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Posts Tagged ‘Kunst’

Man darf diesen Gedanken in diesem Land nicht vorbringen, er findet sich auch in keinem Feuilleton, kein Musikwissenschaftler traut sich, ihn zu äußern. Unreflektiertes Feiern überall.
„Zitternd vor Kühnheit“ möchte ich ihn dennoch aussprechen:

Der Antisemitismus Wagners lässt sich nicht von seiner Musik trennen.

Das ganze Land schwelgt in Walkürenritten, ventiliert Leitmotivtechnik und Tristanakkord – doch: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Vom NS will man in diesem Staat ja nichts mehr hören, da soll wenigstens eine Stimme Einspruch erheben:

Wagner war ein Antisemit.

Mir ist klar, dass jetzt ein Sturm der Entrüstung losbricht. Gerade jetzt: Wehret den Anfängen!

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Woher kommen Melodien? Letztlich aus der Erfindungskraft des Volkes. Auch und gerade im Absetzen von Volksmelodien kann der Volkston erhalten bleiben. Es gibt noch eine volksspezifische Art, sich anti zum Volk zu verhalten.
Luhmannisch gesprochen: Volk hat fast die Besonderheit von „Welt“ und „Sinn“, nämlich unterscheidungslos gebaut zu sein, keinen Gegenbegriff zu haben. Und das verweist auf die krasse Tragik, wenn man von jeder Volkszugehörigkeit ausgeschlossen ist; dies entspricht dem Sinnverlust in der Demenz, bzw. dem Weltverlust eines Menschen in Isolationshaft. Der Demente und der durch Isolationshaft Gefolterte sind darauf angewiesen, dass jemand „da draußen“ mit großer Anstrengung Sinn bzw. Welt für ihn wiederherstellt oder auch nur fingiert. Der aus dem Volk Gefallene oder Gestoßene muss sich jede einzelne Selbstverständlichkeit, ohne die Alltag nicht lebbar ist, neu erfinden.
„Im Begreifen des Todes tritt das Medium Sinn in Widerspruch zu sich selbst“ sagt Niklas Luhmann irgendwo in „Die Religion der Gesellschaft“ (erwähnt bei Bardmann/Baecker, 11).

Zurück zu den Melodien: Man spürt -immer noch, trotz allem!- intuitiv, was die Melodie meint, dass sie auf etwas und nicht selten sogar: worauf genau sie in uns zielt. Das naive Volkslied mit den wurschtigen Dreiklängen hält die einfachen und starken Gefühle bereit; der Kunstliedkomponist präsentiert uns eine Beobachtung zweiter Ordnung: Was, wenn alles ganz anders wäre?, so nervt er uns durchaus berechtigt. Dieses Nerven führt zu Kunstgenuss. Auch seine Parodie des Volkstons muss eben dieses Volksmelodiematerial und nicht irgendetwas parodieren; wenn sie gut ist, hat ihr Schöpfer den ganzen Geist der Melodie in sich aufgenommen und nimmt erst hernach -wie immer kritisch- Stellung zu ihr.
Selbst heute noch hört man der Melodie meist an, ob sie reine Überlieferung ist, von Künstlern schon verarbeitet wurde oder direkt vom Fließband der Musikindustrie kommt. Noch der antinationalste Kritiker in unseren Breiten wird sich spontan auf tonale Melodien (laut Alban Berg wird „tonal“ von den Meisten nur im Sinne von Dreiklangsmelodik verstanden, 306) und einfache, geradttaktige Rhythmen beziehen und nicht auf Fernöstliches, Pentatonik, Vierteltöne oder nicht taktgebundene Musik. Er ist so aufgewachsen, das heißt: nicht anders. Er fühlt den Volkston.

Bardmann, Th. M. und D. Baecker: „Gibt es eigentlich den Berliner Zoo noch?“: Erinnerungen an Niklas Luhmann, UVK, Konstanz, 1999

Berg, Alban: Was ist atonal?, S. 297-306 in: Glaube, Hoffnung und Liebe: Schriften zur Musik, Reclam, Leipzig, 1981

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Die nachromantische Symphonie: ein mehr-Gänge-Essen, den Exaltiertheiten der Postmoderne näher als das intensive Nachschmecken der Aromen eines einzigen guten Naturprodukts. Wahrscheinlich hat beides seine Berechtigung und sicher ist es auch (!) eine Altersfrage, wie die Beurteilung darüber ausfällt, was Musik soll.

