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Posts Tagged ‘Materialismus’

Wenn die Radikalen nicht mehr weiterkommen, ist meist irgendeine Statistik gefälscht. Wer keine Argumente mehr hat, glaubt Churchill zitieren zu müssen.
Denn: Das, was ich denke, ist richtig, andere Meinungen sind das Ergebnis von Interessen (ganz böse) bzw. Manipulation durch die „Herrschenden“ oder aber Dummheit.

Dieser Einwand gegen hässliche Widersprüche ist völlig nichtig.
Wir sind auf Information angewiesen, diese finden wir in Statistiken der Wissenschaft – echten, manipulierten, zutreffenden, betrügerisch gefälschten, auf Irrtümern beruhenden – , auf die Freund und Feind Bezug nehmen. Dies muss man tun, um etwas über die Gesellschaft aussagen zu können, es sei denn, man ist Künstler, dann hat man einen anderen Zugang; da geht man in die Offensive und entwirft Sichten auf die Welt, deren Vorzug und nicht deren Nachteil der Wille zur Subjektivität ist.

Ich glaube, ich habe in diesem Blog schon einmal von den sehr speziellen Kritiknerds berichtet, die einem so auf linken Theorieseminaren begegnen. Pro Veranstaltung gibt es mindestens einen, der für sich beansprucht, die Ranke-Frage beantworten zu können, nämlich „wie es eigentlich gewesen“ ist.
Und zwar durch die Methode: Soviele Zeitungen wie möglich lesen. Nun ist das nicht von vornherein dumm („ …was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ sagt Luhmann), doch das Vertrauen, es würde sich durch angestrengtes Lesen schon so etwas wie die Wahrheit ergeben, die dann im Übrigen quasi gratis auch noch das gesellschaftskritische Weltbild bestätigt, scheint mir ideologiegetrieben.
Die Herrschenden spielen also ein Spiel mit uns – die Wahrheit verteilen sie in mikroskopisch kleine Stücke zerhackt auf die „Verdummungsorgane“ der bürgerlichen Welt und beschäftigen uns damit, sie wieder zusammenzusetzen, statt Revolution zu machen? Doch von der Revolution halten uns nicht die Herrschenden, sondern die Alltagsgewohnheiten ab: Noch der heruntergekommenste ostdeutsche Stammtisch „weiß“, dass die BILD-Zeitung lügt und alle sagen es sich jeden Abend wieder aufs Neue, ehe sie am nächsten Morgen dieselbe Zeitung kaufen, dieselbe Arbeitsstelle besuchen und einmal alle vier Jahre an immer wieder derselben Stelle ihr Kreuzchen machen.

Nein, unsere Wahrheitsfanatiker würden sich nicht vom Radikalkonstruktivisten Heinz v. Foerster verteidigen lassen, der fragte: “Wo ist die Realität, wo haben sie die?” und sich so von ihm die relative Berechtigung der eigenen Sicht auf das was sie Realität nennen, bestätigen lassen.
Sie würden Heinz v. Foerster einen Vortrag halten über objektive Gesetze, Geld und Macht, denen alle, alle unterworfen seien, nur offenbar nicht sie selber. Die Fähigkeit, alles und jeden zu durchschauen ist ihnen – man weiß nicht wie – zugefallen und danach zogen sie nach dem Jesus-Modell durchs Land: „Ich aber sage euch…“.
Bleiben wir einstweilen beim Original. Und in irdischen Angelegenheiten: Benutzen wir unseren Verstand, um mit einer begrenzten Menge an Information alltäglich zurechtzukommen. So müssen wir nicht unmündig dem mörderischen Glauben an Realität, Objektivität und Dahinter huldigen.

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„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“

Karl Marx

Die heißblütigen Action-Helden der Antifa vornehmlich antideutscher Bauart hielten einem einst den ersten Teil vor, wenn man lieber über Profitraten reden wollte und den zweiten Teil, wenn man sich gegen weitere Adorno-Lektüre und lieber für den Besuch einer Anti-Hartz IV-Demonstration entschied. Ja, verzwickt ging’s zu damals. Doch das soll heute nur Aufhänger, nicht Thema sein.

