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Posts Tagged ‘Pflicht’

Hier und jetzt geschieht das Große, das, was uns übersteigt, gegen das wir kleine Würmchen nur sind. Wie froh wären wir, für dieses Große einen bescheidenen Beitrag leisten zu können. Hoffentlich werde ich nicht von Erschütterung überwältigt.

Wer kann in dieser Zeit noch so denken und empfinden?
Hingabe, Ergebung, Überwältigtsein, bedingungslose Hochschätzung – das alles wird der Überredungskunst von Nazi-Ästhetik zugeschlagen.
Man könnte sich -Spenglers Diagnose unseres Zeitalters im Hinterkopf- damit arrangieren, träten an deren Stelle nüchterne Überlegung, Prüfung aller Aspekte an einer komplizierten Sachlage, Vorsicht im Abwägen. Doch triumphieren: Respektlosigkeit, dümmliches Gewitztsein und die Generation für Generation durchtradierten Floskeln aus dem Elternhaus über die komplett egoistischen Menschen, die immer schon falsch waren – verkündet von Leuten, die Wälzer über Steuerspartricks fast auswendig hersagen können.

Wer gilt dieser Zeit als der Gute?
Die Helden der Neuzeit kämpfen nicht mehr gegen das Böse, sondern gegen den Dreck (allgemein: der Großstadt, spezieller: der Kriminalität); die Jugendkulturen nach ’45 wollen nicht mehr geistige Wirkung in die Gesellschaft hinein, sondern zielen auf Provokation von allem, was nicht so ist wie sie. Muten Hängengebliebene ihnen das Eintreten für bestimmte Ziele oder auch nur die Begründung ihres eigenen So-Seins zu (das kann einer linken Jugendkultur auch durch einen orthodoxen Marxisten widerfahren, der meint, dass man seine Lebenskraft doch für etwas Wichtiges und Großes einsetzen müsse), wird ihnen bedeutet, sie verstünden gar nicht, worum es ginge.
Hingerissen-Sein ist ihrem Leben dysfunktional, es würde sie der schnellen Reaktion auf echte oder vermeintliche Angriffe berauben.
Beim großen Feuerwerk lacht die Jugend über die in den Himmel starrenden Menschen: „Toll, ’ne Rakete!“.
Es gibt nahezu kein Sinn mehr für musikalische Wucht. So wird nicht-elektronische Musik für den Konzertsaal (= „Klassik“) von jungen Leuten zunehmend pauschal als überkandidelt, peinlich gestelzt empfunden. Sie hören keine unterschiedlichen Stimmungen mehr (traurig, fröhlich, kraftvoll, tänzerisch, edel, vulgär…). Hören sie Geigen und Blechbläser, dann ist das für sie eine Art alter Film und damit eine Mischung aus langweilig und traurig. Nicht wenige Leute, sogar jenseits der 30, sind mir begegnet, die schlimmsten, nervtötenden Techno als zum Tanzen anregend empfanden, einen Strauß-Walzer allerdings als getragen, allzu feierlich und sehr bald als deprimierend.

Nirgendwo macht diese Nivellierungswalze halt: Wer dem Staat freiwillig dient (weil dieser womöglich gar eine Idee verkörpern könnte), sich an Vorschriften und Verkehrsregeln hält, ist dumm, wer an Liebe glaubt, naiv, wer eine Idee für größer hält, als sein eigenes kleines Hirn, ist schuld an zukünftigen Gemetzeln. Meine Güte, als ob es jenseits des Islams und psychischen Störungen noch Fanatismus gäbe…
Das Große, Schöne, das Erhabene, vor dem man vergehen will, kurz: das, womit man nicht fertig wird, hat nicht einmal mehr eine Jugendbewegungsnische.

