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Posts Tagged ‘Regeln’

Erster Aufhänger:
Sie als FAZ-Leser kennen so gut wie ich diese wunderbaren Grafiken im Wirtschaftsteil. Sie überbrücken uns Statistik-Freaks die Zeiten zwischen den Wahlberichterstattungen. Die Einkommensbalken sind immer etwas Besonderes: Die Redaktion hat sich da mit heißem Bemühen vorgenommen, die Realität abzubilden und beginnt die €-Achse links mit einem ihrer Meinung nach quasi irrealen Lohn von 1000 €. Ich komme in keiner dieser Berichterstattungen über ost-/west-/gesamtdeutsche Einkommensverhältnisse vor.
Nein, ich will hier nicht den allzu klapprigen Verelendungsschimmel reiten. Dieses Land kennt wirkliche Armut nicht, soweit ist den FAZ-Leuten zuzustimmen. Und doch ist es bizarr, wie eine zahlenmäßig gar nicht kleine Gruppe von Menschen von einem bestimmten gesellschaftlichen Subsystem vollständig abgelöst wird.
Eigenartig: Auch den Zahlenleuten der FAZ könnte der Effekt „Im Durchschnitt war der Teich einen halben Meter tief und trotzdem ist die Kuh ersoffen“ bekannt sein. Das heißt, wenn der Durchschnittsverdienst der letzten Jahre in Deutschland zwischen 2500 und 2700 € brutto lag, ist es (gerade im Angesicht der doch immerhin diskutierten Managergehälter plus Boni) leicht crazy, die unteren Gruppen bei 1000 € beginnen zu lassen.

Zweites Beispiel:
Nun purzeln nicht nur in meinen facebook-account immer öfter Ankündigungen für irgendwelche Kundgebungen, Demonstrationen, Veranstaltungen zum großen Thema Arbeitszwang, Verdichtung der Arbeitszeit, burn out, neoliberaler Umbau des Arbeitsmarktes. Wir wollen nicht meckern: Die Linke bemüht sich wenigstens, etwas vom realen Leben mitzubekommen. Aber leider: Weit und breit kein knarziger Kämpfergewerkschafter mit Riesenpranken plus Pfeffer-und-Salz-Bart und gleichfarbigem Jackett. Die habermasianische Zivilgesellschaft (= die klugsprechenden Leute) sorgen sich um die work-life-Balance, das war’s auch schon. Und so sehen dann auch die Illustrationen der Kampfaufrufe aus: Eine Frau liegt wie tot auf dem Boden eines Büros ausgestreckt, ein Banker rennt mit fliegender Aktentasche dem burn out entgegen, eine Frau verzweifelt (= Gesicht in den Händen vergraben) vor einem Computerbildschirm.
Damit ist der linke Widerstand glücklich im FAZ-Wirtschaftsteil angekommen: Wenn dessen Journalisten keine Lust auf die Wendung „zur Arbeit gehen“ haben und auch „morgens früh aufstehen“ schon zu oft vorkam, wird dort vom „Weg ins Büro“ gesprochen. Etwas anderes kommt nicht zur Sprache. Es liegt dort nicht im Bereich des Vorstellbaren, dass Leute früh nicht ins Büro, sondern beispielsweise ans Fließband gehen, aufs Müllauto steigen oder mit der Schippe dort weitermachen, wo sie gestern aufgehört haben.

Der amerikanische Ökonomiekritiker John Kenneth Galbraith hat als einer der ersten den Effekt bemerkt, dass die Unterschichten zu (relativ gesehen) schlechter Bezahlung auch noch Spott und Verachtung für das miese Image ihrer Jobs ernten.
Die linke Republik ist nicht einmal in oppositioneller, d.h. anti-neoliberaler, Attitüde in der Lage, den ideologischen Schein zu durchbrechen. Alles so schön bunt und sauber hier. Verarmung muss mit Hinweis auf raffgierige Banker begründet werden, damit also, dass einige andere so irrsinnig viel mehr haben, als die, die, nun ja, durchaus weniger haben als der Kritiker. In problematischen Verhältnissen lebende Menschen sind sowohl der FAZ als auch der sozialkritischen Linken unbekannt.