Könnte es nicht sein, dass die Bereitschaft der linken Intellektuellen – im Grunde ist das doppeltgemoppelt: es gibt nur linke Intellektuelle, Menschen, die mit öffentlichem Nachdenken über anderer Leute Meinungen berühmt und wohlhabend werden; rechts ist man höchstens: Denker – könnte es also nicht sein, dass deren Bereitschaft, jede Art von Gewalt zu rechtfertigen, wenn sie nur irgendein (vermeintlich) Unterdrückter ausübt, damit zusammenhängt, dass sie geistigen Schöpfungen unmittelbar praktische Wirkungen zuschreiben? Jedes Buch im linken Kleinverlag: ein Angriff auf die Herrschaft und ein Schritt zum Umsturz der falschen Verhältnisse; jedes Gegröhle gegen Staat, Nation, Kapital: ein Puzzleteil der Revolution; jeder Spätaufgestandene und trotzdem Unglückliche beim Zeitschriftenlesen in irgendeinem Keller irgendeiner Selbstverwaltungsbude: Widerstand. Wenn sie zum Handeln aufrufen, meinen sie das Unterschreiben und seltener auch einmal das Verfassen eines Aufrufs.
Die Chose passt aber auch auf die Gegenseite: Labert irgendein Fußballproll rassistisch daher, ist er schuld an jedem einzelnen Naziübergriff, denn: Rassismus tötet.
Zu wessen Profession es gehört, Notwendigkeit und Effekt eigener Äußerungen im öffentlichen Raum dauernd zu überschätzen, der ist im Gegenzug wohl bereit, Äußerungen der Gegner sofort für Kampfhandlungen zu halten. Es wird einfach kein Unterschied zwischen Reden und Töten mehr gemacht.

Doch auch die Gegenfahrbahn wird gern benutzt: Irgendein Mord irgendeines Fundamentalisten ist dem Intellektuellen dann nicht in erster Linie die gewaltsame Beendigung eines Menschenlebens, sondern Ausdruck von xyz auf der Seite des Mörders. Der hat sich dann eben nur mit seinen Mitteln in die Diskussion eingebracht – weil er anders nicht gehört wird, weil die Herrschaft des abc das verhindert, weil seine Verzweiflung zu stark geworden ist, weil er keine ausreichende Schulbildung hatte …

Ob nun Bücher und Gerede zu realer Tat hochgekocht, Prügeleien und Mordanschläge zu Meinungsäußerung heruntergekocht werden: In beiden Fällen wird die Welt nur noch als Tummelplatz der Rechthaberei behandelt, nicht als Schlachtfeld – alles ist hier Diskurs, zwar nicht gerade herrschaftsfrei, aber immerhin.

Der linke Umbau der Gesellschaft ist alternativlos im Merkelschen Sinne geworden, d.h.: irreversibel. Das Wort ist unmittelbare Tat, die Tat, spätestens seit dem linguistic turn, unmittelbar Wort geworden. Systemtheorie reagiert nur darauf, ihr ist kein Vorwurf zu machen.

Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung

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Hier nun der angekündigte Vorschlag für das effektive Heranziehen der Spekulation zur Schaffung von gesellschaftlich Gewünschtem. Er beruht auf etwas, was man „Realersatz“ nennen könnte, wenn nicht das schweizerische Recht diesen Begriff schon belegt hätte: als Ersatz eines Gutes, bspw. einer Waldfläche durch ein ähnliches Gut, also etwa eine ähnlich ausgestattete Fläche.

Wir waren davon ausgegangen, dass die naive Rede vom „politischen Willen“ zur Umverteilung, an dessen Fehlen allein es liege, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer würden – ebenso wie beim Mindestlohn – nicht berücksichtigen könne, dass die Erhöhung von Zahlungen an eine Gruppe anderen etwas weg nimmt, über die Erhöhung der Geldmenge wenigstens am beschaffbaren Realreichtum leckt (so viel Monetarismus muss sein) oder auch Rückverteilungen an die eigentlich zu Schröpfenden veranlasst. Der Kompensation für Finanzoperationen ist der Gebrauchswert nicht äußerlich.

