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Posts Tagged ‘Alter’

Die Netzaktivisten und die Linksradikalen, die Jusos und die Seniorenunion, seit kurzem auch Nazis und Schlipskonservative, Otto Normalhanswurst und die Büroliese von nebenan, sie alle fühlen sich aufgerufen zu: Kreativität – neue Wege gehen, das ewige Einerlei verlassen, Herausspringen aus der Tretmühle, mal was Verrücktes tun. Man könne nicht nur, man müsse die eigene Lebensform (das eigene Programm, Interesse) mit modernen, zeitgemäßen Mitteln ausleben und fördern, belehren die Liesen und Ottos einander, belehren aber auch die jung-dynamischen Nachwuchskader aller Parteien ihre „alten Säcke“.
Glücklicherweise endet das Ganze meist schnell bei: einer neuen Haarfarbe, dem Wechsel des Flugblattlayouts, einem Webauftritt und einer Tanzveranstaltung mit Parteilogo im Hintergrund.
Nicht auszudenken, was passieren würde, nähmen sich diese Leute mal drängender Sachen an. Nun denn, weshalb rege ich mich auf?
Weil all diese banalen Aktivitäten Leuten von Geschmack und Verstand das Leben vergällen können. Denn wenn die Parteijugend dumme Lieder singt und tagelang layoutet, statt sich bspw. die „volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ anzutun, wenn Lieschen und Otto nur noch färben und tunen, statt die Hausaufgaben ihrer Kinder zu sichten, wenn jugendliche Naturschützer Electro-Discos im Wald veranstalten, um die bislang unbeteiligten Altersgenossen für ihre Sache zu gewinnen, dann ist all das natürlich eine De-Legitimierung jeder Art von Inhalt. Einst machte man sich viel Mühe mit einer Kritik der Arbeit – man las (einzeln oder zu mehreren), schrieb, agitierte, organisierte. Heute macht man eine fantasievolle Aktion, die die Adressaten ins Unrecht setzt, weil diese nicht so fantasievoll sind wie wir.

Die Neuheiten beseitigen alte Umständlichkeiten, sperrige Materien. Ausufernde Sprache, Fremdwörter, das alles ist von gestern und sagt „den Menschen“, die „uns doch verstehen sollen“ nichts mehr. „Unsere Menschen“ wollen’s bunt und leicht, weiß man immer schon und „deshalb sollten wir unser Erscheinungsbild darauf einstellen“. Sonst kommt noch irgendjemandem der Verdacht, es könnte an der Sache selbst liegen, dass sich an den Inhalten nicht allzu viel geändert hätte. Oder gar schwant jemandem: Res severa verum gaudium.
Das darf nicht sein. Also präsentiert sich alles als Überraschung; jedes Anliegen hat sich ins bunte, laute, süße, sexy Korsett fantasievoller Kreativität zu pressen. Bis jede Erfahrung unmöglich wird.

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Besser geht’s in erster Linie nicht mit der Ersetzung einer Tätigkeitsgruppe durch eine andere. All das, was Ergotherapeuten so tun, darf auch weiterhin getan werden. Nur bitte nicht immer und nicht aus Prinzip („die Leute müssen ja beschäftigt werden“) und v.a. mit einem grundlegend anderen Ziel: Weder darf es vordergründig um den Nutzen der jeweiligen Tätigkeit selbst gehen (bspw.: am Ende müssen die Kartoffeln aber geschält sein!), noch darf gänzlich von diesem Nutzen abstrahiert werden (bspw.: wenn irgend jemand einfach schälend ruhig gestellt wird). Die Tätigkeit muss Dementen in einer ihnen entsprechenden Weise nahe gebracht werden. Bei der Hauswirtschaft bietet sich das Anknüpfen von Erinnerungen an: Wie war das früher? Wer hat bei ihnen geschält? Hatten sie einen Kartoffelschäler oder nahmen sie lieber ein scharfes Messer? Wenn ein Ausschnitt solcher als schön erlebten Vergangenheit in Reichweite gekommen ist, ist der Sinn des ergotherapeutischen Tuns hier voll erfüllt. Es ist ja gut gemeint, wenn der hauswirtschaftende Ergotherapeut begeistert den Kuchen herumzeigt, den alle gemeinsam gebacken haben. Nur: Nach der Backzeit erinnert sich die Hälfte der Bewohner an diese Tätigkeit schon nicht mehr! Der Sinn des Tuns kann m.E. nur darin liegen, in dieser Tätigkeit solange voll aufzugehen bis sich (nicht nur geistig erinnernd, sondern leiblich vermittelt!) das Wirken völlig erschöpft hat.

