Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Logik’

Nach der leibphänomenologischen Theorie von Hermann Schmitz wird die Einheit des Leibes durch eine Grundspannung aufrechterhalten und bezeugt. Erst innerhalb dieser Einheit kann sich eine leibliche Dynamik durch das Mit– oder Gegeneinander-Agieren der allerdings aneinander gebundenen Spannung und Schwellung entfalten.
(Nebenbei: Das ist ein re-entry im Sinne von Spencer Brown. Das Spiel von Spannung/Schwellung ist auf Spannung, also eine Seite der Differenz angewiesen. Die verwickelten logischen Implikationen – bspw.: setzt die Seite die Differenz oder setzt die Differenz die Seite voraus? – sind Gegenstand der Laws of Form.).

Dem Hypochonder zerfällt alles unter der Hand in auseinander strebende Leibesinseln, der Lüsterne will dauernd verströmen, zerfließen, versickern ins Unendliche. Gelingende Leiblichkeit jedoch geht wie selbstverständlich von der Enge aus und bewa(ä)hrt sich in immer neuen Abfolgen von Spannung und Schwellung (vgl. das Jonglieren). Das Angehen gegen einen Widerstand und die Heimholung der Energie ins umzäunte Gebiet, verschafft Glück. Nicht nur, „wer Großes will, muss sich zusammenraffen“, gerade für uns kleine Leute gilt: „… das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“ (511).
Verströmen und entgrenzte Lustsuche attackieren die Einheit des Leibes, ohne die personale Identität, mithin Glück, nicht einmal vorstellbar ist. Garantiert wird diese Einheit durch etwas, dessen bloß quantitative Verstärkung uns zu Enge, Angst, Not hinpresst (vgl. die „primitive Gegenwart“ bei Hermann Schmitz). Mag sein, dass der Sündenfall uns das Gesetz gegeben hat – doch im gegenwärtigen Stande sich aufzuführen, als gäbe es das Gesetz nicht (indem man bspw. Institutionen demontiert), verschlimmert die Lebensnot.
Wir leben am besten in gestaltbaren Grenzen – in eigenen vier Wänden besser als schlicht im Land, im Land jedoch besser als in der Welt, in der Welt besser als überall – überall leben wollen, heißt sterben wollen.

Leben heißt Einzäunen, draußen lauert die Auflösung. Theweleit, übernehmen Sie!

Goethe, Johann Wolfgang: Gedichte, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig, 1998

Read Full Post »

Nachts auf dem Weg nach Hause. Vorbei an einer Kleingarten-Siedlung. Hinter der sauber geschnittenen Hecke: laute Party; eine lustig bunte Lampionkette ist an der Laube befestigt.
Einige der Gäste werden tanzen, andere über Arbeitsscheue wettern, die dritten fordern, dass man bei Nazis und Kinderschändern kurzen Prozess machen sollte. Wieder andere werden einander bestätigen, dass sie in der DDR jedenfalls genug zu essen hatten (obzwar sie auch jetzt keinen gänzlich unterernährten Eindruck machen) und die Gruppe da hinten ist schon bei Trinkspielen mit kleinen Flaschen angekommen.
Musik: „Die Toten Hosen“. Ah, das passt.

Der Zurückgebliebene kratzt sich am Kopf: Die „Toten Hosen“ sehen sich noch heute als Punks, mithin als Leute, die „ihr eigenes Ding machen“, Konventionen gering schätzen und ein eher lockeres Verhältnis zu Recht und staatlicher Gewalt pflegen. Ganz so „fast“ leben sie nicht und „young“ sterben können sie auch nicht mehr, dennoch: Sie sind gegen Nazis, deutschen Ordnungssinn, trinken durchaus Bier und spielen schnellen, gepflegten Deutschrock, in dem sie die üblichen Wahrheiten der „Progressiven“ verkünden: Saufen gut, Nazis schlecht, Vorurteile blöde, Liebe ’ne gute Sache, Jugendgewalt Reaktion auf soziale Probleme, Heuchelei echt übel, Fußball olé olé olé, oft geht’s im Leben schief, aber wir steh’n immer wieder auf….