Wer eine einzelne gute Wurst oder einen guten Käse verspeist, wird „nach innen“ schmecken müssen, wenn er etwas davon haben will. Er kann sich nicht darauf verlassen, dass unterschiedliche Texturen, Aromaklassen, ja sogar Temperaturen ihn in den Genuss führen. Er muss viel geben, um viel zu empfangen; er ist nicht der Typ, der sich bei virtuosen Pauken vor den harmonischen Schwierigkeiten, die drumherum produziert werden, abduckt. Er kann nichts zurück gehen lassen, um es mit den Beilagen vom Hauptgericht zu versuchen, er muss sich einlassen auf das, was nun einmal im Mund ist – oder eben ausspucken.

Ein Orgelstück von Sigfrid Karg-Elert hat viele Eigenschaften einer guten Wurst: Musik in erfreulich unepischer Form, Musik auf engstem Raum – „knappe(n), aber scharfe(n) Bilder“ (68), die die Aspekte einer Gestalt angeben und nicht ein Getümmel von Schemen bieten. Wir haben hier die Logik der Klänge selbst, nicht die eines äußeren Geschehens wie in der Symphonie mit ihrer Kampf-, Verzweiflungs- und Siegmetapherei. Dort fragt man sich ja manchmal: Wozu Trompeten und Posaunen und Hörner, wo das Stück doch schon in C-Dur ist?
In Karg-Elerts Stücken wird man meist von allzu eindeutiger Tonalität verschont, freilich auch von eindeutiger Zwölftönerei oder Atonalität. Guter Wein schmeckt selten nur nach Trauben, man muss schon etwas in ihm entdecken können. Ein flacher Wein lässt sich durch ein Zitronenscheibchen am Glasrand nicht verbessern – es gibt eine Logik der Sache, eine Gestaltlogik. Eine bestimmte Würze drängt zu einer bestimmten Konsistenz und diese wiederum weist viele Zutatenkombinationen als unmöglich ab.

Karg-Elert schenkt uns mit den künstlichsten Mitteln die Erfahrung dessen, was gut, einfach und schön ist.

Schinköth, Thomas: Sigfrid Karg-Elert und seine Leipziger Schüler, von Bockel Verlag, Hamburg, 1999

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solle man: schreiben, malen, komponieren, Kabarett spielen. Wenn man nicht getrieben sei, brauche man gar nicht erst anzufangen. Kein Interview mit irgendeinem B-Schreiberling, in dem einer nicht von sich behauptet, er müsse schreiben, er habe gar keine andere Wahl. Trotz allen Fortschrittsgequakes: Beethoven mit dem wirren Zottelkopf ist das Modell. Beleidigt, übellaunig, schwer von sich überzeugt, unhöflich und laut. Leidenschaftlich nennt man sowas links. Immer 300 % – pro oder contra. In der Leidenschaft auch mal „und“. Unbeherrscht ist das neue-alte genial. Bis zum Punkrock.

Und sie haben ihr Publikum: Die lauen Durchschnittswürstchen lieben den Exzess, das Ausrasten, die Grenzerfahrung – bei Anderen. Sie haben das Wilde, Bunte outgesourct. Auf dem Buch- und Musikmarkt wird das „ganz Andere“ täglich millionenfach eingefordert und geliefert. Ohne Verrücktheit geht nichts über den Ladentisch.

Von diesem Blog aus, dessen Macher sich immer mal wieder aufraffen muss, überhaupt etwas zu schreiben, sei ihnen allen zugerufen: Benehmt Euch doch bitte mal!
Nun gut, es kann ja durchaus vorkommen, dass man „im Feuer“ ist – so eben wie es auch dem Daytrader , der Architektin, dem Koch, der Ergotherapeutin und dem Biochemiker mal passieren kann. Doch in aller Regel ist Kunst wohl nicht besser, wenn sie sich vollzieht wie ein Drogentrip, statt wie die reguläre Arbeit aller anderen.

Mal plakativ:
Schelsky statt Nietzsche, Buschkowsky statt Ditfurth, Luhmann statt Bloch. (Sorry for that.)

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Ich bummle einen kleinen Schlängelpfad im Wald entlang. Im Ohr: Ein exotisierendes Harmoniumsstückchen von Karg-Elert. Sein harmonischer Verlauf scheint den Biegungen des Weges zu entsprechen. Einigermaßen geheimnisvoll, wie das Ganze mit jeder Kurve neu aufgeht. Das Stück parodiert die schwer europäische Vorstellung chinesischer Melodik – und das auf ganz entzückende, keineswegs denunzierende, satirische Weise.

Und plötzlich stehen mitten im chinesischen Auenwald Enten auf dem Weg. Die Sonne bricht durch die hohen Baumkronen, das Grün der Köpfe leuchtet seidig. Und das Stück verklingt.
Manchmal beschränkt sich der heilige Geist auf ein Augenzwinkern.