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Ich kannte einmal eine Frau, die hatte geradezu unanständig viel Optimismus, Lebensmut, Tatkraft. Mag sein, dass ich selbst zu wenig davon habe, sie hatte definitiv zu viel für einen einzelnen Menschen. Wann immer ich sie traf, war ich hinterher ein wenig beschämt über mein eigenes Verzagt-Sein. Sie ging nach vorne; wo immer sie auftauchte, pulverisierte sie Probleme in geradezu beängstigender Geschwindigkeit. Was tut man, wenn man zu viel von einer Begabung hat? Man gibt ab. Die Begleitung von Demenzkranken bis an deren Lebensende war eine Unterforderung für sie. Sie musste dringend ins Kinderhospiz. Seit sie dort arbeitete, habe ich sie nur noch zwei Mal gesehen. Sie wirkte – normaler. Plötzlich war auch für sie die Sonne zuweilen verdunkelt. Sie kam gut zurecht, doch sie musste sich anstrengen. Ihr Alltag wurde unserem ähnlicher.
Guter Gott, bitte lass die, die zu schwierigen Dingen berufen sind, diese schwierigen Dinge finden. Verschone die Schwachen von übermächtiger Bürde und verschaffe ihnen dort Erfolgserlebnisse, wo sie bestehen können. Du weißt besser als wir, was wir gut können und was überhaupt nicht. Zuweilen werden wir wanken müssen, doch lass uns nicht zusammenbrechen unter der Last.

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Nein, keine Angst: Nicht die Dreck-Fressen-Härte ist gemeint und auch nicht das dumme Gewäsch verbitterter Alter, die meinen, dass Armee noch keinem geschadet hätte.

Gemeint ist der Verlust alltäglicher Beherrschung.
Alles muss bequem auszuführen und immer zu Hand sein. Noch Anfang der 90er Jahre wurde man in den Lesesaal der Bibliothek nicht eingelassen, wenn man eine Wasserflasche mit sich führte. Man durfte nicht essen, nicht trinken, nicht lärmen, keine Musik hören, nein, auch nicht mit dem Walkman! Heute ist klar: Wir müssen andauernd trinken und da es in einer aufgeklärt-humanistischen Gesellschaft schließlich auf den Menschen und nicht auf die Bücher ankomme, fällt jenes jahrhundertealte Verbot. Ebenso ist kommunikative Kompetenz, emotionale Intelligenz von hoher Wichtigkeit – also muss man quatschen, kichern, SMS verschicken wann und wo einem etwas in den Sinn kommt – ja, auch in Lese- und Konzertsaal. Wer anderes will, wer Einschränkung und Beherrschung fordert, ist unentspannt und sollte sich mal locker machen. Die Kehrseite des schönen Anspruchs, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen solle.

Bei einer Tagung berichtete eine Psychotherapeutin von einer unglücklichen Studentin, die bei ihr in Behandlung sei. Diese erzählte ihr eines Tages niedergeschlagen, gestern schon wieder „keine Lust“ gehabt zu haben, an der Diplomarbeit zu schreiben. Und die Therapeutin fragte sich: Woher kommt die merkwürdige Vorstellung, dass man auf jede Tätigkeit Lust haben müsse? Mangelnde Lust gilt als ernsthaftes Hindernis, das ernsthaft beseitigt gehört, nicht als läppischer Defekt, über den man sich mit einem Ruck hinwegsetzt.

Doch merkwürdig: Je mehr das Weicheitum um sich greift, umso beliebter werden „Grenzerfahrungen“ und auch der „Jackass“-Kult fand nicht etwa in Zeiten irgend eines Nachkriegs statt.
Vielleicht ist das die Spitze weichlicher Anmaßung: Die Härte soll zuhanden sein, wie irgendein Gebrauchsgegenstand – auch ihre Anwendung darf dem Bedürfnisaufschub nicht unterliegen.