Würde man Finanzmarktakteuren im Gegenzug für bestimmte Operationen mit einer bestimmten Menge Geldes konkrete Verpflichtungen aufbürden (bspw. ein bestimmtes regionales Entwicklungshilfeprojekt durchzuführen), wäre man diese Schwierigkeit los. Jeder spekulative Transfer zöge eine Realverbesserung nach sich. Vorstellbar wäre, eine Liste von (durch eine internationale Agentur unter Mitwirkung branchenkennender NGOs) zertifizierten Projektplanungen (inkl. Zeitmanagement) zu führen. Auf dieser müssten sich die Akteure ihr Lieblingsprojekt heraussuchen und an ihm im Maße der Höhe ihrer bewegten Summe mitwirken. So würde also ein praktischer Nutzen direkt erreicht, die Möglichkeit, sich loszukaufen oder an Scheinprojekten mitzuwirken wäre minimiert. Und: Niemand könnte Spekulanten ein schlechtes Gewissen einreden, denn sie wären in der Tat nicht nur Wächter des Marktes, sondern auch Realproduzenten.
Es ergeben sich Probleme, bspw. dieses: Die Spekulation ist heute so massenhaft, dass sich nicht für jede Transaktion ein sinnvolles Kompensationsprojekt fände, mithin würde durch das Unterlassen dieser Transaktion Liquidität aus dem Markt verschwinden und dieser erst recht instabil.
Das mag sein, doch könnte man ja für geringe Beträge ein minimale Tobin-Tax erheben, während erst ab einem bestimmten höheren Betrag „Realersatz“ (besser: Qualitativersatz) fällig wäre.

Zur Rechtfertigung dieser Schrulligkeit eines Quacksalbers am Krankenbett des Kapitalismus´ heute mal kein Benedikt-Zitat, sondern etwas, was bei Gesellschaftskritikers eigentlich ankommen müsste – Horkheimer:

Sei mißtrauisch gegen den, der behauptet, daß man entweder nur dem großen Ganzen oder überhaupt nicht helfen könne. Es ist die Lebenslüge derer, die in der Wirklichkeit nicht helfen wollen und die sich vor der Verpflichtung im einzelnen bestimmten Fall auf die große Theorie herausreden. Sie rationalisieren ihre Unmenschlichkeit.

Horkheimer, Max: Dämmerung, in: Schriften 2, Frankfurt am Main 1987, S. 341

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Es gibt eine Impfkritik, eine Aidskritik und eine Gesellschaftskritik. Die letzte ist so seriös wie die vorigen. Ein paar Eingeweihte wissen, was die dumme Masse nicht wissen will/soll/kann/darf. Woher jene ihr Wissen beziehen, blieb bis zum Aufkommen der „emanzipatorischen“ Linken unklar, diese wenigstens war so ehrlich, die Leidenschaft als Quelle anzugeben: „Es kotzt mich an, dass ich … (arbeiten, Miete zahlen, zum Amt gehen muss).“ Unabhängig von solchen Aufwallungen, gegen die man nicht argumentieren kann, bleibt die Frage: Ist Gesellschaftskritik überhaupt möglich? Ließe sich nicht mit ähnlicher Berechtigung (und von meiner Seite wenigstens: mit sehr viel mehr Leidenschaft) eine Wetterkritik ins Werk setzen?
Die Gesellschaft ist was und wie sie ist – ein Zusammenhang von Kommunikationen um und in zentrale(n) Funktionssysteme(n) – d.h.: jeden Tag anders in den Details, ähnlich im großen Ganzen. Man muss sie nicht bejubeln, man kann das alles (im Roman, am Biertisch, beim Punkkonzert …) zum Teufel wünschen, kritisieren kann man es nicht. Man kann mit Änderungsabsicht mitmischen und wissen: 1. kommt es anders und 2. als man denkt. In der Gesellschaft mit den Mitteln dieser Gesellschaft diese abschaffen zu wollen, heißt, eben diese Abschaffungsmittel abzuschaffen. Soviel Gödel muss sein: Die Gesellschaft kann sich weder durch eigene Mittel beweisen, noch widerlegen. Sie ist. Und wir sind dabei.