Bewegungen mit Ball u.ä. werden auch und gerade von Dementen oft als kindisch und unangemessen empfunden: Hier kann man nebenher mit den Männern über Fußball fachsimpeln und die Frauen auf dem Umweg des Gesprächs über Kinderspiele im Hof ködern. Hin und wieder tun’s auch ein paar schulmeisterliche Ratschläge über den Nutzen von Bewegung, den neulich wieder Dr. XYZ hervorgehoben habe.
Schwer Demente brauchen derlei verbale Anknüpfungen nicht mehr, ihnen „reicht“ leibliche Kommunikation: deutende Gestik, schmeichelnde Materialien …

Zusammenfassend könnte man sagen: Demente brauchen Zeit und sanfte Motivation (möglichst über die Aktivierung eigener Erinnerungen), um für sich befriedigend handeln zu können. Ein greifbares Ergebnis ist für Angehörige wichtig, nicht für Demenzkranke; diese wollen u.U. lieber erzählen und von ihrem Gegenüber das Gefühl bekommen, verstanden worden zu sein.

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Die Angehörigen besuchen Oma Nr. 1 im Altenheim. Oma sitzt in einer größeren Runde mit anderen Leutchen. In der Mitte turnt eine schwer übermotivierte Betreuerin, rudert mit den Armen, singt aus voller Kehle, klatscht fortwährend in die Hände, drückt den Leuten mal kleine Bälle, mal Tücher, mal Rasseln in die Hände und schafft es tatsächlich, dass 4, 5 Herumsitzende irgend eine Reaktion zeigen.
Die Angehörigen sind begeistert: Klasse, hier ist was los, hier macht man was mit den Leuten.

Ihre zweite Oma in einem anderen Altenheim jedoch muss leiden. Den ganzen Tag sitzen Leute an ihrem Platz, viele mit geschlossenen Augen, einige lächeln, andere runzeln die Stirn; wieder andere wandern durch die Gänge. Zu verschiedenen Tageszeiten erklingt Walzermusik vom Band, doch manchmal bleibt die Musik ganz aus. Hin und wieder nur schaut jemand vorbei der aussieht wie ein Betreuer und spricht mit dem einen oder der anderen. Es soll hier auch Veranstaltungen geben, aber die Angehörigen haben sowas noch nie erlebt, wenn sie spontan vorbeikommen.
„Die vegetieren hier ja nur vor sich hin“, bestätigen sie einander empört.
Der Fall ist klar: Auch diese Oma soll ins erste Heim umziehen. Dahin, wo es so schön ist.