Kleingärtner als inkarniertes Spießigkeitsklischee müssten mit der Unterminierung ihrer Ordnung der Dinge ein Problem haben, Wühlmäuse sollten nichts gegen es sein. Haben sie aber nicht. Sie müssten linksradikale Umtriebe wittern, tun sie aber nicht. Wenigstens einer von ihnen könnte doch das Gesungene mit dem eigenen Leben vergleichen und gewisse Diskrepanzen feststellen?! Aber warum sollte er, bloß weil irgendein Verrückter des vergangenen Jahrtausends nicht mehr mitkommt, sich dafür aber schwer reaktionär vorkommt, wenn er in der Postmoderne der Moderne nachtrauert.
Ja, auch die Postmoderne kennt Gärten in der Stadt und deren Pächter sind – im Rahmen der guten Sitten – genauso ausgeflippt wie die Ehemals-Punks, sie schätzen den Suff, die Partyübertreibung, bunte Haare und sexuelle Freizügigkeit.

Wer jetzt irgendwen auf irgendwas festlegen will -bspw. darauf, dass das zustimmende Gegröhle von der Schönheit des In-den-Tag-Hineinlebens sich doch auch irgendwie in der eigenen Lebensführung niederschlagen müsste- wird, wenn er überhaupt noch verstanden wird, sicherlich mit dem Kult-Einwand abgespeist: Alles so schön verrückt hier, aber eigentlich sind wir anders; das Peinlichste ist das Beste, hier lacht der Linke über den Judenwitz und der Konservative singt Ernst Busch. Das ist doch das Tolle, mach dich locker, guck mal über’n Tellerrand, sind hier nicht alle so verbiestert logisch wie Du!

Nun denn, um den Wahnsinn auf den Begriff zu bringen, reden wir – systemtheoretisch – von „Ausdifferenzierung“; Spenglerianer dürfen Oswalds Kulturen-Tafeln zu Rate ziehen und an deren jeweiligen Enden nachlesen, wie es Zivilisationen (= den Verfallsformen der Kultur) so ergeht: „starrer Formenschatz“, „Ohnmacht“, „Massenwirkung“, „provinziales Kunstgewerbe“, „geschichtsloses Erstarren“, „langsames Heraufdringen urmenschlicher Zustände in eine hochzivilisierte Lebenshaltung“ (ab S. 70).
Alles geht deshalb so wunderbar glatt und andererseits herrlich durcheinander, weil alle Beteiligten die Technik des geschmeidigen Systemreferenzwechsels gelernt haben. Sie wissen nicht nur, wann sie gezwungen sind, sich unterzuordnen und wann, wo sie locker sein dürfen, sondern – viel wichtiger – wo und wann Übertreibung geregelt geboten ist und wann es cool ist, gehorsam zu sein.

Je starrer die Lebensführung wird, desto mehr will man sich von einst nicht-traditionalen Kulten ausborgen. Würde man sich Existierendes, noch Fremdes nicht aneignen wollen, hieße das ja, Grenzen anzuerkennen, zu wissen, wo der eigene Bezirk aufhört, der des anderen beginnt. Doch jede Grenze wird hier einfach verlacht, nicht einmal angegriffen. Wer Grenzen zieht, will anderen etwas verbieten, ist mindestens Spaßbremse, wahrscheinlich aber Faschist.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, dtv, München, 1988 (9. Auflage)

Read Full Post »