Und wo bleibe ich? Mit einem Einkommen, das weder zu highlife, noch zu Klassenkampf mit Trillerpfeife wirklich berechtigt, von mir aber auch nur 30 h pro Woche Einsatz verlangt? In einem Job, der mal unglaublich hart, mal sehr easy ist?
Ich möchte Teil einer Differenzierungsbewegung sein.

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Besser geht’s in erster Linie nicht mit der Ersetzung einer Tätigkeitsgruppe durch eine andere. All das, was Ergotherapeuten so tun, darf auch weiterhin getan werden. Nur bitte nicht immer und nicht aus Prinzip („die Leute müssen ja beschäftigt werden“) und v.a. mit einem grundlegend anderen Ziel: Weder darf es vordergründig um den Nutzen der jeweiligen Tätigkeit selbst gehen (bspw.: am Ende müssen die Kartoffeln aber geschält sein!), noch darf gänzlich von diesem Nutzen abstrahiert werden (bspw.: wenn irgend jemand einfach schälend ruhig gestellt wird). Die Tätigkeit muss Dementen in einer ihnen entsprechenden Weise nahe gebracht werden. Bei der Hauswirtschaft bietet sich das Anknüpfen von Erinnerungen an: Wie war das früher? Wer hat bei ihnen geschält? Hatten sie einen Kartoffelschäler oder nahmen sie lieber ein scharfes Messer? Wenn ein Ausschnitt solcher als schön erlebten Vergangenheit in Reichweite gekommen ist, ist der Sinn des ergotherapeutischen Tuns hier voll erfüllt. Es ist ja gut gemeint, wenn der hauswirtschaftende Ergotherapeut begeistert den Kuchen herumzeigt, den alle gemeinsam gebacken haben. Nur: Nach der Backzeit erinnert sich die Hälfte der Bewohner an diese Tätigkeit schon nicht mehr! Der Sinn des Tuns kann m.E. nur darin liegen, in dieser Tätigkeit solange voll aufzugehen bis sich (nicht nur geistig erinnernd, sondern leiblich vermittelt!) das Wirken völlig erschöpft hat.

Bewegungen mit Ball u.ä. werden auch und gerade von Dementen oft als kindisch und unangemessen empfunden: Hier kann man nebenher mit den Männern über Fußball fachsimpeln und die Frauen auf dem Umweg des Gesprächs über Kinderspiele im Hof ködern. Hin und wieder tun’s auch ein paar schulmeisterliche Ratschläge über den Nutzen von Bewegung, den neulich wieder Dr. XYZ hervorgehoben habe.
Schwer Demente brauchen derlei verbale Anknüpfungen nicht mehr, ihnen „reicht“ leibliche Kommunikation: deutende Gestik, schmeichelnde Materialien …

Zusammenfassend könnte man sagen: Demente brauchen Zeit und sanfte Motivation (möglichst über die Aktivierung eigener Erinnerungen), um für sich befriedigend handeln zu können. Ein greifbares Ergebnis ist für Angehörige wichtig, nicht für Demenzkranke; diese wollen u.U. lieber erzählen und von ihrem Gegenüber das Gefühl bekommen, verstanden worden zu sein.

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Die Angehörigen besuchen Oma Nr. 1 im Altenheim. Oma sitzt in einer größeren Runde mit anderen Leutchen. In der Mitte turnt eine schwer übermotivierte Betreuerin, rudert mit den Armen, singt aus voller Kehle, klatscht fortwährend in die Hände, drückt den Leuten mal kleine Bälle, mal Tücher, mal Rasseln in die Hände und schafft es tatsächlich, dass 4, 5 Herumsitzende irgend eine Reaktion zeigen.
Die Angehörigen sind begeistert: Klasse, hier ist was los, hier macht man was mit den Leuten.

Ihre zweite Oma in einem anderen Altenheim jedoch muss leiden. Den ganzen Tag sitzen Leute an ihrem Platz, viele mit geschlossenen Augen, einige lächeln, andere runzeln die Stirn; wieder andere wandern durch die Gänge. Zu verschiedenen Tageszeiten erklingt Walzermusik vom Band, doch manchmal bleibt die Musik ganz aus. Hin und wieder nur schaut jemand vorbei der aussieht wie ein Betreuer und spricht mit dem einen oder der anderen. Es soll hier auch Veranstaltungen geben, aber die Angehörigen haben sowas noch nie erlebt, wenn sie spontan vorbeikommen.
„Die vegetieren hier ja nur vor sich hin“, bestätigen sie einander empört.
Der Fall ist klar: Auch diese Oma soll ins erste Heim umziehen. Dahin, wo es so schön ist.