Na wunderbar, die Angehörigen kümmern sich also – um sich. Sie scheren sich nicht darum, was Demenz bedeutet und was die Bedürfnisse ihrer alten Verwandten sind. Die jetzt alten Leute haben viel Dramatisches erlebt – oft im Gegensatz zu den stellvertretend sinnsuchenden Angehörigen. Wenn die Heimbewohner ihre Augen geschlossen halten, vor sich hin lächeln oder auch betrübt zu sinnieren scheinen, arbeiten sie traumähnlich Dinge ihrer Vergangenheit durch. Für sie gibt es nämlich nichts Wichtigeres und Sinnvolleres, als – auf ihrem jeweiligen noch vorhandenen Geistesstand – ins Reine zu kommen mit sich und den Ereignissen ihres früheren Lebens (darauf weist Naomi Feil immer wieder hin).
Sehr alte und insbesondere demente Menschen haben in und mit dieser Welt nichts mehr zu schaffen, sehen wir das doch endlich ein! Wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann muss unsere Aufgabe sein, ihnen bei ihren sehr speziellen Aufgaben in einer ihnen angemessenen Weise zu helfen.
Das aber wird allzu oft von Angehörigen mit schlechtem Gewissen torpediert. Sie unterstellen den Heimen die Beschränkung auf eine „Satt – sauber – sicher“-Pflege und nehmen jede deutliche Abweichung von diesem Zerrbild als Qualitätsausweis. Als Folge davon werden ihre dementen Verwandten Animateur-Klischees unterworfen. Man schließt einerseits von der Lautstärke einer Großgruppe auf innere Beteiligung der Einzelnen und setzt andererseits stilles Sinnen mit Vegetieren gleich.
Unsere Senioren machen ja noch alles mit! Guck mal Opa, hier ist alles was Du brauchst: Papier, Schere, Leim, Stifte. Nur schade, dass Opa sein Lebtag nicht gebastelt hat. Jetzt im hohen Alter muss er aus zwei Gründen damit anfangen, höheren Blödsinn zu produzieren:
1. wegen der Angehörigen, die es nicht ertragen, dass Opa einfach so im Stuhl sitzt und
2. wegen der Betreuer, die das tun, was sie tun, weil sie können, was sie können.

In fünf von zehn Fällen läuft das auf stundenlange Basteleien und Fitzeleien hinaus, der Rest verteilt sich auf Ballspiele und die „berüchtigten Schälgruppen“, wie Ute Schmidt-Hackenberg das Simulieren hauswirtschaftlicher Tätigkeiten bitter genannt hat.

Wie geht’s besser? Dazu mehr im nächsten Eintrag.

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Am Fakt ist nicht zu rütteln: Die Demenz vom Alzheimer-Typ ist derzeit unheilbar. Die beiden Wirkstoffgruppen, die gegen sie eingesetzt werden, vermögen nicht mehr, als für relativ kurze Zeit die Symptome leicht zu bessern, die kontinuierliche Verschlechterung abzubremsen. Alzheimer bedeutet: Verschlechterung aller Lebensvollzüge bis zum Tod.

Wir, Pflegende und Betreuende, wissen das. Diese Sicht wurde in unserer Ausbildung vermittelt und sie bestätigt ihre Richtigkeit im Alltag immer wieder aufs neue. Ein neuer Bewohner ist am Anfang leicht verwirrt und endet nicht selten in Embryonalstellung im Bett, nicht mehr als ein Röcheln von sich gebend. Auf dem Weg in dieses Stadium verliert er all das, was die europäische Aufklärung als für Menschen konstitutiv hielt. Ist das abgeräumt, werden körperliche Vollzüge angegriffen.

In der Zwischenzeit befassen wir uns mit diesen Menschen, wir versuchen so viele Ressourcen wie möglich so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Und wir dokumentieren am Ende eines jeden Arbeitstages. Im Hinterkopf: der Abstieg. „Bewohner ist noch in der Lage…“, „Bewohner kann nicht mehr alleine…“, „Bewohner hat die Fähigkeit zu … völlig verloren“.
Wie ein Zeitungskritiker schreiben wir Menschen herunter und wir haben recht damit: Sie haben ja wirklich, intersubjektiv nachprüfbar „die Fähigkeit zu …. völlig verloren“. Das Problem: Wir beobachten die Bewohner und diese beobachten uns. Man sagt Demenzkranken einen siebten Sinn für Stimmungen in ihrer Umgebung nach, gerade weil sie rationale Beurteilungsmöglichkeiten nicht mehr haben. Merken sie uns an, wie wir sie jeden Tag ein Stück mehr verloren geben? Zugespitzt: Verschlechtert unser Wissen um den Verlauf der Krankheit ihre Lebensqualität? Und wenn das so ist: Folgt daraus eine Notwendigkeit zum Überspielen für uns? Und könnte -wegen des siebten Sinnes- nicht gerade dieses Überspielen wieder lebensqualitätsverschlechternd erkannt werden („Wie schlecht muss es mir gehen, dass der so optimistisch tut?“)?
Die Beobachtungsform der „doppelten Kontingenz“ also auch hier mit einem nicht wirklich zurechnungsfähigen Partner. Und natürlich findet sich auch hier immer wieder eine Lösung, man macht einfach irgend etwas und der Kranke wendet sich auch wieder anderen Dingen zu.
Vielleicht würde uns eine Teildemenz hinsichtlich der Fähigkeiten des Bewohners gut tun: Menschen nicht wie eine Kurve über den Verlauf der Tagestemperatur zu betrachten (Ziel: abwärts), sondern sich wenigstens zuweilen überraschen lassen vom Gegenüber. Wieder andererseits: Wenn wir uns an den gängigen Demenzstufen (bspw. von Naomi Feil) nicht orientieren, agieren wir u.U. in bestem Wohlwollen an den Aufnahmemöglichkeiten der Bewohner völlig vorbei.

Gefragt wäre ein souveräner Umgang mit Beobachtungsperspektiven – souverän aber nicht nur im Sinne des geschmeidigen Wechsels, sondern auch und gerade in dem, die jeweils eingenommene sich ohne Vorbehalt zu eigen zu machen.

Wer kann das schon? Also machen wir weiter.

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Dinge sehen uns an. Sie wollen in spezifischer Weise benutzt werden, ein einleibendes Verhältnis zu ihnen soll entstehen – zu unserem Nutzen.
Das Zeug (im Heidegger-Sinne) bietet sich uns, den Verständigen, dar als mit Mini-Gebrauchsanweisungen ausgestattetes Etwas. Lang geschwungene Türklinken wollen von uns, dass unsere Finger sie umschließen. Doch nicht nur das: Uns ist klar, dass die Türklinke uns den Weg ins Zimmer mit dem Wasserhahn öffnet, wir also, wenn wir trinken wollen, sie umschließen und herunter drücken müssen. Sind wir aber einmal im Bad und am Wasserhahn, hängt die Trinkmöglichkeit wieder von ganz neuen Dingen ab (Hahn aufdrehen…usw.).

Demente haben keine oder höchstens sehr eingeschränkte Verweisungs- (d.h.: Sinn-)horizonte. Das „Um-Zu“ bei den Dingen trägt sie nicht darüber hinaus bzw. hat nicht zuvor so auf sie gewirkt, dass sie zu den Dingen getragen werden, sondern steckt in den Dingen selbst fest – nur dort.
Demente machen nicht das Naheliegende, wie es hilfreich für die Lebensführung wäre, sondern das Nächstliegende, wie es hilfreich für den Augenblick ist.
Mit Klinken öffnet man Türen: Also machen sie Türen auf und zu; Schubkasten enthalten etwas Aufbewahrtes – man kann es ausräumen und wieder einräumen; leere Tassen lassen sich befüllen, volle ausschütten; geht man an einem Lichtschalter vorbei, wird der gedrückt – an oder aus, ist unwichtig, aber: er wird nicht bspw. abgeleckt oder gestreichelt.
Das heißt: Kaum werden Gegenstände fehlbehandelt; sie werden meist dauerbehandelt oder ignoriert. Es gibt keine Einbindung in ein Vorher und Nachher mehr.
Konsequenz für die Betreuung könnte sein: Demente mit körperlichen Einschränkungen, die bspw. nur noch im Rollstuhl sitzen können, könnten Freude an kleinen Gegenstandsausrissen des Alltags haben – bspw. Knopfleisten, Reißverschlüsse, Schalter, Töpfe mit Deckeln…
All das, das seine Erklärung auf der Außenseite trägt – also weder rein künstlich, noch banal (wie bspw. ein Stein) ist, eignet sich für den Umgang der Dementen mit – Sinn.

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Auch wenn das für Atheisten kein echtes Problem darstellt: Katholischerseits geht man davon aus, dass alle im Stande der Erbsünde geboren sind, kein Mensch ist erbsündenlos, keiner aber auch erbsündiger als der andere. Wenn sich das so verhält, dann können wir zur Charakterisierung und Beschreibung der Beziehung zwischen Menschen diese Kategorie weglassen, sie trägt nichts mehr zur Kennzeichnung bei. Die Erbsünde macht, dass in dieser Welt letztlich nichts perfekt aufgeht – das was ist, ist entstellt von Bosheit, Versagen, Kleinlichkeit. Wir müssen damit zurechtkommen, d.h. uns bemühen, diese Folgen kleinzuhalten.
Im Unterschied zur Erbsünde als Anlage sind also deren o.a. Folgen in Graden, nicht total ausgeprägt. Menschen sind zwar vollständig erbsündig geboren, nicht aber vollständig böse, sonst müsste der Versucher nicht immer wieder kommen, um sie auf seine Seite zu ziehen.

Nehmen wir an, wir hätten da einen ganz besonders bösen Menschen. Was haben wir von ihm zu erwarten, was muss also mit einem solchen Menschen geschehen? Wir werden an dem ansetzen, was uns nicht vollständig vom Bösen verseucht erscheint, werden versuchen, durch Beispiel und Liebe etwas Gutes in ihm zu bewirken. Wenn nun aber diesem Menschen jegliche Einsichtsfähigkeit und somit auch jeder Besserungswille abgeht – bspw. weil er keinerlei geistige Fähigkeiten mehr besitzt und nur noch seinen „bösen Gefühlen“ die Zügel schießen lässt? Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss ihn eliminieren, damit er nicht dauernd andere schädigt.

Demente ab einem bestimmten Entwicklungspunkt der Krankheit haben keine Einsicht in ihr Verhalten mehr, geschweige denn in Verhaltensänderungsmöglichkeiten. Noch einmal: Ihre Einsicht ist nicht etwa stark herabgesetzt oder durch fortschreitenden Gedächtnisverlust schwer geschädigt – es gibt keine Einsicht mehr und es gibt keine Personqualität mehr, sie werden herumgeworfen durch Biochemie. Dabei ist die Fähigkeit zum Fühlen und Erspüren von Situationen m.E. sogar etwas stärker ausgeprägt als bei Normalmenschen, so, wie ja auch Tiere Instinktqualitäten besitzen, die Menschen abgehen.
Und nun die harte Frage: Was, wenn es unter diesen Dementen nicht nur leicht zu Lenkende, grundsätzlich Wohlwollende sondern – Böse gibt? Die Antwort ist klar: Sie müssen weg. Die Endkonsequenz der Feststellung: „Die demente Frau C. ist böse“ lautet „Frau C. muss beseitigt werden“.

Das ist m.E. kein überdrehtes Beispiel für radikale Terminologie, sondern schlichte Logik.
Meine Folgerung: In sozialen Berufen ist es vollständig dysfunktional, von „bösen Menschen“ auszugehen.

Natürlich: Wie snoopylife richtig sagt, sind bestimmte Begriffe für den Umgang im Alltag notwendig. Und dass Pflege- und Betreuungskräfte, wenn sie von Dementen gerade wieder einmal beschimpft oder bespuckt werden, nicht unbedingt sagen „Frau R. hat sich heute wieder sehr herausfordernd verhalten“, ist auch geschenkt.
Nur: 1. Die Benutzung bestimmter Begriffe macht uns auch unsere Realität. Wenn nur oft genug eine Gruppe von Sachverhalten mit demselben Begriff assoziiert wird, wird uns der Begriff zur „materiellen Gewalt“. Man läuft Gefahr, die grundsätzlich kontingente Deutung mit der Sache selbst zu verwechseln. Frau R. bleibt dann die böse Frau R., auch wenn sie ruhig auf dem Stuhl sitzt – sie guckt dann eben „böse“.
2. Demente haben einen 7. Sinn dafür, wie man ihnen entgegen kommt. Sie spüren, wie sie vom Gegenüber eingeschätzt werden, auch wenn ihnen längst jeder verbale Ausdruck dafür fehlt. Unter Umständen erspart sich die Pflegekraft Ärger, wenn sie davon absieht, dass Frau R. „böse“ ist.

Abschließend: Bosheit ist ein funktional unergiebiges Schema im Umgang mit Demenzkranken. Weder Pflege- noch Betreuungskräfte sind aufgerufen, quasi-pädagogische Betragenseinschätzungen der Bewohner zu liefern. Es hilft nichts, sich die eigene Betreuungsbilanz dadurch zu schönen, dass man „Böse“ von ihr ausschließt; übermotivierte Betreuungskräfte, die ihren kleinen Privatkrieg gegen die monströse Irrationalität Dementer führen zu müssen glauben, helfen dadurch weder dem Dementen, noch verbessern sie ihre Arbeitsbedingungen oder erhöhen ihre Arbeitserfolge.
Professioneller Umgang mit Demenzkranken bedeutet m.E. nicht zuletzt, Abschied zu nehmen von jeglichem pädagogischem Ideal. Nur weil in dieser Gesellschaft Umerziehen, lebenslanges Lernen, soziale Kompetenz, geistige Flexibilität so hoch angesehen sind, heißt das noch lange nicht, dass wir diese Ideale unbarmherzig an Demenzkranken exekutieren dürfen.

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Für Oma ist der Drahtige ein Hungerleider: „Iss mal tüchtig, damit du was auf die Rippen bekommst“, hat sie uns ermahnt. Wer was auf den Rippen hat, hat „was zuzusetzen“, er wird nicht so schnell von Krankheiten geschwächt. Omas Ratschläge sind passé. Wer auch nur etwas auf sich hält, trainiert sich die letzten kleinen Polster ab. Für Horkheimer war es noch eine neue Erkenntnis – heute wissen es alle: Die Unterschichten sind fett – nicht die Ausbeuter. In diesem Land, in dem die Verelendung (bei einer Inflationsrate von 1,8% und Tarifabschlüssen um 4 bis 5 %) ja rapide fortschreitet, muss wohl dennoch niemand essen, um für schlechte Zeiten gewappnet zu sein. Der Wohlhabende knabbert an Salaten herum, die Bildungsferneren werden schon wieder krank vor lauter Fresserei. So hatte Oma sich das nicht vorgestellt.

Ich besitze eine – wie ich finde sehr kleidsame – Norwegerjacke. Ein Kunstfellpolster innen, dicke Wolle außen lassen mein Kreuz ein bisschen breiter und mich im Ganzen leicht aufgeplustert erscheinen, vorteilhaft für einen Dünnen wie mich. Die alten Leute auf Arbeit kriegen sich nicht ein vor Begeisterung: „Die ist bestimmt schön warm“, „In der Jacke machste was her“. Ich winke ab – die Jacke sieht wärmer aus, als sie ist. Die Wollmaschen sind recht grob, das Fellfutter ist mehr Dekoration; mit zwei Pullovern darunter kommt man aber gut durch den Winter.
Oma kennt die schlabbrigen Funktionsjacken von heute nicht, die Jacken, die wirklich warm halten, Nässe abweisen, garantiert nicht plustern und einem im Laufen vermutlich noch ein Spiegelei braten, Jacken, durch die man nichts mehr spüren kann von seiner Umgebung.

Für Oma hält alles Dicke am Leib die Kälte ab; viel hilft viel. Für Oma sind die Reichen die glücklichen: Sie lassen es sich wohl sein, essen deshalb viel und leben somit gesünder und länger als die Dürren, die sich offensichtlich die guten Dinge nicht leisten können.

Oma lebte in einer Zeit, in der das Richtige offensichtlich und das Offensichtliche richtig war. Mir ist klar, dass eben diese Fraglosigkeit viel Böses befördert hat. Und doch: Es gab kein trash, kein Kult, keine Bad-taste-Parties. Der Alltag wurde nicht dauerironisiert. Richtig und falsch waren noch in der Welt.

Ich trauere dieser Zeit hinterher, obwohl ich sie nur durch alte Leute kennengelernt habe. Wir bekommen diese Welt nicht zurück, das Lamentieren hilft nichts, die Gesellschaft hat sich auf die Beobachtung zweiter Ordnung (die Beobachtung von Beobachtungen) umgestellt. Für Hängengebliebene wie mich hat sie die Kategorie „vintage“ erfunden; wer nicht ganz von gestern sein will wie ich, goutiert die Überschneidung von vintage und Kult namens Retro.
Auch noch der Verabscheuung des Fortschritts gesteht die fortschrittliche Gesellschaft die Existenzberechtigung zu. Und ab morgen freue ich mich darüber.

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