Mich überholt kurz vor der Ampel ein mittelalter, doch schwer dynamischer Fahrradfahrer in full gear. Die Ampel springt auf rot. Unzufrieden grunzend stoppt er; ich komme neben ihm zu stehen. Die Ampel zeigt grün, ich fahre los; er hat Reaktionsprobleme und tritt ganz leicht zeitlich versetzt an. Mit einem weiteren patzigen Schnaufer zieht er links an mir vorbei, ich bin ihm viel zu langsam. Er denkt wohl: Ich kann doch viel mehr Zeit herausholen, als der. Warum fährt denn der in so komischem Tempo vor mir her? Er könnte doch sein Tempo drosseln und nach ein paar Sekunden wäre ich vorbei.
Das mag schon sein – doch Straßenverkehr heißt nun einmal nicht Einsatz für die Mehrung der Gesamtzeitersparnis, sondern heißt individuelle Zeitersparnismaximierung. Meine Tempodrosselung wäre mein Zeitverlust und nicht die Optimierung der Gesamtsituation, an der wir doch alle irgendwie interessiert sein müssten.
Den Einzelnen interessiert die Maximierung seines Wertanteils, nicht die Gesamtsumme. Gut möglich, dass die Konkurrenz der Einzelnen auch im Straßenverkehr der Bildung dieser Gesamtersparnis förderlich ist.
Doch ich bin daran interessiert, dass ich – für meine Verhältnisse – schnell voran komme.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird der Herr jemand sein, dem als Konsument im Supermarkt die individuelle Nutzenmaximierung bzw. als Anteilseigner oder Unternehmer die Profitmaximierung absolut plausibel ist.
Warum nur hier nicht? Merkwürdig.

Read Full Post »

Demenzkranke leiden nur kurz, in der Zeit des Beginns der Krankheit, am Kognitionsverlust. Dort sind sie „mangelhaft bzw. unglücklich orientiert“ (Naomi Feil). In der meist viel längeren Zeit danach (Stadien 2 bis 4 in der Einteilung von Naomi Feil: zeitverwirrt – sich wiederholende Bewegungen – Vegetieren) liegt Kognition außerhalb ihres Universums.

Am Verlust der Kognition von Dementen leiden deren Angehörige, Freunde, gute Bekannte und sonst niemand. Genau darauf bezieht sich auch das elende Schlagwort von der „Würde des Menschen“, das früher vielleicht einmal etwas Menschenfreundliches meinte, heute aber nur begriffsloses Gerede von Leuten ist, die nicht ertragen, dass 1. andere Menschen andere Bedürfnisse haben und 2. nicht-kognitive Menschen froher leben könnten, wenn man denn genügend finanzielle und zeitliche Kapazitäten hätte. Einstweilen ist Vorsicht angebracht: Wer heutzutage von „menschenwürdig“ redet, meint in aller Regel eine Negation: Dieses und jenes Zucken, dieser und jener Laut sei ja nicht mehr Ausdruck einer menschenwürdigen Existenz. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Versagung von Essen und helfenden Medikamenten.
Das Leben, an dessen Verfasstheit der Beobachter (!) leidet, sollte doch – selbstverständlich menschenwürdig! – beendet werden. Die Euthanasie ist der Nachbar des Menschenwürdekults.

Woran leiden also Demenzkranke, wenn wir einmal von körperlich abgrenzbaren Beschwerden absehen?
Sie leiden am Vertrackten einer je aktuellen Situation; Kognitionsverluste können sie nicht feststellen, weil Konsistenzprüfungen durch mangelnden Rückgriff auf richtige Konstellationen schlicht nicht mehr möglich sind.
Sie leiden also daran, dass es in dieser je aktuellen Situation nicht so weiter geht, wie sie sich das denken? Nein, sie können nicht denken! Aber wie können sie dann Missverhältnisse, wie sie das Wort „vertrackt“ andeutet, feststellen? Eine gute Antwort wird durch einen Begriff der Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz geliefert: „affektives Betroffensein“. Demente spüren eigenleiblich, dass ein bestimmter naheliegender Handlungsverlauf nicht zu erreichen ist, entweder weil die Situation ganz anders aussieht (sich lautlich oder sichtbar anders darstellt), als gespürt, oder weil sie in dieser Situation die gespürt richtige Handlung nicht einzuleiten wissen.
Demnächst mehr.

