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Posts Tagged ‘Alzheimer’

Besser geht’s in erster Linie nicht mit der Ersetzung einer Tätigkeitsgruppe durch eine andere. All das, was Ergotherapeuten so tun, darf auch weiterhin getan werden. Nur bitte nicht immer und nicht aus Prinzip („die Leute müssen ja beschäftigt werden“) und v.a. mit einem grundlegend anderen Ziel: Weder darf es vordergründig um den Nutzen der jeweiligen Tätigkeit selbst gehen (bspw.: am Ende müssen die Kartoffeln aber geschält sein!), noch darf gänzlich von diesem Nutzen abstrahiert werden (bspw.: wenn irgend jemand einfach schälend ruhig gestellt wird). Die Tätigkeit muss Dementen in einer ihnen entsprechenden Weise nahe gebracht werden. Bei der Hauswirtschaft bietet sich das Anknüpfen von Erinnerungen an: Wie war das früher? Wer hat bei ihnen geschält? Hatten sie einen Kartoffelschäler oder nahmen sie lieber ein scharfes Messer? Wenn ein Ausschnitt solcher als schön erlebten Vergangenheit in Reichweite gekommen ist, ist der Sinn des ergotherapeutischen Tuns hier voll erfüllt. Es ist ja gut gemeint, wenn der hauswirtschaftende Ergotherapeut begeistert den Kuchen herumzeigt, den alle gemeinsam gebacken haben. Nur: Nach der Backzeit erinnert sich die Hälfte der Bewohner an diese Tätigkeit schon nicht mehr! Der Sinn des Tuns kann m.E. nur darin liegen, in dieser Tätigkeit solange voll aufzugehen bis sich (nicht nur geistig erinnernd, sondern leiblich vermittelt!) das Wirken völlig erschöpft hat.

Bewegungen mit Ball u.ä. werden auch und gerade von Dementen oft als kindisch und unangemessen empfunden: Hier kann man nebenher mit den Männern über Fußball fachsimpeln und die Frauen auf dem Umweg des Gesprächs über Kinderspiele im Hof ködern. Hin und wieder tun’s auch ein paar schulmeisterliche Ratschläge über den Nutzen von Bewegung, den neulich wieder Dr. XYZ hervorgehoben habe.
Schwer Demente brauchen derlei verbale Anknüpfungen nicht mehr, ihnen „reicht“ leibliche Kommunikation: deutende Gestik, schmeichelnde Materialien …

Zusammenfassend könnte man sagen: Demente brauchen Zeit und sanfte Motivation (möglichst über die Aktivierung eigener Erinnerungen), um für sich befriedigend handeln zu können. Ein greifbares Ergebnis ist für Angehörige wichtig, nicht für Demenzkranke; diese wollen u.U. lieber erzählen und von ihrem Gegenüber das Gefühl bekommen, verstanden worden zu sein.

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Die Angehörigen besuchen Oma Nr. 1 im Altenheim. Oma sitzt in einer größeren Runde mit anderen Leutchen. In der Mitte turnt eine schwer übermotivierte Betreuerin, rudert mit den Armen, singt aus voller Kehle, klatscht fortwährend in die Hände, drückt den Leuten mal kleine Bälle, mal Tücher, mal Rasseln in die Hände und schafft es tatsächlich, dass 4, 5 Herumsitzende irgend eine Reaktion zeigen.
Die Angehörigen sind begeistert: Klasse, hier ist was los, hier macht man was mit den Leuten.

Ihre zweite Oma in einem anderen Altenheim jedoch muss leiden. Den ganzen Tag sitzen Leute an ihrem Platz, viele mit geschlossenen Augen, einige lächeln, andere runzeln die Stirn; wieder andere wandern durch die Gänge. Zu verschiedenen Tageszeiten erklingt Walzermusik vom Band, doch manchmal bleibt die Musik ganz aus. Hin und wieder nur schaut jemand vorbei der aussieht wie ein Betreuer und spricht mit dem einen oder der anderen. Es soll hier auch Veranstaltungen geben, aber die Angehörigen haben sowas noch nie erlebt, wenn sie spontan vorbeikommen.
„Die vegetieren hier ja nur vor sich hin“, bestätigen sie einander empört.
Der Fall ist klar: Auch diese Oma soll ins erste Heim umziehen. Dahin, wo es so schön ist.