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Neulich mit einem Freund beim Biere. Er: Ein geschworener Konservativer, CDU-Wähler, katholischer Ästhet. Und doch: Er engagiert sich für Flüchtlinge, organisiert Rechtsbeistand, medizinische Betreuung, macht Besuche.
Ich: Enttäuschter Linker, der noch einige Jahre Anderen die Verschwendung seiner Jungerwachsenenzeit mit kommunistischem Krimskrams übelnehmen wird, schon um der Tatsache nicht ins Auge sehen zu müssen, dass er es eigentlich recht kommod fand, mit gesellschaftskritischer Lektüre und Biertischgerede den Tag herum zu kriegen. Nun entdecke ich die Nation wieder und merke, dass links so ziemlich alles falsch war. Und doch: Ich kann nicht aus meiner Haut. Vom Staat her zu denken, staatspolitisch gar fällt mir schwer. Mir kommt immer erst das Individuum und dessen Freiheit in den Sinn – nicht die Gemeinschaft, weder das Staatsvolk, noch das Volk Gottes oder die Nation.
Wenn ich für gemeinhin konservativ geltende Tugenden spreche – Disziplin, Achtung einer vorgegebenen Ordnung, Autorität, Regeln, Ausdauer, Liebe zur Heimat, Pflichtbewusstsein, Selbstüberwindung, Hochschätzung vergangener Leistung – dann glaube ich begründen zu können, dass diese für ein gutes, gelingendes Leben des Einzelnen notwendig sind. Sehr wahrscheinlich schüttelt sich ein wirklicher Konservativer vor dieser einigermaßen instrumentellen Haltung. Er wird so befremdet sein, wie ein bayerischer Dorfpfarrer gegenüber jemandem, der, nicht aus primärer Gottesliebe, sondern um des Heils nicht verlustig zu gehen, getauft werden möchte.
„Wer nur bittet, glaubt nicht“, zitierte mein Pfarrer neulich jemanden, vermutlich einen Jesuiten. Doch endet hier vielleicht die Parallele?

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Kennen Sie die auch? Diese alltagseffizienten Leute, die immer wissen, wie man es hätte besser machen können? Es geht dabei nicht um wichtige Dinge: Grundlegende, bspw. berufliche Entscheidungen, die sich als fatal heraus stellen können oder das Einhalten von Fristen, deren Versäumen einen viel kosten kann.

Nein, es geht darum, ob man, wenn man schon zu XYZ laufe, um den Schlüssel zu holen, dann dort doch auch gleich noch ABC hätte fragen können, ob der… Oder darum, dass es unten lang viel kürzer gewesen wäre, als umständlich durch die beiden anderen Türen hier oben zu gehen und dann erst die andere Treppe nach unten …. Oder darum, dass es doch wohl Quatsch sei, drüben so lange zu warten, wo man doch genau wisse, dass man in der Zeit hier noch locker…

Ja, ja, sie haben ja recht. Man hätte wirklich können. Hat man aber nicht. Man war eben einfach mal woanders, innerlich und äußerlich.

Unsere Erzieher, die Frederick Taylors des Alltagslebens, sind nahezu peinlich darauf bedacht, das Gegenbild zum zerstreuten Professor abzugeben: Nur ja nicht abwesend, unaufmerksam wirken. Platzsparend stellen, zeitsparende Routen wählen, keine überflüssigen Körperbewegungen ausführen. Dranbleiben, verbessern. Sie wollen aufgehen in der Situation und achten darauf, Settings herzustellen, die so brachial vorstrukturiert sind, dass das auch gelingen kann.
Sie rechnen uns die Länge unserer Wege vor und kennen doch unsere Motive nie ganz. Erwidert man ihnen, dass man noch bei DEF vorbeigehen wollte und deswegen den leichten Umweg genommen habe, als einfach später noch ein zweites Mal den kurzen Weg zu gehen, stutzen sie erst kurz, rechnen nach – die zwei kurzen Wege wären tatsächlich länger als der eine mit Umweg – entschuldigen sich danach und fühlen sich tief verstanden: Klasse, der hat mitgedacht!

Es ist fern von ihnen, dass man bspw. einen längeren Weg dazu benutzen könnte, um einmal nicht abgelenkt vom Dauerbetrieb über ein Problem durchaus dieses Dauerbetriebs nachzudenken. Denken ist Angelegenheit des o.g. Professors, der sich zwar schöne Theorien zusammenspinnen möge, dafür aber nicht weiß, wo seine Brille ist.

