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Posts Tagged ‘Atmosphäre’

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

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Die Flockenblume reckt und streckt sich. Das erscheint mir so wegen der betonten Länglichkeit und Spitzigkeit der Blütenblätter. Doch eben dadurch verschwimmt mir dieses Recken auch schnell zum Flattern und dies bald wieder zurück zum Recken. Mir kommt das Sommer-Klischee in die Quere. Im Sommer flattert schließlich alles lässig vor sich hin. Im Winter ist alles Vorhandene im Recken erstarrt.
Der Dichteeindruck, den der Schnee auf den Ästen wirkt, ist viel mächtiger, als der von (Blüten-)Blattwerk mitten im Sommer. Nicht obwohl, sondern weil der Hintergrund im Winter sich weniger abhebt, als im Sommer. Weiß/grau-weiß gegen grün/blau-violett. Sogar die Abweichung steht im Winter noch zum Gesamteindruck, während im Sommer chaotische Konkurrenz herrscht („Grün und Blau / schmückt die Sau“). Soldatisch ist der Wald gestimmt – jedes Ästchen an seinem Platz, jede weiße Vorhut da, wo sie hingehört: an der Spitze bzw. obenauf. Die Flockenblume ist auf eigene Rechnung unbekümmert und versucht, so viel schweifend-flatternd in Besitz zu nehmen wie möglich.

Die Über-Fülle der Verzweigungen im Schneewald, die die Substanz des Raumes ausfüllen zu wollen scheint, hat als funktionales Pendant bei der Flockenblume: die relativ große Häufigkeit relativ langer Blütenblätter. Sowohl der Dichtigkeitseindruck der scheinbar flatternden Blütenblätter als auch die krasse Tiefenwirkung des Schneewaldes fließen aus dem Effekt des kleinsten Zwischenraums. Die quantitative Wucht der kleinen Zwischenräume baut uns den größten Raum. Man kommt gar nicht nach mit dem „Tiefe-Sehen“ und schließt auf weit größeren Materieumfang als „eigentlich“ (doch was bedeutet das hier?) vorhanden ist.

„Draw a distinction“ in einem „unmarked space“ – immer und immer wieder und ein „universe“, das da mit der ersten Unterscheidung schon „comes into being“, wird reicher und reicher, hier: immer verästelter (Zitate: George Spencer Brown). Wer’s bombastischer liebt, darf auch an Sein und Seiendes bei Heidegger denken – die Verzweigungen im unmarkierten Raum machen die Größe und Voraussetzungsgewalt dessen was ist deutlich.

Dichte, Tiefe, Räumlichkeit sind keine ausreichenden Raumverhältnisbeschreibungen, wenn die Flockenblume so locker-dicht und der Schneewald auf so starre Weise weit sein kann.

Spencer Brown, George: Laws of Form, George Allen and Unwin Ltd., London, 1969

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Pilze suchen:
Das Kind kriegt gesagt, es solle nicht da suchen, wo alle suchen, da finde es ja nichts mehr: am Weg, an besonders gut zugänglichen Stellen, auf hellen, offenen Flächen. Da sei doch längst alles abgegrast. (Das Kind kratzt sich am Kopf: Aber das wissen doch auch die Anderen, niemand sucht doch dort, wo alle wissen, dass alle dort suchen?)

Das Kind wird also in den tiefen Wald geschickt und verheddert sich im Gestrüpp. Dort ist es dunkel und ein Haufen Zeug liegt am Boden herum. Es würde seine Verzweiflung vermehren, wüsste es, dass viele essbare Pilze am Weges- bzw. Waldrand wachsen, dass es also da, wo es sich leichter läuft auch größere Chancen hätte, kurz: dass es vorhin mit seiner Wahl ganz richtig gelegen hatte. War ja klar, hier in dem doofen Wald findet man natürlich nichts.

Die Eltern sind gerade noch in Sichtweite. Sie haben mehr Glück, sie verlassen sich aufs Gefühl: Ah, hier sieht’s doch nach Pilzen aus… Und da drüben am Totholz wird man bestimmt auch fündig. Leider konnten sie dem Kind ihr Gefühl für landschaftliche Anmutungen (noch?) nicht vermitteln. Es hält den Blick stur auf den Boden gerichtet und scannt Quadratmeter für Quadratmeter. Ohne Erfolg.

Wieder Andere als die obigen Anderen wissen von der Vorliebe einiger Speisepilze für Wegränder und wissen auch, dass diese oft begangen und abgesucht werden. Sie wissen sogar noch, dass der besondere Status von Wegrändern bei Pilzsammlern einigermaßen bekannt ist und – laufen „nicht nur obwohl, sondern auch und gerade weil“ (N. Luhmann) die Ränder ab.
Und tatsächlich: Sie finden etwas. Wenn auch nur soviel, dass sie ausreichend zufrieden (Wir haben es schon richtig gemacht!) und ausreichend unzufrieden (Wir hätten es aber noch besser machen können!) sein können.

Soweit ein grober Überblick über rationales Planen beim Sammeln von Pilzen. Es ist natürlich ein Trost, dass die meisten gesellschaftlichen Probleme sehr viel weniger komplex sind als die Pilzsuche. Selbstverständlich hat es der Planer bei so etwas leicht Überschaubarem wie Ökonomie, Demographie, Außenpolitik einfacher, als der durchschnittliche Pilzsammler. Jener hat im Gegensatz zu diesem ja auch alle Einzelaspekte gesichtet und nicht nur vorgeblich passende Ausschnitte des Problems.
Und doch kann ich die Volljährigkeit kaum abwarten – dann kann mich kein noch so wohlmeinender Planer mehr adoptieren. Und dahin schicken, wo es nun ganz sicher besser wird.

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Besser geht’s in erster Linie nicht mit der Ersetzung einer Tätigkeitsgruppe durch eine andere. All das, was Ergotherapeuten so tun, darf auch weiterhin getan werden. Nur bitte nicht immer und nicht aus Prinzip („die Leute müssen ja beschäftigt werden“) und v.a. mit einem grundlegend anderen Ziel: Weder darf es vordergründig um den Nutzen der jeweiligen Tätigkeit selbst gehen (bspw.: am Ende müssen die Kartoffeln aber geschält sein!), noch darf gänzlich von diesem Nutzen abstrahiert werden (bspw.: wenn irgend jemand einfach schälend ruhig gestellt wird). Die Tätigkeit muss Dementen in einer ihnen entsprechenden Weise nahe gebracht werden. Bei der Hauswirtschaft bietet sich das Anknüpfen von Erinnerungen an: Wie war das früher? Wer hat bei ihnen geschält? Hatten sie einen Kartoffelschäler oder nahmen sie lieber ein scharfes Messer? Wenn ein Ausschnitt solcher als schön erlebten Vergangenheit in Reichweite gekommen ist, ist der Sinn des ergotherapeutischen Tuns hier voll erfüllt. Es ist ja gut gemeint, wenn der hauswirtschaftende Ergotherapeut begeistert den Kuchen herumzeigt, den alle gemeinsam gebacken haben. Nur: Nach der Backzeit erinnert sich die Hälfte der Bewohner an diese Tätigkeit schon nicht mehr! Der Sinn des Tuns kann m.E. nur darin liegen, in dieser Tätigkeit solange voll aufzugehen bis sich (nicht nur geistig erinnernd, sondern leiblich vermittelt!) das Wirken völlig erschöpft hat.

Bewegungen mit Ball u.ä. werden auch und gerade von Dementen oft als kindisch und unangemessen empfunden: Hier kann man nebenher mit den Männern über Fußball fachsimpeln und die Frauen auf dem Umweg des Gesprächs über Kinderspiele im Hof ködern. Hin und wieder tun’s auch ein paar schulmeisterliche Ratschläge über den Nutzen von Bewegung, den neulich wieder Dr. XYZ hervorgehoben habe.
Schwer Demente brauchen derlei verbale Anknüpfungen nicht mehr, ihnen „reicht“ leibliche Kommunikation: deutende Gestik, schmeichelnde Materialien …

Zusammenfassend könnte man sagen: Demente brauchen Zeit und sanfte Motivation (möglichst über die Aktivierung eigener Erinnerungen), um für sich befriedigend handeln zu können. Ein greifbares Ergebnis ist für Angehörige wichtig, nicht für Demenzkranke; diese wollen u.U. lieber erzählen und von ihrem Gegenüber das Gefühl bekommen, verstanden worden zu sein.