Read Full Post »

Auch wenn das für Atheisten kein echtes Problem darstellt: Katholischerseits geht man davon aus, dass alle im Stande der Erbsünde geboren sind, kein Mensch ist erbsündenlos, keiner aber auch erbsündiger als der andere. Wenn sich das so verhält, dann können wir zur Charakterisierung und Beschreibung der Beziehung zwischen Menschen diese Kategorie weglassen, sie trägt nichts mehr zur Kennzeichnung bei. Die Erbsünde macht, dass in dieser Welt letztlich nichts perfekt aufgeht – das was ist, ist entstellt von Bosheit, Versagen, Kleinlichkeit. Wir müssen damit zurechtkommen, d.h. uns bemühen, diese Folgen kleinzuhalten.
Im Unterschied zur Erbsünde als Anlage sind also deren o.a. Folgen in Graden, nicht total ausgeprägt. Menschen sind zwar vollständig erbsündig geboren, nicht aber vollständig böse, sonst müsste der Versucher nicht immer wieder kommen, um sie auf seine Seite zu ziehen.

Nehmen wir an, wir hätten da einen ganz besonders bösen Menschen. Was haben wir von ihm zu erwarten, was muss also mit einem solchen Menschen geschehen? Wir werden an dem ansetzen, was uns nicht vollständig vom Bösen verseucht erscheint, werden versuchen, durch Beispiel und Liebe etwas Gutes in ihm zu bewirken. Wenn nun aber diesem Menschen jegliche Einsichtsfähigkeit und somit auch jeder Besserungswille abgeht – bspw. weil er keinerlei geistige Fähigkeiten mehr besitzt und nur noch seinen „bösen Gefühlen“ die Zügel schießen lässt? Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss ihn eliminieren, damit er nicht dauernd andere schädigt.

Demente ab einem bestimmten Entwicklungspunkt der Krankheit haben keine Einsicht in ihr Verhalten mehr, geschweige denn in Verhaltensänderungsmöglichkeiten. Noch einmal: Ihre Einsicht ist nicht etwa stark herabgesetzt oder durch fortschreitenden Gedächtnisverlust schwer geschädigt – es gibt keine Einsicht mehr und es gibt keine Personqualität mehr, sie werden herumgeworfen durch Biochemie. Dabei ist die Fähigkeit zum Fühlen und Erspüren von Situationen m.E. sogar etwas stärker ausgeprägt als bei Normalmenschen, so, wie ja auch Tiere Instinktqualitäten besitzen, die Menschen abgehen.
Und nun die harte Frage: Was, wenn es unter diesen Dementen nicht nur leicht zu Lenkende, grundsätzlich Wohlwollende sondern – Böse gibt? Die Antwort ist klar: Sie müssen weg. Die Endkonsequenz der Feststellung: „Die demente Frau C. ist böse“ lautet „Frau C. muss beseitigt werden“.

Das ist m.E. kein überdrehtes Beispiel für radikale Terminologie, sondern schlichte Logik.
Meine Folgerung: In sozialen Berufen ist es vollständig dysfunktional, von „bösen Menschen“ auszugehen.