Was seine Identität in Operationen (Kommunikationen) hat, muss sich entwickeln und kann so unerschöpflicher Quell weiterer Forschung, neuer Interpretationen und Theorien werden. Was sich wie Natur – weil es perfekt geschaffen wurde – als Gleiches erhält (und das tut sie – Umwelt und Landschaft mögen sich entwickeln, die Natur bleibt, was sie ist: das Unverfügbare), ist Anlass zu bewundernder Betrachtung. Hier wird die Schönheit wahrgenommen, dort wird auf neue Entfaltungsstufen des Untersuchungsobjekts geachtet.
Die eine disqualifizieren die Erben Kritischer Theorie als faschismusnah, die andere als Hoffnung. Das hat eine gewisse Logik: Natur ist an oft brutal starre Kausalität gebunden (s. Kant; vgl. auch Marx´ Biene-und-Baumeister-Beispiel).
Trieb (bspw. der einer Nachtigall, zu trillern) ist also richtig, wie E. Jünger tut, der Freiheit entgegen zu setzen. Gegen sein Image als chaotisch Durchbrechendes ist er der voll Determinierende.
Gesellschaft erzeugt die Vorstellung vollständiger Änderbarkeit aus sich heraus, indem in ihr durch ihre Mittel (Kommunikationen) bestimmte politische Ereignisse als Umbrüche markiert werden. Die dialektische Philosophie greift dieses Muster dankbar auf – sie versteht sich als Fortschrittsform.
Daher die Begeisterung der modernen gesellschaftskritischen Fortschrittler für Dialektik, die Un-Logik und die der Naturemphatiker für Logik (bis hinunter zum ökobewegten Computernerd mit inniger Liebe zu Unkräutern aller Art). Für das zähneknirschende Zugeständnis, Natur und Logik reichten bis ans Ende der Tage, entschädigt sich der Kritiker mit der Erfindung einer Partiallogik, der Dialektik, die in der Gesellschaft zu Hause sei. Das wirklich Wichtige könne also jederzeit grundlegend umgewälzt werden.

Natur und Gesellschaft sind nicht kritisierbar. Die eine will angestaunt werden, die andere verlangt nach unserer Mitwirkung. Auf die Änderung der Verhältnisse zu hoffen und seinem Mittun so Sinn zu geben, steht jedem frei. Ich hoffe auf besseres Wetter.

Jünger, Ernst: Siebzig verweht I, Klett-Cotta, Stuttgart, 1995. S. 213

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Einst im Marx-Lesezirkel: Wir sind uns einig, dass es schwer ist, Menschen die Gesamtgestalt der Ökonomiekritik nahe zu bringen. An sich bräuchte man erst mal mindestens eine halbe Stunde Redezeit, damit die Voraussetzungen für ein vernünftiges Gespräch überhaupt gegeben seien. Wenn das Gegenüber mit Ware, Wert, Kapital, Verwertung nichts anfangen könne, würde es eben immer nur mit den „Oberflächenkategorien“ bürgerlicher Ökonomik erwidern. Und die seien ja unter aller Kritik.
Jede Sekte argumentiert so: – „Lass´ Dich erst einmal auf uns ein, stell´ Deine Ablehnung mal kurz zurück, sei nicht voreilig, sei offen. Hier, das gebe ich Dir mal zum Lesen mit und nächste Woche sprechen wir dann darüber.“
Nächste Woche allerdings gibt es keine Erwiderung mehr – sondern nur noch die Beantwortung von Fragen durch den Berufenen, den Eingeweihten.

Immer schon muss man mit in der Tinte sitzen, um deren Farbe kritisieren zu dürfen – nur Hühner können also beurteilen, ob Eier faulig sind? Wendet jemand etwas gegen die Marxsche Ökonomieanalyse ein, wird ihm verplättet, er müsse schon den ganzen Aufbau des „Kapital“ zur Kenntnis nehmen. Marx entwickle schließlich seine Kritik nach einer besonderen Methode – und sei einem schon aufgefallen, wie der erste Satz laute?
Und dann patschen sie sich alle vor Freude auf die Schenkel, weil der Naivling irgend etwas mit Arbeiterklasse oder Kommunismus erwartete, doch nein, Marx beginne mit der (Kunstpause) … Ware. Der Mentor aus dem Hintergrund schaltet sich lächelnd ein, Marx beginne natürlich nicht mit der Ware, sondern mit der „ungeheuren … Warensammlung“. Zurechtweisungen können mehrstufig sein. (Ich schenke dem Mentor die Erkenntnis, dass Marx natürlich mit dem „Reichtum“ beginnt und der auf Krawall gebürsteten, theorieaffinen Feministin den Knaller, dass nicht einmal das stimme, schließlich laute der Beginn des „Kapitals“: „Der“ und nicht bspw. „Die“.)

Das Nachzeichnen der Marxschen Intentionen ist keine Kritik, sondern Exegese. Bestenfalls kann man sich bemühen zu zeigen, inwiefern es wichtig ist und wohin es führt, so und nicht anders zu beginnen. Doch wen sollte das interessieren außer Leute, die sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung befassen?
Ich bin allerdings eher grobklotzig unterwegs und behaupte: Auf Erden ist der Anfang kein Argument für irgend etwas. Auch der Tuberkelbazillus hat irgendwann mal angefangen. Kritik gibt es nicht nur in Kantscher oder Frankfurter Form, sondern auch und gerade als Konfrontation des Alltagslebens mit der Theorie in Buchform. Und: Wir leben auf der Ebene der Erscheinung und nicht irgendeines Wesens.

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Meine Güte, was für eine Theorie:- Das identifizierende Denken beklagen und dann auf jeder dritten Seite „in Wahrheit“ schreiben! (Ist die mit dem Zeitkern gemeint? Also die, die irgendwann auch mal falsch ist?) Man führt die „Wirklichkeit“ im Munde, als hätte man direkten Draht zum Schöpfer. Was das falsche, was das wahre ist, ist seit Hegel keinem mehr so klar gewesen, wie den Frankfurter Meisterdialektikern. Angesprochen auf diesen recht robusten Zugriff auf die Realität, geben ihre heutigen Adepten zu, man selbst käme ja auch nicht aus dem identifizierenden Denken heraus („Denken heißt identifizieren.“) – müsse dies nur eben dialektisch gegen sich selbst wenden. Ach was. Darauf muss man erst einmal kommen: Wie man das Zugeben eines schlechten Gefühls in den Dienst vollendeter Hemmungslosigkeit beim Theoretisieren stellen kann. Dem bombastischen Wortgeklingel lässt sich bestenfalls der Ratschlag entnehmen, sich der Grenzen des eigenen Denkens bewusst zu sein. Das aber beherzigten die Klugen schon vorher. Und schlossen daraus, dass sich in dieser Welt „die Wahrheit“ wohl keinem ganz schenkt. Diese ganzen rhetorischen Verrenkungen, dieses Vorführen bizarrer Denkfiguren, die Selbstgeißelung darstellen, überdecken, dass Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist (Heinz v. Foerster). Wahrheit allein führt zu Folterung und Massenmord. Wer nicht irrt, hat alles Recht, die Gegner müssen „dumm oder schlecht“ sein, wie der gar nicht mal so kluge Bertolt Brecht schreibt.

Doch was können wir tun? Wir Unsicheren?
Ich schlage vor: Geschichten erzählen und Vertrauen dadurch schaffen, dass unser Leben auf irgendwie menschenfreundliche Weise zu unseren Geschichten passt. In dieser Hinsicht brauchen wir auch die Wahrheit – als regulative Idee: Streben nach dem, was man als vernünftig und gut ansieht, was nicht Täuschung ist. So bleibt uns unbenommen, wenn Wahrheit und Barmherzigkeit wie so oft kollidieren, uns auf die Seite der Barmherzigkeit zu schlagen.
Gegen den Wahrheitsterror zu sein, heißt nicht, Bezüge auf eine (wie immer selbst konstruierte) Wirklichkeit mit Richtigkeitsunterstellung fürderhin zu unterlassen. Die Geschichten des Lebens werden erst dann richtig gut, wenn sich alle nach Kräften um das kümmern, was sie für Realität halten. Das totalitäre Gefasel vom „unwahren Ganzen“ überlassen wir den „ganz Anderen“.

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Das Christentum hat der liebe Gott der Welt nun ganz gewiss nicht gebracht. Gott hat in Jesus „einen Menschen angenommen“ (Ratzinger), er kommt nicht als Lehrer apersonaler Heilsgewissheiten, geschweige denn als Schreckensmacht. Christ-Sein heißt – im Gegensatz zu anderen Religionen, denen es bspw. auf das „Nichts“, die „Unbegreiflichkeit“ oder Unterwerfung ankommt – die Person zu ehren. Weil in Jesus die Gottesgleichheit steckt, steckt sie auch in jeder menschlichen Person. Gott hat damit nicht nur einen, sondern den Menschen angenommen, nicht nur Menschengestalt, wie ein x-beliebiger Dämon, zur Täuschung beispielsweise. Gott weiß also, dass wir Menschen auf Erden es nicht ganz einfach haben – er hat ja in sich erlebt (und erlebt es immer wieder) wie es ist, zu verlieren – gegen die Gescheiterten.

Herr Jesus Christus, Du bist stark, Du kannst auf die paar kümmerlichen Stärken der Schwachen schauen. Du hast es nicht nötig, ihre Schwäche auszunutzen. Du hast es nicht einmal nötig, den Stolz der Schwachen vorzuführen. Herr, erbarme Dich.

Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum, Vorwort

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