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Die Angehörigen besuchen Oma Nr. 1 im Altenheim. Oma sitzt in einer größeren Runde mit anderen Leutchen. In der Mitte turnt eine schwer übermotivierte Betreuerin, rudert mit den Armen, singt aus voller Kehle, klatscht fortwährend in die Hände, drückt den Leuten mal kleine Bälle, mal Tücher, mal Rasseln in die Hände und schafft es tatsächlich, dass 4, 5 Herumsitzende irgend eine Reaktion zeigen.
Die Angehörigen sind begeistert: Klasse, hier ist was los, hier macht man was mit den Leuten.

Ihre zweite Oma in einem anderen Altenheim jedoch muss leiden. Den ganzen Tag sitzen Leute an ihrem Platz, viele mit geschlossenen Augen, einige lächeln, andere runzeln die Stirn; wieder andere wandern durch die Gänge. Zu verschiedenen Tageszeiten erklingt Walzermusik vom Band, doch manchmal bleibt die Musik ganz aus. Hin und wieder nur schaut jemand vorbei der aussieht wie ein Betreuer und spricht mit dem einen oder der anderen. Es soll hier auch Veranstaltungen geben, aber die Angehörigen haben sowas noch nie erlebt, wenn sie spontan vorbeikommen.
„Die vegetieren hier ja nur vor sich hin“, bestätigen sie einander empört.
Der Fall ist klar: Auch diese Oma soll ins erste Heim umziehen. Dahin, wo es so schön ist.

Na wunderbar, die Angehörigen kümmern sich also – um sich. Sie scheren sich nicht darum, was Demenz bedeutet und was die Bedürfnisse ihrer alten Verwandten sind. Die jetzt alten Leute haben viel Dramatisches erlebt – oft im Gegensatz zu den stellvertretend sinnsuchenden Angehörigen. Wenn die Heimbewohner ihre Augen geschlossen halten, vor sich hin lächeln oder auch betrübt zu sinnieren scheinen, arbeiten sie traumähnlich Dinge ihrer Vergangenheit durch. Für sie gibt es nämlich nichts Wichtigeres und Sinnvolleres, als – auf ihrem jeweiligen noch vorhandenen Geistesstand – ins Reine zu kommen mit sich und den Ereignissen ihres früheren Lebens (darauf weist Naomi Feil immer wieder hin).
Sehr alte und insbesondere demente Menschen haben in und mit dieser Welt nichts mehr zu schaffen, sehen wir das doch endlich ein! Wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann muss unsere Aufgabe sein, ihnen bei ihren sehr speziellen Aufgaben in einer ihnen angemessenen Weise zu helfen.
Das aber wird allzu oft von Angehörigen mit schlechtem Gewissen torpediert. Sie unterstellen den Heimen die Beschränkung auf eine „Satt – sauber – sicher“-Pflege und nehmen jede deutliche Abweichung von diesem Zerrbild als Qualitätsausweis. Als Folge davon werden ihre dementen Verwandten Animateur-Klischees unterworfen. Man schließt einerseits von der Lautstärke einer Großgruppe auf innere Beteiligung der Einzelnen und setzt andererseits stilles Sinnen mit Vegetieren gleich.
Unsere Senioren machen ja noch alles mit! Guck mal Opa, hier ist alles was Du brauchst: Papier, Schere, Leim, Stifte. Nur schade, dass Opa sein Lebtag nicht gebastelt hat. Jetzt im hohen Alter muss er aus zwei Gründen damit anfangen, höheren Blödsinn zu produzieren:
1. wegen der Angehörigen, die es nicht ertragen, dass Opa einfach so im Stuhl sitzt und
2. wegen der Betreuer, die das tun, was sie tun, weil sie können, was sie können.

In fünf von zehn Fällen läuft das auf stundenlange Basteleien und Fitzeleien hinaus, der Rest verteilt sich auf Ballspiele und die „berüchtigten Schälgruppen“, wie Ute Schmidt-Hackenberg das Simulieren hauswirtschaftlicher Tätigkeiten bitter genannt hat.

Wie geht’s besser? Dazu mehr im nächsten Eintrag.

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Eine wesentliche Dimension des Leiblichen bei Hermann Schmitz wird von der Differenz epikritisch/protopathisch (bspw.: S. 23 – 26) aufgespannt. Epikritisch ist das Helle, Spitze, Scharfe, Grelle, der punktförmige Zugriff, protopathisch das Dumpfe, Schwere, Stumpfe, Volle. In der leiblichen Ökonomie herrscht ein Wechselspiel zwischen Epikritischem und Protopathischem. Probleme können m.E. entstehen, wenn sich beide Seiten der Differenz aneinander steigern.
Ich sitze dösend im Schnellzug, die Landschaft rast vorbei; ich nicke ein, die Augen fallen zu, Müdigkeit breitet sich aus, eine der letzten bewussten Empfindungen ist die Schwere der Augenlider. Plötzlich toben unter lautem, hohem Kreischen Kinder vorbei. Ich schrecke hoch. Sie verschwinden im nächsten Wagen und wieder setzt das Dösen ein. An den Polen der Handlungsskala: Wären die Kinder still oder wäre ich müde genug, könnte ich dösen bis in den Schlaf. Wäre ich in überwacher, gar euphorischer Stimmung (etwa nach einer gut bestandenen Prüfung), würde ich möglicherweise den Kindern ein paar launige Bemerkungen zurufen oder mitspielen.
Schwer vorstellbar bei gleichermaßen hochgezogenen Seiten der Differenz ist das glatte, neutrale Aushalten des Verhaltens der Kinder. Die epikritischen Spitzen im protopathischen Medium verunmöglichen es geradezu, diese nachsichtige Mittellage der Handlungsskala zu wählen. Dies könnte ich nur, wenn ich in leidlich munterer Verfassung wäre – bin ich aber nicht: Mein Dösen hat mich ja geradezu heimgesucht.
Eine funktionale Äquivalenz für kreischende Kinder können sorgenvolle Gedanken, den nächsten Tag betreffend, sein: Sie sind immer wiederkehrend, punktförmig gerichtet, brechen herein, werden also nicht hervor gerufen und verschwinden meist ohne zureichende Behandlung.

Schmitz, Hermann: Der Leib, de Gruyter, Berlin/Boston, 2011

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Pendant zum Sexismus: Einst bestand Rassismus darin, Menschen rassisch abzuwerten, danach war Rassismus, sichtbare Unterschiede im Erscheinungsbild von Menschengruppen auf Rassen zurückzuführen (1. Stufe: Es galt als Dummheit, so zu reden. 2. Stufe: Es galt als böse, so zu reden.), heute ist Rassismus, die genannten „sichtbaren Unterschiede“ überhaupt zu sehen.
Die abgewichsten Fortschrittler wollen, das wir unseren Augen, Ohren und Händen nicht mehr trauen, Hautfarben nicht mehr wahrnehmen.
Schwarze oder weiße Haut ist für jeden erkennbar; nicht jeder erkennt jedes schwarz als schwarz oder jedes weiß als weiß und jede der vielen Zwischenstufen als eine solche – aber er erkennt Farbunterschiede, die er zur Beurteilung des Gegenübers einsetzen darf und sollte wie die Form von dessen Mund.

Es muss uns nicht wundern, dass der metaphysische Krimskrams und der gnadenlose Wahrheitsterror, mit denen uns völlig aus dem Ruder gelaufene Naturwissenschaften, Philosophie und Soziologie peinigen, dazu führt, dass immer mehr Leute nichts mehr erfahren wollen und dass nicht wenige, denen Erfahrung sich geradezu aufdrängt, die Sinne vor ihr verschließen.

Dass „Grün“ erregende bis liebliche Qualitäten haben, drückend bis frühlingshaft wirken kann, muss bei der exakten Fassung seines Wesens – ein durch Wellenlänge und Frequenz wohl definierter Bereich – zum Verschwinden gebracht werden.
So werden Farben plötzlich gleich, sie alle sind ja Wellenlänge und Frequenz. Und seit Jahrtausenden ist bekannt: Wo alles gleich ist, ist alles tot. Im „unmarked space“ (Spencer Brown), im unterschiedslosen Raum, wo nichts diskriminiert wird, ist eben Seiendes überhaupt nicht, sondern vielmehr – nichts.
So gerne wollte man hinter dem Spuk, zu dem man die Phänomene gemacht hat, das wirklich Neue schauen und entdeckt doch nur immer wieder – Zahlen. Die sind überprüfbar und berühren niemanden.

Das wollen wir nicht mitmachen – wir wollen frohgemut Differenzen in den Raum semmeln, in den wir gestellt sind und sind gespannt auf das, was passiert. Wir wollen noch etwas erfahren – die Phänomene wollen wir retten. Martin Wagenschein schreibt:
„Phänomene können nicht mit schon isoliertem Intellekt, sie müssen mit dem ganzen Organismus erfahren werden. (…) Auch auf höheren und späteren Stufen der Abstraktion muss der Durchblick und die Führung mit den Phänomenen und der Rückweg zum Umgangssprache [sic!] immer offengehalten werden.“

Wollen wir Gewissheit jenseits der Naturwissenschaft, dann philosophieren wir aus dem, was wir selbst sind – unserem spürbaren Leib.

Ist nicht merkwürdig, dass ein katholischer Blogger sich über das Dahinter-Denken aufregt? Ist für ihn dahinter nicht ganz klar – Gott? Sicherlich, nur Gott ist nun mal niemand, dessen Wesen entlarvenden Bemühungen grundsätzlich offensteht. Zumindest für einen Katholiken nicht.

***

Ich will enden mit drei Absagen an den Verdacht. Sie stammen von Philipp Poisel, dem alten Goethe und Niklas Luhmann:

Wer braucht schon Worte, wenn er Hände hat, wenn er Hände hat zum fühln…

Man suche nur nichts hinter den Phänomenen: sie selbst sind die Lehre. (93)

Und was steckte dahinter? Gar nichts!

Goethe, Johann Wolfgang: Maximen und Reflexionen, dtv, München, 2006

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Oder auch: Die hört mich sehr gut! So ein viel gebrauchter Ausspruch in Pflegeheimen. Mit Angehörigen plaudern funktioniert, nur ausführen, was die Pflegekraft will, funktioniert nicht? Haha, aber nicht mit uns. Wir lassen uns doch von der nicht verarschen!
Die ist aber böse, heißt die Diagnose, in der stillschweigend davon ausgegangen wird, Demente könnten genauso gut logisch verknüpfen wie man selbst, hätten nur eben sehr viel weniger Verknüpfungsmaterial zur Verfügung. Doch spätestens mittelschwer Demente können einem nichts zum Schure tun, ihnen fehlt schlicht das kognitive Potenzial für so etwas wie Vorsatz. Die Annahme von Bosheit taugt lediglich dazu, nicht allzuviel Empathie für die Dementen aufbringen zu müssen.

Darüber hinaus ist Bosheit kein funktional ergiebiges Erklärungskonzept. Was, wenn Demenzkranke wirklich böse würden? Müsste man sie dann umbringen oder wenigstens einsperren? Denn das Böse gehört doch bekämpft, oder?! Viele Leute treibt diese Frage um, täglich erreichen diesen Blog Suchanfragen, die sich um „Demenz“ und „böse“ drehen. Ich frage zurück: Lebt Ihr alle in einem Western-Film, in dem das Gute, also Ihr, die Nicht-Demenzkranken, am Ende siegen muss?
„Gestern hat sich Herr X wieder ganz böse zu mir benommen“, beklagt sich Schwester A bei mir. Ach was?! Und was machen wir beide jetzt mit dieser Wertung, die als Information daherkommt? In Zukunft den mittelschwer dementen Herrn X, der längst keine Vorstellung moralischer Kategorien mehr hat, auch „böse“ behandeln?

Unsere Pflegekräfte unterstellen: Entweder man hört etwas, dann antwortet man auch oder man hört nichts und benötigt also ein Hörgerät bzw. hat eben Pech. Undenkbar für sie ist, dass bspw. Angst in bestimmten Situationen das Hören und Sehen vergehen lässt. Und dass gespürte Scham über die intellektuelle Minderleistung jede Konzentration auf das Gesagte verhindern könnte. Ebenso beim Sehen: Halluzinationen, Gleichgewichtsprobleme können eine intersubjektiv verständliche Interpretation des Gesehenen vollständig verhindern. Aber nein: Man hat sich auf Bosheit als ultimative Erklärung für abweichendes Verhalten festgelegt.
So pampt man sich in dauerhaft schlechte Laune hinein, bringt die Kranken gegen sich auf und arbeitet sich Schritt für Schritt dem burn-out entgegen.
Vielleicht noch einmal ganz deutlich: „böse“ im Sinne von „der ist böse zu mir“ ist ein Kinderwort, das mit Beginn der Pubertät möglichst nicht mehr benutzt werden sollte. Wir leben im Stande der Erbsünde, tragen also alle etwas Böses an uns – das aber qualifiziert uns nur zur Erlösungsbedürftigkeit. Wo immer sonst zur gut/böse-Differenz gegriffen wird, hat man versagt, das zur Anwendung zu bringen, was dort eigentlich tätig sein sollte: die Liebe – und sei’s auch nur in der Form der Amicalität.

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