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Posts Tagged ‘Geschmack’

man weiß ja nie genau, wann die Krise zurückkehrt, ob und wenn ja wann sie so richtig schlimm wird, dass Ihr noch einmal etwas zu tun kriegt.
Wenn Ihr also anfangt zu planen, könntet Ihr es da so einrichten, dass alles ein wenig nach Porto aussieht?

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Ich würde mich verpflichten, meine subversive Tätigkeit gegen Eure Gesellschaft auf ein kaum mehr wahrnehmbares Minimum zu beschränken, wenn Ihr mir diese hübsche blau gekachelte Hütte da im Vordergrund mit dem durchgehenden Balkon anweisen würdet.
Ach, Ihr hattet gar nicht vor, neue Sachen zu bauen, sondern gedachtet, vielmehr alles so zu übernehmen, wie es ist? Und dieses Häuschen da habt Ihr auch schon für Euch und die verdientesten Genossen der Revolution reserviert? Dachte ich’s mir doch.

„Der Kampf geht weiter.“

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Soviel ist erst mal klar.

A: Alle Äpfel müssen weg. Abschaffen!
B: Klar? Was ist hier klar?! Totaler Quatsch! Äpfel schmecken großartig. Die ganze Menschheit sollte sich von Äpfeln ernähren.
C: Natürlich sind Äpfel übel. Aber wäre eine Anbaukontrolle nicht leichter zu bewerkstelligen?
D: Ach, Äpfel würde ich nicht essen, aber wer sie mag…
E: Äpfel zu essen, ist eine anthropologische Grundkonstante. Seit Jahrtausenden ernährt sich die Menschheit von Äpfeln.
F: Äpfel haben eine chemische Zusammensetzung, die nach ein paar Jahrhunderten für ihren genetischen Zerfall sorgt; bis dahin muss die Menschheit ausharren und darf nicht aufhören, hie und da einen Ast der verhassten Bäume abzusägen.
G: Über Äpfel will ich mich nicht unterhalten. Mir geht es um den Begriff „Obst“ und um den Begriff des Begriffs „Obst“ und deren beider Vermittlung.
H: Ihr habt Probleme! Schon mal über Birnen nachgedacht, hä?! Nein, natürlich nicht! Die ach so bösen Äpfel sind ja schuld…
I: Äpfel zu verabscheuen, ist eine anthropologische Grundkonstante. Seit Jahrtausenden hat die Menschheit Äpfel gemieden.
J: Es geht doch nicht um den einzelnen Apfelbaum! Es geht um einen gesellschaftlichen Zusammenhang, der die Pflanzung immer neuer Apfelbäume geradezu fordert. Der ist doch das Problem!
K: Herrjeh, das habe ich auch mal gedacht, aber heute, nun ja, esse ich auch den einen oder anderen.

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Nachts auf dem Weg nach Hause. Vorbei an einer Kleingarten-Siedlung. Hinter der sauber geschnittenen Hecke: laute Party; eine lustig bunte Lampionkette ist an der Laube befestigt.
Einige der Gäste werden tanzen, andere über Arbeitsscheue wettern, die dritten fordern, dass man bei Nazis und Kinderschändern kurzen Prozess machen sollte. Wieder andere werden einander bestätigen, dass sie in der DDR jedenfalls genug zu essen hatten (obzwar sie auch jetzt keinen gänzlich unterernährten Eindruck machen) und die Gruppe da hinten ist schon bei Trinkspielen mit kleinen Flaschen angekommen.
Musik: „Die Toten Hosen“. Ah, das passt.

Der Zurückgebliebene kratzt sich am Kopf: Die „Toten Hosen“ sehen sich noch heute als Punks, mithin als Leute, die „ihr eigenes Ding machen“, Konventionen gering schätzen und ein eher lockeres Verhältnis zu Recht und staatlicher Gewalt pflegen. Ganz so „fast“ leben sie nicht und „young“ sterben können sie auch nicht mehr, dennoch: Sie sind gegen Nazis, deutschen Ordnungssinn, trinken durchaus Bier und spielen schnellen, gepflegten Deutschrock, in dem sie die üblichen Wahrheiten der „Progressiven“ verkünden: Saufen gut, Nazis schlecht, Vorurteile blöde, Liebe ’ne gute Sache, Jugendgewalt Reaktion auf soziale Probleme, Heuchelei echt übel, Fußball olé olé olé, oft geht’s im Leben schief, aber wir steh’n immer wieder auf….