Na wunderbar, die Angehörigen kümmern sich also – um sich. Sie scheren sich nicht darum, was Demenz bedeutet und was die Bedürfnisse ihrer alten Verwandten sind. Die jetzt alten Leute haben viel Dramatisches erlebt – oft im Gegensatz zu den stellvertretend sinnsuchenden Angehörigen. Wenn die Heimbewohner ihre Augen geschlossen halten, vor sich hin lächeln oder auch betrübt zu sinnieren scheinen, arbeiten sie traumähnlich Dinge ihrer Vergangenheit durch. Für sie gibt es nämlich nichts Wichtigeres und Sinnvolleres, als – auf ihrem jeweiligen noch vorhandenen Geistesstand – ins Reine zu kommen mit sich und den Ereignissen ihres früheren Lebens (darauf weist Naomi Feil immer wieder hin).
Sehr alte und insbesondere demente Menschen haben in und mit dieser Welt nichts mehr zu schaffen, sehen wir das doch endlich ein! Wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann muss unsere Aufgabe sein, ihnen bei ihren sehr speziellen Aufgaben in einer ihnen angemessenen Weise zu helfen.
Das aber wird allzu oft von Angehörigen mit schlechtem Gewissen torpediert. Sie unterstellen den Heimen die Beschränkung auf eine „Satt – sauber – sicher“-Pflege und nehmen jede deutliche Abweichung von diesem Zerrbild als Qualitätsausweis. Als Folge davon werden ihre dementen Verwandten Animateur-Klischees unterworfen. Man schließt einerseits von der Lautstärke einer Großgruppe auf innere Beteiligung der Einzelnen und setzt andererseits stilles Sinnen mit Vegetieren gleich.
Unsere Senioren machen ja noch alles mit! Guck mal Opa, hier ist alles was Du brauchst: Papier, Schere, Leim, Stifte. Nur schade, dass Opa sein Lebtag nicht gebastelt hat. Jetzt im hohen Alter muss er aus zwei Gründen damit anfangen, höheren Blödsinn zu produzieren:
1. wegen der Angehörigen, die es nicht ertragen, dass Opa einfach so im Stuhl sitzt und
2. wegen der Betreuer, die das tun, was sie tun, weil sie können, was sie können.

In fünf von zehn Fällen läuft das auf stundenlange Basteleien und Fitzeleien hinaus, der Rest verteilt sich auf Ballspiele und die „berüchtigten Schälgruppen“, wie Ute Schmidt-Hackenberg das Simulieren hauswirtschaftlicher Tätigkeiten bitter genannt hat.

Wie geht’s besser? Dazu mehr im nächsten Eintrag.

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natürlich können Sie nichts für die Projektionen, die die Bagagen von ganz links und ganz rechts mit Ihnen veranstalten. Freiheitskämpfer, Hochverräter … In Wirklichkeit sind Sie ein Computerbastler, der auch so aussieht und vermutlich schwer darunter litt.
Die Mädchen wollten keinen mit der Ausstrahlung „gut in Mathematik“ und so beschlossen Sie, Gernegroß, ein bissel mitzuspielen in der weiten Welt der hohen Politik, die für Sie wie für jeden Dummbratz hüben und drüben aus ganz, ganz viel undercover besteht. Über ihren Geheimnisverrat haben Sie einen größeren Haufen humanitäre Soße gekippt. Nun ja, wer’s mag. Nun aber ist dieses ganze Spiel nicht so gelaufen, wie Sie sich das vorstellten und man ist Ihnen auf die Schliche gekommen. Sie wollten weg und hofften auf die Solidarität der Welt, die ebenfalls annehmen sollte, dass Geheimdienste keinerlei geheime Sachen machen, sondern Musterbeispiele basisdemokratischer Transparenz abgeben müssten. Zumindest die Computerknallos aus aller Herren Länder mit ihrem aufgeblasenen Individualitätspathos und dem Graswurzelgedöns „viele Kleine gegen mächtige Apparate“ sind ja tatsächlich auf Ihrer Seite:- sie haben so gar nichts zu verbergen und das darf um Gottes Willen niemand wissen.
Und jetzt kommt der Übergang von lächerlich-naiv zu scheußlich-erbärmlich.
Unter anderen diese Länder der so richtig freien Welt kamen in die engere Wahl für Sie, nachdem die finstere USA und der Polizeistaat UK die Freiheit so übel aufs Spiel gesetzt hatten: China, Polen, Kuba, Venezuela, Ecuador. Schließlich wählten Sie Russland, das Land, in dem ein albernes Präsidentenfake pro Tag vier Wunder mit freiem Oberkörper vollbringt und im Übrigen drei mal pro Woche Schwule von der hernach dreckig grinsenden Polizei zusammengeschlagen werden. Das wird Ihr demokratisches Bedürfnis befriedigen – für freien Datenverkehr und den Schutz elementarer Bürgerrechte ist Russland seit Jahren, was sag ich, seit Jahrzehnten bekannt.