Na wunderbar, die Angehörigen kümmern sich also – um sich. Sie scheren sich nicht darum, was Demenz bedeutet und was die Bedürfnisse ihrer alten Verwandten sind. Die jetzt alten Leute haben viel Dramatisches erlebt – oft im Gegensatz zu den stellvertretend sinnsuchenden Angehörigen. Wenn die Heimbewohner ihre Augen geschlossen halten, vor sich hin lächeln oder auch betrübt zu sinnieren scheinen, arbeiten sie traumähnlich Dinge ihrer Vergangenheit durch. Für sie gibt es nämlich nichts Wichtigeres und Sinnvolleres, als – auf ihrem jeweiligen noch vorhandenen Geistesstand – ins Reine zu kommen mit sich und den Ereignissen ihres früheren Lebens (darauf weist Naomi Feil immer wieder hin).
Sehr alte und insbesondere demente Menschen haben in und mit dieser Welt nichts mehr zu schaffen, sehen wir das doch endlich ein! Wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann muss unsere Aufgabe sein, ihnen bei ihren sehr speziellen Aufgaben in einer ihnen angemessenen Weise zu helfen.
Das aber wird allzu oft von Angehörigen mit schlechtem Gewissen torpediert. Sie unterstellen den Heimen die Beschränkung auf eine „Satt – sauber – sicher“-Pflege und nehmen jede deutliche Abweichung von diesem Zerrbild als Qualitätsausweis. Als Folge davon werden ihre dementen Verwandten Animateur-Klischees unterworfen. Man schließt einerseits von der Lautstärke einer Großgruppe auf innere Beteiligung der Einzelnen und setzt andererseits stilles Sinnen mit Vegetieren gleich.
Unsere Senioren machen ja noch alles mit! Guck mal Opa, hier ist alles was Du brauchst: Papier, Schere, Leim, Stifte. Nur schade, dass Opa sein Lebtag nicht gebastelt hat. Jetzt im hohen Alter muss er aus zwei Gründen damit anfangen, höheren Blödsinn zu produzieren:
1. wegen der Angehörigen, die es nicht ertragen, dass Opa einfach so im Stuhl sitzt und
2. wegen der Betreuer, die das tun, was sie tun, weil sie können, was sie können.

In fünf von zehn Fällen läuft das auf stundenlange Basteleien und Fitzeleien hinaus, der Rest verteilt sich auf Ballspiele und die „berüchtigten Schälgruppen“, wie Ute Schmidt-Hackenberg das Simulieren hauswirtschaftlicher Tätigkeiten bitter genannt hat.

Wie geht’s besser? Dazu mehr im nächsten Eintrag.

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Am Fakt ist nicht zu rütteln: Die Demenz vom Alzheimer-Typ ist derzeit unheilbar. Die beiden Wirkstoffgruppen, die gegen sie eingesetzt werden, vermögen nicht mehr, als für relativ kurze Zeit die Symptome leicht zu bessern, die kontinuierliche Verschlechterung abzubremsen. Alzheimer bedeutet: Verschlechterung aller Lebensvollzüge bis zum Tod.

Wir, Pflegende und Betreuende, wissen das. Diese Sicht wurde in unserer Ausbildung vermittelt und sie bestätigt ihre Richtigkeit im Alltag immer wieder aufs neue. Ein neuer Bewohner ist am Anfang leicht verwirrt und endet nicht selten in Embryonalstellung im Bett, nicht mehr als ein Röcheln von sich gebend. Auf dem Weg in dieses Stadium verliert er all das, was die europäische Aufklärung als für Menschen konstitutiv hielt. Ist das abgeräumt, werden körperliche Vollzüge angegriffen.

In der Zwischenzeit befassen wir uns mit diesen Menschen, wir versuchen so viele Ressourcen wie möglich so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Und wir dokumentieren am Ende eines jeden Arbeitstages. Im Hinterkopf: der Abstieg. „Bewohner ist noch in der Lage…“, „Bewohner kann nicht mehr alleine…“, „Bewohner hat die Fähigkeit zu … völlig verloren“.
Wie ein Zeitungskritiker schreiben wir Menschen herunter und wir haben recht damit: Sie haben ja wirklich, intersubjektiv nachprüfbar „die Fähigkeit zu …. völlig verloren“. Das Problem: Wir beobachten die Bewohner und diese beobachten uns. Man sagt Demenzkranken einen siebten Sinn für Stimmungen in ihrer Umgebung nach, gerade weil sie rationale Beurteilungsmöglichkeiten nicht mehr haben. Merken sie uns an, wie wir sie jeden Tag ein Stück mehr verloren geben? Zugespitzt: Verschlechtert unser Wissen um den Verlauf der Krankheit ihre Lebensqualität? Und wenn das so ist: Folgt daraus eine Notwendigkeit zum Überspielen für uns? Und könnte -wegen des siebten Sinnes- nicht gerade dieses Überspielen wieder lebensqualitätsverschlechternd erkannt werden („Wie schlecht muss es mir gehen, dass der so optimistisch tut?“)?
Die Beobachtungsform der „doppelten Kontingenz“ also auch hier mit einem nicht wirklich zurechnungsfähigen Partner. Und natürlich findet sich auch hier immer wieder eine Lösung, man macht einfach irgend etwas und der Kranke wendet sich auch wieder anderen Dingen zu.
Vielleicht würde uns eine Teildemenz hinsichtlich der Fähigkeiten des Bewohners gut tun: Menschen nicht wie eine Kurve über den Verlauf der Tagestemperatur zu betrachten (Ziel: abwärts), sondern sich wenigstens zuweilen überraschen lassen vom Gegenüber. Wieder andererseits: Wenn wir uns an den gängigen Demenzstufen (bspw. von Naomi Feil) nicht orientieren, agieren wir u.U. in bestem Wohlwollen an den Aufnahmemöglichkeiten der Bewohner völlig vorbei.

Gefragt wäre ein souveräner Umgang mit Beobachtungsperspektiven – souverän aber nicht nur im Sinne des geschmeidigen Wechsels, sondern auch und gerade in dem, die jeweils eingenommene sich ohne Vorbehalt zu eigen zu machen.

Wer kann das schon? Also machen wir weiter.

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Dinge sehen uns an. Sie wollen in spezifischer Weise benutzt werden, ein einleibendes Verhältnis zu ihnen soll entstehen – zu unserem Nutzen.
Das Zeug (im Heidegger-Sinne) bietet sich uns, den Verständigen, dar als mit Mini-Gebrauchsanweisungen ausgestattetes Etwas. Lang geschwungene Türklinken wollen von uns, dass unsere Finger sie umschließen. Doch nicht nur das: Uns ist klar, dass die Türklinke uns den Weg ins Zimmer mit dem Wasserhahn öffnet, wir also, wenn wir trinken wollen, sie umschließen und herunter drücken müssen. Sind wir aber einmal im Bad und am Wasserhahn, hängt die Trinkmöglichkeit wieder von ganz neuen Dingen ab (Hahn aufdrehen…usw.).

Demente haben keine oder höchstens sehr eingeschränkte Verweisungs- (d.h.: Sinn-)horizonte. Das „Um-Zu“ bei den Dingen trägt sie nicht darüber hinaus bzw. hat nicht zuvor so auf sie gewirkt, dass sie zu den Dingen getragen werden, sondern steckt in den Dingen selbst fest – nur dort.
Demente machen nicht das Naheliegende, wie es hilfreich für die Lebensführung wäre, sondern das Nächstliegende, wie es hilfreich für den Augenblick ist.
Mit Klinken öffnet man Türen: Also machen sie Türen auf und zu; Schubkasten enthalten etwas Aufbewahrtes – man kann es ausräumen und wieder einräumen; leere Tassen lassen sich befüllen, volle ausschütten; geht man an einem Lichtschalter vorbei, wird der gedrückt – an oder aus, ist unwichtig, aber: er wird nicht bspw. abgeleckt oder gestreichelt.
Das heißt: Kaum werden Gegenstände fehlbehandelt; sie werden meist dauerbehandelt oder ignoriert. Es gibt keine Einbindung in ein Vorher und Nachher mehr.
Konsequenz für die Betreuung könnte sein: Demente mit körperlichen Einschränkungen, die bspw. nur noch im Rollstuhl sitzen können, könnten Freude an kleinen Gegenstandsausrissen des Alltags haben – bspw. Knopfleisten, Reißverschlüsse, Schalter, Töpfe mit Deckeln…
All das, das seine Erklärung auf der Außenseite trägt – also weder rein künstlich, noch banal (wie bspw. ein Stein) ist, eignet sich für den Umgang der Dementen mit – Sinn.

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Demenzkranke leiden nur kurz, in der Zeit des Beginns der Krankheit, am Kognitionsverlust. Dort sind sie „mangelhaft bzw. unglücklich orientiert“ (Naomi Feil). In der meist viel längeren Zeit danach (Stadien 2 bis 4 in der Einteilung von Naomi Feil: zeitverwirrt – sich wiederholende Bewegungen – Vegetieren) liegt Kognition außerhalb ihres Universums.

Am Verlust der Kognition von Dementen leiden deren Angehörige, Freunde, gute Bekannte und sonst niemand. Genau darauf bezieht sich auch das elende Schlagwort von der „Würde des Menschen“, das früher vielleicht einmal etwas Menschenfreundliches meinte, heute aber nur begriffsloses Gerede von Leuten ist, die nicht ertragen, dass 1. andere Menschen andere Bedürfnisse haben und 2. nicht-kognitive Menschen froher leben könnten, wenn man denn genügend finanzielle und zeitliche Kapazitäten hätte. Einstweilen ist Vorsicht angebracht: Wer heutzutage von „menschenwürdig“ redet, meint in aller Regel eine Negation: Dieses und jenes Zucken, dieser und jener Laut sei ja nicht mehr Ausdruck einer menschenwürdigen Existenz. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Versagung von Essen und helfenden Medikamenten.
Das Leben, an dessen Verfasstheit der Beobachter (!) leidet, sollte doch – selbstverständlich menschenwürdig! – beendet werden. Die Euthanasie ist der Nachbar des Menschenwürdekults.

Woran leiden also Demenzkranke, wenn wir einmal von körperlich abgrenzbaren Beschwerden absehen?
Sie leiden am Vertrackten einer je aktuellen Situation; Kognitionsverluste können sie nicht feststellen, weil Konsistenzprüfungen durch mangelnden Rückgriff auf richtige Konstellationen schlicht nicht mehr möglich sind.
Sie leiden also daran, dass es in dieser je aktuellen Situation nicht so weiter geht, wie sie sich das denken? Nein, sie können nicht denken! Aber wie können sie dann Missverhältnisse, wie sie das Wort „vertrackt“ andeutet, feststellen? Eine gute Antwort wird durch einen Begriff der Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz geliefert: „affektives Betroffensein“. Demente spüren eigenleiblich, dass ein bestimmter naheliegender Handlungsverlauf nicht zu erreichen ist, entweder weil die Situation ganz anders aussieht (sich lautlich oder sichtbar anders darstellt), als gespürt, oder weil sie in dieser Situation die gespürt richtige Handlung nicht einzuleiten wissen.
Demnächst mehr.

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Auch wenn das für Atheisten kein echtes Problem darstellt: Katholischerseits geht man davon aus, dass alle im Stande der Erbsünde geboren sind, kein Mensch ist erbsündenlos, keiner aber auch erbsündiger als der andere. Wenn sich das so verhält, dann können wir zur Charakterisierung und Beschreibung der Beziehung zwischen Menschen diese Kategorie weglassen, sie trägt nichts mehr zur Kennzeichnung bei. Die Erbsünde macht, dass in dieser Welt letztlich nichts perfekt aufgeht – das was ist, ist entstellt von Bosheit, Versagen, Kleinlichkeit. Wir müssen damit zurechtkommen, d.h. uns bemühen, diese Folgen kleinzuhalten.
Im Unterschied zur Erbsünde als Anlage sind also deren o.a. Folgen in Graden, nicht total ausgeprägt. Menschen sind zwar vollständig erbsündig geboren, nicht aber vollständig böse, sonst müsste der Versucher nicht immer wieder kommen, um sie auf seine Seite zu ziehen.

Nehmen wir an, wir hätten da einen ganz besonders bösen Menschen. Was haben wir von ihm zu erwarten, was muss also mit einem solchen Menschen geschehen? Wir werden an dem ansetzen, was uns nicht vollständig vom Bösen verseucht erscheint, werden versuchen, durch Beispiel und Liebe etwas Gutes in ihm zu bewirken. Wenn nun aber diesem Menschen jegliche Einsichtsfähigkeit und somit auch jeder Besserungswille abgeht – bspw. weil er keinerlei geistige Fähigkeiten mehr besitzt und nur noch seinen „bösen Gefühlen“ die Zügel schießen lässt? Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss ihn eliminieren, damit er nicht dauernd andere schädigt.

Demente ab einem bestimmten Entwicklungspunkt der Krankheit haben keine Einsicht in ihr Verhalten mehr, geschweige denn in Verhaltensänderungsmöglichkeiten. Noch einmal: Ihre Einsicht ist nicht etwa stark herabgesetzt oder durch fortschreitenden Gedächtnisverlust schwer geschädigt – es gibt keine Einsicht mehr und es gibt keine Personqualität mehr, sie werden herumgeworfen durch Biochemie. Dabei ist die Fähigkeit zum Fühlen und Erspüren von Situationen m.E. sogar etwas stärker ausgeprägt als bei Normalmenschen, so, wie ja auch Tiere Instinktqualitäten besitzen, die Menschen abgehen.
Und nun die harte Frage: Was, wenn es unter diesen Dementen nicht nur leicht zu Lenkende, grundsätzlich Wohlwollende sondern – Böse gibt? Die Antwort ist klar: Sie müssen weg. Die Endkonsequenz der Feststellung: „Die demente Frau C. ist böse“ lautet „Frau C. muss beseitigt werden“.

Das ist m.E. kein überdrehtes Beispiel für radikale Terminologie, sondern schlichte Logik.
Meine Folgerung: In sozialen Berufen ist es vollständig dysfunktional, von „bösen Menschen“ auszugehen.

Natürlich: Wie snoopylife richtig sagt, sind bestimmte Begriffe für den Umgang im Alltag notwendig. Und dass Pflege- und Betreuungskräfte, wenn sie von Dementen gerade wieder einmal beschimpft oder bespuckt werden, nicht unbedingt sagen „Frau R. hat sich heute wieder sehr herausfordernd verhalten“, ist auch geschenkt.
Nur: 1. Die Benutzung bestimmter Begriffe macht uns auch unsere Realität. Wenn nur oft genug eine Gruppe von Sachverhalten mit demselben Begriff assoziiert wird, wird uns der Begriff zur „materiellen Gewalt“. Man läuft Gefahr, die grundsätzlich kontingente Deutung mit der Sache selbst zu verwechseln. Frau R. bleibt dann die böse Frau R., auch wenn sie ruhig auf dem Stuhl sitzt – sie guckt dann eben „böse“.
2. Demente haben einen 7. Sinn dafür, wie man ihnen entgegen kommt. Sie spüren, wie sie vom Gegenüber eingeschätzt werden, auch wenn ihnen längst jeder verbale Ausdruck dafür fehlt. Unter Umständen erspart sich die Pflegekraft Ärger, wenn sie davon absieht, dass Frau R. „böse“ ist.

Abschließend: Bosheit ist ein funktional unergiebiges Schema im Umgang mit Demenzkranken. Weder Pflege- noch Betreuungskräfte sind aufgerufen, quasi-pädagogische Betragenseinschätzungen der Bewohner zu liefern. Es hilft nichts, sich die eigene Betreuungsbilanz dadurch zu schönen, dass man „Böse“ von ihr ausschließt; übermotivierte Betreuungskräfte, die ihren kleinen Privatkrieg gegen die monströse Irrationalität Dementer führen zu müssen glauben, helfen dadurch weder dem Dementen, noch verbessern sie ihre Arbeitsbedingungen oder erhöhen ihre Arbeitserfolge.
Professioneller Umgang mit Demenzkranken bedeutet m.E. nicht zuletzt, Abschied zu nehmen von jeglichem pädagogischem Ideal. Nur weil in dieser Gesellschaft Umerziehen, lebenslanges Lernen, soziale Kompetenz, geistige Flexibilität so hoch angesehen sind, heißt das noch lange nicht, dass wir diese Ideale unbarmherzig an Demenzkranken exekutieren dürfen.

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Einiges gäbe ich dafür, einmal für 5 Minuten aus einem Alzheimer-Patienten heraus zu schauen.
Details: Logisch unverträgliche Gesprächsteile werden als aufeinander reagierend empfunden und behandelt; die Äußerungen anderer Leute in der Nähe können den Abschluss des eigenen „Gedankens“ bilden; die abrupte Handlung des Nebenmannes wird als Gegenargument des von einem selbst Geäußerten interpretiert. Eine Frau kommt zu dem Schluss, dass die Leute dumm sind, weil es so kalt ist.
Diese Überlagerung von Raum und Zeit und die Vermischung unterschiedlicher Motivlagen, nicht irgendein Vergessen, ist für Gesunde am schwersten nachzuvollziehen. (Für Systemtheoretiker: Alle drei Sinndimensionen brechen zusammen: Sach-, Zeit- und Sozialdimension.)

Manchmal aber macht man blitzartig bizarre Erfahrungen: Da fährt man – in Gedanken wütend – Fahrrad. Die Kreuzung nähert sich, man sieht zwei Autos sich nähern. Man muss sie vorlassen. Oh Mann, hab‘ ich eine Wut, ich fahre einfach. Mir doch egal, Scheiss Autos! Die eigene Wut hat mit den Autos nichts zu tun:
Unangemessenes Verhalten, eingeschränkte Alltagskompetenz, keine Frage. Individuell jedoch plausibel.

Alle Naselang erkennen Demenzkranke etwas wieder. Die, die sich kaum noch an irgendein Faktum der jüngeren Vergangenheit erinnern können, wollen mit Macht die ihnen verloren gegangene Fähigkeit betätigen. Was man ihnen auch zeigt, was man ihnen auch sagt: Sie waren schon da, haben da auch schon gearbeitet, kennen es ganz genau. Sie können und wollen nicht ohne Sinn leben, ohne die Fähigkeit, etwas vor dem Horizont anderer Möglichkeiten zu beobachten. Wenn der Horizont längst vollständig zerlöchert ist, wird er immer wieder fingiert – die letzte geistige Leistung des Dementen.

Randnotiz zur Bosheit: Bosheit setzt die intakte Arbeit des Universalmediums „Sinn“ (Sach-, Zeit-, Sozialdimension) voraus. Boshafte wissen immer was sie wollen, also was sie nicht nicht wollen, wissen immer, dass und wie es anders möglich wäre. Demenzkranken steht dieses Medium kaum zur Verfügung – Demenzkranke können nicht böse sein, auch wenn sie sich schwierig verhalten.

Liebe Leser, die Ihr hier sehr oft nach „Demenz und Bosheit“ sucht und offensichtlich recht verzweifelt seid auf Grund persönlicher Erfahrungen: Schreibt bitte Kommentare, damit man mal in eine Diskussion kommt!

Siehe auch:
Die weiß das ganz genau!
Böse Demenzkranke?
Demenz – Krankheit des Vergessens?

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