Kleingärtner als inkarniertes Spießigkeitsklischee müssten mit der Unterminierung ihrer Ordnung der Dinge ein Problem haben, Wühlmäuse sollten nichts gegen es sein. Haben sie aber nicht. Sie müssten linksradikale Umtriebe wittern, tun sie aber nicht. Wenigstens einer von ihnen könnte doch das Gesungene mit dem eigenen Leben vergleichen und gewisse Diskrepanzen feststellen?! Aber warum sollte er, bloß weil irgendein Verrückter des vergangenen Jahrtausends nicht mehr mitkommt, sich dafür aber schwer reaktionär vorkommt, wenn er in der Postmoderne der Moderne nachtrauert.
Ja, auch die Postmoderne kennt Gärten in der Stadt und deren Pächter sind – im Rahmen der guten Sitten – genauso ausgeflippt wie die Ehemals-Punks, sie schätzen den Suff, die Partyübertreibung, bunte Haare und sexuelle Freizügigkeit.

Wer jetzt irgendwen auf irgendwas festlegen will -bspw. darauf, dass das zustimmende Gegröhle von der Schönheit des In-den-Tag-Hineinlebens sich doch auch irgendwie in der eigenen Lebensführung niederschlagen müsste- wird, wenn er überhaupt noch verstanden wird, sicherlich mit dem Kult-Einwand abgespeist: Alles so schön verrückt hier, aber eigentlich sind wir anders; das Peinlichste ist das Beste, hier lacht der Linke über den Judenwitz und der Konservative singt Ernst Busch. Das ist doch das Tolle, mach dich locker, guck mal über’n Tellerrand, sind hier nicht alle so verbiestert logisch wie Du!

Nun denn, um den Wahnsinn auf den Begriff zu bringen, reden wir – systemtheoretisch – von „Ausdifferenzierung“; Spenglerianer dürfen Oswalds Kulturen-Tafeln zu Rate ziehen und an deren jeweiligen Enden nachlesen, wie es Zivilisationen (= den Verfallsformen der Kultur) so ergeht: „starrer Formenschatz“, „Ohnmacht“, „Massenwirkung“, „provinziales Kunstgewerbe“, „geschichtsloses Erstarren“, „langsames Heraufdringen urmenschlicher Zustände in eine hochzivilisierte Lebenshaltung“ (ab S. 70).
Alles geht deshalb so wunderbar glatt und andererseits herrlich durcheinander, weil alle Beteiligten die Technik des geschmeidigen Systemreferenzwechsels gelernt haben. Sie wissen nicht nur, wann sie gezwungen sind, sich unterzuordnen und wann, wo sie locker sein dürfen, sondern – viel wichtiger – wo und wann Übertreibung geregelt geboten ist und wann es cool ist, gehorsam zu sein.

Je starrer die Lebensführung wird, desto mehr will man sich von einst nicht-traditionalen Kulten ausborgen. Würde man sich Existierendes, noch Fremdes nicht aneignen wollen, hieße das ja, Grenzen anzuerkennen, zu wissen, wo der eigene Bezirk aufhört, der des anderen beginnt. Doch jede Grenze wird hier einfach verlacht, nicht einmal angegriffen. Wer Grenzen zieht, will anderen etwas verbieten, ist mindestens Spaßbremse, wahrscheinlich aber Faschist.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, dtv, München, 1988 (9. Auflage)

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Hier und jetzt geschieht das Große, das, was uns übersteigt, gegen das wir kleine Würmchen nur sind. Wie froh wären wir, für dieses Große einen bescheidenen Beitrag leisten zu können. Hoffentlich werde ich nicht von Erschütterung überwältigt.