Lassen wir unseren Effizienten den Spaß und freunden wir uns mit dem Image des gutmütigen Schussels an. Denn: Für die Effizienten sind wir die Experten des Gefühlslebens. Hier hören sie auf unseren Rat, wenn sie nicht weiterkommen. Meistens raten wir zu – Umwegen.

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Ich … mußte nachsitzen. Der Religionslehrer ließ mich mit dem Kleinen Katechismus in der leeren Klasse allein. Ich wußte mir etwas Besseres, nahm den „Robinson Crusoe“ aus dem Tornister und war mit ihm auf seiner Insel allein.

schreibt Ernst Jünger 1983, sich an die vergangene Gymnasialzeit erinnernd.
Wie komisch: Er betrog seinen Lehrer mit einem Buch, zu dessen Lektüre man heute in der Schule gezwungen werden muss.

Um Himmels willen, hier soll nicht schon wieder kulturpessimistisches Gegreine folgen. Die Zeit ist eben weitergegangen, nicht wahr? Damals war die Vorliebe für „Robinson Crusoe“ eben so etwas wie Mitte des vergangenen Jahrhunderts das Sammeln von Comics oder wie das Ausprobieren neuer Apps heute. Ändert sich ja vieles, muss man ja kein Drama daraus machen. Und schließlich war ja auch Mozart Unterhaltungsmusiker seiner Zeit. Wer will da von Qualitätsunterschieden anfangen?

Nein, von Abstieg kann keine Rede sein.
Nennen wir es: Fortschritt, Entwicklung oder einfach: Offen sein für Neues. Jede andere Deutung wäre schlicht reaktionär.

Jünger, Ernst: Siebzig verweht III, Klett-Cotta, Stuttgart, 1998. S. 267

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Die Tatsache allein, dass es in politisch radikalen Projekten, Häusern, Gruppen usw. Generationen gibt, es sich somit von selbst versteht, dass jeder nur eine begrenzte Zeit dabei sein kann, macht all das vollständig unwahr. Es kann bei dem ganzen Gesellschaftsveränderungszinnober nicht um die Sache gehen, sondern lediglich um ein Gefühl, dessen Stärke vom Alter abhängig ist. Leute aber, die nichts weniger als die Änderung der Welt von einem Gefühl abhängig machen, sind gefährlich.
Dass Menschen über 40 nur mit schwerer psychischer Schädigung in solchen Projekten überleben, dass man jenseits dieser Grenze nur noch die Rolle als Nerd-Fanatiker oder verzweifelter Drogenpunk besetzen kann, kühlt die Begeisterung fürs ganz andere Leben keineswegs ab. Soll jugendlicher Elan halbwegs konsistent dargestellt werden, braucht es die Darstellung von Echtheit und Einfalt. Umso peinlicher, wenn das eigene Erscheinungsbild dem nicht entspricht.

Eine mir bekannte Ausnahme will ich nicht verschweigen: Die linksradikal geprägte Schwulenbewegung. Es gab vor Jahren einmal ein Projekt linker Schwuler (damals hatte man es noch nicht so mit „queer“, man war schlicht schwul oder trans), das wurde plötzlich aus dem freizeitrevolutionären Wolkenkuckucksheim vertrieben. Die Erdung in der Realität war hart und brutal: AIDS. Plötzlich stellte sich das Problem der Betreuung und Pflege eigener Genossen. Das Alter war vorzeitig eingetreten. In einem Film sehe ich die einst so schönen leeren Gesichter, die vom Feuer der Revolution eben nur ausgeleuchtet wurden wie ein x-beliebiges Produkt in der Werbung, plötzlich sorgenzerfurcht und abgekämpft. Der Alltag zerrte an den Nerven, die Party war vorbei. In Windeseile musste man erwachsen werden – Ernstfall.

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