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Karg-Elert

Nein, ich trage nicht das x-te Georg-Kreisler-Video nach und auch von Bitterbösem, das so ungemein notwendig heutzutage sei – in diesen finsteren Zeiten, haha – wird man hier nichts lesen. Diese Art Plattitüden überlasse ich den rundum Zufriedenen der linken Republik.

Hier und heute sei ein Komponist absoluter Musik empfohlen: Es geht um den unter Orgelleuten sehr, sonst aber kaum bekannten Sigfrid Karg-Elert (1877 – 1933). Seine Musik wird dem Jugendstil zugerechnet, was man sich dadurch plausibel machen kann, dass auch Karg-Elert aus dem Ornament die Substanz bezieht.

Die Nazis wussten nicht recht, wie sie sich zu ihm stellen sollten. Zwar hatte er einen völkischen Fürsprecher, galt aber trotzdem als „Jude in der Musik“. Mit seiner merkwürdigen Tongeschlecht-Auffassung konnten sich immer nur ein paar Freaks anfreunden. Und auch seine in alle Richtungen unorthodoxe Weise sich zu den Kämpfen der Zeit zu stellen (so ist er weder Parteigänger noch Gegner von Schönbergs Zwölftonlehre und verehrt Debussy, Skrjabin und die ganz Alten gleichermaßen), hat ihn immer zum unsicheren Kantonisten gemacht.

Das Wichtigste aber: Sie hören bei ihm Melodien, die sie im Leben nicht für möglich gehalten hätten. Wenn es um melodiöse Duftigkeit geht, würde mir zum Vergleich nur noch Poulenc einfallen.
Die leisen Orgelstücke evozieren in mir oft Bilder aus dem alten Leipzig – wie ich es mir vorstelle. Funzlige Gaslampen, eine hohe Kirche im Hintergrund, vorn ein Teich mit schlittschuhlaufenden Kindern und lächelnden Aufsichtsdamen in langen schwarzen Röcken, schneebedeckte Bäume ringsum. Trotz des Kreischens der Kinder liegt Schneestille über der Szenerie.

Das Vorurteil gegen Orgelmusik allgemein trifft leider auch Karg-Elert, vielfach wird dermaßen undifferenziert gehört, dass jedes einzelne Stück als feierlicher Trauermarsch identifiziert wird. Dabei gibt es ungemein duftige Petitessen, Skurriles und auch extrem Dynamisches bei ihm.
Als Einstieg empfiehlt sich das Stöbern bei Arjen Leistra. Lautstärke nach rechts!

Kauft und hört die Musik von Sigfrid Karg-Elert!

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nach der Mahler II. sich vor Jubel überschlagen, aber nicht an die Auferstehung glauben! Die hab´ ich gerne….
Ihr rennt auch gern in Dome und Kirchen, zeigt Euch schwer beeindruckt von prächtig illustrierten Bibeln und kichert fünf Minuten später schon wieder über die übrig gebliebenen Verrückten, die darin eine Substanz zu erkennen meinen, gar eine, die etwas von ihnen fordert.

Wenn ich kurz mal „realistisch“ werden darf: Ihr werdet zu Staub zerfallen, in die Mühle Eurer Evolutionsmaschinerie geraten und in alle Ewigkeit = auf Nimmerwiedersehen verschwinden. „Sterben werd´ ich, um zu leben“ … – nix da, reiner Aberglaube. Nichts, gar nichts wird Euch „zu Gott tragen“, denn den gibt es für Euch nicht. Euch Glaubenslosen scheint Euer Standort ja keineswegs so wichtig zu sein wie den geschätzten Atheisten ihr Standpunkt. Deshalb rufe ich ihn Euch noch einmal ins Gedächtnis: Ihr habt keinen Gott! Am Ende bleibt nichts, gar nichts übrig!
Die größten Anstrengungen der Menschheit, die schönsten Werke der Bildhauer und Musiker – für die Katz! Das Gute, Schöne, Große, Eure erste Liebe – ein Furz des Kosmos´.

Eure Schwärmerei für die Humanität beruht auf Etikettenschwindel: Die angestrengte Arbeit in Klöstern, die Schufterei auf Dom-Baustellen, das Abschreiben, Komponieren, Dichten bei eisiger Kälte und karger Kost, das Harren auf Erkenntnis in Einsiedeleien – all das soll nicht Gott gegolten haben, sondern irgendwie dem großen Ganzen der Menschheit. Irgendeiner Idee also, die wieder vergeht.

Jeder aufklärerische Atheist, der mit mir über die Gefährlichkeit (Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Machtgier, Antisemitismus…) der katholischen Lehre streiten will, ist mir lieber als Ihr, die Ihr einfach kein Problem sehen wollt.

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