Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Eine Abwandlung der Hemmung ist zu langes Halten. Hier ist nicht im Ganzen das Durchlaufen der Bälle durch die Hände gestört, sondern speziell das timing beim jeweiligen Abwurf.
Natürlich geht es um Sicherheit – alle Ängstlichen jagen ihr das ganze Leben nach: Den hab ich schon mal, wenn ich werfe, muss ich bloß wieder fangen, also: besser den Ball in der Hand, als in der Luft. Beim Jonglieren geht’s schließlich ums Gefangen-Haben, oder?!
Nein, würde nicht nur Oswald Spengler einwerfen, darum geht es eben nicht: Es geht ums Fangen, für das die Voraussetzung ein Ball in der Luft ist, wofür die Voraussetzung das Werfen ist, wofür…
Ein vernünftig jongliertes Leben findet in der Luft statt, nicht in der Hand. Ein Ball in der Hand ist dort nicht richtig, wenn man ihn nicht bewusst hin befördert hat. Eine Gänsehaut als kurzer Schauer ist nicht die Gänsehaut, die eine zärtliche Berührung verursacht, sondern eine Zumutung.
Wie sollten die Bälle in der Luft liegen? So sicher, als wären sie in der Hand – wenigstens annähernd. Der Ängstliche ist immer noch ängstlich, wenn er darauf achtet, dass viele Bälle möglichst lange in der Luft sind. Ein ängstlicher Systemtheoretiker jongliert so.

Read Full Post »

Man bekommt gesagt, dass gutes Werfen fast wichtiger ist als das Fangen, das sich schon von selbst einstellen würde, wenn die Bälle gleichmäßig oft und gleichmäßig hoch fliegen. Nun gut, also werfen wir so konstant wie möglich. Und wie alles, worauf wir uns in der Absicht bester Ausführung konzentrieren, wird auch das Werfen sofort problematisch und fehleranfällig.
Flutschen die Bälle anfangs noch locker in halbwegs richtige Höhe und wird mir so der eine oder andere längere „Lauf“ geschenkt, bin ich nach einiger Zeit zunehmend gehemmt und der Ball will nicht mehr aus der Hand.
Komisch: Man lässt mit zunehmender Übungszeit nach? Allzu merkwürdig ist das nun wieder nicht. Auch der Bodybuilder wird von Einheit zu Einheit schwächer. Sein Training ist die Voraussetzung dafür, dass er nachts stärker werden kann.
So auch hier: Der Übungsfortschritt zeigt sich beim Beginn der nächsten Session – eine kleine Hürde, die der liebe Gott eingebaut hat.
Er wird mir verzeihen, wenn ich über seine Gründe spekuliere:

  • Abschreckung der nur kurz Interessierten,
  • Vermeidung von Überforderung für zu stark Interessierte,
  • Austarieren der Fertigkeiten „Werfen“ und „Fangen“ gegeneinander (wer „zu gut“ für seine jeweilige Fertigkeitsstufe fängt, stolpert über das Werfen).

Read Full Post »

Der Anfänger wirft die Bälle weit von sich weg. Seine leibliche Eindrucksfähigkeit geht davon aus, so Platz und Zeit zum Fangen zu gewinnen, was natürlich nicht glückt. Die Bälle fliegen aus seiner Reichweite heraus. Vertagen, verschieben: Aus den Augen aus dem Sinn, schon, nur eben auch aus der Hand.
Als Abhilfe wird empfohlen, sich vor eine Tür zu stellen, so trickse man sein auf Sicherheit bedachtes Gehirn aus. Man schafft sich eine Enge, die die trügerische Hilfe verhindert. An sich sollte man jetzt wirklich Angst haben, denn Platz und Fangzeit haben sich tatsächlich verringert.
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ (Hölderlin), was schön und doppeltgemoppelt ist, denn nur wo Gefahr ist, kann es überhaupt Rettendes geben. Und siehe da: „Fordern und fördern“ hilft – die Gefahr, Bälle in die Weite zu verlieren ist sehr viel höher als die, dass sie für uns Anfänger zu schnell wieder unten ankommen. Wir hatten noch keine Gelegenheit, diese sehr spezifische „Bewegungssuggestion“ (Hermann Schmitz) einzuüben, doch bald schon werden wir die Bälle so wenig verfehlen wie eine uns zum Gruß hingestreckte Hand.

Read Full Post »

An u.a. folgendem Beispiel erläutert Spengler (89) den Unterschied zwischen antiker und abendländischer Mathematik: „Negative Größen gibt es nicht. Der Ausdruck -2 · -3 = +6 ist weder anschaulich noch eine Größenvorstellung. Mit +1 ist die Größenreihe zu Ende.“

Das ist auch für den Abendländer auf den ersten Blick plausibel. Wir versuchen an einem ähnlichen Beispiel den zweiten Blick; wir wollen uns klar machen, wie uns Einzelmathematisches (hier: negative Zahlen) erscheint. (Dass diese Vorstellung notgedrungen eine abendländische ist, entwertet nicht ihre Verdeutlichungskraft – für Abendländer.)

Das Beispiel: -2 · +3 = -6

Wir benötigen drei echte Gruppen von je zwei Mängeln, Verlusten, Bösartigkeiten, Wunden, Verboten… kurz: Negativem. Vor uns gestellt zählen wir diese drei Gruppen durch: -1,-2; -3,-4; -5,-6. Stimmt: Es liegen sechs negative „Entitäten“ (Sachverhalte, Dinge…) vor. Sie liegen wirklich, richtig, als solche vor. Beachte: Unser Resultat sind Mängel, Verluste …, ihre quantitative Änderung als Mängel, Verluste … setzt voraus, dass sie als solche positiv vorhanden gedacht werden. Die Multiplikation mit +3 ändert nichts am Mängel-Sein.

Wie könnte die Deutung für Spenglers Beispiel aussehen?

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, dtv, München, 1988 (9. Auflage)

Read Full Post »

Ich zuckle mit meinem Rad die Straße entlang. Am Rand immer mal wieder jemand, der schwer genervt mit den Augen rollt, von einem Bein aufs andere trippelt und mich durch Kopfnicken zum Schnellerfahren veranlassen will. Schließlich möchte der Wartende über die Straße.
Obwohl ich noch ein ganzes Stück entfernt bin, wartet er dort, weil ihm seine Eltern eingeschärft haben, nach links und rechts zu sehen, die Fahrzeuge durchzulassen und dann zu gehen. Sie haben ihm nicht beigebracht, die Entfernung abzuschätzen und zu kalkulieren, ob man die Überquerung u.U. noch vor dem sichtbaren Fahrzeug schaffen könnte.
Stammleser wissen, wie es weitergeht:- ich muss das ganze ein bisschen aufblasen. Die jungen Leute haben Kontingenzbewusstsein im Übermaß, die mittelalten, noch DDR-sozialisierten Menschen leiden daran Mangel. Dass sich im Alltag keine Illustrationen von Idealtypen darbieten, sondern je neue Situationen, die je neu gewürdigt werden müssen, überfordert viele schon im Straßenverkehr. Die einmal beigebrachte Regel wird angewendet – auch wenn es keine Ampeln und Autos mehr gibt oder Straßen von oben nach unten führen: Es wird gewartet, bis die Fahrzeuge durch sind. Die Entscheidung darf keine Grauzonen und Verhandlungsbereiche kennen, neue Erfahrungen und das Schaffen neuer, ihrerseits verbesserbarer Heuristiken, wird ausgeschlossen.
Das Alltagsleben ist wenig mehr als ein Anwendungsfeld elterlicher Befehle.

Read Full Post »

Im 2. Band seines Hauptwerkes (261 ff.) vergleicht Hermann Schmitz den Hypochonder mit dem Besitzer eines chaotischen Hühnerstalls. Die einzelnen Leibesinseln werden nicht mit einer durchgehenden Spannung im Spannung-Schwellung-Verbund (= vitaler Antrieb) versorgt, sondern stieben mal hierhin mal dorthin. Der Hypochonder will sie mit aller Macht einfangen, stürzt mal dieser, mal jener Leibesinsel nach und hat keinen Erfolg: Ist eine eingefangen, toben die anderen um so wilder.

So weit so einleuchtend. Nur: Spürt der Hypochonder das reale Nachlassen des vitalen Antriebs (ist seine Angst also abgeschwächte Todesangst?) oder bildet er sich das ein?
Wahrscheinlich würden die Hühner kaum aufgeregt umher flattern, würde sie nicht jemand immer wieder einfangen wollen – die Hektik, die das Einfangen mit sich bringt, führt erst recht zum Auseinanderstieben. Ein Teufelskreis. Und noch merkwürdiger: Dieser Jemand muss davon ausgehen, dass der normale Umgang von Menschen mit Hühnern das Einfangen derselben ist, statt deren entspannte Aufzucht und Nutzung.

Unser Mann sieht sich um: Die Hühner anderer Leute flattern nicht dauernd umher (wenn sie sich auch durchaus weiter vom Hof entfernen als seine eigenen). Das müssten sie aber, meint er und kontrolliert sich in Rage. Keine Leibesinsel darf längere Zeit unbeobachtet bleiben und so findet sich ein Weg, ein paar Kontrollgänge einzuschieben: Bluthochdruck. Alles muss intensiv durchstreift, durchströmt werden – überimpulsiv stürzt sich die Aufmerksamkeit auf jedes Zucken im Körper. Dem Hypochonder fehlt die Toleranz, auch bei Wohlverhalten aller Beteiligten muss er Abweichler finden. Und so erschreckt er die Braven bis sie die Nerven verlieren.

Schmitz, Hermann: System der Philosophie, Bd. II, 1. Teil: Der Leib, Bonn, 1965

Read Full Post »

Ich kannte einmal eine Frau, die hatte geradezu unanständig viel Optimismus, Lebensmut, Tatkraft. Mag sein, dass ich selbst zu wenig davon habe, sie hatte definitiv zu viel für einen einzelnen Menschen. Wann immer ich sie traf, war ich hinterher ein wenig beschämt über mein eigenes Verzagt-Sein. Sie ging nach vorne; wo immer sie auftauchte, pulverisierte sie Probleme in geradezu beängstigender Geschwindigkeit. Was tut man, wenn man zu viel von einer Begabung hat? Man gibt ab. Die Begleitung von Demenzkranken bis an deren Lebensende war eine Unterforderung für sie. Sie musste dringend ins Kinderhospiz. Seit sie dort arbeitete, habe ich sie nur noch zwei Mal gesehen. Sie wirkte – normaler. Plötzlich war auch für sie die Sonne zuweilen verdunkelt. Sie kam gut zurecht, doch sie musste sich anstrengen. Ihr Alltag wurde unserem ähnlicher.
Guter Gott, bitte lass die, die zu schwierigen Dingen berufen sind, diese schwierigen Dinge finden. Verschone die Schwachen von übermächtiger Bürde und verschaffe ihnen dort Erfolgserlebnisse, wo sie bestehen können. Du weißt besser als wir, was wir gut können und was überhaupt nicht. Zuweilen werden wir wanken müssen, doch lass uns nicht zusammenbrechen unter der Last.

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: