hingehört: an der Spitze bzw. obenauf. Die Flockenblume ist auf eigene Rechnung unbekümmert und versucht, so viel schweifend-flatternd in Besitz zu nehmen wie möglich.

Die Über-Fülle der Verzweigungen im Schneewald, die die Substanz des Raumes ausfüllen zu wollen scheint, hat als funktionales Pendant bei der Flockenblume: die relativ große Häufigkeit relativ langer Blütenblätter. Sowohl der Dichtigkeitseindruck der scheinbar flatternden Blütenblätter als auch die krasse Tiefenwirkung des Schneewaldes fließen aus dem Effekt des kleinsten Zwischenraums. Die quantitative Wucht der kleinen Zwischenräume baut uns den größten Raum. Man kommt gar nicht nach mit dem „Tiefe-Sehen“ und schließt auf weit größeren Materieumfang als „eigentlich“ (doch was bedeutet das hier?) vorhanden ist.

„Draw a distinction“ in einem „unmarked space“ – immer und immer wieder und ein „universe“, das da mit der ersten Unterscheidung schon „comes into being“, wird reicher und reicher, hier: immer verästelter (Zitate: George Spencer Brown). Wer’s bombastischer liebt, darf auch an Sein und Seiendes bei Heidegger denken – die Verzweigungen im unmarkierten Raum machen die Größe und Voraussetzungsgewalt dessen was ist deutlich.

Dichte, Tiefe, Räumlichkeit sind keine ausreichenden Raumverhältnisbeschreibungen, wenn die Flockenblume so locker-dicht und der Schneewald auf so starre Weise weit sein kann.

Spencer Brown, George: Laws of Form, George Allen and Unwin Ltd., London, 1969

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Pilze suchen:
Das Kind kriegt gesagt, es solle nicht da suchen, wo alle suchen, da finde es ja nichts mehr: am Weg, an besonders gut zugänglichen Stellen, auf hellen, offenen Flächen. Da sei doch längst alles abgegrast. (Das Kind kratzt sich am Kopf: Aber das wissen doch auch die Anderen, niemand sucht doch dort, wo alle wissen, dass alle dort suchen?)

Das Kind wird also in den tiefen Wald geschickt und verheddert sich im Gestrüpp. Dort ist es dunkel und ein Haufen Zeug liegt am Boden herum. Es würde seine Verzweiflung vermehren, wüsste es, dass viele essbare Pilze am Weges- bzw. Waldrand wachsen, dass es also da, wo es sich leichter läuft auch größere Chancen hätte, kurz: dass es vorhin mit seiner Wahl ganz richtig gelegen hatte. War ja klar, hier in dem doofen Wald findet man natürlich nichts.

Die Eltern sind gerade noch in Sichtweite. Sie haben mehr Glück, sie verlassen sich aufs Gefühl: Ah, hier sieht’s doch nach Pilzen aus… Und da drüben am Totholz wird man bestimmt auch fündig. Leider konnten sie dem Kind ihr Gefühl für landschaftliche Anmutungen (noch?) nicht vermitteln. Es hält den Blick stur auf den Boden gerichtet und scannt Quadratmeter für Quadratmeter. Ohne Erfolg.

Wieder Andere als die obigen Anderen wissen von der Vorliebe einiger Speisepilze für Wegränder und wissen auch, dass diese oft begangen und abgesucht werden. Sie wissen sogar noch, dass der besondere Status von Wegrändern bei Pilzsammlern einigermaßen bekannt ist und – laufen „nicht nur obwohl, sondern auch und gerade weil“ (N. Luhmann) die Ränder ab.
Und tatsächlich: Sie finden etwas. Wenn auch nur soviel, dass sie ausreichend zufrieden (Wir haben es schon richtig gemacht!) und ausreichend unzufrieden (Wir hätten es aber noch besser machen können!) sein können.

Soweit ein grober Überblick über rationales Planen beim Sammeln von Pilzen. Es ist natürlich ein Trost, dass die meisten gesellschaftlichen Probleme sehr viel weniger komplex sind als die Pilzsuche. Selbstverständlich hat es der Planer bei so etwas leicht Überschaubarem wie Ökonomie, Demographie, Außenpolitik einfacher, als der durchschnittliche Pilzsammler. Jener hat im Gegensatz zu diesem ja auch alle Einzelaspekte gesichtet und nicht nur vorgeblich passende Ausschnitte des Problems.
Und doch kann ich die Volljährigkeit kaum abwarten – dann kann mich kein noch so wohlmeinender Planer mehr adoptieren. Und dahin schicken, wo es nun ganz sicher besser wird.

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Wir sollen den fliegenden Bällen nicht hinterhersehen, so würde man sie erst recht nicht fangen, lautet ein Tipp an Anfänger. Und er stimmt; also schauen wir irgendwie in ihre Richtung, aber eben nicht hin.
Ich jongliere vorm Bett, um mich nicht allzu oft bücken zu müssen. Das Auge sucht nach Abweichungen, denn nur die Abweichung ist „the difference that makes a difference“ (Bateson), kann somit dem Auge Halt bieten.
Und es findet sie -: Das, wohin die nichtgefangenen Bälle fallen, stimmt in vielerlei Hinsicht nicht: Es hat hier eine Falte, dort eine andere Farbe oder ein besonderer Gegenstand liegt auf ihm herum. Das darf nicht sein, das macht einen verrückt. Also unterbreche ich, beseitige Störendes, zerre die Decke zurecht und darf mich jetzt schon auf zwei Dinge nicht konzentrieren: Die Bälle und den Untergrund.
Die Unordnung darf keinen Bestand haben, alles muss von gleichbleibender Qualität, durchgängig plan bleiben.
„Ohne Ranküne“ schreiben wir Klaus Theweleit einen Punkt gut: Der Ängstliche ist Ordnungsfanatiker – auch beim Jonglieren holt ihn das soldatische Bedürfnis ein: in der Form des entleerten Platzes.
Doch auch der Psychoanalytiker würde geistig zum Freikorpssoldaten, gäben wir ihm drei Bälle in die Hand.

Ich verabschiede mich in die Urlaubspause. Bis Anfang September wird hier nichts Neues zu lesen sein.

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Eine feine Initiative gibt es da: Pfand gehört daneben.

Dieses Land, das nennenswerte Armut nicht kennt, in dem sich jedoch weinerliche Anspruchshaltung, Naturverachtung und hedonistische iVerblödung als Kampf um soziale Gerechtigkeit tarnen hat also wieder eine neue Gemeinschaftsaufgabe: Für Prekarisierte die Pfandflaschen gut einsammelbar bereitzustellen.

In Arbeitsagentur-Projekten für unterprivilegierte Jugendliche ist es zumeist üblich, dass die Teilnehmer ihre leeren Flaschen wenigstens beim diensthabenden Sozialpädagogen abgeben, damit sie nicht auf dem Hof landen, ans Abgeben hat da noch nie jemand gedacht.

An meinem Lieblingsplatz am Fluss sammle ich also, wie gefordert, Flaschen ein. Leider gibt es hier keine Papierkörbe, neben die ich sie stellen könnte, damit sie zwei Tage später von leicht dicklichen, aber schwer systemkritischen Wut-/Alterta-Hanswürsten zerschlagen werden könnten, die sich wiederum einen Tag später für das wunderbare „Pfand gehört daneben“-Projekt engagieren. Ich muss sie also mit nach Hause nehmen – schlicht und einfach, weil ich nicht will, dass auch noch dieser Uferabschnitt verschandelt wird von den Suffköppen der vergangenen Nacht.

In diesem – glücklicherweise!- wohlabgesicherten Land wollen die Jugendlichen (links oder rechts oder unpolitisch ist eh schon egal) amerikanische Gangster-Rapper sein und fangen beim ersten unfreundlich blickenden Fallmanager der „Arbeitsagentur“ an zu weinen; ihre Eltern verlegen sich aufs role model Mittelmeer-clochard.
Dort allerdings, in den bei uns als Urlaubsziel so beliebten Mittelmeer-Ländern, ziehen nicht wenige hardcore-prekär zerlumpte Gestalten riesige Plastiksäcke mit Pfandflaschen durch die Straßen der Großstadt – Tag und Nacht. Jeder, der sie mal gesehen hat, käme sich in der Tat schäbig vor, im Supermarkt mit einer Pfandflasche aufzulaufen. Die Leute stellen sich auch mal neben einen und warten bis man ausgetrunken hat – man gibt ihnen die Flasche und zieht weiter. Und merkwürdig: Trotz der Klischees vom leicht schmuddligen, Komm ich heut‘ nicht, komm ich morgen-Südländer, der Regeln im öffentlichen Raum nicht kenne, sieht man kaum Glasscherben auf Fahrradwegen und Gehsteigen.

Hier allerdings: Depravierte Jugendlichen, die in ihren Markenklamotten, umgeben von Unterhaltungselektronik, gerade dem Hungertod entgegensehen. Sie sind froh über jede Flasche, die auf Fahrradwegen zerschlagen werden kann. Sonst haben sie ja nichts, wofür sie ihre Energie einsetzen können, weil: „Scheiss System, die da oben werden immer reicher und wir hier….“

Es ekelt mich an.

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Könnte eine Ursache für die Erfindung von Schießpulver und Handfeuerwaffen evtl. zunehmender Ekel der Menschen voreinander gewesen sein? Feinde mochten plötzlich einander nicht mehr berühren und konnten sich nun endlich auf Distanz niedermachen. Und liegt nicht vielleicht hier auch eine Wurzel des Weltanschauungskriegers für den Ritterlichkeit undenkbar ist? Der, der tut, was seiner Ideologie gemäß getan werden muss, kann im anderen schon nicht mehr den Leib-Menschen erblicken, sondern nur noch das gefährliche Körper-Ding.
Spekulieren wir weiter: Barbarei kann Kampf und Scharmützel dann ablösen, wenn sich die leibliche Dimension verliert, die intuitive Sicherheit, dass auch die Natur des Anderen im Spüren von Spannung und Schwellung liegt.
Die dritte Stufe: Der Ekel stellt sich schon beim puren Anblick ein. Cyberkriege ersparen auch den noch. Keinerlei Einleibung mit menschlichen Gegenübern ist mehr nötig.

Turniere – Ritter zu Pferd, bewaffnet mit Lanzen, angetan mit Rüstungen – und auch die Wirtshauskeilereien vergangener Zeiten haben dagegen fast etwas von Liebesspielen.

Einleibung, Spannung und Schwellung sind Begriffe aus der Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz.

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