Sie armer Irrer haben mir gefühlte fünftausend NSA-Witze beschert, einer schaler als der andere. Das können Sie nicht wieder gutmachen.
Aber versuchen, Snowden, könnten Sie’s.
Wissen Sie was? Geh’n Sie kacken auf dem dreckigsten Klo, das Russland zu bieten hat und kommen Sie da möglichst lange nicht mehr raus. Lassen Sie den Laptop vor der Tür und nehmen Sie sich halt ein wenig Lektüre mit: Carl Schmitt würde ich vorschlagen oder Oswald Spengler.

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Wenn die Radikalen nicht mehr weiterkommen, ist meist irgendeine Statistik gefälscht. Wer keine Argumente mehr hat, glaubt Churchill zitieren zu müssen.
Denn: Das, was ich denke, ist richtig, andere Meinungen sind das Ergebnis von Interessen (ganz böse) bzw. Manipulation durch die „Herrschenden“ oder aber Dummheit.

Dieser Einwand gegen hässliche Widersprüche ist völlig nichtig.
Wir sind auf Information angewiesen, diese finden wir in Statistiken der Wissenschaft – echten, manipulierten, zutreffenden, betrügerisch gefälschten, auf Irrtümern beruhenden – , auf die Freund und Feind Bezug nehmen. Dies muss man tun, um etwas über die Gesellschaft aussagen zu können, es sei denn, man ist Künstler, dann hat man einen anderen Zugang; da geht man in die Offensive und entwirft Sichten auf die Welt, deren Vorzug und nicht deren Nachteil der Wille zur Subjektivität ist.

Ich glaube, ich habe in diesem Blog schon einmal von den sehr speziellen Kritiknerds berichtet, die einem so auf linken Theorieseminaren begegnen. Pro Veranstaltung gibt es mindestens einen, der für sich beansprucht, die Ranke-Frage beantworten zu können, nämlich „wie es eigentlich gewesen“ ist.
Und zwar durch die Methode: Soviele Zeitungen wie möglich lesen. Nun ist das nicht von vornherein dumm („ …was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ sagt Luhmann), doch das Vertrauen, es würde sich durch angestrengtes Lesen schon so etwas wie die Wahrheit ergeben, die dann im Übrigen quasi gratis auch noch das gesellschaftskritische Weltbild bestätigt, scheint mir ideologiegetrieben.
Die Herrschenden spielen also ein Spiel mit uns – die Wahrheit verteilen sie in mikroskopisch kleine Stücke zerhackt auf die „Verdummungsorgane“ der bürgerlichen Welt und beschäftigen uns damit, sie wieder zusammenzusetzen, statt Revolution zu machen? Doch von der Revolution halten uns nicht die Herrschenden, sondern die Alltagsgewohnheiten ab: Noch der heruntergekommenste ostdeutsche Stammtisch „weiß“, dass die BILD-Zeitung lügt und alle sagen es sich jeden Abend wieder aufs Neue, ehe sie am nächsten Morgen dieselbe Zeitung kaufen, dieselbe Arbeitsstelle besuchen und einmal alle vier Jahre an immer wieder derselben Stelle ihr Kreuzchen machen.