Natürlich: Wie snoopylife richtig sagt, sind bestimmte Begriffe für den Umgang im Alltag notwendig. Und dass Pflege- und Betreuungskräfte, wenn sie von Dementen gerade wieder einmal beschimpft oder bespuckt werden, nicht unbedingt sagen „Frau R. hat sich heute wieder sehr herausfordernd verhalten“, ist auch geschenkt.
Nur: 1. Die Benutzung bestimmter Begriffe macht uns auch unsere Realität. Wenn nur oft genug eine Gruppe von Sachverhalten mit demselben Begriff assoziiert wird, wird uns der Begriff zur „materiellen Gewalt“. Man läuft Gefahr, die grundsätzlich kontingente Deutung mit der Sache selbst zu verwechseln. Frau R. bleibt dann die böse Frau R., auch wenn sie ruhig auf dem Stuhl sitzt – sie guckt dann eben „böse“.
2. Demente haben einen 7. Sinn dafür, wie man ihnen entgegen kommt. Sie spüren, wie sie vom Gegenüber eingeschätzt werden, auch wenn ihnen längst jeder verbale Ausdruck dafür fehlt. Unter Umständen erspart sich die Pflegekraft Ärger, wenn sie davon absieht, dass Frau R. „böse“ ist.

Abschließend: Bosheit ist ein funktional unergiebiges Schema im Umgang mit Demenzkranken. Weder Pflege- noch Betreuungskräfte sind aufgerufen, quasi-pädagogische Betragenseinschätzungen der Bewohner zu liefern. Es hilft nichts, sich die eigene Betreuungsbilanz dadurch zu schönen, dass man „Böse“ von ihr ausschließt; übermotivierte Betreuungskräfte, die ihren kleinen Privatkrieg gegen die monströse Irrationalität Dementer führen zu müssen glauben, helfen dadurch weder dem Dementen, noch verbessern sie ihre Arbeitsbedingungen oder erhöhen ihre Arbeitserfolge.
Professioneller Umgang mit Demenzkranken bedeutet m.E. nicht zuletzt, Abschied zu nehmen von jeglichem pädagogischem Ideal. Nur weil in dieser Gesellschaft Umerziehen, lebenslanges Lernen, soziale Kompetenz, geistige Flexibilität so hoch angesehen sind, heißt das noch lange nicht, dass wir diese Ideale unbarmherzig an Demenzkranken exekutieren dürfen.

Read Full Post »

Einiges gäbe ich dafür, einmal für 5 Minuten aus einem Alzheimer-Patienten heraus zu schauen.
Details: Logisch unverträgliche Gesprächsteile werden als aufeinander reagierend empfunden und behandelt; die Äußerungen anderer Leute in der Nähe können den Abschluss des eigenen „Gedankens“ bilden; die abrupte Handlung des Nebenmannes wird als Gegenargument des von einem selbst Geäußerten interpretiert. Eine Frau kommt zu dem Schluss, dass die Leute dumm sind, weil es so kalt ist.
Diese Überlagerung von Raum und Zeit und die Vermischung unterschiedlicher Motivlagen, nicht irgendein Vergessen, ist für Gesunde am schwersten nachzuvollziehen. (Für Systemtheoretiker: Alle drei Sinndimensionen brechen zusammen: Sach-, Zeit- und Sozialdimension.)

Manchmal aber macht man blitzartig bizarre Erfahrungen: Da fährt man – in Gedanken wütend – Fahrrad. Die Kreuzung nähert sich, man sieht zwei Autos sich nähern. Man muss sie vorlassen. Oh Mann, hab‘ ich eine Wut, ich fahre einfach. Mir doch egal, Scheiss Autos! Die eigene Wut hat mit den Autos nichts zu tun:
Unangemessenes Verhalten, eingeschränkte Alltagskompetenz, keine Frage. Individuell jedoch plausibel.

Alle Naselang erkennen Demenzkranke etwas wieder. Die, die sich kaum noch an irgendein Faktum der jüngeren Vergangenheit erinnern können, wollen mit Macht die ihnen verloren gegangene Fähigkeit betätigen. Was man ihnen auch zeigt, was man ihnen auch sagt: Sie waren schon da, haben da auch schon gearbeitet, kennen es ganz genau. Sie können und wollen nicht ohne Sinn leben, ohne die Fähigkeit, etwas vor dem Horizont anderer Möglichkeiten zu beobachten. Wenn der Horizont längst vollständig zerlöchert ist, wird er immer wieder fingiert – die letzte geistige Leistung des Dementen.

Randnotiz zur Bosheit: Bosheit setzt die intakte Arbeit des Universalmediums „Sinn“ (Sach-, Zeit-, Sozialdimension) voraus. Boshafte wissen immer was sie wollen, also was sie nicht nicht wollen, wissen immer, dass und wie es anders möglich wäre. Demenzkranken steht dieses Medium kaum zur Verfügung – Demenzkranke können nicht böse sein, auch wenn sie sich schwierig verhalten.

Liebe Leser, die Ihr hier sehr oft nach „Demenz und Bosheit“ sucht und offensichtlich recht verzweifelt seid auf Grund persönlicher Erfahrungen: Schreibt bitte Kommentare, damit man mal in eine Diskussion kommt!

Siehe auch:
Die weiß das ganz genau!
Böse Demenzkranke?
Demenz – Krankheit des Vergessens?

Read Full Post »

Neulich (oder vor vielen Jahren? Ach, was ändert sich da schon…) äußerte sich ein psychisch recht instabiler Vertreter des antideutschen Spektrums in seiner Rede mehrfach über Kräfteverhältnisse:
Die anderen auf der Gegenseite seien lächerliche 20 Mann gewesen, lustig sei es gewesen, diese krakeelen zu hören, doch gegen die eigene Aktion seien diese Dummköpfe nicht angekommen. Ein paar Sätze später wird heroisch der eigene Widerstand beschworen: Auch wenn es nur 20 Mann seien, solle man die erwähnte Schweinerei nicht unbeantwortet lassen und gefälligst dies und das (Kundgebung, Demo, Blockade…) organisieren. Und er konnte das ganze auch andersrum: Keinen Hund hätten die anderen mit ihrem Kram hinterm Ofen hervor gelockt. Schließlich seien die meisten Leute ja nicht blöd. Aber auch: Die eigene Aktion war ein voller Erfolg, eben gerade weil sie so gar nicht massenkompatibel gewesen sei; wären mehr Teilnehmer gekommen, hätte man sich schon Gedanken über den eigenen Anspruch machen müssen.

Der Gegner ist stark und schwach, man selbst ist stark und schwach. Bei uns sind Stärke und Schwäche gut, beim Gegner sind Stärke und Schwäche schlecht. Das ist doch nicht einmal mehr durch Dialektik gedeckt, oder? Was ist hier los?

Lassen wir mal den Günter Maschke antworten, Renegaten haben ja meistens den Finger drauf: „Es zeichnet totalitäre Verfolgungssucht aus, den Gegner als erbärmlich schwach und zugleich als ungeheuer gefährlich darzustellen.“ (20)

Aktuell trifft es die „Identitären“, deren Zugehörige unglaublich gefährlich und doch bloß ein paar jungsche Hanseln sein sollen, die außer Herumhampeln nicht viel auf die Reihe kriegen. Sie teilen mit ihren Altersgenossen die Liebe zu dummer Musik, setzen sich Masken auf und stören in Kurzaktionen linke bzw. zivilgesellschaftliche Veranstaltungen. Für Otto Normalantifa sind sie gefährliche Nazis, pubertäre Spinner, schockierende Tänzer, professionelle Dilettanten, viel gefährlicher als die oldschool-Nazis der Freien Kräfte und absolut nicht ernstzunehmen.

Vielleicht kann man Maschke verallgemeinern: Die Unlogik selbst als Indiz für unbedingtes Rechthaben-Wollen zeigt den Totalitarismus – komme ich mit einer Einschätzung nicht durch, versuche ich’s mit deren Negation. Es ist wie in dem schönen Satz von Peter Hacks, der eine Protagonistin sagen lässt: „Erstens ist alles gar nicht wahr und zweitens petzt man nicht.“

Maschke, Günter: Der Tod des Carl Schmitt: Apologie und Polemik. Karolinger, Wien 1987

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: