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Posts Tagged ‘Gewalt’

Das auf Straßengangster gemodelte HipHop-Nölbrötchen will Anerkennung (vulgo: Respekt). Meine schwulen und lesbischen Brüder und Schwestern wollen sie gar vom Staat – dafür, dass sie ebenso wertvolle und großartige Dinge tun (nämlich: Zusammenleben) wie die neben ihnen herlaufenden Heten. Sie wollen anerkannt werden gerade in ihrem So-Sein, nicht als selbstverständlich hingenommen, nein: anerkannt. Weshalb nur?
Liberal ist das nicht. Wäre man das, wäre man darauf bedacht, in Ruhe gelassen zu werden, nebeneinander her leben zu können, Anerkennung also nur von dem zu erwarten, den man ihrer Spendung für wert hält. Meine Nerven – zu meiner Zeit („Opa erzählt vom Krieg“) haben Punks darauf geschissen, von denen, die sie anschnorrten, anerkannt zu werden. Heute soll der gebefreudige, aber gerade auch der ablehnende Bankangestellte ein irgendwie warmes Gefühl zum Ausdruck bringen für den wunderbar ollen, bunten Suffpunk, sonst heult der sich in der nächsten Obdachlosenzeitung gleich wieder aus über die Kälte der modernen Gesellschaft.
Refugees, die die Linke (egal welcher ideologisch differenzierten Herkunft – heute sind wir alle wieder AntiRa) in diesem Lande pauschal welcome heißt, vermissen den Respekt – nur merkwürdigerweise suchen immer mehr ihn in ausgerechnet diesem Land, wo ein solcher Mangel an Anerkennung herrschen soll.

Ich erkenne weder den Bombenleger, den Kleinkriminellen, den Islamisten, noch den Steuerhinterzieher oder den Dorfnazi in ihrem So-Sein an. Und ich wünsche nicht, von ihnen anerkannt zu werden. Sie alle sollten sich Anerkennung von ihresgleichen beschaffen – oder sich eben ändern. Von mir kann man die Einhaltung der Gesetze erwarten, nicht mehr, nicht weniger.

Mit sich modifizierendem Sinn fürs Private (hören Sie diesen Fortschrittler dazu) steigt offenbar das Bedürfnis dafür, nun von allem und jedem, der einem so auf der Straße oder im Web entgegenkommt, anerkannt zu werden. Einst gab es uns und die Anderen. Wir achteten auf uns und waren uns gut, die Anderen sollten unbedrängt ihr’s machen dürfen, auf ihre Weise:- vielleicht war die ja besser als unsere, mit Sicherheit aber ihnen angemessen, sonst hätten sie sie ja nicht gewählt. Doch wer werden wollte wie wir, musste Farbe bekennen, eine Zeitlang dabei sein, etwas bieten und war eines Tages – anerkannt.

Nur in einem Klima, in dem reflexartig alles Abweichende immer schon anerkannt wird, kann bspw. ein solch alberner Gedanke, der Neubau einer Moschee hätte irgend etwas mit bunt-toleranter Vielfalt zu tun, überhaupt entstehen. Keine Frage: Wer Abweichendes nicht existieren lassen will, gehört in die Schranken gewiesen. Nur: „Anerkennung“ ist nun einmal nicht ohne Inflationierung der Sache hinter dem Begriff und den Verlust jeder Art von (Selbst-)Achtung forderbar, sie ist eine Kategorie freiwilliger Gewährung von und für Kleingruppen.

Arnold Gehlen diagnostizierte das Problem schon recht früh unter den Oberbegriffen der „Hypermoral“ und „Moralhypertrophie“ (183). Was in kleinen, überschaubaren Zusammenhängen aus Gründen funktioniert, funktioniert aus eben diesen Gründen in großen nicht. Eine „Mehrheit moralischer Instanzen“ (38) ist für eine Mehrheit von Lebenslagen zuständig, nicht eine Instanz für alle.
Nur in einem Umfeld, in dem man für Anerkennung tätig zu sein hat, in dem sie also recht schnell versagt werden kann und in dem sie von bestimmten für bestimmte Menschen in bestimmter (und nur dieser!) Hinsicht erwiesen wird, können sich Menschen gedeihlich entfalten. Der Staat ist kein Freundeskreis, das Wohngebiet keine Familie.
Das miese Kalkül des Humanitarismus wird von Arnold Gehlen 1969 so beschrieben:

Die Handlungen und Gedanken der Menschen, ihre Bosheiten, Tugenden und Laster, Künste und Spiele, Klugheiten und Narrheiten – nichts wird von der Geltung ausgenommen, außer allein die Behauptung und Haltung, die erkennen läßt, daß irgendetwas nicht gelten soll – wer das sagt, hat „Vorurteile“ und kommt nicht in Betracht. Der politische Nutzen dieses Ethos ist eklatant, er besteht in der Chance, vom künftigen Sieger verschont zu werden, wenn man es ihm beibringen kann; über den unmittelbaren Kassennutzen braucht man kein Wort zu verlieren.

(143f.)

Wenn die Welt nun schon einmal so ist wie sie ist, dann sollten wenigstens die Falken nicht noch ihr schlechtes Gewissen und die Tauben ihre Mordlust hätscheln (vgl. 143, 102).

Gehlen, Arnold: Moral und Hypermoral – Eine pluralistische Ethik, Athenäum, Frankfurt am Main und Bonn, 1969

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„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“

Karl Marx

Die heißblütigen Action-Helden der Antifa vornehmlich antideutscher Bauart hielten einem einst den ersten Teil vor, wenn man lieber über Profitraten reden wollte und den zweiten Teil, wenn man sich gegen weitere Adorno-Lektüre und lieber für den Besuch einer Anti-Hartz IV-Demonstration entschied. Ja, verzwickt ging’s zu damals. Doch das soll heute nur Aufhänger, nicht Thema sein.

Könnte es nicht sein, dass die Bereitschaft der linken Intellektuellen – im Grunde ist das doppeltgemoppelt: es gibt nur linke Intellektuelle, Menschen, die mit öffentlichem Nachdenken über anderer Leute Meinungen berühmt und wohlhabend werden; rechts ist man höchstens: Denker – könnte es also nicht sein, dass deren Bereitschaft, jede Art von Gewalt zu rechtfertigen, wenn sie nur irgendein (vermeintlich) Unterdrückter ausübt, damit zusammenhängt, dass sie geistigen Schöpfungen unmittelbar praktische Wirkungen zuschreiben? Jedes Buch im linken Kleinverlag: ein Angriff auf die Herrschaft und ein Schritt zum Umsturz der falschen Verhältnisse; jedes Gegröhle gegen Staat, Nation, Kapital: ein Puzzleteil der Revolution; jeder Spätaufgestandene und trotzdem Unglückliche beim Zeitschriftenlesen in irgendeinem Keller irgendeiner Selbstverwaltungsbude: Widerstand. Wenn sie zum Handeln aufrufen, meinen sie das Unterschreiben und seltener auch einmal das Verfassen eines Aufrufs.
Die Chose passt aber auch auf die Gegenseite: Labert irgendein Fußballproll rassistisch daher, ist er schuld an jedem einzelnen Naziübergriff, denn: Rassismus tötet.
Zu wessen Profession es gehört, Notwendigkeit und Effekt eigener Äußerungen im öffentlichen Raum dauernd zu überschätzen, der ist im Gegenzug wohl bereit, Äußerungen der Gegner sofort für Kampfhandlungen zu halten. Es wird einfach kein Unterschied zwischen Reden und Töten mehr gemacht.

Doch auch die Gegenfahrbahn wird gern benutzt: Irgendein Mord irgendeines Fundamentalisten ist dem Intellektuellen dann nicht in erster Linie die gewaltsame Beendigung eines Menschenlebens, sondern Ausdruck von xyz auf der Seite des Mörders. Der hat sich dann eben nur mit seinen Mitteln in die Diskussion eingebracht – weil er anders nicht gehört wird, weil die Herrschaft des abc das verhindert, weil seine Verzweiflung zu stark geworden ist, weil er keine ausreichende Schulbildung hatte …

Ob nun Bücher und Gerede zu realer Tat hochgekocht, Prügeleien und Mordanschläge zu Meinungsäußerung heruntergekocht werden: In beiden Fällen wird die Welt nur noch als Tummelplatz der Rechthaberei behandelt, nicht als Schlachtfeld – alles ist hier Diskurs, zwar nicht gerade herrschaftsfrei, aber immerhin.

Der linke Umbau der Gesellschaft ist alternativlos im Merkelschen Sinne geworden, d.h.: irreversibel. Das Wort ist unmittelbare Tat, die Tat, spätestens seit dem linguistic turn, unmittelbar Wort geworden. Systemtheorie reagiert nur darauf, ihr ist kein Vorwurf zu machen.

Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung

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Könnte eine Ursache für die Erfindung von Schießpulver und Handfeuerwaffen evtl. zunehmender Ekel der Menschen voreinander gewesen sein? Feinde mochten plötzlich einander nicht mehr berühren und konnten sich nun endlich auf Distanz niedermachen. Und liegt nicht vielleicht hier auch eine Wurzel des Weltanschauungskriegers für den Ritterlichkeit undenkbar ist? Der, der tut, was seiner Ideologie gemäß getan werden muss, kann im anderen schon nicht mehr den Leib-Menschen erblicken, sondern nur noch das gefährliche Körper-Ding.
Spekulieren wir weiter: Barbarei kann Kampf und Scharmützel dann ablösen, wenn sich die leibliche Dimension verliert, die intuitive Sicherheit, dass auch die Natur des Anderen im Spüren von Spannung und Schwellung liegt.
Die dritte Stufe: Der Ekel stellt sich schon beim puren Anblick ein. Cyberkriege ersparen auch den noch. Keinerlei Einleibung mit menschlichen Gegenübern ist mehr nötig.

Turniere – Ritter zu Pferd, bewaffnet mit Lanzen, angetan mit Rüstungen – und auch die Wirtshauskeilereien vergangener Zeiten haben dagegen fast etwas von Liebesspielen.

Einleibung, Spannung und Schwellung sind Begriffe aus der Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz.

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Auch wenn das für Atheisten kein echtes Problem darstellt: Katholischerseits geht man davon aus, dass alle im Stande der Erbsünde geboren sind, kein Mensch ist erbsündenlos, keiner aber auch erbsündiger als der andere. Wenn sich das so verhält, dann können wir zur Charakterisierung und Beschreibung der Beziehung zwischen Menschen diese Kategorie weglassen, sie trägt nichts mehr zur Kennzeichnung bei. Die Erbsünde macht, dass in dieser Welt letztlich nichts perfekt aufgeht – das was ist, ist entstellt von Bosheit, Versagen, Kleinlichkeit. Wir müssen damit zurechtkommen, d.h. uns bemühen, diese Folgen kleinzuhalten.
Im Unterschied zur Erbsünde als Anlage sind also deren o.a. Folgen in Graden, nicht total ausgeprägt. Menschen sind zwar vollständig erbsündig geboren, nicht aber vollständig böse, sonst müsste der Versucher nicht immer wieder kommen, um sie auf seine Seite zu ziehen.

Nehmen wir an, wir hätten da einen ganz besonders bösen Menschen. Was haben wir von ihm zu erwarten, was muss also mit einem solchen Menschen geschehen? Wir werden an dem ansetzen, was uns nicht vollständig vom Bösen verseucht erscheint, werden versuchen, durch Beispiel und Liebe etwas Gutes in ihm zu bewirken. Wenn nun aber diesem Menschen jegliche Einsichtsfähigkeit und somit auch jeder Besserungswille abgeht – bspw. weil er keinerlei geistige Fähigkeiten mehr besitzt und nur noch seinen „bösen Gefühlen“ die Zügel schießen lässt? Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss ihn eliminieren, damit er nicht dauernd andere schädigt.

Demente ab einem bestimmten Entwicklungspunkt der Krankheit haben keine Einsicht in ihr Verhalten mehr, geschweige denn in Verhaltensänderungsmöglichkeiten. Noch einmal: Ihre Einsicht ist nicht etwa stark herabgesetzt oder durch fortschreitenden Gedächtnisverlust schwer geschädigt – es gibt keine Einsicht mehr und es gibt keine Personqualität mehr, sie werden herumgeworfen durch Biochemie. Dabei ist die Fähigkeit zum Fühlen und Erspüren von Situationen m.E. sogar etwas stärker ausgeprägt als bei Normalmenschen, so, wie ja auch Tiere Instinktqualitäten besitzen, die Menschen abgehen.
Und nun die harte Frage: Was, wenn es unter diesen Dementen nicht nur leicht zu Lenkende, grundsätzlich Wohlwollende sondern – Böse gibt? Die Antwort ist klar: Sie müssen weg. Die Endkonsequenz der Feststellung: „Die demente Frau C. ist böse“ lautet „Frau C. muss beseitigt werden“.

Das ist m.E. kein überdrehtes Beispiel für radikale Terminologie, sondern schlichte Logik.
Meine Folgerung: In sozialen Berufen ist es vollständig dysfunktional, von „bösen Menschen“ auszugehen.

Natürlich: Wie snoopylife richtig sagt, sind bestimmte Begriffe für den Umgang im Alltag notwendig. Und dass Pflege- und Betreuungskräfte, wenn sie von Dementen gerade wieder einmal beschimpft oder bespuckt werden, nicht unbedingt sagen „Frau R. hat sich heute wieder sehr herausfordernd verhalten“, ist auch geschenkt.
Nur: 1. Die Benutzung bestimmter Begriffe macht uns auch unsere Realität. Wenn nur oft genug eine Gruppe von Sachverhalten mit demselben Begriff assoziiert wird, wird uns der Begriff zur „materiellen Gewalt“. Man läuft Gefahr, die grundsätzlich kontingente Deutung mit der Sache selbst zu verwechseln. Frau R. bleibt dann die böse Frau R., auch wenn sie ruhig auf dem Stuhl sitzt – sie guckt dann eben „böse“.
2. Demente haben einen 7. Sinn dafür, wie man ihnen entgegen kommt. Sie spüren, wie sie vom Gegenüber eingeschätzt werden, auch wenn ihnen längst jeder verbale Ausdruck dafür fehlt. Unter Umständen erspart sich die Pflegekraft Ärger, wenn sie davon absieht, dass Frau R. „böse“ ist.

Abschließend: Bosheit ist ein funktional unergiebiges Schema im Umgang mit Demenzkranken. Weder Pflege- noch Betreuungskräfte sind aufgerufen, quasi-pädagogische Betragenseinschätzungen der Bewohner zu liefern. Es hilft nichts, sich die eigene Betreuungsbilanz dadurch zu schönen, dass man „Böse“ von ihr ausschließt; übermotivierte Betreuungskräfte, die ihren kleinen Privatkrieg gegen die monströse Irrationalität Dementer führen zu müssen glauben, helfen dadurch weder dem Dementen, noch verbessern sie ihre Arbeitsbedingungen oder erhöhen ihre Arbeitserfolge.
Professioneller Umgang mit Demenzkranken bedeutet m.E. nicht zuletzt, Abschied zu nehmen von jeglichem pädagogischem Ideal. Nur weil in dieser Gesellschaft Umerziehen, lebenslanges Lernen, soziale Kompetenz, geistige Flexibilität so hoch angesehen sind, heißt das noch lange nicht, dass wir diese Ideale unbarmherzig an Demenzkranken exekutieren dürfen.

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Nichts stößt auch gutwilligen, intelligenten Lesern dieses Blogs so auf wie die Rede von der „linken Republik“. Mehr oder weniger deutlich wird mir gesagt, dass ich hier, bei evtl. vorhandener Stimmigkeit beschriebener Details, doch über´s Ziel hinaus geschossen hätte. Deutschland – von Linken beherrscht? Oder soll gar behauptet werden, alle würden oder seien – Linke? Und schließlich: Was ist mit der Ausländerfeindlichkeit in ostdeutschen Dörfern? Sei die etwa Ausdruck eines linken Antirassismus´? Mitnichten.

Wir beginnen heute, wie so oft, mit einer Binsenweisheit: Links gibt es nur mit Rechts zusammen. Man muss den Differenzenkalkül von Spencer Brown nicht studiert haben, um das einzusehen.
Nun können wir die Differenz durch das Beibringen von Indizien entfalten: In den letzten 10 Jahren hat sich kein einziges konservatives Thema durchgesetzt: Energiewende, Homo-Ehe, Multi-Kulti und Dialog der Kulturen, Agenda 2010 als Integrationsprojekt für Unterschichten, Finanztransaktionssteuer, Gender mainstreaming, Managergehälter…
Nirgendwo ist die vereinigte Linke gescheitert. Der Weg in die totale Gleichheit bis hin zur Aufweichung der Währung ist längst beschritten.
Man kann diese Diagnose treffen unabhängig davon, wo die eigenen politischen Präferenzen liegen. Ich bspw. wäre der Letzte, der nicht zugeben würde, dass ihm einiges in dieser Aufzählung sehr gut passt.

Nein, der NSU ist kein Gegenargument.
Auch die Rechten werden links. Der Sympathisantensumpf des NSU betreibt Selbstverwirklichung, Party, frönt der Zerstörungslust im Schutze der Nacht; Anarchie, Grenzverwischung allerorten.
Im Sinne eines verquasten Verständnisses von Volk und Nation werden alle Autoritäten (erzieherische, rechtliche, polizeiliche) lachend verachtet. Nicht nur in den angestammten Revieren der Herrschaftsfreiheit ist man gegen – Zwänge.

Wenn rechtsradikale Gewalttäter heute linken Sozialarbeiterslang sprechen und ihre Taten schwer existenzialistisch in die Nähe ultimativer Selbstbestimmung rücken, dann hat hier ganz offensichtlich nicht der Nazi-Opa mit schnarrender Stimme gesiegt, der dem Enkel den blonden Scheitel nochmal mit Spucke befestigt. Wenn die anabolika-dicken Ostzonenjungs und ihre breitmöpsigen Schneckchen im HipHop-Ningelsound darüber klagen, wie groß die soziale Kälte hierzulande sei, dann hat das mit „rechts“ nun einmal nichts zu tun. Ein ganzes Land dudelt wohlfrisierten AntiRa-Punkrock – und nichts wird besser, menschenfreundlicher.

Wieder und wieder höre ich: Das sei doch nur die Form, die Nazis hätten sich all das eben camouflagemäßig angeeignet, ihre Ideologie sei nach wie vor Ausgrenzung und Vernichtung. Wenn die Antifa sprüht: „Wir kriegen euch alle“ und auch gleich dazu sagt, was sie, nachdem sie die Bösen gekriegt hat, mit ihnen zu tun gedenkt: „Unser Sport – Nazimord“, dann gilt das dieser Republik als Dummerjungen-Streich, dann kann man beim besten Willen Ideologie nicht entdecken. Ausgrenzung, Vernichtung? Na, wer wird denn gleich…
Ja, was um Himmels willen soll denn der Inhalt dieses NSU sein? Traut man denn bspw. den zugepiercten, nicht wirklich durchalphabetisierten Freien Kräften allen Ernstes zu, eine Volksgemeinschaft mit Disziplin, Autorität, harter Arbeit, Blut und Boden, „deutscher Mutterschaft“ usw. usf. zu schaffen? Traut man ihnen auch nur – Landwirtschaft zu? Und wer jetzt mit ihrer körperlichen Gefährlichkeit kommt: Alle Kriminellen sind gefährlich. Und als solche sollten sie bekämpft werden, nicht als Monster irgendeiner Vergangenheit. Die scheitern doch daran, sich ihr eigenes Essen zu kochen! Sie sind zur Volksgemeinschaft so unfähig wie linke Lesekreisler zum Kommunismus! Wenn die Leistungen kapitalistischer Globalisierung (McDonalds, Fertigpizza, Red Bull, Unterhaltungselektronik), die man hüben und drüben so wortreich verabscheut, spärlicher tröpfeln, gehen die doch alle in die Knie und bauen eben keine schwer arische Selbstversorgung mit eigener Viehhaltung auf. Sie werden sich mit den lokalen Punks verbünden, Supermärkte plündern, die nächste Woche verschlafen und darauf hoffen, dass in der kommenden irgendjemand wieder irgend etwas herstellt. Meine Güte!

Vielleicht können sich einige meiner Kritiker mit mir so einigen: Nicht die Linken haben gesiegt, auch nicht die Linke, wohl aber: das Linke. Und zwar flächendeckend = total = auf ganzer Linie.
Wer heute vernünftig links sein will, sollte sich bemühen, nicht dadurch zu verblöden, dass seine Umgebung ihn immer schon versteht. Er sollte Ausschau halten nach substanziellen Widersprüchen. Technik: All das, was zweifellos gerecht und humanistisch ist, in Frage zu stellen und sich dann an die Widerlegung der Gegenargumente zu machen.
Ein Beispiel: Gehört eine erkämpfte Lohnerhöhung von 5 +x % bei einer Inflationsrate von 1,8% auf die Seite linker Emanzipation oder auf die Seite des liberal- bzw. rechtskonservativen „Weiter so“? Aufgabenstellung: Bringe je vier Gründe pro und contra bei und wichte sie gegeneinander! Gehe insbesondere auf die Komplexe „Dritte Welt“ und „Ökologie“ ein!
Eine solche Erörterung wäre allerdings substanzieller als alles, was auf den ideologischen Verschiebebahnhöfen dieses Landes bereit gestellt wird.

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Da wird ein junger Deutscher von einer türkischen Gang ins Koma getreten.
Was veranstaltet der Ort Kirchweyhe, in dem das geschehen ist? Eine Mahnwache im Stil der üblichen Gegen-Rechts-Veranstaltungen – „Weyhe ist bunt, nicht braun“; es fehlt auch nicht der übliche Emo-Trash, den diese Betroffenheitsbagage so liebt – es wird mit bunten Zetteln gewedelt. Ein runder Tisch gegen Rechts steht kurz vor der Einberufung.
Das ist auf eine Weise schäbig, dass einem die Spucke wegbleibt. Ein ganz unpolitischer Mann ist Opfer der geballten Pöbelwut migrantischer Jungmänner geworden – nein, die Herkunft ist nicht unerheblich. Der Zusammenhalt dieser Meute (Leute herbei telefonieren, mit Brüdern und Cousins drohen, rabiat raumnehmend auftreten, immer mit der selben Masche provozieren) trägt ethnischen Stolz gegen Opferdeutsche selbstbewusst zur Schau. Die Täter wollen ethnisch wahrgenommen werden – u.a. deswegen verhalten sie sich so.

In den Pressemeldungen wird penetrant die Streitschlichterhaltung des Getöteten betont – so, als hätte eine Art Streitschlichterfeindlichkeit auf der Gegenseite geherrscht.
Die linke Republik, die sonst alles und jeden politisiert, der ihr nicht in den Kram passt, macht auf klare Sachte. Tragisch, tragisch das alles, aber nur ja jetzt nichts den Rechten überlassen.
Man stelle sich vor: Eine Horde ostdeutscher Widerlinge mit Kurzhaarfrisuren, in Thor-Steinar-Klamotten und schweren Schuhen pöbelt in einer Straßenbahn einen Menschen dunkler Hautfarbe an. Nach kurzem Wortgefecht wird der Mann zusammengeschlagen. Die Horde zieht jolend ab. Naziparolen werden nicht gerufen.
Ist auch nur denkbar, dass hinterher von tragischem Zwischenfall gesprochen und wieder und wieder ermahnt würde, die Tat nur ja nicht zu politisieren, schließlich hätte es ja jedem passieren können; auf keinen Fall sei zu verallgemeinern oder auch von einem bestimmten Kleidungsstil auf irgendeine Gesinnung zu schließen?

In Kirchweyhe ist das Gedenken „still“, ein Zeichen gegen Gewalt soll gesetzt werden. Von Wut und Trauer, gar Widerstand wird nicht die Rede sein. Die werden nur mobilisiert, wenn es gegen Drecksdeutsche geht, Opfer eben…

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Urlaubsplanung auf Arbeit: Die Chefin fragt nach meiner Präferenz für die Urlaubsverteilung im nächsten Jahr.
Ich äußere also meine Wünsche (gezähmt nur durch die Zahl der Tage und die Vorgabe, dass es einen Hauptteil mit zwei ununterbrochenen Wochen zu geben habe): So, wie ich es gern hätte, wie es mir angenehm ist, ohne Rücksicht auf die Vorstellungen der anderen. Schon öfter, auch bei der allmonatlichen Dienstplanung, wurde mir in unterschiedlichem Tonfall deutlich gemacht, dass es so nicht ginge: Ich müsse doch an die anderen denken, wüsste ich nicht bspw., das Frau XYZ so gern am Freitag frei hat? Und hier an dieser Stelle schließlich, könnte ABC noch einen Tag als Brückentag nehmen und einen längeren Ausflug mit den Kindern machen.
Meine Erwiderung: Ich wurde nach meiner Vorliebe gefragt; meine Vorliebe, wenn es um den Komplex Arbeit/Freizeit geht, sehe aber genauso aus, wie ich es gesagt hätte. Zudem: Meine freie Zeit sei ja genau die Arbeitszeit der anderen und umgekehrt. Die Dienstplangestaltung selbst liege nicht in meiner Macht. Die Anderen seien die Anderen, die hätten ihre Interessen, ich meine. Für den Bau eines vernünftigen Dienstplans müssten geäußerte Interessen zunächst aufeinanderprallen können – ehe Kompromisse gefunden, Zugeständnisse gemacht werden könnten. Und schließlich gebe es da noch den Kampf. Erst wenn klar sei, dass es überhaupt Beteiligte mit (!) Interessen gebe, könne man entscheiden, ob jemand aus welchen Gründen immer geschont werden soll oder ob ein suboptimaler Urlaubszeitraum das Verzanken mit den Kollegen wert ist. Doch dort, wo sich nur in Ausnahmefällen die eigenen Interessen mit denen der Anderen decken, kommt eine Planungsgrundlage nie und nimmer zustande, wenn alle allen Anderen von vornherein wohltun wollen. Neid, Patzigkeit, Ressentiment entstehen so – die Rollen des notorischen Verzichters bspw. und auch die der Eiskalten, die immer die Kinderkarte spielt. Wer aber eigene Interessen nicht formulieren mag, hält miese ad-hoc-Wursteleien für das non plus ultra menschlichen Zusammenlebens. Bis er auf einen Fremden trifft, der einmal nicht so rücksichtsvoll ist.

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