Wer kann in dieser Zeit noch so denken und empfinden?
Hingabe, Ergebung, Überwältigtsein, bedingungslose Hochschätzung – das alles wird der Überredungskunst von Nazi-Ästhetik zugeschlagen.
Man könnte sich -Spenglers Diagnose unseres Zeitalters im Hinterkopf- damit arrangieren, träten an deren Stelle nüchterne Überlegung, Prüfung aller Aspekte an einer komplizierten Sachlage, Vorsicht im Abwägen. Doch triumphieren: Respektlosigkeit, dümmliches Gewitztsein und die Generation für Generation durchtradierten Floskeln aus dem Elternhaus über die komplett egoistischen Menschen, die immer schon falsch waren – verkündet von Leuten, die Wälzer über Steuerspartricks fast auswendig hersagen können.

Wer gilt dieser Zeit als der Gute?
Die Helden der Neuzeit kämpfen nicht mehr gegen das Böse, sondern gegen den Dreck (allgemein: der Großstadt, spezieller: der Kriminalität); die Jugendkulturen nach ’45 wollen nicht mehr geistige Wirkung in die Gesellschaft hinein, sondern zielen auf Provokation von allem, was nicht so ist wie sie. Muten Hängengebliebene ihnen das Eintreten für bestimmte Ziele oder auch nur die Begründung ihres eigenen So-Seins zu (das kann einer linken Jugendkultur auch durch einen orthodoxen Marxisten widerfahren, der meint, dass man seine Lebenskraft doch für etwas Wichtiges und Großes einsetzen müsse), wird ihnen bedeutet, sie verstünden gar nicht, worum es ginge.
Hingerissen-Sein ist ihrem Leben dysfunktional, es würde sie der schnellen Reaktion auf echte oder vermeintliche Angriffe berauben.
Beim großen Feuerwerk lacht die Jugend über die in den Himmel starrenden Menschen: „Toll, ’ne Rakete!“.
Es gibt nahezu kein Sinn mehr für musikalische Wucht. So wird nicht-elektronische Musik für den Konzertsaal (= „Klassik“) von jungen Leuten zunehmend pauschal als überkandidelt, peinlich gestelzt empfunden. Sie hören keine unterschiedlichen Stimmungen mehr (traurig, fröhlich, kraftvoll, tänzerisch, edel, vulgär…). Hören sie Geigen und Blechbläser, dann ist das für sie eine Art alter Film und damit eine Mischung aus langweilig und traurig. Nicht wenige Leute, sogar jenseits der 30, sind mir begegnet, die schlimmsten, nervtötenden Techno als zum Tanzen anregend empfanden, einen Strauß-Walzer allerdings als getragen, allzu feierlich und sehr bald als deprimierend.

Nirgendwo macht diese Nivellierungswalze halt: Wer dem Staat freiwillig dient (weil dieser womöglich gar eine Idee verkörpern könnte), sich an Vorschriften und Verkehrsregeln hält, ist dumm, wer an Liebe glaubt, naiv, wer eine Idee für größer hält, als sein eigenes kleines Hirn, ist schuld an zukünftigen Gemetzeln. Meine Güte, als ob es jenseits des Islams und psychischen Störungen noch Fanatismus gäbe…
Das Große, Schöne, das Erhabene, vor dem man vergehen will, kurz: das, womit man nicht fertig wird, hat nicht einmal mehr eine Jugendbewegungsnische.

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Für Oma ist der Drahtige ein Hungerleider: „Iss mal tüchtig, damit du was auf die Rippen bekommst“, hat sie uns ermahnt. Wer was auf den Rippen hat, hat „was zuzusetzen“, er wird nicht so schnell von Krankheiten geschwächt. Omas Ratschläge sind passé. Wer auch nur etwas auf sich hält, trainiert sich die letzten kleinen Polster ab. Für Horkheimer war es noch eine neue Erkenntnis – heute wissen es alle: Die Unterschichten sind fett – nicht die Ausbeuter. In diesem Land, in dem die Verelendung (bei einer Inflationsrate von 1,8% und Tarifabschlüssen um 4 bis 5 %) ja rapide fortschreitet, muss wohl dennoch niemand essen, um für schlechte Zeiten gewappnet zu sein. Der Wohlhabende knabbert an Salaten herum, die Bildungsferneren werden schon wieder krank vor lauter Fresserei. So hatte Oma sich das nicht vorgestellt.

Ich besitze eine – wie ich finde sehr kleidsame – Norwegerjacke. Ein Kunstfellpolster innen, dicke Wolle außen lassen mein Kreuz ein bisschen breiter und mich im Ganzen leicht aufgeplustert erscheinen, vorteilhaft für einen Dünnen wie mich. Die alten Leute auf Arbeit kriegen sich nicht ein vor Begeisterung: „Die ist bestimmt schön warm“, „In der Jacke machste was her“. Ich winke ab – die Jacke sieht wärmer aus, als sie ist. Die Wollmaschen sind recht grob, das Fellfutter ist mehr Dekoration; mit zwei Pullovern darunter kommt man aber gut durch den Winter.
Oma kennt die schlabbrigen Funktionsjacken von heute nicht, die Jacken, die wirklich warm halten, Nässe abweisen, garantiert nicht plustern und einem im Laufen vermutlich noch ein Spiegelei braten, Jacken, durch die man nichts mehr spüren kann von seiner Umgebung.

Für Oma hält alles Dicke am Leib die Kälte ab; viel hilft viel. Für Oma sind die Reichen die glücklichen: Sie lassen es sich wohl sein, essen deshalb viel und leben somit gesünder und länger als die Dürren, die sich offensichtlich die guten Dinge nicht leisten können.

Oma lebte in einer Zeit, in der das Richtige offensichtlich und das Offensichtliche richtig war. Mir ist klar, dass eben diese Fraglosigkeit viel Böses befördert hat. Und doch: Es gab kein trash, kein Kult, keine Bad-taste-Parties. Der Alltag wurde nicht dauerironisiert. Richtig und falsch waren noch in der Welt.

Ich trauere dieser Zeit hinterher, obwohl ich sie nur durch alte Leute kennengelernt habe. Wir bekommen diese Welt nicht zurück, das Lamentieren hilft nichts, die Gesellschaft hat sich auf die Beobachtung zweiter Ordnung (die Beobachtung von Beobachtungen) umgestellt. Für Hängengebliebene wie mich hat sie die Kategorie „vintage“ erfunden; wer nicht ganz von gestern sein will wie ich, goutiert die Überschneidung von vintage und Kult namens Retro.
Auch noch der Verabscheuung des Fortschritts gesteht die fortschrittliche Gesellschaft die Existenzberechtigung zu. Und ab morgen freue ich mich darüber.

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Woher kommen Melodien? Letztlich aus der Erfindungskraft des Volkes. Auch und gerade im Absetzen von Volksmelodien kann der Volkston erhalten bleiben. Es gibt noch eine volksspezifische Art, sich anti zum Volk zu verhalten.
Luhmannisch gesprochen: Volk hat fast die Besonderheit von „Welt“ und „Sinn“, nämlich unterscheidungslos gebaut zu sein, keinen Gegenbegriff zu haben. Und das verweist auf die krasse Tragik, wenn man von jeder Volkszugehörigkeit ausgeschlossen ist; dies entspricht dem Sinnverlust in der Demenz, bzw. dem Weltverlust eines Menschen in Isolationshaft. Der Demente und der durch Isolationshaft Gefolterte sind darauf angewiesen, dass jemand „da draußen“ mit großer Anstrengung Sinn bzw. Welt für ihn wiederherstellt oder auch nur fingiert. Der aus dem Volk Gefallene oder Gestoßene muss sich jede einzelne Selbstverständlichkeit, ohne die Alltag nicht lebbar ist, neu erfinden.
„Im Begreifen des Todes tritt das Medium Sinn in Widerspruch zu sich selbst“ sagt Niklas Luhmann irgendwo in „Die Religion der Gesellschaft“ (erwähnt bei Bardmann/Baecker, 11).

Zurück zu den Melodien: Man spürt -immer noch, trotz allem!- intuitiv, was die Melodie meint, dass sie auf etwas und nicht selten sogar: worauf genau sie in uns zielt. Das naive Volkslied mit den wurschtigen Dreiklängen hält die einfachen und starken Gefühle bereit; der Kunstliedkomponist präsentiert uns eine Beobachtung zweiter Ordnung: Was, wenn alles ganz anders wäre?, so nervt er uns durchaus berechtigt. Dieses Nerven führt zu Kunstgenuss. Auch seine Parodie des Volkstons muss eben dieses Volksmelodiematerial und nicht irgendetwas parodieren; wenn sie gut ist, hat ihr Schöpfer den ganzen Geist der Melodie in sich aufgenommen und nimmt erst hernach -wie immer kritisch- Stellung zu ihr.
Selbst heute noch hört man der Melodie meist an, ob sie reine Überlieferung ist, von Künstlern schon verarbeitet wurde oder direkt vom Fließband der Musikindustrie kommt. Noch der antinationalste Kritiker in unseren Breiten wird sich spontan auf tonale Melodien (laut Alban Berg wird „tonal“ von den Meisten nur im Sinne von Dreiklangsmelodik verstanden, 306) und einfache, geradttaktige Rhythmen beziehen und nicht auf Fernöstliches, Pentatonik, Vierteltöne oder nicht taktgebundene Musik. Er ist so aufgewachsen, das heißt: nicht anders. Er fühlt den Volkston.

Bardmann, Th. M. und D. Baecker: „Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?“: Erinnerungen an Niklas Luhmann, UVK, Konstanz, 1999

Berg, Alban: Was ist atonal?, S. 297-306 in: Glaube, Hoffnung und Liebe: Schriften zur Musik, Reclam, Leipzig, 1981

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Niklas Luhmann verteidigte einst die Zeitung gegenüber dem Fernsehen. Beim Fernsehen müsse man da und aufmerksam sein, wenn eben jetzt das gesendet wird, was ein anderer bestimmt hat; beim Lesen sei das anders. Nun konnte man auch schon zu Luhmanns Zeiten Fernsehbeiträge mitschneiden, musste also eigentlich nicht just in time sehen. Luhmann hat trotzdem recht: Ist das Fernsehen gegenüber der Zeitung etabliert, stellt sich auch die Kommunikation auf Fernsehzeitverhältnisse um – wer am nächsten Morgen mitreden will (und das muss er, will er zum Gesehenen überhaupt mitreden, denn am Abend kommt ja wieder etwas Neues), der muss am Abend sehen, ob er nun mitschneidet, oder nicht. Zeitungen erheben überhaupt nicht den Anspruch, dass am nächsten Morgen über einzelne Beiträge diskutiert wird. Wer sich über Zeitungsartikel austauscht, ist eher in der Mittel- bis Langfristperspektive der Kommunikation zu Hause (ausgenommen die fernsehähnlichen Meldungen: „Wir waren Papst“ bspw., bei denen es aber auch reicht, sie „gesehen“ zu haben).

Die e-mail konnte ich bis vor kurzem in umgekehrter Richtung benutzen: Sie hat mich vom just-in-time-Zwang des älteren Telefons („ruf mich an, wenn du was weißt“) erlöst. Kein Stottern mehr, kein Erröten, kein Luftschnappen, kein Improvisieren von Entscheidungen. Ich konnte davon ausgehen, dass von den mich interessierenden Personen ein, zwei Mal pro Tag der Posteingang gecheckt wurde. Die (Re)aktionszeiten wurden je persönlich festgelegt: Jeder konnte kürzer oder länger überlegen, ob und wenn ja wie er antwortet. Niemand wurde vom Medium gegängelt: Eine weitgehend selbst dosierbare Aktualität hat uns die e-mail geschenkt. Nicht zu vergessen auch die herrliche Notlüge, man hätte irgendetwas nicht bekommen (Spam-Filter, irgendwie verlorengegangen, Tippfehler…). Empfangsbestätigungen waren im privaten Verkehr unüblich.

Diese Errungenschaft wurde durch SMS und Facebook wieder abgebaut. Nun muss (!) man wieder antworten, d.h. jede Verzögerung wird erneut begründungsbedürftig. Zwar: Immer noch kein Luftschnappen und Erröten, aber durchaus wieder sachfremde Improvisationen.

Vieles wird schlechter.

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