Nein, unsere Wahrheitsfanatiker würden sich nicht vom Radikalkonstruktivisten Heinz v. Foerster verteidigen lassen, der fragte: “Wo ist die Realität, wo haben sie die?” und sich so von ihm die relative Berechtigung der eigenen Sicht auf das was sie Realität nennen, bestätigen lassen.
Sie würden Heinz v. Foerster einen Vortrag halten über objektive Gesetze, Geld und Macht, denen alle, alle unterworfen seien, nur offenbar nicht sie selber. Die Fähigkeit, alles und jeden zu durchschauen ist ihnen – man weiß nicht wie – zugefallen und danach zogen sie nach dem Jesus-Modell durchs Land: „Ich aber sage euch…“.
Bleiben wir einstweilen beim Original. Und in irdischen Angelegenheiten: Benutzen wir unseren Verstand, um mit einer begrenzten Menge an Information alltäglich zurechtzukommen. So müssen wir nicht unmündig dem mörderischen Glauben an Realität, Objektivität und Dahinter huldigen.

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Ich kenne unterschiedliche Milieus, Altersklassen, Musiken, Essgewohnheiten, Wohnungseinrichtungen, auch habe ich nicht unterdurchschnittlich viele Länder besucht; natürlich: das Meiste ist mir so unbekannt wie den Meisten.

Doch merkwürdig: Für meinen Geschmack sehr oft finden sich Menschen, die mir nahelegen, ich müsste mal die Praxis von xyz erlebt haben, dann würde ich schon sehen… Hier, da und auch dort könne ich nun gar nicht mitreden, weil ich die entsprechenden Leute nicht kennte und wenn ich sie kenne, kenne ich sie nicht so intensiv wie abc, der nun wirklich weiß, wie die ticken.
Unausgesprochen: Erst mal rein ins Leben und dann klug schwätzen.

Nun arbeite ich keineswegs nur mit Intellektuellen, nur mit der Arbeiterschaft, nur mit der Unterschicht. Ich bin ein zu recht niedrigem Lohn beschäftigter Mensch, der durchschnittliche Interessen hat. Woher kommt nur die Einengung meines Blicks?
Wieso provoziere ich die ausgestellte Hochschätzung des Anderen vermeintlich unbekannten real life? Nicht selten sind diejenigen, die mir die Vorhaltungen machen gerade selber im universitären Milieu beheimatet. Ist deren Verbundenheit mit dem prallen Leben so gering, dass sie in intellektuellem Selbsthass machen müssen?

Mir fallen zwei mögliche Gründe ein: Ich erzähle oft und gern von meiner Lektüre – von anderer Leute Lebens- und Leseerfahrung also. Und ich frage auch nach der Lektüre des Gegenübers. Wie es aussieht, habe ich also wenig selbst erfahren, wenn ich dauernd die Gedanken Anderer bemühen muss.
Der zweite: Ich urteile gern und kräftig und nach dem Geschmack vieler Leute wohl zu schnell. Dabei fallen Schwierigkeiten weg, Zwischentöne werden unterdrückt; ungefragt verteile ich Handlungsanweisungen, die sich nach nicht allzu langer Zeit als alltagsuntauglich heraus stellen. Das ist mir bewusst. Und ich bin überzeugt davon, dass die Gesprächskultur jeder Art davon profitieren würde, wenn sich mehr Leute so verhielten. Nur scharfkantige Urteile können interessieren, wo es die nicht gibt, sollte man einfach die Musik lauter drehen.

Ich werde mich diesbezüglich also nicht ändern.

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Nachts auf dem Weg nach Hause. Vorbei an einer Kleingarten-Siedlung. Hinter der sauber geschnittenen Hecke: laute Party; eine lustig bunte Lampionkette ist an der Laube befestigt.
Einige der Gäste werden tanzen, andere über Arbeitsscheue wettern, die dritten fordern, dass man bei Nazis und Kinderschändern kurzen Prozess machen sollte. Wieder andere werden einander bestätigen, dass sie in der DDR jedenfalls genug zu essen hatten (obzwar sie auch jetzt keinen gänzlich unterernährten Eindruck machen) und die Gruppe da hinten ist schon bei Trinkspielen mit kleinen Flaschen angekommen.
Musik: „Die Toten Hosen“. Ah, das passt.

Der Zurückgebliebene kratzt sich am Kopf: Die „Toten Hosen“ sehen sich noch heute als Punks, mithin als Leute, die „ihr eigenes Ding machen“, Konventionen gering schätzen und ein eher lockeres Verhältnis zu Recht und staatlicher Gewalt pflegen. Ganz so „fast“ leben sie nicht und „young“ sterben können sie auch nicht mehr, dennoch: Sie sind gegen Nazis, deutschen Ordnungssinn, trinken durchaus Bier und spielen schnellen, gepflegten Deutschrock, in dem sie die üblichen Wahrheiten der „Progressiven“ verkünden: Saufen gut, Nazis schlecht, Vorurteile blöde, Liebe ’ne gute Sache, Jugendgewalt Reaktion auf soziale Probleme, Heuchelei echt übel, Fußball olé olé olé, oft geht’s im Leben schief, aber wir steh’n immer wieder auf….

Kleingärtner als inkarniertes Spießigkeitsklischee müssten mit der Unterminierung ihrer Ordnung der Dinge ein Problem haben, Wühlmäuse sollten nichts gegen es sein. Haben sie aber nicht. Sie müssten linksradikale Umtriebe wittern, tun sie aber nicht. Wenigstens einer von ihnen könnte doch das Gesungene mit dem eigenen Leben vergleichen und gewisse Diskrepanzen feststellen?! Aber warum sollte er, bloß weil irgendein Verrückter des vergangenen Jahrtausends nicht mehr mitkommt, sich dafür aber schwer reaktionär vorkommt, wenn er in der Postmoderne der Moderne nachtrauert.
Ja, auch die Postmoderne kennt Gärten in der Stadt und deren Pächter sind – im Rahmen der guten Sitten – genauso ausgeflippt wie die Ehemals-Punks, sie schätzen den Suff, die Partyübertreibung, bunte Haare und sexuelle Freizügigkeit.

Wer jetzt irgendwen auf irgendwas festlegen will -bspw. darauf, dass das zustimmende Gegröhle von der Schönheit des In-den-Tag-Hineinlebens sich doch auch irgendwie in der eigenen Lebensführung niederschlagen müsste- wird, wenn er überhaupt noch verstanden wird, sicherlich mit dem Kult-Einwand abgespeist: Alles so schön verrückt hier, aber eigentlich sind wir anders; das Peinlichste ist das Beste, hier lacht der Linke über den Judenwitz und der Konservative singt Ernst Busch. Das ist doch das Tolle, mach dich locker, guck mal über’n Tellerrand, sind hier nicht alle so verbiestert logisch wie Du!

Nun denn, um den Wahnsinn auf den Begriff zu bringen, reden wir – systemtheoretisch – von „Ausdifferenzierung“; Spenglerianer dürfen Oswalds Kulturen-Tafeln zu Rate ziehen und an deren jeweiligen Enden nachlesen, wie es Zivilisationen (= den Verfallsformen der Kultur) so ergeht: „starrer Formenschatz“, „Ohnmacht“, „Massenwirkung“, „provinziales Kunstgewerbe“, „geschichtsloses Erstarren“, „langsames Heraufdringen urmenschlicher Zustände in eine hochzivilisierte Lebenshaltung“ (ab S. 70).
Alles geht deshalb so wunderbar glatt und andererseits herrlich durcheinander, weil alle Beteiligten die Technik des geschmeidigen Systemreferenzwechsels gelernt haben. Sie wissen nicht nur, wann sie gezwungen sind, sich unterzuordnen und wann, wo sie locker sein dürfen, sondern – viel wichtiger – wo und wann Übertreibung geregelt geboten ist und wann es cool ist, gehorsam zu sein.

Je starrer die Lebensführung wird, desto mehr will man sich von einst nicht-traditionalen Kulten ausborgen. Würde man sich Existierendes, noch Fremdes nicht aneignen wollen, hieße das ja, Grenzen anzuerkennen, zu wissen, wo der eigene Bezirk aufhört, der des anderen beginnt. Doch jede Grenze wird hier einfach verlacht, nicht einmal angegriffen. Wer Grenzen zieht, will anderen etwas verbieten, ist mindestens Spaßbremse, wahrscheinlich aber Faschist.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, dtv, München, 1988 (9. Auflage)

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